Home academics.de
 
Blog

Die Geheimnisse professoraler Führungskunst

von Boris Schmidt | Kommentare: 9

Arbeiten Sie an einer Hochschule oder einer an­de­ren Wissen­schaftseinrichtung? Sind Sie in For­schung, Lehre oder Hochschulmanagement tätig oder vielleicht im Sekretariat, in der Pflege, im La­bor oder im tech­nischen Support? Gut, dann kom­­­men Sie wahrscheinlich in den Genuss pro­­fes­so­raler Füh­rungs­­­kunst.

Keine systematische Vorbereitung auf Führungsaufgaben

Das Wort „Kunst“ passt gut zum Führungs­han­deln an Hochschulen. Denn Kunst ist etwas, was nicht ganz einfach ist, oftmals eher beiläufig betrieben, von vielen gar als Luxus an­ge­se­hen wird und von dem manche sagen, dass es ganz und gar eine Frage des Geschmacks sei.

Dass sich Kunst auch erlernen lässt und viel mit Können, handwerklichem Geschick und dem Ein­­satz der passenden Techniken zu tun hat, im Übri­gen auch mit Feingefühl und einer be­stimm­ten Haltung gegenüber dem Betrachter, Zuhörer und Genießer, hat sich im Wissen­schafts­be­trieb natürlich auch schon längst herum­ge­sprochen. Gehandelt wird aber noch lange nicht so.

Denn eine Vorbereitung der Professorinnen und Professoren auf ihre Aufgaben in Personal­aus­wahl, Menschenführung, Projekt­management und so weiter erfolgt bislang – wenn überhaupt – kaum systematisch. Das Ergebnis von Be­ru­fungs­­­verfahren ist vor allem stark von der For­schungs­­leistung, ein bisschen von der Lehr­kom­petenz und fast gar nicht vom zu erwartenden Füh­rungshandeln abhängig. Ob und wie an­schließend geführt wird, hängt dann ganz vom Können und Wollen der Ausgewählten ab.

Zwischen Kooperation, Laissez-Faire und Autokratie

Die „Geführten“ (Promovierende und Pro­mo­vier­­te, technische und administrative Mit­ar­bei­ter/-innen im akademischen Bereich deut­scher Hochschulen) kamen in einer aktuellen Studie zu Wort. Sie schätzten anhand von Ver­hal­tens­beschreibungen (z.B. „delegiert an Mit­ar­bei­ter/-innen in einer Weise, dass diese das Gefühl einer echten Zusammen­arbeit haben“) den Führungs­stil „ihres“ Professors oder „ihrer“ Professorin ein. Es ergaben sich fünf Führungs­typen, die anhand der Auswirkungen des jeweiligen Führungs­­handelns verglichen wurden.

Als Idealmodell erwies sich die „gesteuerte Koo­pe­ration“ (24,5 Prozent der Professoren/innen): Eine Kombination aus einer engen, respektvollen Zusammenarbeit und einer aktiven Steuerung durch die Führungsperson, beispielsweise durch regelmäßige Zielabsprachen und Feedbacks zu Arbeitsfortschritten.

Bei der als überwiegend, aber nicht uneingeschränkt positiv erlebten „un­ge­steuerten Koo­pe­ra­tion“ (23,1 Prozent) ist diese Zielorientierung deutlich schwächer ausgeprägt. Nur gelegentlich oder auf Anfrage befasst sich die Führungsperson mit Planung oder Fort­schritten, pflegt jedoch eine respekt­volle und konti­nuierliche Kommunikation und beteiligt sich an gemeinsamen Vorhaben.

Von mäßiger Führungsqualität ist demgegenüber das von 20,9 Prozent beschriebene „gemischte Führungs­profil“. Hier gibt es zwar viele Frei­räume, doch es fehlt die „klare Linie“: Unsicher­heiten, Wider­sprüch­lich­keiten, Zick-Zack-Kurse sowie stim­mungs- oder personenabhängige Wechsel­bäder sind hier typisch.

Als besonders problematisch erweisen sich die zwei verbleibenden Führungstypen: Beim „un­be­­teilig­ten Nebeneinander“ (16,9 Prozent) ver­zichtet die Führungsperson auf Ziele, Feed­back und steuernde Eingriffe, kommuniziert nur unregelmäßig mit den Teammitgliedern und ist gedanklich oder physisch oft mit ganz anderen Dingen beschäftigt.

Die „herrschaftliche Füh­rung“ (14,6 Prozent) schließlich ist von ei­nem hohen Autoritätsanspruch der Führungs­person gekennzeichnet. Es mangelt hier häufig an Respekt, Wert­schätzung und Kommunikation gegen­über den Team­mitgliedern, denen allzu wenig Frei­raum und Eigen­ver­ant­wortung zugebilligt werden.

Erlebte Auswirkungen mangelnder Führungs­kunst: Verstärkte Gedanken an Jobwechsel, Promotionsabbrüche, geistige und arbeits­be­zo­gene Rückzüge, abwer­ten­de Ge­dan­ken über die Führungsperson – und nicht zuletzt unter­durchschnittliche Gesamt­leistungen des Teams auch auf wissen­schaftlichem Gebiet, in Forschung und Lehre.

… und welchen Führungs­typ erleben Sie?

Ihr „Chef“ betreibt eine gesteuerte Ko­opera­tion mit Ihnen? Seien Sie glücklich, die Chance lag nur bei 1:4! Kooperation ja, aber zu wenig Steuerung? Auch nicht schlimm, genießen Sie die Eigenverantwortung und die vertrauensvolle Basis Ihrer Kooperation. Gemischte Bilder? Freuen Sie sich über die guten Momente und ent­wickeln Sie Strategien, um mit den schlech­ten umzugehen. Sie erleben ein unbeteiligtes Nebeneinander? Schon schwieriger. Vielleicht können Sie auf kollegialer Ebene die Unter­stützung erhalten, die Sie brauchen, oder Sie nutzen den Freiraum und machen einfach das, was Sie selber für richtig halten, gelegentliche Berichte „nach oben“ inklusive. Doch gegen die herr­­schaftliche Führung ist leider bislang kein Kraut gewachsen. Versuchen Sie gar nicht erst, etwaigen Allmachtsansprüchen zu genügen oder sich diesen womöglich zu wider­setzen. Beides hilft nicht. Geordneter Rückzug, solange es geht, oder ein Arrangement auf Zeit.

Optimal wäre in jedem Fall gewesen, Sie hätten vor Ihrer Einstellung die künftigen Kolleginnen und Kollegen gefragt, welcher Führungsstil Sie erwartet und ob und wie man sich zurecht­finden kann. Und eine Reihe von vermeintlichen Defiziten kön­nen Sie auch selber aus­gleichen. Gefällt Ihnen die „Führung von oben“ nicht, dann probieren Sie doch einmal „Führung von unten“, anstatt zu warten, bis die Führungs­per­son von selbst ihr Verhalten ändert.

Ein wahrer Künstler lernt nie aus

Und generell gilt: Auch aus schwierigen Si­tua­ti­o­nen können Sie lernen. Wenn Sie selber später einmal in eine Führungsposition gelangen, über­legen Sie sorgfältig, welches Führungs­han­deln Sie persönlich als hilfreich erlebt haben und welches Sie Ihren eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern lieber nicht zumuten würden. Das Idealmodell ist ein kooperativer, respektvoller Umgang in Verbindung mit klaren Zielen, konkreten Aufgaben und regelmäßigem Feed­back. Auch und gerade in der Wissenschaft.

Und auch für die Führungsperson ist es nie zu spät, um diese Ideale immer wieder neu zu ent­decken. Manche Kunstwerke bleiben zeitlebens unvollendet, werden aber mit der Zeit immer besser. Und bedenken Sie: Viele Kunst­schaf­fende vor Ihnen haben erst spät ihre Berufung erkannt und die Geheimnisse ihrer Kunst entdeckt.

… diese Nachricht als PDF

Dieser Beitrag ist der Auftakt zu einer Serie, in der in loser Folge die fünf Führungstypen im Detail dargestellt werden. Ab­ge­schlos­sen wird die Serie mit der Frage, ob und wie sich „gute“ Führung in Hochschule und Wissen­schaft erlernen lässt – und was wir davon haben, wenn wir uns darum kümmern. Ein Vorab-Bericht zur Studie ist in der Unabhängigen Deutschen Uni­ver­sitäts­zeitung (DUZ 11/2009) vom 23. Oktober 2009 erschienen.

Die nächste Nachricht aus Schmidts kleiner Elfenbeinwelt erscheint voraussichtlich am 15. Dezember 2009 zum Thema “Wozu das alles? – Hochschulen im Reformfieber.”

Kommentare (9)

  • 17.11.2009 um 08:49 Uhr von Uli Ruckdäschel

    Hallo Christine,

    herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
    Wir wünschen Dir alles Gute,vorallem Gesundheit!!!

  • 17.11.2009 um 12:30 Uhr von Live Musik | Ruegen Ostsee Nordsee Webcam

    [...] Die Geheimnisse professoraler Führungskunst » Bloggen in der … [...]

  • 19.11.2009 um 14:26 Uhr von Jan M.

    Geht mal in die Firmen, sieht es da anders aus? Ich habe alle diese Führungsarten erlebt. Sehr selten gibt es dabei Führungskräfte, die das mal theoretisch gelernt hätten, das hängt ganz stark vom Interesse der jeweiligen Vorgesetzten ab (ist jedenfalls sehr selten ein wirkliches Kriterium für Beförderung). Also es gilt wohl hier besonders die Deviese lerning by doing by wanting.

  • 19.11.2009 um 14:34 Uhr von turbobayer

    Sicherlich kann man “Führen” auch ein Stück weit handwerklich lernen, doch ohne eine gewisse persönliche Begabung (und Größe), die nach meiner persönlichen Erfahrung nur wenige haben, sind Hopfen und Malz verloren. Fairerweise sollte man aber auch einräumen, dass gute Führung bei der personell unterbesetzten Massenuni nicht so leicht hinzukriegen ist. Allerdings sollte trotz einer in Deutschland – ganz im Stile des 19. Jahrhunderts – noch ständisch organisierten akademischen Landschaft (nur der “Professor” zählt, nicht der verdiente Wissenschaftler), der autokratische Gutsherr auf jeden Fall der Vergangenheit angehören!

  • 23.11.2009 um 00:11 Uhr von Farah

    In der Tat gibt es Kurse wo man lernt wie man “fuehrt”. Allerdings nehmen die wenigstens Chefs an so einem Kurs Teil. Ich habe selber alle moeglichen Modelle erlebt, aber leider habe ich nie in einer Gruppe mit einer richtig guten Fuehrung gearbeitet. Da fragt man sich dann schon ob es bloss keiner kann oder ob es einfach die beste Fuehrung gar nicht gibt. Auf jeden Fall koennte vieles besser laufen wenn jeder Chef in dieser Hinsicht besser ausgebildet waere.

  • 04.01.2010 um 18:30 Uhr von Jan

    Tja, wenn man “spezielle” Formen der Fuehrung erleben will, ist man an der deutschen Uni richtig. Der klassische deutsche Prof macht auch gerne mal waehrend eines Vortrags ein Nickerchen – etwa waehrend eines Diplomarbeits- oder gar auch Bewerbungsvortrags. Frisch ausgeruht werden dann zum Abschluss die bekannten Nonsens-Fragen eines dem Fachlichen lange entrueckten wissenschaftlichen Machtpolitikers ausgepackt, die der peinlich Befragte nur falsch beantworten kann. Erwartet wird dann unterwuerfige Dankbarkeit fuer die gnaedige Aufmerksamkeit und das Eingestaendnis der eigenen Fehler, losgeloest von jeglichem fachlichen Inhalt oder Logik.

    Ansonsten sind die Untertanen meist sich selbst ueberlassen. Diplomanden sind oft noch nicht einmal dem Namen nach bekannt, und Doktoranden bekommen als Arbeitsvorraussetzung gerade einmal das Buero gestellt. Alles Weitere, von der Stellenfinanzierung ueber die Forschungsinhalte bis hin zum Schreiben von Publikationen und Doktorarbeit, hat man sich mit Mitte 20 autodidaktisch selber zu erarbeiten. Die nach Jahren harter Arbeit und nach zahllosen Phasen der Selbstzweifel entstehenden Arbeiten ziert der Prof dann gnaedigst mit seinem Namen, auch wenn das entsprechende Paper meist noch nicht einmal quergelesen wurde.

    Je nach Typ ist der verbeamtete Prof meist ueberwiegend abwesend und schreibt auch schon einmal mitten waehrend des Semesters nette Gruesse aus dem Skiurlaub an die Abteilungsmailingliste. Alternativ gibt es den akademischen Workaholic, der die eigene Abteilung aber nur als laestigen Klotz am Bein sieht und seine ganze Energie in die “Community” auf hoechstem internationalen Niveau steckt. Hier wird in den Hinterzimmern oder am “reservierten” Tisch beim Konferenzdinner genuesslich ueber Wohl und Wehe nicht nur wissenschaftlicher Karrieren, sondern ueber den Untergang ganzer Forschungsgebiete unabhaengig von deren objektivem Nutzen (Achtung: Konkurrenz!) beschieden.

    So oder so ist das “Networking” wichtiger nicht nur als Lehre, sondern auch als die angeblich so zentrale Forschungsarbeit. Dementsprechend findet die hauptsaechliche Aktivitaet genau in den Momenten statt, wenn “wichtiger” Besuch kommt: andere fest angestellte Professoren, hochgeschaetzte auslaendische Gaeste, potenzielle Gutachter, oder gar die Presse! Dann wird aus dem abwesenden die-Abteilung-sich-selbst-Ueberlasser urploetzlich der geniale Laborleiter, dessen fachliche Inspiration den Kern jeder wissenschaftlichen Erkenntnis in der Arbeitsgruppe darstellt. Auf jedem Foto ist man auf einmal zu sehen, und den ueber den Schreibtisch gebeugten Diplomanden und Doktoranden, deren Namen man in Wirklichkeit nicht einmal kennt, wird laechelnd von hinten die Hand auf die Schulter gelegt. So wird das vorgebliche vaterschaftliche Verhaeltnis zwischen wissenschaftlichem Ziehvater und wissbegierigem akademischem Lehrling fuer die exakte Dauer der DFG-Begehung schoen plastisch dargestellt.

  • 14.01.2010 um 14:30 Uhr von Torsten

    Ist professorale Führungskunst nicht in genau der gleichen Weise wie in einem Unternehmen hauptsächlich durch die Persönlichkeit der Führungskraft bestimmt? Auch die systematische Vorbereitung auf Führungsaufgaben helfen doch den wenigsten Menschen, denen es an Einfühlungsvermögen und (Lebens-)Erfahrung fehlt…

  • 14.01.2010 um 16:03 Uhr von Boris Schmidt

    Unsere Sicht ist eingeschränkt, wenn wir vor allem auf das blicken, was unveränderlich scheint, wie beispielsweise die Persönlichkeit einer Führungskraft. Führungshandeln ist zu einem wesentlichen Teil Verhalten, und das lässt sich entwickeln: Mit genau derselben Persönlichkeit kann ich mich so oder anders verhalten. Die Hochschule ist von sich aus ein Betrieb, der an die Entwicklungsfähigkeit menschlichen Verhaltens glaubt – es ist bestimmt nicht vergebens, diese Hoffnung auch auf sich selbst anzuwenden. Auch wenn manchmal diese Hoffnung recht weit entfernt scheint…

  • 24.01.2010 um 05:02 Uhr von Volker

    Eigentlich ganz einfach: Die Führungskunst beseht darin, den Umgang mit seinen Mitmenschen tatsächlich zu beherrschen.

    Sich in die Lage anderer zu versetzen, sie zu verstehen, auf sie einzugehen und ihre Motivationen zu wecken – dies sind die ersten Schritte in Richtung (prof.)esssioneller Führungskunst.

Kommentar schreiben



Hier klicken, um alternativ eine Audio-Datei des Sicherheitscodes anzuhören.

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.