Nach der Rettung der Banken und der Konjunktur in den Jahren 2008/09 ist der britische Staat tief in den roten Zahlen und muss sparen: soviel ist klar. Der Browne-Review hat jetzt Vorschläge gemacht wie der Staat 3.5 Milliarden Euro bei den Unis einsparen kann und die Finanzierung der Unis langfristig sicherstellt. Die Lösung ist: Lasst die Studenten zahlen – natürlich mit Darlehen und Stipendien für Studenten aus finanzschwachen Haushalten, aber auch hier liegt der Teufel im Detail und es wird viele geben, die der Schuldenberg nach dem Studium abschrecken wird – vielleicht werden jetzt einige der Briten die europäischen Festlandunis ohne Gebühren entdecken: Europa wir kommen!
Für die englischen Unis bedeutet die tiefgreifende Reform – wenn sie so umgesetzt wird vermutlich folgendes: Vor allem mehr Wettbewerb um Studenten, insbesondere die zahlungskräftigsten und nicht-Europäer da man von ihnen höhere Gebühren verlangen kann. Dies wird insbesondere die Geistes- und Sozialwissenschaften betreffen, die nach den Plänen von Browne, als „Nicht-Prioritiäten“ keinen Pence mehr für die Ausbildung von Undergraduates bekommen sollen – M. Thatcher lässt grüssen und ihre berühmte Aussage „There is no such thing as society“. Damals hatten die Sozialwissenschaften ihre „near-death-experience“. Das dürfte bedeuten, dass die Gebühren schlagartig von 3500 auf 7000 bis 8000 Pfund hochgehen müssten, um kostendeckend zu arbeiten. Allerdings können die Unis dann auch so viele Studenten zulassen, wie sie wollen und damit die Einkünfte steigern, was vermutlich zu Lasten der Lehrqualität gehen wird, da die Lehrbelastung für Dozenten und die Klassengröße zunehmen dürfte.
Es ist nicht auszuschliessen, dass einige Elite-Unis von der Reform profitieren könnten. Eine Handvoll von ihnen aus der Russell-Goup, insbesondere Cambridge, Oxford, UCL, Imperial und die LSE dürften ihre Gebühren deutlich über die 7000 Pfund anheben können, obwohl sie dann einen wachsenden Prozentsatz der Mehreinnahmen in den Sozialausgleich und Stipendien stecken müssen. Diese Unis werden schrittweise zu Privatunis und könnten davon durchaus profitieren. Andere Unis im Mittelfeld werden sich noch stärker überlegen müssen, was sie noch kostendeckend anbieten können – es wird Übernahmen und vielleicht gar Schliessungen geben.
Und natürlich werden auch die staatlichen Mittel für die Forschung gekürzt, so dass auch an dieser Front wenig Erfreuliches zu erwarten ist. Die Zeichen stehen auf Sturm…




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Kommentare (14)
Es ist anzunehmen, dass sich am Ende die Gebuehren fuer alle Studierenden etwa auf ‘overseas’ Niveau einpendeln werden, d.h. es wird keine Unterscheidung mehr nach Herkunfsland geben. Und das wiederum heisst, dass es fuer viele deutsche Studierenden sehr viel teurer werden duerfte einen Master in UK zu machen. Es wird interessant werden, wie sich dann z.B. Stipendiengeber verhalten werden. Mittelfristig laesst dann ggf. der ‘brain drain’ nach UK nach, weil deutsche Studierende die Vorteile des heimischen Systems (wieder)entdecken, wenn ein ‘normaler’ MA in UK ploetzlich 6.000 oder mehr Pfund kostet…
Es ist schwierig von einer schrittweisen Privatisierung der Elite-Hochschulen in Grobritannien zu sprechen. Der Gegensatz staatlich-privat wird der komplexen Finannzierung von Hochschulen in Großbritannien (und auch den USA)nicht gerecht. Bei der LSE macht die staatliche Grundförderung (HEFCE) schon seit über 10 Jahren gerade einmal 20% des Gesamtbudgets aus. Über 40% des Uni-Haushalts stammen aus Studiengebühren.
Dagegen gibt es zahlreiche private Hochschulen in den USA, die 30% ihrer Einnahmen aus staatlichen Quellen (NSF, Ministerien) beziehen. Nicht zu vergessen, dass die US-Regierung jedes Jahr über 120 Milliarden Dollar für subventionierte Darlehen und Stipendien bereit stehen.Hinzu kommen Steuergeschenke in Form von absetzbaren Spenden und nicht zu versteuernden Hochschulvermögen (endowments).
Einige staatliche Hochschulen in Großbritannien sind heute schon in Sachen Finanzierung faktisch privatfinanziert, während zahlreiche Privathochschulen in den USA von staatlichen (Forschungs-)Geldern abhängig sind.
An den Elitehochschulen wie der LSE werde für die einjährigen Master-Studiengänge schon heute weit über 10.000 Pfund verlangt. Undergraduates aus nicht-EU Ländern zahlen schon seit Jahren an den Eliteunis 10.000 Pfund oder mehr und subventionieren damit die Studierenden aus EU Ländern.
Ob sich eine Gebührenerhöhung auf britische und internationale Studierende negativ auswirken wird? Was die Elite-Hochschulen (Russel Group) angeht, wahrscheinlich niht. Seite Jahrzehnten rekrutieren sich die Studierenden aus den oberen Einkommensschichten. Der Zugang zu diesen Hochschulen erfolgt schon heute faktisch nach ökonomischen Kriterien, dies dürfte sich auch mit Sozialstipendien nicht ändern.
Ich stimme Tome Sandevski grundsaetzlich zu, aber die Auswirkungen werden eher faecher- oder disziplinenspezifisch sein. ‘Die Uni’ mag ein komplexes Gebilde sein, aber Sozial- und Geisteswissenschaften z.B. leben vom HEFCE-Geld. Weniger internationale Studierende, keine Industriefoerderung, relativ geringe Forschungsgelder…entweder sitzen am Ende 40 Leute in den Seminaren oder…oder Philosophie oder Geschichte werden einfach nicht mehr angeboten, wenn bei hoeheren Studiengebuehren keine Nachfrage entsteht. Wenn sich an den vielen kleineren, ‘normalen’ Unis die Studiengebuehren fuer postgrads stark veraendern, dann werden in diesen Bereichen vorallem die EU-Studierenden wegbleiben. Ich habe nicht den Eindruck, dass das die Unis sonderlich stoert, aber es werden wiederum die ‘weicheren’ Faecher sein die verlieren-denn ‘overseas students’ kommen nicht aus China, Indien oder USA nach Loughborough um European Studies zu studieren…
Ich glaube es ist der Sutton-Trust der immer wieder zum gleichen Ergebnis kommt: Hohe/hoehere Studiengebuehren schrecken aermere Familien von vorne herein ab Kindern ein Studium zu ermoeglichen-egal, was man fuer ein Stipendien- oder Kreditsystem hat. Es stehen dunkle Zeiten fuer englische Unis bevor…
Lieber Tome,
es ist zwar richtig, dass schon heute viele britische Unis einen Großteil ihrer Finanzierung aus privaten Quellen bekommen – die LSE ist hier allerdings keinesfalls typisch sondern eher das Extrem was den Anteil an High-Fee students von Übersee angeht. Doch die Finanzen sagen relativ weniger darüber aus ob die Uni tatsächlich privat ist und agieren kann. Gegenwärtig unterwerfen sich LSE, Oxford, Cambridge etc der gesamten staatlichen Regulierung, die tatsächliche Privatuni in den USA nicht dulden würden. Es kann sein, dass diese Reform britische Unis tatsächlich dazu bringt auch rechtlich den Schritt zur Privatuni zu vollziehen. Die Pläne liegen in der Schublade, doch ist auch klar, dass sich dies ein politischer Skandal wäre – Oxford und Cambridge werden es kaum wagen diesen Schritt als erste zu gehen – erst wenn andere wie die LSE oder Imperial vorgehen und das Donnerwetter durchahlten könnte es zu einer echten Privatisierungswelle kommen, da sich für einige Unis die staatliche Gängelung finanziell schlicht nicht mehr lohnt und sie lieber vollkommen frei agieren wollen – und dabei natürlich auch scheitern können.
Lieber Christoph, da stimme ich dir völlig zu. Ich wollte nur betonen, dass die Reduzierung auf den Gegensatz staatlich-privat alleine nicht reicht, wie es häufig in deutschen Medien zu lesen ist. Selbst wenn sich die britischen Elitehochschulen privatisieren, sie werden weiterhin von staatlichen Forschungsgeldern abhängig sein, wie es in den USA der Fall ist. Grundlagenforschung ist teuer und lässt sich nicht nur durch Studiengebühren, Spenden und Industriegeldern finanzieren.
Wie es Tobias Denskus schreibt, wird die Frage, welche Uni welche Fächer für welche Studierendengruppen anbietet von entscheidender Bedeutung sein. Dennoch werden die Russell-Group Hochschulen im Vergleich zu den anderen Hochschulen weiterhin deutlich besser darstehen. Die historisch entstandenen Pfadabhängigkeiten werden auch durch die Privatisierungstendenzen nicht überwunden werden.
Die Frage ist auch nicht, ob die Hochschulen privat oder staatlich sind, sondern ob sie in Kernbereichen autonom sind (z.B. Zulassung der Zahl der Studierenden, angebotene Fächer und Abschlüsse, Bezahlung und Einstellung der (wissenschaftlichen)Mitarbeiter). Tatsächlich wird es spannend sein zu sehen, ob eine rechtliche Privatisierung zu einer faktischen Einschränkung der Autonomie der Hochschulen (z.B. Angebot der Fächer) führen wird.
Hier ist ein aktuelles Statement der LSE zu Thema:
Adrian Hall, Secretary and Director of Administration
All of us at LSE care deeply about higher education and with so much financial pressure on universities at the moment it’s impossible not to be concerned about the future.
However, it’s possible for those concerns to become exaggerated and unhelpful and that’s what seems to have happened this week with ill-informed suggestions that LSE is considering ‘going private’.
It’s not true.
Howard Davies [LSE's director] says, quite clearly, that he sees no evidence that students or the School generally would benefit from such a move. Andy Farrell, Director of Finance and Facilities, has advised that he believes the costs of becoming private outweigh any benefits.
The issue has not been put up for decision by Council or any LSE committee and there are no plans to do so.
What’s more, proposals as momentous as cutting the link to Government (and the Higher Education Funding Council for England) could only be seriously broached if there were substantial appetite among the whole LSE community for a discussion of the issue. And that is not the case.
As the Director said recently, LSE has to make decisions collectively and these include some very difficult questions about funding. So it’s vital that students join the discussion about how LSE can prosper in financially-tough times. To skew that discussion, before it’s begun, with alarmist and unsubstantiated claims about ‘privatisation’ is silly at best, irresponsible at worst. Student representatives attend all Council meetings, formal or informal, and are well placed to understand the reality of the situation.
Of course we all need to make sure we understand the full background of higher education and the different models proposed for it before coming to final views. It is in that context that a member of Council asked for background information about how private universities operate. But no one has suggested that LSE should pursue this option, much less presented a thought-through proposal of how it would work and I see no prospect of this.
We don’t yet know exactly what the world will look like after the Government’s spending cuts and the Browne Review on fees. But we do know that it must continue to include an LSE which is open to students for their talent not their wealth, which is sustainable for generations to come and which continues to deliver a public good.
Zitat Christoph Meyer: “Nach der Rettung der Banken … ist der britische Staat tief in den roten Zahlen und muss sparen: soviel ist klar.”
Wieso ist das klar? Die Finanzkrise ist ein Produkt von kriminellen Bankern und naiven oder gekauften Politikern, die auf Wunsch der Banker die Finanzmarktregeln gelockert haben. Wenn Studenten und Wissenschaftlern die Finanzierung der Finanzkrise aufgedrückt wird und die sich nicht wehren, dann nehmen Politiker natürlich an, dass das alles so in Ordnung geht. Derweil arbeiten die Banker an der nächsten Spekulationsblase und die wird noch größer und noch lauter. Das gilt in vollem Umfang auch für unser Land. Wir haben nichts aus den vergangenen Crashs gelernt. Ich empfehle zum Thema immer mal wieder einen Blick auf http://www.nachdenkseiten.de/
Lieber Hans Wurst, zu dem Thema könnte natürlich viel gesagt werden, was nicht wirklich zum academics-blog passt, aber vielleicht nur kurz zwei Antworten:
1) Der Staat muss sparen, da die Zinslast drückt und in letzter Konsequenz die Märkte keine Kredite mehr geben, wenn nicht klar ist wie und ob diese Kredite zurückgezahlt werden können (siehe Griechenland). Es ist vollkommen unrealistisch diese Summen alleine auf der Einnahmenseite bzw von den Banken wieder hereinzuholen – Mehrwertsteuer, Einkommenssteuer und Steuern auf die Banken wurden schon angehoben – vermutlich ist die gegenwärtige Lastenverteilung in UK noch immer nicht “gerecht”.
2) Wenn aber in vielen anderen wichtigen Bereich gespart wird, ist es schwierig sich als Wissenschaft hinzustellen und im Brustton der Überzeugung zu verlangen “Bei uns nicht”. Das ist schlicht nicht glaubwürdig – zumindest nicht in Grossbritannien. Da müssen schon gute Argumente her, warum das Ausmass und die Art der Kürzungen falsch sind.
Politik funktioniert doch so: Wer Bedarf anmeldet, bekommt was, wer keinen Bedarf anmeldet, von dem nimmt man an, dass er zufrieden ist. Bei uns ist es so: Die Atomindustrie besteht weiterhin auf allen Vergünstigungen (keine Besteuerung der Rücklagen, nur symbolischer Beitrag zur Endlagerung, keine ausreichende Versicherung) und bekommt sie. Energieintensive Unternehmen bestehen auf einer Ausnahme von der Energiesteuer und bekommen sie. Hoteliers bestehen auf dem günstigen Mehrwertsteuersatz und bekommen ihn. Joseph Ackermann besteht darauf, weiterhin 25% Rendite machen zu können und wenn man stärkere Regeln für den Finanzmarkt aufstellen will, dann droht er damit, dass Deutschland als Finanzstandort ins Hintertreffen geraten würde. Folglich werden keine schärferen Regeln gemacht. Auch wird dem Untreuevorwurf gegenüber Bankern nicht weiter nachgegangen. Und was machen wir Wissenschaftler? Wir sagen, wir wollen mal bescheiden sein und schauen, ob es nach all den Jahren Sparen in der Wissenschaft, nicht doch immer noch was zum Sparen gibt. Dann müssen Politiker natürlich denken, wir haben zuviel und nehmen uns noch was weg. Und dann denkt die Politik gleich über die nächste Steuersenkung nach – diesmal soll die Gewerbesteuer abgeschafft werden. Und die reguläre Wochenarbeitszeit auf 45h erhöht.
Falls mein Kommentar hier fehl am Platze ist – schreib doch mal einen Blogbeitrag unter den mein Kommentar besser passt. Dann diskutieren wir dort weiter.
Hier noch ein aktueller Hinweis zum Thema Staatsschulden: Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Fritz Helmedag und Heiner Flassbeck über Staatsschulden: http://www.nachdenkseiten.de/?p=7276
[...] dass sie für den Wissenschaftsmarkt statt für die Wissensallmende produziert. Das findet in ganz geradlinienigen Privatisierungstendenzen* seinen Niederschlag (was Auswirkungen auf die Wissensproduktion und das Selbstverständnis der [...]
[...] für den Wissenschaftsmarkt statt für die Wissensallmende produziert. Das findet in ganz geradlinienigen Privatisierungstendenzen* seinen Niederschlag (was Auswirkungen auf die Wissensproduktion und das Selbstverständnis der [...]
Hans Wurst weist berechtigt darauf ist, dass man weder argumentativ vom Sparzwang ausgehen kann, noch einerseits die dahinter stehenden Zusammenhaenge als zuweit vom Thema entfernt darstellen kann, andererseits aber natuerlich sofort sich politisch positioniert, wenn man den Sparzwang als Sachzwang darstellt.
Ein unnoetiger Libyen-Felduzg weniger, etwas mehr Mut bei der Unternehmerns- und Bankenbesteuerung, schon waere die ganze Sparwelle gar nicht mehr “noetig”.
Richtig ist doch: die englischen Universitaten werden aus ideologischen Gruenden umgebaut, es werden die Kosten groesstenteils auf die Studenten abgeladen und man begrenzt die ohnehin kaum noch vorhandene soziale Mobilitaet auf der Insel noch zusaetzlich.
Dass das ganze Projekt nebenbei die Forschungslandschaft auf der Insel unterminieren wird, wird zumindest in Bereichen wie den Geistes- und Sozialwissenschaften billigend in Kauf genommen. Nicht nur die europaeischen Studenten werden in Zukunft um England (nicht aber Schottland) einen grossen Bogen machen. “Europa, wir kommen” koennte durchaus auch fuer manchen Nachwuchswissenschaftler gelten.
In England gehen die Lichter aus. Schade, schoen wars unter Labour.
Recommended websites…
Amazing blog! Thanks for the great contribution with this post….
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