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Arbeiten die Hochschulverwaltungen zu gut?

von Ute Symanski | Kommentare: 4

Der Artikel “Die Krise der Universitäten – eine Chance?” von Vanessa-Isabelle Reinwand hat mich auf folgende Gedanken gebracht: Vielleicht ist diese aktuelle Krise tatsächlich hausgemacht? Und die Universitäten sinds am Ende selbst schuld?! Es gab mal eine Krise der Universität, die wurde ganz grob etwa so umschrieben: Die Universitäten sind unterfinanziert, aber auch zu wenig effizient, und die Öffentlichkeit hat das Vertrauen verloren, dass die Universitäten einen guten Job für die Zukunft des Landes leisten. Diese Krise führte zu vielen Reformen. Ad hoc komme ich auf mindestens zwölf Reformprojekte in den letzten 15 Jahren. Da gab es:

  • Natürlich den Bologna-Prozess,
  • die Einführung von zuerst Studienkonten und dann Studiengebühren,
  • die Einführung von Globalhaushalten und von Kosten- und Leistungsrechnung,
  • Modelle interner Mittelverteilung nach aufgaben-, leistungs- und innovationsorientierten Kriterien,
  • Steuerungsinstrumente wie Zielvereinbarungen,
  • neue Besoldungssysteme für Professorinnen und Professoren und
  • die Erprobung der Junior-Professur,
  • Konzepte eines Hochschul-Controllings mit Rechenschafts- und Berichtspflicht,
  • Evaluation der Lehre und Maßnahmen zur deren Verbesserung,
  • die vermehrte Auswahl der Studienanfänger durch die Hochschulen selbst,
  • die Exzellenzinitiative, die einen starken Wettbewerbsdruck und den Druck zu Profilbildung und Marktpositionierung mit sich bringt und schließlich
  • die Einführung von Hochschulräten, die einen Paradigmenwechsel in der (Selbst-)Steuerung von Hochschulen bedeuten.

Welche Reformprojekte habe ich vergessen? Wird Ihnen nicht auch ganz schwindelig, wenn Sie diese Liste lesen? Ich mag mich täuschen, aber mir scheint, dass die Steuerung von Wirtschaftsunternehmen in der letzten Dekade nicht solch gravierenden Umwälzungen unterworfen war. Was bedeutet das nun für eine Organisation, wenn sie so viele Veränderungsprozesse anschieben, durchführen, implementieren muss? Vor allem, wenn es sich um eine Organisation handelt, die zu den ältesten Institutionen der Welt gehört? Wäre es nicht vollkommen normal, dass solch gewaltige Veränderungen innere Brüche und, ja, in Teilen auch Krisen in der Organisation auslösen?

Nun haben wir scheints eine neue Krise. Eine Krise der Universität, die entstand, weil als Antwort auf die Krise der Universität sehr viel, teils sehr schnell und sehr umfassend reformiert wurde. (Das klassische Henne-Ei-Problem?) Ich habe einen ketzerischen Gedanken: Wer führte all diese Veränderungen an der Hochschule eigentlich durch? Wer sie beschließt, ist klar: zunächst die Politik, dann die Hochschulleitung bzw. die Leitungsorgane der Gruppenuniversität. Aber wer führt sie durch? Wer leistet die Klein-Klein-Arbeit im Alltag? Wer stemmt den enormen Bürokratismus, den all diese Veränderungsprojekte mit sich bringen? Meine Antwort: Die Hochschulverwalter tun dies. Viele arbeiten in den Fachbereichen. Das gros arbeitet in der Zentralen Hochschulverwaltung.

Ist die Krise der Universitäten auch hausgemacht, weil die Hochschulverwaltungen einfach zu gut funktionieren und alle Reformprojekte insgesamt effektiv umgesetzt haben? (Oh, das klingt zynisch.)

Fakt ist: Ohne die Arbeit der Hochschulverwaltungen hätten die oben angeführten Reformen nicht gestemmt werden können. Vielleicht sind die Hochschulverwaltungen einfach zu gut? Was wäre gewesen, wenn nicht so viel gearbeitet worden wäre und die ein oder andere Reform mal verschleppt worden wäre? Wäre die Universität dann heute besser dran, weil sie weniger reformiert wäre?

Als jemand, der selbst jahrelang in der Hochschulverwaltung tätig war, komme ich gerade schwer ins Grübeln…

Kommentare (4)

  • 14.01.2010 um 12:33 Uhr von Wolfgang Stein

    Aus Sicht eines Wissenschaftlers, der von der Hochschulverwaltung abhängig ist, kann ich nicht wirklich behaupten, dass die Verwaltung zu “gut” arbeitet. Außer, man definiert gut damit, dass viel “Verwaltung” gemacht wird, die Wege lang sind und die Bürokratie geradezu erdrückend ist. Die Klein-Klein-Arbeit leisten in meiner Erfahrung grossteils die Sekretariate, die ich hier ausdrücklich positiv hervorheben möchte, da sie einen Grossteil der Arbeit der eigentlichen Verwaltung übernehmen, um überhaupt zeitlich sinnvolle und verständliche Lösungen / Arbeitsvorgänge zu ermöglichen. Dass natürlich die Politik uns alles eine unmögliche Bürokratie aufdrückt, ist klar und natürlich wird die von allen gestemmt!

  • 14.01.2010 um 16:31 Uhr von Boris Schmidt

    “Zu gut” mag “die Verwaltung” wahrlich nicht arbeiten, wenn “gut” für maximale Effizienz steht (vgl. Blog-Beitrag “Zehn Jahre Bologna – zehnmal ‘Wozu das Ganze?’” mit zehn Definitionen für “gut”.). Aber was bedeutet “gut” genau?

    Möglicherweise arbeitet sie “zu gut” im Sinne traditioneller Denkweisen (alles nach den Regeln, alles dokumentiert, alles ordentlich): Plakativ gesagt, ersetzt herkömmliche Verwaltung lokale Verantwortung durch zentrale Regeln (Spielräume durch Formulare, Entscheidungen vor Ort durch Dienstwege etc.).

    Die Mehrzahl der aktuellen Reformen läuft jedoch darauf hinaus, die Verantwortung für das Handeln (wieder?) mehr dorthin zu bringen, wo die Folgen des Handelns entstehen (z.B. Studienprogramme dort entwickeln, wo sie umgesetzt werden und nicht in einer zentralen Rahmenprüfungsordnungskommission).

    Solche Reformen lassen sich nicht mit einer nach traditionellen Kriterien “guten” Verwaltung umsetzen. Meine Hypothese: Die aktuelle Krise (haben wir schon wieder eine?) lässt sich nicht mit denselben Steuerungsmethoden lösen, die zu ihrer Entstehung beigetragen haben. Eine andere Form der Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und nicht-Verwaltung wird gebraucht, und es wird noch eine Weile dauern, bis sie gefunden ist. Die Definition von “gute Verwaltung” wird sich in dieser Zeit verändern. Ein wichtiges Etappenziel wäre erreicht, wenn Verwaltung, Wissenschaft, Politik etc. sich auf ein gemeinsames Verständnis von “gute Verwaltung” verständigt haben. Danach darf gerne “zu gut” verwaltet werden, dann schadet es nicht.

  • 05.03.2010 um 14:13 Uhr von Thomas

    Ich denke, da ist schon einer enormer Kostendruck da, gerade bei den FH`s und Hochschulen und allen die nicht Eliteförderung erlangen. D. muss mehr für Bildung machen.

  • 31.07.2010 um 06:06 Uhr von Thomas Schulze

    Wir können bloß hoffen, dass bald mal wieder mehr Geld in die Taschen der Bildung und Ausbildung fließen sonst verlieren wir bald den technologischen Anschluss.

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