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Was ist interessant am Doktortitel?

von Andreas Juergens | Kommentare: 10

Die Entscheidung, auf den Studienabschluss eine Promotion folgen zu lassen, kann von verschiedenen Motivationen getragen sein: Die einen sehen in der Promotionszeit die Gelegenheit, sich über mehrere Jahre mit einem Thema zu beschäftigen, für das sie bereits im Studium Feuer gefangen hatten. Ein solches Erkenntnisinteresse kann als eine grundlegende Voraussetzung für eine akademische Karriere gelten, für deren Beginn die Promotionsurkunde das unverzichtbare Eintrittsbillett darstellt.
Andere versprechen sich durch den Doktortitel bessere Aussichten auf eine verantwortungsvollere, häufig höher dotierte Position in einem Unternehmen oder einer öffentlichen Einrichtung (wobei der mit einem Doktorgrad erwartete Zuwachs an Sozialprestige nicht unerwähnt bleiben sollte). Und schließlich gibt es Absolventen, die zu Promovieren beschließen, weil es ihnen nach dem Studium an Berufsperspektiven fehlt und sie sich deshalb noch ein paar Jahre zur akademischen Weiterqualifikation geben wollen.

Die Gründe, weshalb man plant, sich drei bis fünf Jahre forschend an den Schreibtisch zu setzen, sind also durchaus unterschiedlich. Um auf eine subjektive Ebene zu wechseln: Als ich vor etwa anderthalb Jahren begann, die ersten Zeilen meines Dissertationsexposés zu tippen, hatte ich ein längeres geisteswissenschaftliches Studium hinter mich gebracht. Dass ich mit meinen Studienfächern Philosophie, Germanistik und Kulturwissenschaft eine für mich gute Wahl getroffen hatte, war mir bereits nach einigen Semestern klar. Noch die Freiheiten eines Magisterstudiengangs genießend, hatte ich mich von den Fragmenten der Vorsokratiker bis zu der artistischen Lyrik eines Durs Grünbein kreuz und quer durch die Philosophie und Literaturwissenschaft studiert – was manchem B.A.-Studenten angesichts der heutigen Überregulierung seines Faches geradezu exotisch erscheinen mag, war für mich lebhaft genossene Studienzeit. Irgendwann wurde mein mitunter etwas chaotisches Studium durch mehrere Jobs als studentische Hilfskraft bei meinen Bremer Philosophieprofessoren in geordnetere Bahnen gelenkt. Dass in der Wissenschaft nur derjenige erfolgreich sein kann, der neben inhaltlicher Begeisterung auch ein hohes Maß an Arbeitsdisziplin und Selbstorganisation aufbringt, begriff ich vor allem durch den Einblick, den mir meine Jobs in den Arbeitsalltag der Wissenschaftsprofis gewährten.

Das, was sich über die Studienjahre an Wissen angesammelt und an Interesse gebildet hatte, verlangte nach meinem Magisterabschluss nach einer eigenständigen Form der Auseinandersetzung. Eine Basis hierfür bot mir meine Magisterarbeit über Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen. Bei der Bearbeitung dieses Themas wurde ich nicht nur mit den Möglichkeiten und Problemen konfrontiert, die bei einer umfangreicheren philosophischen Rekonstruktion auftreten können, sondern erhielt auch erste thematische Anregungen für mein Dissertationsprojekt. Meine Entscheidung zur Promotion war also, wie die Wahl meiner Studienfächer, kein Ergebnis einer strategischen Überlegung, sondern entsprang der theoretischen Neugier, die mich bereits durch mein Studium getragen hatte.

Kommentare (10)

  • 26.05.2008 um 16:54 Uhr von Anne

    Wie finde ich denn heraus, ob ich der Typ für eine Promotion bin? Ich meine, man stellt sich das immer ganz schön vor, aber letztlich ist es ja doch eine Grundsatzentscheidung. Einmal abgebogen, sollte es schon der richtige Weg sein, den ich einschlage.
    Wer hat Tipps?

  • 29.05.2008 um 07:01 Uhr von Jörg

    Der richtige Weg ist es, wenn man es möchte. Ich habe meine Promotion zwei Mal abgebrochen (erstes Mal: es gab zu meiner Überraschung keine Promotionsordnung, zweites Mal: es gab in einem weiteren Institut keine Basis für eine Zusammenarbeit).
    Die Promotion (Informatik) habe ich dann “nebenbei” neben meiner Berufstätigkeit durchgeführt und bin in den dreieinhalb Jahren der Promotion dreifacher Vater geworden.
    Bin ich der Typ für eine Promotion: JA.
    Wie habe ich es festgestellt: Ausprobiert.
    Ist es eine Grundsatzentscheidung: Nur für sich selbst. Nie für andere.

    Eine Promotion ist keine Einbahnstrasse, man kann mit ihr weiter wissenschaftlich Arbeiten (üblicherweise Voraussetzung) oder sich für die Wirtschaft damit qualifizieren.

    Fazit: Eine Promotion ist immer für einen selbst und sollte überwiegend Spass machen; auch wenn es mal stressig wird und man das Ding liebend gerne hinwerfen möchte.

  • 29.05.2008 um 09:47 Uhr von Susann

    Meine Erfahrung zeigt mir, dass das “Promovieren weil man gerade keine andere Perspektive hat” nach einem Hochschulabschluss die denkbar schlechteste Ausgangsbasis ist. Man sollte das Studium schon dazu nutzen, herauszufinden, was man wirklich will und kann und wo man auch bereit ist, gewisse Opfer zu bringen. Diese Überlegungen werden unter oben geschilderten Ausgangsbedingungen bloß um einige Jahre nach hintern verschoben. In der Regel bedeutet promovieren wirklich Stress, die wenigsten haben eine feste Promotionsstelle auf der sie bequem drei Jahre vor sich hin forschen können.
    In den Sozial- und Gesisteswissenschaften finde ich es wichtig, dass man in der Lage ist, ein Thema wirklich recht schnell einzugrenzen und zu strukturieren. Wer keine klare Fragestellung hat aus der sich logisch die erforderlichen Arbeitsschritte und die ggf. benötigte Empirie ableiten lassen, wird vom hundertsten ins tausendste kommen, nach jedem Arbeitsschritt neue Aspekte der Problemstellung entdecken, feststellen, dass dazu ja ganz andere Daten gebraucht werden usw. usw. “und das Ende ist nicht heiter” oder rückt zumindet in immer weitere Ferne.
    Es gehört also eine gehörige Prise Pragmatismus dazu und die SElbstsicherheit gegenüber Dritten sagen zu können: Das ist ein neuer Aspekt, das gehört nicht zu meiner Fragestellung – das zu bearbeiten braucht es ein neues Konzept und Design.
    Leidenschaft für das Thema gehört natürlich auch dazu, obwohl es auch oft gut ist, wenn man sich einen gewissen Abstand zu seinem Thema bewahrt – nur so ist man offen für Kritik und Anregungen die man ansonsten wahrscheinlich eher persönlich nehmen würde.
    Zusammengefasst: Was braucht es zum promovieren: Klare Zielvorstellung, strukturierte und pragmatische Arbeitsweise, Selbstbewußtsein und das Wissen darüber, was man alles weglassen kann sowie “kontrollierte” Leidenschaft und Kritikfähigkeit.

  • 29.05.2008 um 10:31 Uhr von Anton

    Lieber Andreas,
    bist Du denn für Deinen beitrag zumindest bezahlt worden? Das ist doch reine Öffentlichkeitsarbeit. Die meisten Leute, die ich kenne, die in Geisteswissenschaften promovieren – nach 3 Jahren Graduiertenkolleg lernt man einige kennen -, haben es aus “Neugier” gemacht.

    Vielleicht möchte mal jemand etwas dazu schreiben, wie diese Neugier aus den Hochmotivierten in Deutschland institutionell ausgetrieben wird – mit effizienten Instrumenten wie z.B. 3 Jahre Förderung für eine im Schnitt 4,5 jährige Arbeit, (strukturelle) Belohnung der Familienlosigkeit, oder unverhältnismässig viele Promotionsstipendien zu Themen, an denen zu arbeiten eigentlich nur Sinn macht, wenn man eine akademische Laufbahn weiterverfolgen will und das in Fächern, in denen es kaum Stellen im Mittelbau gibt. Die Meisten, die ich kenne, wurden für den nicht-akademischen Arbeitsmarkt durch ihre Dis. eher dis-qualifiziert.

    Andererseits werden so Opfer verlangt, die den Arbeiten, wie ich finde, schon zugute kommen. Kein Wunder aber, dass dadurch der Preis weiterhin gedrückt wird…

  • 29.05.2008 um 12:26 Uhr von Melanie

    Wer promovieren will, sollte sich immer im Klaren darüber sein, ob man (zumindest in den Geisteswissenschaften) auch weiterhin an der Uni bleiben will und was man sich selbst davon verspricht.
    Diejenigen, die auf den freien Markt wollen und sich durch den Titel “überqualifizieren” würden, sollten so oder so zusehen direkt nach dem Studium in der freien Wirtschaft Fuß zu fassen, denn auch da schlägt man als Geisteswissenschaftler einen mühsamen und langen Weg ein. Prinzipiell sollte einem vor der Promotion bewusst sein, was man sich von seiner beruflichen Zukunft erwartet. Man sollte sich fragen, ob man sich beispielsweise für die Lehre qualifiziert fühlt. Zudem sollte man schon zusehen, sich mit einem Stipendium oder gar einer Stelle die finanzielle Unterstützung zu sichern. Ansonsten gilt es sich besonders folgendes zu bewahren: Ausdauer, Motivation, Leidenschaft und Überzeugung!

  • 17.06.2008 um 08:58 Uhr von Dr. Werner Linden

    Ich habe promoviert (Dr. phil., Musikwissenschaft, Frankfurt/Main, Oktober 1988) und weiss nicht mehr, warum.
    Seit meiner Promotion habe ich genau einen Lehrauftrag bekommen, zu Heidelberg im Sommersemester 1990. Danach: nichts mehr. Um der Gesellschaft nicht als arbeitsloser Akademiker auf der Tasche zu liegen glaubte ich, mir zur Überbrückung einen anderen Broterwerb suchen zu müssen.
    Finanziell bin ich damit nicht schlecht gefahren – um den Preis, dass ich jeden Tag in meinem Job zu spüren bekomme, dass ich da eigentlich falsch bin. Jeden Tag habe ich nun das Gefühl, was ich im Erwerbsleben zu ertragen habe ist gerechte Strafe dafür, das ich mein Fach verraten habe, weil ich es nicht – notfalls als Bettelstudent – weiter verfolgt habe.
    Jeden Tag bekomme ich von hochnäsigen, besserwisserischen und bevormundenden Vorgesetzten vorgeworfen, ich würde spürbar machen, dass „mein Lebensmittelpunkt“ nicht der Job sei. Noch nicht einmal als „akademisches Hobby“ gestehen sie mir zu, dass ich das im Auge behalte, wofür ich einmal so hart gearbeitet habe.
    Wie zum Hohn wurde Anfang des Jahres in Frankfurt eine Professur für Musikwissenschaft ausgeschrieben – ich habe mich trotz fehlender Lehrerfahrung beworben. Wahrscheinlich wird daraus nichts, was erwarte ich schon. So viel zum Thema Wissenschaft als riskante Karriere, zu Moral, zu Motovation.
    Wer studiert, muss vorher genau wissen, worauf er sich einlässt. Sonst kommt er ins Schwarze Loch.

  • 22.07.2008 um 20:11 Uhr von Dr. Werner Linden

    Anscheinend wird dieser Blog auch von Lesern besucht, die hier eigentlich gar nicht zuhause sind. Jedenfalls wurde ich zu meinem obigen Beitrag angesprochen – im Geschäft. Anscheinend haben manche in ihrer Freizeit nichts besseres zu tun als nach Negativpunkten von Kollegen zu fahnden: Glückwunsch, hundert Punkte, Treffer und versenkt. Und hinterher noch stolz sein auf die logistische Leistung.
    Also nochmals im Klartext: Es bleibt der Eindruck, dass man zwar studieren und Abschlüsse machen darf, dass man aber völlig alleine gelassen wird damit, wie man mit dem Abschluss weiterkommt. Insofern ist ein Doktortitel auch nicht interessanter als ein Schulabschluss. Natürlich kann nicht jeder seinen Traumberuf ergreifen. Schlimm genug. Aber dass man sich in seinem Feld qualifiziert und dann doch alles in die Tonne treten muss, wofür man gekämpft hat, ist eines Landes unwürdig, dass für sich immer noch den Anspruch erhebt, eine “Kulturnation” zu sein. So lange die herrschende Meinung Bestand hat, dass Kultur das erste ist, an dem gespart werden kann, befindet sich unser Land in einem Zustand barbarischer Gleichgültigkeit.

  • 23.02.2010 um 14:45 Uhr von Peter

    Ich bin mir nicht sicher, ob noch jemand die Kommentare von diesem schon etwas älteren Beitrag liest. Dennoch möchte ich versuchen, hier meine Frage zu platzieren, in der Hoffnung, dass Diskussionsteilnehmer wie Jörg möglicherweise noch einmal hineinschauen.

    Ich bin FH-diplomiert und habe anschließend noch einen MBA absolviert. Mit dem Gedanken einer Promotion trage ich mich schon seit der Zeit vor dem MBA, den ich damals alternativ (und mangels formaler Voraussetzungen für eine Promotion) gemacht habe. Alles hat sehr gut geklappt und auch Spaß gemacht. Dennoch verspüre ich den Wunsch – ich vermute, es ist Erkenntnisinteresse – mich einem Thema einmal ganz intensiv zu widmen. Das Thema ist mir auch schon recht klar und ich gehe davon aus, eine gewissen Grundkenntnis der wissenschaftlichen Perspektive auf das Thema erarbeitet zu haben.

    Ich stehe voll im Berufs- und Familienleben, gehe doch aber davon aus, ausreichend Zeit für Forschung aufbringen zu können, vor allem zu wollen. Mir fehlt jedoch der richtige Anknüpfungspunkt, eine Promotion trotz Beruf aufzunehmen. Zwar kenne ich einige Promotionsordnungen von Hochschulen, die so etwas zulassen würden, würde mich aber über Hinweise, wie konkret man auf solche Hochschulprofessoren zu gehen sollte, freuen. Nun meine Frage: Ich möchte die oder den Professor/in nicht mit einem klaren Thema überrumpeln, da ich Sorge habe, dass dies als “Karrierestentum” aufgenommen wird. Wie vermeide ich aber, dass man mir Unvorbereitetsein nachsagt, wenn ich zu offen auf die Hochschulen zugehe? Und wie bekomme ich als Externer überhaupt einen Termin?

    Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

    Viele Grüße
    Peter

  • 23.02.2010 um 16:24 Uhr von Jack

    Hallo Peter,

    ich nehme an, Du brauchst kein Labor, und auch keine Doktorandenstelle, um zu promovieren. Das sollte vieles vereinfachen. Schreibe einfach eine E-mail an einen Prof., dessen Arbeitsgebiet zu Deinem Wunschthema passt, umreiße Dein Thema darin kurz und zeige, dass es zu seinem Gebiet passt. Dann wird sich ja zeigen, ob er sich dafür erwärmen kann.

  • 24.02.2010 um 10:05 Uhr von Peter

    Hallo Jack,

    Danke für die schnelle Antwort – und die aufmunternde Antwort. Ich habe etwas Sorge, dass ich ohne vorherige Kontakte auf informeller Ebene keinen Termin bekomme. Aber ich werde nun mit dem Exposé beginnen (richtig, ein Labor und eine Stelle sind nicht erforderlich) und dann Kontakte suchen.

    Grüße
    Peter

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