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Die Juniorprofessur ist kein PD-Trostpflaster

von Stephan Humer | Kommentare: 14

Im aktuellen Newsletter des Deutschen Hochschulverbandes (DHV) entdeckte ich eine interessante Passage zum Thema Berufungsrecht. Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner will das Berufungsrecht aus verschiedenen Gründen nicht den Hochschulen übertragen. In den vergangenen drei Jahren ist er einige Male von den Berufungsvorschlägen abgewichen:

„Als Gründe nannte der Senator Gleichstellungsgesichtspunkte oder die Nichtberücksichtigung der Überqualifikation von Bewerbern auf eine Juniorprofessur seitens der Hochschulen.“

(Quelle: Newsletter DHV 06/2010)

Inhaltlich bin ich aufgrund der o.a. Punkte ganz auf der Seite von Senator Zöllner. Es kann nicht sein, daß Qualifizierungsstellen wie Juniorprofessuren mit habilitierten oder deutlich die Soll-Altersgrenze überschreitenden Wissenschaftlern besetzt werden. Die Juniorprofessur ist keine Versorgungsstelle oder ein Trostpflaster, sondern ein Qualifizierungsweg für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Es ist schon schlimm genug, daß der Tenure Track hier kein Regelfall ist. Leider wird dies in erstaunlich vielen Fällen anders gesehen, und das schadet letztlich auch der Idee der Juniorprofessur.

Dabei ist der Einspruch des Senators freilich nur eine Hilfskonstruktion, und selbstverständlich kann hier auch ein Uni-Präsident oder Rektor verantwortungsvoll eingreifen und so Fehlgriffe verhindern. Am besten wären jedoch klar und deutlich formulierte gesetzliche Grundlagen, die von vornherein und in jedem Fall verhindern, daß Bewerber auf eine Stelle gelangen, die nicht für sie gedacht war. Oder anders gesagt: keine Juniorprofessur an PDs und Personen Ende 30 oder älter.

Ich weiß, ich weiß: Die Zeiten sind hart. Man muß nehmen, was man kriegen kann. Besser W1 für fünf, sechs Jahre als arbeitslos. Das mag aus individueller, existenzieller Sicht alles richtig und verständlich sein, doch es bleibt insgesamt trotzdem falsch. Wenn ein brillanter Wissenschaftler im richtigen Alter und mit gelungener Habil keine Professur bekommt, sollte für ihn kein Pöstchen zu Lasten des Nachwuchses parat gehalten werden. So werden Probleme nicht gelöst, sondern schlicht und einfach nach unten weitergereicht. Wo soll das enden? Der Postdoc gibt sich dann mit einer (halben) WiMi-Stelle zufrieden und der interessierte Doktorand in spe … der hat Pech? Das kann es nicht sein, das ist weder fair noch klug. Deshalb hat auch jeder, der die positiven Aspekte der Nachwuchsförderung entsprechend bewahrt, meine volle Zustimmung. Es ist nämlich nicht erst dann schade, wenn kompetente PDs keine Anschlußstelle finden – es ist in jedem Falle und auf jeder Ebene einer vielversprechenden wissenschaftlichen Karriere ein Verlust.

Kommentare (14)

  • 22.06.2010 um 15:19 Uhr von Boris Schmidt

    Wenn die Wahl zwischen Fairness und Klugheit auf der einen und gesetzgeberischem Eingriff auf der anderen Seite besteht, würde ich generell ersteres bevorzugen.

    So wie ich verstanden habe, ist eine Altersbegrenzung der Juniorprofessur deswegen nicht aufgestellt worden, weil auch atypischen Karrierewegen eine Chance gegeben werden soll (dann ist Junior eben Mitte vierzig…). Bewerbungen von Habilitierten sollten (auch ohne explizite gesetzliche Vorgabe) hingegen ausgeschlossen sein, da eine entsprechende Besetzung eindeutig dem Sinn der Juniorprofessur zuwiderläuft. Wenn der Herr Senator solche Besetzungsvorschläge ablehnt – dann habe ich dafür große Sympathie. An anderen Stellen hörte ich von Personalräten, die (wenn sie beteiligt sind) es aus ganz ähnlichen Gründen ablehnen, Viertelstellen, Kurzverträge oder WHK-Stellen an Promovierte zu vergeben.

    Günstig wäre daher eine verantwortungsvolle (d.h. fair und klug agierende, überdies mutige) Hochschulleitung, die sich im Zweifel hinstellt und sagt, dass Juniorprofessuren mit Doktorinnen und Doktoren und mit niemandem sonst besetzt werden. Und – noch mehr verlangt – die Entscheidung bereits Habilitierter, sich gar nicht erst dort zu bewerben und sich damit deutlich unter Wert zu verkaufen.

    Fehlt nur noch der Ansatzpunkt, wie wir diese Fairness, Klugheit und den Mut auch ohne gesetzliche Verordnung dort ins System hineinbekommen, wo es bislang noch daran mangelt…

  • 24.06.2010 um 12:31 Uhr von Frank Domahs

    Nehmen wir an, Bewerber A hat in den drei Jahren nach seiner Promotion habilitiert, Bewerber B im selben Zeitraum nicht. Warum sollte dies für Bewerber A ein Nachteil sein, der – genau wie Bewerber B – eine Juniorprofessur attraktiver findet als die Arbeitslosigkeit oder die weitere Beschäftigung in Drittmittelprojekten mit kurzfristigen Verträgen?

  • 24.06.2010 um 13:18 Uhr von Stephan

    “Wenn ein brillanter Wissenschaftler im richtigen Alter und mit gelungener Habil keine Professur bekommt”

    …dann kann das in vielen Fällen daran liegen, daß er in die Generationenlücke fällt, die die unsinnige Gesetzgebung um die Juniorprofessur geschaffen hat: Weil er im richtigen Alter nur für den Teil der akademischen Landschaft ist, der sich auf Juniorprofessuren und 12-Jahres-Grenze schon eingestellt hat, nicht aber für die anderen drei Viertel, die bei der Besetzung von Vollprofessuren typischerweise Vorrang haben. Das “Trostpflaster” ist also selbst eine Hilfskonstruktion, die dieser Lücke in manchen Fällen abhilft; wer es abschaffen will, müßte andere Lösungen für diese Generation anbieten.

  • 24.06.2010 um 14:03 Uhr von Sina

    @Frank: Weil A reif ist für eine W2-/W3-Stelle und bei Annahme einer W1-Stelle einem anderen Nachwuchswissenschaftler die selben Möglichkeiten raubt, die er (anderweitig) wahrgenommen hat.

  • 24.06.2010 um 14:46 Uhr von Anonymus

    Ich habe es selbst erlebt, dass es in einem Besetzungsverfahren um eine Juniorprofessur im Bereich der Geisteswissenschaften/NRW zwar eine Ausschreibung und Bewerbungsvorträge gab, die Stelle aber letztlich an eine Hausbewerberin vergeben wurde, die bereits seit sechs Jahren als wiss. Assistentin im Institut beschäftigt war und deren Habil-verfahren kurz vor dem Ende stand oder schon abgeschlossen wurde. Unter der Hand wurde sogar angedeutet, dass es sich bei der Juniorprofessur letztlich um die umgewandelte Assistentinnenstelle der nämlichen Kollegin handeln würde, da der Lehrstuhlsinhaber zeitgleich in Ruhestand gegangen ist. Es ging nach meinem Eindruck darum, eine Mitarbeiterin mit eher kurzer Publikationsliste und bescheidenen Chancen außerhalb der Heimatuniversität als Professorin zu versorgen, und sei es nur in einem (zunächst) befristeten Rahmen.

    Als unterlegene Bewerber haben wir schlussendlich darauf verzichtet, bei der Hochschulleitung zu protestieren. Die Perspektiven und Verhältnisse im Mittelbau sind ja eher so, dass man in diesen Auseinandersetzungen kaum etwas gewinnen kann — und keiner kann wirklich sagen, wie er sich selbst verhalten würde, wenn er ein derartiges Angebot von seinem Institut bekäme…

  • 30.06.2010 um 10:30 Uhr von Frank Domahs

    @ Sina: Diese W2-/W3-Stelle wird er dann schon nehmen, wenn es sie denn gibt. Das kann er aber auch von einer Juniorprofessur aus tun. Die Bewerbung darauf von einer Juniorprofessur aus wird seine Chancen idR sogar verbessern. Oder lautet die Losung “Taube auf dem Dach sofort und sonst gar nichts?” Das wäre recht hoch gepokert, denn mit den Tauben ist das so eine Sache, wie ja auch Stephan anmerkt.

  • 30.06.2010 um 12:20 Uhr von Somebody

    “Wenn ein brillanter Wissenschaftler im richtigen Alter und mit gelungener Habil keine Professur bekommt, sollte für ihn kein Pöstchen zu Lasten des Nachwuchses parat gehalten werden.”

    Dem stimme ich voll und ganz zu. Jedoch kann ich aus eigener Erfahrung in so einem Fall nur empfehlen, dieses Land so schnell wie möglich zu verlassen. Der Preis für mangelnde Perspektiven ist immer ein Brain Drain.

  • 11.07.2010 um 12:02 Uhr von my2ct

    Das mit den halben WiMi-Stellen für PostDocs ist längst Realität. Ich sitze selbst auf einer solchen Stelle und bin bei weitem nicht alleine.

  • 13.07.2010 um 11:21 Uhr von Babalu

    Ich finde die Begrenzung der Juniorprofessuren nach Karrierestatus auch sinnvoll. Das Problem ist einfach, wenn auch Habilitierte (= langjährig in der Wissenschaft tätige Menschen) sich legitim auf Juniorprofessuren bewerben können, dann hat die eigentlich Zielgruppe (Post-Docs) keine Chance mehr. Denn gerade in Zeiten von ‘Exzellenz’ zählen nun mal Veröffentlichungen, Drittmittel etc. und da kann ein PostDoc einfach nicht mithalten. Und für die Unis/Institute ist es ja auch schöner, einen erfahrenen Wissenschaftler zu einem geringen Preis zu bekommen. So wird das System ad absurdum geführt.

  • 15.07.2010 um 11:44 Uhr von Jack

    Das Problem ist doch, dass man das amerikanische System nur halbherzig übernehmen wollte, und nun selbst die deutsche Minimalversion nur ansatzweise umgesetzt wurde. Neben dem fehlenden Tenure-track gibt es auch keine Flexibilität hinsichtlich Einstufung des neu zu berufenden Professors (”open rank”). Gäbe es das endlich auch in Deutschland, würden die meisten Probleme mit Habil/PD vs Jun-Prof verschwinden. Die Stellen würden dann nicht als “W1″ oder “W2″ sondern als “W1/W2 je nach Qualifikation und Passgenauigkeit” ausgeschrieben werden. Vielleicht auch als “W1/W2/W3″. Zusammen mit einem Laufbahnmodell würde auch das nervige Berufungskarussell gebremst werden, welches dafür sorgt, dass ständig ein erheblicher Teil der Professuren vakant ist und der Nachwuchs unnötig Probleme hat aufzuspringen.

  • 16.07.2010 um 15:06 Uhr von Kai

    Liebe Leute, die hier verhandelte Frage ist wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Egal, ob man hier jetzt die juengeren oder die erfahrenen Leute bevorzugt, kommt es angesichts der kappen Stellensituation im deutschsprachigen Raum immer zu Katastrophen.
    Wenn ich euch einen Rat geben darf: wandert aus. Man muss sich dieses unwuerdige deutsche Spiel in der Zeit zwischen Promotion und Professur nicht antun. In Kanada, Grossbritannien, Australien und den USA gibt es genug Stellen mit Tenure Track.
    Im Ausland habt ihr Jobsicherheit, in der Regel bessere Arbeitsbedinungen (man kann flexibel verhandeln!) und bekommt mehr Geld. Falls ihr dann ueberhaupt noch zurueck nach Deutschland wollt, koennt ihr euch immer noch auf eine Professur bewerben und habt bessere Karten und groessere Verhandlungsmacht als diejenigen, die in Deutschland geblieben sind.
    Diese ganze Frage nach der Besetzung von Juniorprofessuren lenkt nur davon ab, dass das System als Ganzes (leider, leider) nicht funktioniert und die deutschen Hochschulen katastrophal unterfinanziert sind. Tut euch das nicht an, zumindest nicht bis zu dem Zeitpunkt, an dem man euch eine Professur an einem Ort anbietet, wo ihr auch wirklich hin wollt. Die eigentliche Frage, die ihr euch naemlich stellen muesst, heisst entweder Deutschland oder Jobsicherheit.

  • 19.07.2010 um 19:11 Uhr von ! WissZeitVG

    Ich kann meinem Vorredner da nur recht geben und wenn Postdoc XYZ tatsächlich immer noch denkt, er kriegt eine Professur – oh man…das erinnert mich an die Lemminge, die auf den tödlichen Abgrund zu drängen. Postdoc XYZ hat allerdings kaum Alternativen – schließlich ist er für die Industrie ja immer noch Berufsanfänger (mit 3X++). Vielleicht sollte das Wissenschaftszeitvertragsgesetz eher geändert werden – hier ein Link für den(die), der(die) es noch nicht kennt (http://www.bmbf.de/pub/WissZeitVG_endg.pdf).
    Ich finde, der Dr., der in der Lage ist, Drittmittel einzuwerben, der sollte dies auch solange tun können, wie er möchte – für die andern Illusionisten mag das Gesetz ruhig weiterhin Bestand haben !

    MfG und Gute Nacht !

  • 27.07.2010 um 22:39 Uhr von Prekärforscher

    Eigentlich ist dem Text ja zuzustimmen, aber zum einen gibt es zu wenig W1 Stellen, zum anderen sind dabei viele
    auch mit Leuten besetzt worden, die man “bedienen” wollte, weil sie schon lange als Assistenten an der gleichen Uni gearbeitet haben. Und starre Regeln berücksichtigen auch nicht individuelle Lebensläufe (Kinder, Berufstätigkeit außerhalb der uni o.ä.) Zudem ist es ja auch ein Widerspruch, wenn die 12 Jahresregel nun Kinder pauschal mit je 3 Jahren Verlängerung anerkennt, aber W1 Stellen nicht entsprechend auch mit älteren besetzt werden sollen.
    Vielleicht sollte man auch ein Wort über die Attraktivität dieser Stellen verlieren: befristet , unsichere Prognosen für danach und ein Gehalt, dass nicht viel über dem einer wiss. Mitarbeiterstelle bzw. Assistentenstelle liegt.

  • 29.07.2010 um 11:30 Uhr von CK

    Na ja, es ist ja nicht unbedingt nur die Frage, ob man in Deutschland an der Hochschule bleibt oder ob man in’s Ausland geht.

    Bei mir hat der Weg über die Praxis funktioniert. Ich bin gleich nach dem Diplom in das Arbeitsleben eingestiegen (eben weil ich mir lange Jahre in prekären Verhältnissen ersparen wolle) und habe berufsbegleitend promoviert. Danach kamen ein paar praxisorientierte Publikationen und Lehraufträge (alles neben einem weiter laufenden Nine-to-five-Job).

    Jetzt, in der Mitte der Dreißiger und nach gut einem Jahrzehnt im Beruf trete ich im Herbst eine W2-Stelle an einer Fachhochschule an. Dann habe ich auch mal Zeit und Muße, um in die internationalen Journals mit Peer-Review rein zu kommen.

    Ich denke, dass das in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (wo man nur einen gescheiten Doktorvater, eine gute Bibliothek, etwas Grips und ansonsten viel Engagement braucht) ein sinnvoller Weg.

    Das ist dann die akademische Qualifikation nach der Catenaccio-Methode: Es ist zwar nicht schön, aber man gewinnt 1:0.

    Dieser Weg wird aus meiner Sicht zukünftig sogar noch attraktiver, da der demographische Wandel in den nächsten Jahren den Fachkräftemangel in Unternehmen weiter verschärfen wird. Da können dann noch deutlich bessere Gehälter durchgeholt werden.

    Es muss nicht immer gleich Ausland sein (wobei auch das einen Lehrstuhlkollegen auf eine universitäre W3-Stelle geführt hat).

    In jedem Fall gibt es Mittel und Wege, um sich die Schmerzen des klassischen Qualifikationswegs an einer inländischen Hochschule zu ersparen.

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