Ein klarer Fall: Professor Gunter G. bekam trotz guter Führung mitsamt seiner Sekretärin lebenslänglich. Gegen Frau Doktor Lydia F. ergingen wegen Beihilfe zur Lehre drei Jahre auf Bewährung. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter Mario S. und Leon M. erhielten 18 bzw. 24 Monate. Lehrbeauftragte Gabi C. bekam die Auflage, sich halbjährlich erneut vorzustellen, blieb jedoch ansonsten frei, ebenso wie Stipendiatin Rosemarie J., die ohnehin nur noch drei Monate wegen versuchter Promotion abzusitzen hatte.
Nein, natürlich kein Bericht aus deutschen Gerichtssälen. Vielmehr ein Blick in die Personalpolitik deutscher Hochschulen.
Einzigartige juristische Konstruktionen ermöglichen in der Wissenschaft – und sonst nirgendwo – die Dauerbefristung des akademischen Personals. Über 100.000 Promovierende und Promovierte befinden sich demnach ständig in der zeitlich begrenzten Qualifikationsphase zum Beruf „Wissenschaftler/-in“ – und stehen in regelmäßigen Abständen vor dem vertraglichen Nichts. Ist dieses Wechselbad womöglich ein Teil ihrer Ausbildung?
Wechselbäder als Teil der wissenschaftlichen Ausbildung
Befristungsregeln werden getroffen, um Personal für zeitlich vorübergehende Aufgaben passgenau einzusetzen. Oder um Personen, über deren Eignung man sich zunächst unsicher ist, vor einer etwaigen dauerhaften Übernahme die Gelegenheit zur Bewährung zu geben. Im Falle der Hochschulen sollen Befristungsregelungen Mobilität sichern und zeitliche Obergrenzen einhalten helfen. Und dazu beitragen, dass die Motivation zur Qualifikation nicht etwa nachlässt, sondern im Idealfall sogar noch ansteigt, je näher das motivierende Moment in Form des Auslaufens des Vertrages oder des Stipendiums rückt.
Eine schöne Idee – aber geht die Rechnung auf?
Über die Motivation des wissenschaftlichen Personals an deutschen Hochschulen ist bislang wenig bekannt. Eine von der Gewerkschaft ver.di initiierte Studie nahm kürzlich den „Arbeitsplatz Hochschule“ unter die Lupe. Insgesamt 931 Promovierende und Promovierte wurden zu ihrer Arbeits- und Promotionssituation, zu ihren „gefühlten Zukunftsaussichten“ und zu ihrer Motivation befragt. Zu einer Reihe von Faktoren gaben sie an, als wie motivierend (positive Werte bis +3) oder aber demotivierend (negative Werte bis –3) sie den jeweiligen Aspekt empfinden.
Resultat: Das Thema an sich fasziniert und begeistert die allermeisten. Die kollegiale Zusammenarbeit und die konkrete Arbeit an der Promotion (bzw. Habilitation) werden ebenfalls als starke Motivationsquellen erlebt.
Mittelmäßige Motivation geht aus von der Betreuung der Promotion, von den übernommenen Lehraufgaben, dem internen Fort- und Weiterbildungsangebot der jeweiligen Hochschule und sogar von der Bezahlung: Die Mehrheit der Befragten ist mit der Höhe der Entlohnung ihrer Beiträge zu Forschung, Lehre und Hochschulmanagement zumindest einigermaßen einverstanden.
Die Befristung hingegen fällt als einziger Aspekt ganz eindeutig in den kritischen Bereich: Nur sieben Prozent der Befragten empfinden ihre Befristung als motivierend. 47 Prozent sehen es völlig anders und fühlen sich durch das jederzeit näher heranrückende Ende der laufenden Finanzierung eingeschränkt, bedroht, nicht gewertschätzt: Demoviert eben.
Der ständige Wechsel zwischen Hoffen und Bangen raubt Motivation
Tiefergehende Analysen zeigen: Je näher das Auslaufen rückt, desto mehr drückt der Schuh. Kein Wunder, wen würde es schon begeistern, sich regelmäßig den Behörden als „vielleicht bald arbeitssuchend“ vorzustellen oder finanziell von glücklichen Fügungen, von im rechten Moment sprudelnden Drittmittelquellen oder vom Ermessen einzelner Personen abhängig zu sein?
Nicht dass keine Hoffnung bestände. Viele rechnen damit, durch einen weiteren befristeten Vertrag eine Verlängerung zu erreichen. Oder sie stehen so kurz vor dem Abschluss ihrer Promotion, dass es sie nicht mehr stört, wenn ihre Hochschulstelle oder das Stipendium auslaufen. Weil sie ohnehin als nächstes eine Tätigkeit außerhalb der Hochschule planen und hierfür vielleicht sogar schon den neuen – nach kurzer Probezeit selbstverständlich unbefristeten – Vertrag in der Tasche haben.
So bleibt die Befristung eines der großen Mysterien der deutschen Hochschule, deren Nutzen sich nicht einmal denjenigen erschließt, die schon mehrfach das Wechselbad zwischen Vertragsende, Verlängerung und neuerlicher Befristung erlebt haben.
Fazit: Nicht verzweifeln, sondern aus der Not eine Tugend machen
Tipp für Nachwuchswissenschaftler/-innen: Sie sind in bester Gesellschaft. Rund 100.000 Personen geht es genau so wie Ihnen. Jetzt, vor ein paar Monaten oder in ein paar Monaten. Stehen Sie dazu: Befristete Verträge in der Wissenschaft sind ein Massenphänomen. Und ein Ärgernis, grausam, ungerecht, meistens viel zu kurz und praktisch nie zu Ihrem Vorteil.
Machen Sie aus der Not trotzdem eine Tugend: Der Zeittakt der Befristung gibt Ihnen einen gewissen Rahmen für Ihre individuelle Planung vor. Teilen Sie sich die Monate ein: Was wollen Sie im ersten Drittel der Laufzeit erreichen, was im zweiten, und was im dritten? Lernen Sie das Gefühl schätzen, vor dem Abgrund zu stehen – es könnte Sie vor künftigem Größenwahn bewahren. Denken Sie auch an den vielleicht bevorstehenden glücklichen Moment, wenn es in letzter Sekunde doch noch mit dem Stipendium oder der Verlängerung klappt, und lernen Sie, falls er denn tatsächlich kommt, Freude und Dankbarkeit in einer ganz neuen Dimension kennen.
Spüren Sie es am eigenen Leibe: Wechselbäder stärken das Immunsystem. Und bedenken Sie: Zeitlich befristete Urteile werden deswegen ausgesprochen, weil eine vage Hoffnung auf Besserung besteht.
Die nächste Nachricht aus Schmidts kleiner Elfenbeinwelt erscheint am 15. April 2009 voraussichtlich zum Thema “Netzwerke von Nachwuchswissenschaftlern/innen: Konstruktive kollegiale Unterstützung oder planlose Selbsthilfegruppe?”.




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Kommentare (48)
Ja, das mit den befristeten Stellen ist natuerlich alles andere als ideal. Dennoch: Der Skandal ist schnell herbeigeschrieben, aber was ist die Alternative? In welchem Land laeuft es denn im akademischen System anders? Dass man sich als Doktorand und selbst noch als Postdoc und Junior-/Assistenzprofessor von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag hangelt, ist eben normal und liegt in der Natur der Sache. Mal ehrlich gesagt, wie soll es auch anders gehen? Dass von den 10-20% Postdocs, die sich anfaenglich fuer eine akademische Laufbahn entscheiden, je nach Fach vielleicht nur jeder 30. – 100. am Ende eine Professur bekommt, liegt am der Struktur des akademischen Systems. Soll etwa jeder, der einen Postdoc anfaengt, kurz- oder mittelfristig eine Dauerstelle bekommen? Dass das rechnerisch nicht aufgeht, muss jedem ja klar sein. Wo ist es denn besser? In den hochgelobten USA? Mit Sicherheit nicht! Dort ist es schon fuer Diplomanden (Master’s students) ueblich, dass sie sich ueber selbst beantragte Stipendien ueber Wasser halten, noch dazu bei oft laecherlichem Gehalt – von dem sie dann nicht selten noch die horrenden Studiengebuehren selbst zahlen muessen. Als Doktorand / Postdoc geht es dann direkt so weiter. Und selbst als Assistant oder Associate Professor sitzt man staendig auf dem Schleudersitz, selbst die Weiterbeschaeftigung steht staendig in Frage. Das aendert sich erst mit der Tenure, die die meisten – wenn ueberhaupt – mit weit jenseits der 40 Jahre erreichen. Und auf jeden Tenured Professor kommen etliche, die Assistant Professor waren und gescheitert sind.
Ehrlich, wer sich fuer eine Karriere als Wissenschaftler entscheidet, weiss normalerweise, dass dies in 95% der Faelle fuer viele, viele Jahre mit beruflicher Unsicherheit und zahllosen Orts- und Vertragswechseln verbunden ist. Das ist ueberall so, nur nicht nur in Deutschland.
Lieber Jan: “Der Skandal ist schnell herbeigeschrieben” und “wer sich fuer eine Karriere als Wissenschaftler entscheidet, weiss normalerweise, dass dies in 95% der Faelle” usw. usf. ??? Was soll denn das bitte heißen? Wenn es so ist, dann wird es schon nicht anders möglich sein? Auf Deutsch: Wer in die Wissenschaft geht, ist selber Schuld? Stimmt irgendwie, denke ich auch oft genug. Aber im Ernst – auf die Logik der Details muss man sich erst mal einlassen. Wenn man die groben Zusammenhänge einfach mal oberflächlich zusammenbindet (siehe beispielsweise auch die anderen Beiträge hier im Blog zu Wissenschaftlern und Kindern), dann fragt man sich schon, warum eine sog. “Wissensgesellschaft” derart mit ihren “Wissensarbeitern” umspringt. Man sie systematisch an der Reproduktion hindert und nur jedem 100. (stimmt das?) schließlich eine Professur, ergo eine unbefristete Stelle, anbietet. Die einen sagen, so schaffen es dann schlussendlich nur die Allerbesten. Ich denke heimlich: So probieren es wohl auch nur die Allerblödesten. Schade, dass ausgerechnet ich einer davon bin. Obwohl es natürlich noch nicht zu spät ist. Laut der behandelten ver.di-Studie entscheiden sich 90 Prozent der Promovenden gegen eine Wissenschaftskarriere im Hochschulbereich. Soll ich diesen Zustand allen Ernstes für alternativenlos halten?
Auch zu Jan: Es geht anders! Sowohl im britischen wie im französischen system gibt es wissenschaftliche Dauerstellen unterhalb der Professur. Das bedeutet nicht, dass es dort mehr Geld zu verteilen gibt, aber es bedeutet, dass die Entscheidung über eine berufliche Zukunft in der Wissenschaft deutlich früher getroffen werden. In Großbritannien kann man eine unbefristete Lecturerstelle schon mit Ende 20 Anfang 30 bekommen (und dort geht es nicht wie in der deutschen Spielart keinesfalls nur im Lehre, sondern auch um selbstbestimmte Forschung). Das geht nur weil 1) nicht alle Lecturer auch die höchste Stufe des Professorendaseins erklimmen 2) Professoren in UK deutlich billiger sind als in D, also nicht automatisch eine Sekretär(in), einige WMs und SHks als Grundausstattung mitbekommen, d.h. man hat auch mehr administrative Pflichten 3) Lecturer wie auch Professoren nicht “tenured” sondern nur unbefristed sind, also in letzter Konsequenz und bei großen finanziellen Problemen auch kündbar.
Dies sind Nachteile die von den Vorteilen mehr als aufgewogen werden: mehr und frühere unbefristete Stellen, weniger feudale und flachere Hierachien, und damit mehr Freiräume für kreative Forschung. Das finden auch die 30 Prozent Nicht-Briten, die an englischen Universitäten arbeiten. Wer die deutsche oder amerikanische “tenured” Professur als einzigen Masstab für erfolgreiche wissenschaftliche Karriere nimmt, kommt natürlich zu anderen, aber aus meiner Sicht vollkommen irreführenden Ergebnissen über was “normal” ist.
Noch ein Kommentar zum Thema “Motiviert Befristung”. Ist es nicht ein wenig fragwürdig die Ergebnisse einer Umfrage im Mittelbau als Beleg für die mangelnde Motivationswirkung von Befristung anzuführen? Welcher Beteiligte kreuzt denn hier nach “Wissen und Gewissen an”. Wer die Motivationswirkung von Befristung erforschen will, sollte doch objektive Kriterien anwenden, anstatt den offensichtlich von legitimen Eigeninteressere geleiteten Antwortenden zu vetrauen.
Sehr geehrter Herr Meyer,
ich lade Sie herzlich ein, die von Ihnen angedeuteten “objektiven Kriterien” der Motivationswirkung von Befristung zu benennen und für die weitere Forschung in diesem Bereich zugänglich zu machen!
Die langfristige Verbleibsquote im Hochschulsystem als annähernd objektives Kriterium kann damit (um ein Beispiel zu nennen) aber kaum gemeint sein, diese liegt nämlich einerseits bei rund zehn Prozent (was auf eine katastrophal niedrige Motivation hindeuten würde), stellt andererseits jedoch keine freie Wahl der Personen dar (laut der ver.di-Befragung wäre ca. 1/3 an einer Hochschulkarriere interessiert).
Wir haben das im Rahmen einer schriftlichen Befragung unseres Erachtens Mögliche getan, um tendenziöse Ankreuzungen zu vermeiden, aber natürlich gelten auch für diese Studie die Begrenzungen aller Befragungen, in denen Individuen zu ihrer persönlichen Arbeitssituation und damit zu einem subjektiven Erleben befragt werden.
Der methodische Ansatz und die konkret eingesetzten Frageformulierungen sind neben zahlreichen anderen Ergebnissen im Bericht zur Studie zu finden, der bei ver.di in Berlin http://biwifo.verdi.de/ downzuloaden oder in der Printversion zu bestellen ist.
Lieber Herr Schmidt,
Gern mache ich Vorschläge: Wenn man annimmt, dass sich höhere Motivation in höherer Leistung ausdrückt (was wäre sonst der Grund danach zu fragen?) würde sich anbieten, verschiedene Leistungskriterien von befristeten mit nicht befristeten Mitarbeitern zu vergleichen, etwa Anzahl und Art der Publikationen, Anzahl der Lehrveranstaltungen bzw ihre Evaluation, bzw investierte Arbeitszeit. Alles nicht ohne Probleme, aber schliesslich zielt die Frage der Motivation auf messbare Leistung, nicht auf den Grad der subjektiven Zufriedenheit der Forscher an – wie auch immer man bewerten darf. Es würde mich wundern, wenn jemand der sich um die Verlängerung seines Vertrages sorgt, nicht um sicher zu sein, häufiger ‘ja” zu Mehrarbeit sagt. Umgekehrt: Kennen wir nicht alle die Professoren, deren Publikationsleistung nach ihrer Berufung rapide abgenommen hat? Ich habe neulich gelesen, dass etwa ein Drittel aller Professoren nach der Berufung nicht oder kaum mehr publizieren. Unkündbarkeit kann also de-facto zu “De-motivitation” aus der Systemperspektive führen, selbst wenn die Betroffenen selbst sich keinesfalls “de-motivitiert” fühlen dürften. Damit will ich keinesfalls die Befristung verteidigen, aber wer Befristung abgeschaffen will, muss bessere Argumente haben als Umfragen beim Mittelbau. Schliesslich geht es in letzter Konsequenz bei einer Reform um Umverteiligung von oben (den Professoren) nach unten.
@Jens:
Die Zahl 100 habe ich – wenn mich meine Erinnerung nicht truegt – aus einem Artikel bei Spiegel Online (?). Ob das buchstaeblich gemeint war, kann ich auch nicht sagen. Aber total daneben lag der Autor mit Sicherheit nicht. Die Mathematik dahinter ist leider relativ unbarmherzig. Ein Prof betreut im Laufe seiner Karriere im Schnitt vielleicht 70 – 100 Doktorarbeiten (oder sogar mehr). Wenn er/sie in Rente geht, wird genau eine Stelle frei. Man kann davon ausgehen, dass ueber die Jahrzehnte wesentlich mehr als ein Doktorand gerne die akademische Laufbahn anstreben wuerde. Alle, die es nicht zur Professur schaffen, auf Dauer im akademischen System unterzubringen, ist einfach nicht moeglich. Dann wuerden die ganzen Dauer-Postdocs Stellen und Mittel fuer neue Doktoranden usw. blockieren, und in den meisten Faellen waere das sowieso nur moeglich, wenn die entsprechenden Abteilungen staendig wachsen wuerden. Aber wo ist das schon der Fall? Das ganze haengt natuerlich extrem vom konkreten Fach und der Oertlichkeit ab. Allerdings darf man sich davon nicht taeuschen lassen: Selbst wenn in den letzten Jahren etwa zahllose Stellen im Bereich Biotechnologie geschaffen wurden, heisst das nicht, dass das Wachstum unbegrenzt ist. Ich sehe ganze Doktorandengenerationen, die in der Boom-Zeit von den reichlichen Mitteln profitiert haben, mit Karriere-Kater erwachen.
Wer sich in den entsprechenden Faechern mal umschaut, bekommt die zugehoerigen Zahlen ja zu hoeren. Eine promovierte Historikerin erzaehlte mir, dass sich dort selbst auf eine halbwegs gut bezahlte PostDoc-Stelle schon einmal 700 Leute bewerben. Aber selbst in Faechern wie der Informatik ist nicht mehr alles Gold, was glaenzt. Aus Amerika hoert man, dass fuer eine Assistant Professorship (non-tenure-track) durchaus auch mal 400 Bewerbungen eingehen koennen. In der Astronomie / Astrophysik bewerben sich dem Vernehmen nach oft bis zu 1000 Wissenschaftler auf offene Professorenstellen.
@Christoph Meyer:
Naja, aber Dauerstellen unterhalb der Professur gibt es aber doch auch in Deutschland – nur eben ausserhalb der Uni. Beispielsweise bei Max Planck, Fraunhofer, dem DFKZ, dem DFKI, oder Klinik-Instituten. Wenn man Glueck hat, bekommt man sogar eine halbwegs forschungsorientierte Stelle in der Industrie, auch wenn diese in Deutschland natuerlich seltener sind als etwa in den USA.
Was den Lecturer in UK (oder Australien usw.) angeht: Der wird allgemein als aequivalent zum Assistant Professor (USA) oder der deutschen Juniorprofessur gesehen, d.h., ist in dem Sinn richtige “Faculty”. Wenn man es zu so einem Job gebracht hat, ist man auf der Karriereleiter natuerlich einen Schritt weiter. Allerdings sind Bewerbungen auf Lecturer-Stellen auch sehr konkurrenzorientiert. Ich denke nicht, dass ein Grossteil der PostDocs in UK auf Dauer (sozusagen automatisch) eine Lecturer-Stelle bekommt. Es handelt sich um einen regelrechten “Turnier-Job”, und die gesamte Diskussion hier dreht sich ja um Leute, die auf diese Art und Weise nicht untergekommen sind. In dem Sinne gibt es in Deutschland ja auch Juniorprofessuren und nicht selten Senior-PostDoc-Stellen (Junior-Gruppenleiter o.ae.). Es sind eben nur nicht genug Stellen fuer Alle da. Das ist in UK mit Sicherheit kein bisschen anders als in Deutschland.
Es zeigt sich mal wieder, dass die Phantasie vom gelobten Ausland vor allem dann Bestand hat, wenn Aepfel mit Birnen verglichen werden. Vergleiche auch das hartnaeckige Geruecht, dass in den USA ja praktisch jeder als Assistant Professor unterkommen kann. Dazu kann ich nur sagen: Viel Spass bei der Bewerbung!
Sehr geehrter Herr Meyer,
die Untersuchung von Ihnen genannten in der Tat einigermaßen objektiven Indikatoren legt ein (mindestens) zwei-Stichproben-Design zum Vergleich der Motivation von befristeten vs. unbefristeten Personen nahe: Die erste Stichprobe haben wir schon im Überfluss, es sind die Promovierenden und Promovierten auf befristeten Stellen. Die zweite Stichprobe sollte auf unbefristeten Stellen, jedoch ansonsten vergleichbar sein: Vom Status (nicht Promovierende mit Professoren vergleichen), von der Institution (nicht Hochschulmitarbeiter mit Personen aus F&E-Abteilungen vergleichen), vom historischen Kontext (nicht die heutigen befristeten „Mittelbauler“ mit unbefristeten aus dem letzten Jahrhundert vergleichen, als es noch welche gab).
Geben Sie mir eine solche Vergleichsstichprobe (und ein kleines, befristetes wissenschaftliches Team), und ich werde nachweisen, dass Leistungsunterschiede – wenn es denn welche gibt – sich sehr viel stärker auf andere Faktoren als die Befristung zurückführen lassen.
Die von der Gewerkschaft ver.di initiierte Studie ist nun natürlich auch nicht darauf gerichtet gewesen, so etwas zu ermitteln wie die optimale Befristungsdauer, damit Promovierende und Promovierte kurzfristig maximale Leistung „abwerfen“. Vielmehr spielten in der Studie Fragen einer respektvollen Gestaltung von Arbeitsbedingungen, die langfristige Ausschöpfung kreativer Potentiale und die subjektive Wahrnehmung der objektiv prekär Beschäftigten die Hauptrolle.
Für die weitere Diskussion vielleicht ein Impuls: Neben der kaum zu klärenden Frage, ob Befristung jetzt richtig ist oder falsch – wir werden in Deutschland noch über Jahrzehnte befristete Verträge im akademischen Bereich haben, und die Quote derjenigen, die langfristig im System bleiben (nicht 1 %, wie oben genannt, sondern eher 10 %), wird sich nicht dramatisch verändern. Wie können Promovierende und Promovierte mit dieser Situation umgehen, was kann, soll, muss Hochschule tun?
@ Jan.
Klar Konkurrenz ist auch in UK groß (etwa 80-100 auf 1 Stelle in meinem Bereich), aber vielleicht können wir uns darauf einigen, dass einige nationale Wissenschaftssysteme ANTEILIG mehr unbefristete Stellen anbieten als andere (z.B. D) und FRÜHER deutlich machen, ob Wissenschaft als Beruf funktioniert – nicht erst mit 40 Jahren (MPIs, Frauenhofer etc ausgenommen).
@Christoph Meyer:
Ich denke, da sind wir beide einer Meinung. Natuerlich ist das eine oder andere in anderen Laendern besser geregelt. Vor allem wird den Leuten woanders aber rechtzeitig klar gemacht, ob sie ueberhaupt Chancen haben oder nicht.
In diesem Punkt sind wir uns einig, widersprechen damit aber genau dem Tenor dieser Diskussion. Die vorherrschende Meinung in diesem Blog – sowohl von Seiten der Autoren als auch der Kommentatoren – ist ja, dass gerade das zeitige Auslaufen der gemuetlichen Planstelle nach 6 Jahren unfair ist. Wenn man so einige hier liest, bekommt man fast den Eindruck, es sollte nach einigen Jahren als PostDoc so etwas wie ein automatisches Anrecht auf eine Dauerstelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universitaet geben. Dass das alleine schon finanziell nicht gehen kann, muesste jedem aber klar sein.
Und es faellt natuerlich wieder einmal auf, dass insbesondere die “besonders schlimmen” Zustaende in Deutschland angeprangert werden. Am lautesten sind dabei natuerlich wieder die, die offenbar (ausser bestenfalls ein paar Monaten Studentenaustausch) das wahre Leben in anderen Wissenschaftssystemen noch nie kennengelernt haben. Wer es in Deutschland so schlimm findet, kann ja beispielsweise in die USA gehen, wo zum Beispiel in der Informatik aufgrund sinkender Studentenzahlen gleich eine ganze Generation von Assistant Professors den direkten Weg von der “Faculty” zum Arbeitsamt nehmen durfte. Was da in Deutschland an Gejammere los waere, kann man sich nur ausmalen.
Sorry, Jan: diese verbrüdernde Verdrehung ist sehr unappetitlich. Wer fordert denn wo ein “Anrecht auf eine Dauerstelle” für jedermann? Und vom Ausland hat zunächst gar keiner gesprochen, auch wenn “die besonders schlimmen Zustände” teilweise als Zitat markiert ist (das Wort “besonders” taucht übrigens in der ganzen restlichen Diskussion nicht auf).
Viel wichtiger aber, und sehr nervig: Die Annahme, gerade in der Befristung stecke eine Art Leistungsautomatismus, und damit sei das am Ende ja doch schon sehr gerecht, ist eben haarsträubender Schwachsinn. Ich habe Leute um mich herum erlebt, die eigentlich alles richtig gemacht haben, fantastische Bücher geschrieben haben, überhaupt publiziert und geforscht mit Leidenschaft, die Wissenschaftler von einem Format waren, das ich gar nicht zu erlangen hoffen darf – bis sie Opfer der 12-Jahres-Regelung geworden sind oder auch der Familie zuliebe in den Schuldienst geflüchtet.
Wenn man den Leuten eine Perspektive gibt, kann man Ihnen gleichzeitig klarmachen, dass es dann auch von ihnen und ihrer Leistung abhängt, was draus wird. Kein Mensch hat hier was anderes gefordert.
Und jetzt lesen wir noch mal gemeinsam die Zahlen da oben, und dann können wir gerne noch mal über diese Perspektive diskutieren, und darüber, wie vernünftig es ist, heute Wisssenschaftler werden zu wollen.
Neulich las ich eine Stellenausschreibung für eine Juniorprofessur, mit der üblichen Klausel fürs WissZeitVG. “Klingt doch super”, sagten meine Freunde, “genau sowas hast du doch immer gewollt, bewirb dich da!” Hab ich auch. Aber zugleich habe ich die Jung-Juristen mal gefragt: “Würdest Du Dich in einer Anwaltskanzlei/Unternehmensberatung/etc bewerben, wenn schon in der Ausschreibung steht: entweder in sechs Jahren Partner, oder du fliegst, egal was du sonst noch für den Betrieb getan hast?
Keiner meiner Anwesenden Freunde hat bejaht…
Ich weiss nicht, ob die Nicht-Befristung mehr motivieren kann als die Befristung. Offenbar ist es der Spaß am Thema, der die höchste Motivationsquote hat. Aber von der Unbefristung der ProfessorInnen auf Unmotivation zu schließen, ist auch nicht richtig: die meisten kommen ja vor lauter Gremien, Nachwuchsforschungs-DFG-Anträgen und all den neuen anfallenden Aufgaben gar nicht mehr zum Forschen. Für mich sieht es immer aus wie ein wegloben – einen guten Forscher aus dem fruchtbaren Forscherumfeld wegberufen auf einen Bürostuhl. Vielleicht irre ich mich, aber ich wollte immer Akademische Rätin werden…
Ich glaube auch, dass für bestimmte Projekte gilt Leistung gleich Arbeit durch Zeit. Eine Promotion ist sicher in den allermeisten Fällen innerhalb von sechs Jahren zu schaffen – vorausgesetzt, man hat die idealen Bedingungen, die eine befristete Promotionsstelle bieten soll: z. B. Teile der Arbeitszeit (nicht: die freie Hälfte der halben Stelle) für die Diss nutzbar; keine Nebenjobs zur Deckung der Lebenshaltungskosten notwendig (weil die Standard-50% nicht reichen), keine Kinder, pflegebedürftigen Eltern oder andere Sorgen (also ein normales Leben) und vor allem nicht, jeweils eins von drei gewährten Jahren mit dem Beantragen der nächsten Fördermittel zu verbringen. Für mich hat die andauernde Befristung (und das zunehmende Verstehen der dahinterliegenden systemischen Strukturen) nur zu einem geführt: ich will diesen Job (forschen & lehren) gerne machen. Aber nicht zu diesen Bedingungen. Wenn eine akademische Karriere so wenig planbar ist, dann plane ich eben eine Karriere außerhalb der Universität. Sicher- auch hier gibt es Unwägbarkeiten und Finanzkrisen. Aber zumindest sagt mir keiner mit dreißig: Kind oder Wissenschaft, oder mit vierzig: Nun bist du gescheitert: für die Uni langts nicht, für alles andere bist du überqualifiziert.
Ich weiss, dass nicht jeder talentierte Nachwuchs an der Uni bleiben kann, rein zahlenmäßig. Ich bezweifle aber, das wir mit diesem System die besten auswählen. Eher, nach Darwin, die best-angepassten an das System. Vielleicht gebe ich zu früh auf, vielleicht muss ich mehr kämpfen für meinen Traum – wer nicht antritt, kann nicht scheitern – Fakt ist: das ist mir der Traum nicht wert. Und das, so behaupte ich, ganz unabhängig von meiner fachlichen Qualifikation.
Es ist schön, dass dieser Artikel das Thema anspricht. Das Fazit scheint mir allerdings etwas mau. “Aus der Not eine Tugend machen”…, wie wäre es damit: “Der große Teil der befristeten Verträge verstößt gegen das Arbeitsrecht, klagen Sie sich ein”. Habe ich gemacht und sollten noch mehr tun, denn nur dann ändert sich etwas. Es sind außerdem nicht nur Doktoranden die befristet werden. Die Befristung ist ein Hintertürchen das für fast alle Stellen an der Uni benutzt wird.
Ich freue mich über Ihren Erfolg! Für die meisten kommt eine Klage vor dem Arbeitsgericht aber nicht in Betracht (allein aus dem Grund, dass man sich nirgendwo einklagt, wo man inzwischen oder von vornherein gar nicht bleiben möchte).
Soweit mir bekannt, verstößt die überwältigende Mehrheit der befristeten Verträge im akademischen Bereich – eben aufgrund der speziellen Gesetzgebung für die Wissenschaft – nicht gegen das Arbeitsrecht. Ich bin auch überzeugt: Sollte eine Klagewelle das Land ereilen, dauert es keine halbe Legislaturperiode, bis nötigenfalls eine Grundgesetzänderung mit Verweis auf die “Freiheit” der Wissenschaft die Dauerbefristung wieder legitimiert.
Daher bin ich überzeugt, dass für die allermeisten auch in den nächsten Jahrzehnten die Befristung ein hinzunehmender Umstand sein wird – und spreche vor diesem Hintergrund die Empfehlung aus, nicht dagegen oder darüber zu klagen, sondern als Individuum aus der Not eine Tugend zu machen, so wie z.B. aus einer Krankheit, die im Grunde auch niemand möchte, mit der man aber trotzdem umgehen muss.
Für die Gruppe des “Mittelbaus” insgesamt ist klagen hingegen genau das Richtige, daher ja auch die Initiative der Gewerkschaft ver.di: Langfristig braucht Deutschland eine Änderung dieser Personalpolitik und eine schrittweise Heilung bis Ausrottung dieser Krankheit (als Zwischenschritt: Entwicklung passender Medikamente, die gegen die Symptome helfen – ich denke dabei nicht an Drogen).
Trotzdem Respekt vor Ihrem Mut, vors Arbeitsgericht gezogen zu sein, und Glückwunsch, dass Sie gewonnen haben!
Nochmal zurück zur Ausgangsfrage “Durch Befristung motiviert?” und zum Schaubild, welches den Schluß nahe legt, dass Befristung akademisches Personal mit -1,2 demotiviert.
Mir kommt diese Schlußfolgerung suspekt vor. Wenn ich als Promovend oder Habilitant eine unbefristete Stelle angeboten bekäme auf der ich so lange verweilen könnte wie es nötig ist, meine Arbeit für alle Beteiligten zufriedenstellend zu beenden, so bestünde eine gute Chance, dass ich überhaupt nicht fertig würde. Eine Stelle auf Zeit hingegen zwingt mich dazu, mich mit bspw. meinem Doktorvater/-mutter auseinander zu setzen, um mein Thema geeignet abzustecken, so dass es in der Zeit für mich mit gewünschtem Ergebnis bearbeitbar ist. Außerdem setze ich mich (am besten) schon von Beginn an voll für mein Thema ein, eben weil ich weiss, nach 3, 4 oder wieviel-Jahren-auch-immer ist definitiv Schluss. Ich bin somit durch die Befristung nicht intrinsisch hingegen aber extrinsisch motiviert. Demotiviert werde ich m. E. allerdings dann, wenn ich merke, mein Zeitplan passt nicht zur Zeitdauer der Stelle und bspw. eine erfolgreiche Promotion in der Zeit ist nicht möglich und eine ggf. notwendige Verlängerung ist fraglich. Insofern müsste man bei der Stichprobe (wiss. Pers. an Unis) m. E. nach den genauen Ursachen für eine Demotivation durch Befristung fragen.
Eine letzte Bemerkung zu “tenure track” bzw. unkündbare Professur bis zum Renteneintritt: Wie einer meiner Vorredner bereits geschrieben hat, in D publizieren (und damit aktiv forschen) (mindestens) 1/3 aller Amtsinhaber nach Annahme einer unkündbaren Professur früher oder später nicht mehr. Die Gründe hierfür sind sicherlich vielfältig, relativieren hingegen nicht die Tatsache. Dieser Effekt ist mit Sicherheit bestenfalls unbefriedigend. Man könnte ihn als Schwäche des deutschen Hochschulsystems werten. Im Laufe meiner Jahre an diversen Universitäten habe ich den Eindruck gewonnen, dass das Hochschulsystem in D gerade deswegen so effektiv funktioniert, weil es sehr viele hochmotivierte, leistungsbereite junge Menschen gibt, die supergerne eine wissenschaftliche Karriere machen würden und das Ziel Professur fest vor Augen haben – und somit einen Tunnelblick ausbilden (müssen). Da alle wissen, es kann nur ein verschwindend geringer Teil dieser Menschen überhaupt in Zukunft eine Professur bekommen, ackern alle wie die Blöden, vernachlässigen Familie, Freunde, sonstigen Ausgleich, um sich einen vermeintlichen Vorsprung vor den Mitbewerbern zu erarbeiten. Dieser Sachverhalt hat m. E. Methode. Das Hochschulsystem in D profitiert auf jeden Fall imens davon und mich würde es nicht wundern, wenn dieser Umstand von der Politk zumindest geduldet wenn nicht gar gewollt ist.
Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er/sie dieses Spiel bis zum wahrscheinlich bitteren Ende mitspielen will.
Ich muss schon sehr staunen, wie leichtfertig hier immer wieder erwähnt wird, dass ja nicht jeder, der in der Wissenschaft arbeitet auch dort bleiben kann. Was ist das denn bitteschön für eine erbärmliche Position? Noch weniger Rückgrat scheint ja kaum mehr möglich – das nenne ich Darwinismus pur. Die Regierenden schmeissen ein paar dürre Häppchen (sprich: Geld, Arbeitsplätze) hin und dann heißt es “Der Stärkere gewinnt” und der Kampf ist eröffnet? Schaut euch beispielsweise mal die Uni-Verwaltung an! An welcher deutschen Uni ist das denn kein aufgeblähter Berg mit grossteils völlig unqualifizierten Leuten? Wieso wird jede inkompetente Sekretärin nach sechs Monaten ohne Diebstahl von goldenen Löffeln gleich unbefristet eingestellt und ein Top-PD mit s.c.l.-Promotion und internationalen Auszeichnungen erhält nicht mal eine mickrige A13-Ratsstelle? Und wer redet eigentlich davon, dass JEDER an der Uni bleiben soll? Wer ist denn “jeder” in diesem Zusammenhang? Jeder Doktorand, der sein Orchideenthema mit “rite” beendet und anschliessend auf ein BAT-IIa-Gnadenbrot hofft? Wenn wir nur all die Top-PDs mit unbefristeten Ratsstellen versehen und den “Karriereeinstieg” nicht weiter jenseits der 40 ansiedeln würden, wäre doch schon viel gewonnen. Aber nein: Wir legen glänzende Diplome hin, werden mit Top-Noten promoviert und mühen uns dann jahrelang ab, um eine Super-Habil-Phase hinzulegen – und wofür? Um nachher zu hören “Es können leider nicht alle in der Wissenschaft unterkommen”? Das halte ich für erbärmlich!
Natürlich gibt es in vielen anderen Ländern diese Befristungen. Nur gibt es dort kein idiotisches WissZeitG. In den USA kann man beispielsweise sein Leben lang einen befristeten Vertrag nach dem anderen bekommen. Hat man gutes geleistet, so kann die Universität dort einen weiterbeschäftigen, ohne die Gefahr einer Unkündbarkeit!!
In Deutschland ist ja bekanntlich nach 12 Jahren Schluss. Dann steht man als erfahrener Forscher und Dozent auf der Straße bzw. vor Hartz IV, denn mittlerweile ist man so alt geworden (in Deutschland ist man mit Mitte 40 sehr alt für den Arbeitsmarkt), dass ein Berufswechsel kaum möglich ist.
Das nenne ich Verrat an und Ausnutzung des akademischen Mittelbaus!!
Nun, Hochschule hin oder her. Das Schlimme ist, dass die Industrie auf den gleichen Zug aufspringt. In welchem großen Unternehmen werden Wissenschaftler-Stellen denn schon als Dauerstellen ausgeschrieben. Selbst wenn man das Glück hat eine befristete Stelle zu bekommen, heißt das noch lange nicht, dass diese auch verlängert wird, auch wenn man noch so gut gearbeitet hat. Soviel zur Planungssicherheit und Reproduktion………..
Kommentar zu Mike: Für mich kommt das einem Berufsverbot gleich, da man nun mal keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt hat…………………
also, was mich auch ÜBERHAUPT nicht wundert, und darauf geht auch sonst keiner ein, ist, dass die bezahlung als nicht motivierend aus der studie herausgeht. um es mit anderen worten zu sagen: die bezahlung in der wissenschaft ist miserabel (vor allem, wenn man sie mit der anderer akademiker vergleicht), aber dagegen lehnt sich irgendwie keiner auf. und das wiederum wundert mich sehr!
Die im Auftrag von ver.di gestellte Frage ist eine reine Fangfrage. Wer soll es besonders gut finden, sich nach relativ kurzer Zeit wieder um einen neuen Job bemühen zu müssen? Daß weniger als 10% der Befragten eine Befristung als motivierend empfinden, war vorher klar. Genauso hätte man die Leute fragen können, ob sie gerne Steuern zahlen.
Zufälligerweise wurde nicht danach gefragt, ob man die Leistungsbereitschaft und Kreativität von Forschern dadurch steigern kann, daß man sie unmittelbar nach dem Studium lebenslänglich verbeamtet, analog zu Lehrern.
Hallo, also ich war in der Wissenschaft als Angestellter in privaten Firmen und als Selbständiger tätig.
Zum Thema Reproduktion: Als Angestellter hatte ich auch befristete Verträge und als Selbständiger weiß man per se am Anfang des Jahres nicht ob diese Stelle “befristet” ist, da kann man finanziell auch ganz schnell auf die Nase fallen. Wenn sich jemand gegen Nachwuchs entscheidet und als Grund befristete Stellen vorschiebt, dann ist es wohl so, dass derjenige immer wieder Gründe dagegen findet (ich bin auch Vater in einer befristeten Stelle geworden und es hat sehr gut funktioniert). Wieso bekommen denn die untersten Schichten mehr Kinder als die Bildungselite? Weil sie sonst nicht zu tun haben? Nee, weil sie nicht so irrational sind und sich mit so kruden Hypothesen beschäftigen wie: Was ist wenn ich es mit 40 nicht geschafft habe?
Natürlich ist eine Dauerbefristung immer sehr unbefriedigend. Aber so schlecht ist es doch in der Wissenschaft nicht. Immerhin ist man doch um einiges freier als „draußen“ und kann sich i.A. mit Themen beschäftigen, die einem gefallen. Das ist in der Wirtschaft recht selten der Fall.
Übrigens, es hindert ja Keiner die “Top-PDs mit s.c.l.-Promotion und internationalen Auszeichnungen” eine eigene F & E – Firma aufzumachen. Mit dem richtigen Mut und Elan geht das schon. Ach ja, das ist ja nicht zumutbar weil karriereunsicher, oder?
Ich kann nur empfehlen, „drin“ und „draußen“ mit allen Vor- und Nachteilen zu erleben und dann zu vergleichen um rauszufinden, was für einen selber Besser ist.
Ich weiß jedenfalls, die Wissenschaft ist viel besser und es lohnt sich dort für sein Fortkommen zu kämpfen (schon wegen der meist sehr netten Kollegen).
Zum Einwand von r.j.k., der die Methodik und Seriosität der von uns durchgeführten Studie in Frage stellt:
1. Siehe das Statement direkt davor: Genau so hätte man erwarten können, dass die Bezahlung als demotivierend empfunden wird. Das ist nicht der Fall. Es ist zwar nur “teils – teils”, wird aber im Durchschnitt eben nicht und damit erwartungskonträr als überwiegend demotivierend empfunden, und dieses Ergebnis verheimlichen oder verschleiern wir auch nicht.
2. Eine Fangfrage hätte ein Format wie beispielsweise “Finden Sie nicht auch, dass Befristung demotivierend ist?” oder “Als wie demotivierend empfinden Sie persönlich Ihre Befristung: kaum – sehr – ganz – völlig”. Tatsächlich haben wir insgesamt 19 Faktoren plus 2 zusammenfassende unter folgender Fragestellung einschätzen lassen: “In der folgenden Liste sind verschiedene Faktoren der „Arbeitswelt Hochschule“ aufgeführt. Diese Faktoren können Sie in Ihrer gegenwärtigen persönlichen Arbeitssituation als motivierend, demotivierend oder als neutral wahrnehmen. Bitte geben Sie zu jedem Faktor eine Einschätzung auf der 7-stufigen Skala an.” (-3 bis +3). Die restlichen, im Blog-Beitrag nicht aufgeführten Faktoren sind in der Publikation zu finden.
3. Methodischen Einwänden stelle ich mich gerne, allerdings lieber auf sachlicher Basis, siehe oben, Mini-Disput mit Christoph Meyer. Vorgehen, Stichprobe, vollständiger Fragebogen sind bei ver.di in Berlin zu bestellen (Fachbereich 5, Bildung, Wissenschaft, Forschun, Reihe “anstöße”) oder zum Download: http://biwifo.verdi.de/.
Nicht jedes Ergebnis, das den Leser aufregt oder Wertungen nach sich zieht, ist dadurch gleich tendenziös oder einer “Fangfrage” geschuldet. Manche Dinge sind einfach so, wie sie sind.
P.S. An den Vorredner – Ich frage mich doch glatt, welches florierende Forschungs- und Entwicklungsunternehmen eine Germanistin eröffnen soll, oder der Kollege aus der Volkswirtschaftslehre, oder die Sinologin. Institut “Taxiforschung” oder Agentur “Lehrauftrag”?
@Mark:
Ich war 10 Jahre befristet an der Uni und bin seit mehr als 10 Jahre bei einer externen Forschungseinrichtung, die Wissenschaftler überwiegend auf befristeten Stellen hat. An der Uni gab es einige “aus dem letzten Jahrhundert” unbefristete Nicht-Professoren, und da war die Mehrzahl extrem unmotiviert, während alle befristeten extrem motiviert waren. Was aber fast noch schlimmer war als unmotivierte akad. Oberräte und akad. Direktoren waren unbefristete technische Mitarbeiter, die vor 20 Jahren eingestellt wurden, und deren Arbeit nicht mehr gebraucht wurde, und die in der Privatwirtschaft aus betrieblichen Gründen gegangen worden wären. Ich habe mehrmals erlebt wie glücklich jemand aus dieser Gruppe war, wenn jemand eine sinnvolle Aufgabe für sie fand. Daher denke ich, dass wir nicht weniger sondern mehr Befristungen brauchen!
Ein ganz anderer Aspekt ist meiner Meinung nach in der gesamten Diskussion noch nicht angesprochen worden: Die Wissenschaft ist kein Selbstzweck, sondern hat die Aufgabe die kompetente Mitarbeiter auch für die Industrie auszubilden. Ohne die Vielzahl an promovierten Naturwissenschaftlern und Ingenieuren, die sich gegen eine Uni-Laufbahn (nicht gegen eine Wissenschaftslaufbahn!) entscheiden wäre unsere Wirtschaft bei weiten nicht so leistungsfähig. In vielen (technologielastigen) Firmen findet man ab einer bestimmten Ebene nur noch Promovierte, und die Fähigkeiten, die sie an der Uni erlernt und trainiert haben (Selbstorganisation, wiss. Arbeiten, Vortrag, …) sind dort auch essentiell.
Last not least: Ich hatte meine erste unbefristete Stelle mit 40, und die Anzahl meiner Publikationen hat seitdem etwas nachgelassen. Das liegt aber nicht daran, dass ich nicht motiviert bin, sondern, dass ich eher Veröffentlichungen meiner Mitarbeiter anschiebe und zeitlich dazu nicht mehr in der Lage bin mehr zu veröffentlichen. Als Doktorand arbeitet man an einem Projekt (allein) und da entsteht pro Jahr einiges. Als Manager (und zähle ich viele Profs dazu) hat man oft 10-20 Projekte gleichzeitig, und darunter leidet der Output in den einzelnen Projekten.
Tjaja, so ist das…niemand weiß, wie lange er das Geld haben wird, den entsprechenden Mitarbeiter zu bezahlen, Stellen werden ausgeschrieben und erst nach bis zu 12 Monate langen Auswahlverfahren besetzt, wahrscheinlich mußte man erst auf den neuen Kollegen sparen.
Derzeit schreibe ich meine Doktorarbeit, Details zur Finanzierung durch Prostitution kann man sich im Internetradio wüste Welle in der Rubirk Bildung anhören.
Der Grund für all das: in der Bildung steckt zu wenig Geld.
Natürlich gibt es befristete Forschungsprojekte, allerdings sollte es trotzdem möglich sein, Wissenschaftler dauerhaft und vielfältig an einer Hochschule einzusetzen. Zumindest manchmal.
Sicherlich motiviert eine Befristung schon, Publikationen im entsprechenden Zeitrahmen zu erstellen, dafür dann auch viel mehr zu arbeiten und sich mehr zu engagieren. Was aber hier noch keiner erwähnt hat, ist, dass der unbefristet eingestellte Mittelbau den befristet eingestellten Mitarbeitern enorme Mengen an bürokratischer und organisatorischer Arbeit abnimmt und sie auch mit Knowhow und Wissen über bereits gescheiterte Ideen oder potentiell gute Ansätze versorgen kann (vorausgesetzt es herrschen gute Bedingungen zur Zusammenarbeit). Aus meiner Erfahrung in Industrie, Uni und außeruniversitären Instituten kann ich sagen, dass die Infrastruktur sich nicht nur in Geräten und Materialien, sondern auch durch vorhandene “Erfahrung” widerspiegelt.
Was auch noch keiner erwähnt hat, ist der schwer zu realisierende Übergang von der reinen Wissenschaft in anwendungsbezogene Bereiche bzw. in die Industrie und umgekehrt. Da scheinen sich derzeit einige interessante Bestrebungen abzuspielen, die das hoffentlich verbessern. Wäre es nicht so, dass man mit knapp 40 Jahren aus der Wissenschaft kommend Angst haben muss, für die Industrie uninteressant zu sein (vielleicht weil zu theorielastig, zu wenig kundenorientiert oder zu wenig fähig nach strengen Ziel- und Zeitvorgaben zu arbeiten – ob das nun wahr ist oder nur ein Vorurteil), dann könnte man auch besser mit der 12-Jahresregel umgehen.
Mein Fazit ist: in der Wissenschaft arbeitet man aus idealistischen Gründen, nicht für das Geld, sondern für den Zweck, die Erkenntnis, daher motiviert die meisten auch das Thema. Die Befristung kann verhindern, dass sich die Mitarbeiter auf der Stelle ausruhen, aber viele kluge idealistische Köpfe gehen aus diesem Grunde der Wissenschaft verloren, wie schade. Die wirklich schlauen Wissenschaftler, also high Potentials sind doch sowieso fast alle in der Industrie zu finden, wo sie für Ihre Opfer belohnt werden, auch wenn sie es gar nicht als Opfer empfinden.
Warum also nicht einen Kompromiss machen auf zwei Seiten: Sorgt für eine gewisse Kontinuität unterhalb der Professorebene, damit nicht so viel Wissen verloren geht und fördert gleichzeitig den Austausch mit der Industrie. Nicht nur den Wissenstransfer, sondern gerade den Transfer der Ressourcen. Vielleicht muss man sich dann nicht endgültig für eine Laufbahn entscheiden, sondern kann sich auch später (zum Beispiel nach der Familienzeit) noch einmal umorientieren.
@Thomas: Ja, die frustrierten A13er kenne ich auch. Aber die haben nicht denselben Frustrationshintergrund wie die heutige Generation, so dass Du hier leider zwei verschiedene Dinge durcheinanderwirfst. Wir reden hier und heute von allgemeinen Befristungen, die jeden treffen (übrigens auch W-Profs) und nicht von Wissenschaftlern, denen irgendwann mal eine Ratsstelle als Trostpflaster angeboten wurde. Die sind frustriert, weil sie keine Professur bekamen, sich aber meistens für entsprechend toll halten. (Ich habe zahlreiche A13er erlebt, die nach jahrelangem Ringen plötzlich immerhin Apl. Prof. werden durften – was haben die gejubelt. Da haben sie zwar nicht mehr Geld bekommen, aber durften endlich Prof sein – welch Freude …) Das ist aber freilich Frustration auf hohem Niveau. Diese Leute kenne ich also auch – aber sie dienen der Uni und der Allgemeinheit meist immer noch durch Lehre und Studi-Betreuung, was ja nicht nichts ist. Die Befristeten, von denen wir reden, dienen aber letztlich niemandem mehr im akademischen Betrieb – denn sie werden arbeitslos oder frustriert, weil sie etwas völlig anderes machen müssen. Das ist aber existenzieller Frust, kein Luxusnörgeln. Während ihrer Arbeit an der Uni sind sie wohl nur deswegen motiviert, weil das Prinzip Hoffnung überwiegt – noch steht das Ergebnis ja nicht fest. Ihre Enttäuschung und ihren Frust sieht dann (nach ihrem Ausscheiden) niemand mehr.
Über unmotivierte, aber immerhin versorgte Luxusnörgler zu diskutieren, ist also nicht zielführend. Das Ziel muss meiner Meinung nach lauten: Mehr Geld in die Wissenschaft! Befristungen nur als Leistungsüberprüfung, aber nicht als Selbstzweck! Die 12-Jahres-Regelung ist Unsinn. Tenure Track sollte der Regelfall sein. Wer gute Arbeit leistet, sollte ein Recht auf einen dauerhaften Arbeitsplatz haben. Da helfen uns auch keine forschenden Ich-AGs (@Jan). Wenn das alles so einfach wäre, bräuchte keiner den Rückhalt etablierter Unis und Forschungseinrichtungen, denn F&E kann man ja nach dieser Idee “mal eben” gründen und zum Erfolg führen. Wozu dann noch Milliarden für MPI und Co.? (Und selbst im Falle eines gut versorgten Profs, der eine eigene Firma hat: Warum bewirbt sich dann jemand wie Thomas Tuschl noch bei der Freien Universität Berlin? Recherchieren Sie mal. Sie werden staunen.)
Und: Firmenforschung ist keineswegs so frei wie Uniforschung. Wieviele Forscherstellen für Grundlagenforschung gibt es denn in den DAX30-Unternehmen?
Dass der Staat noch mehr bei Forschung und Lehre kürzen soll, kann ja wohl niemand ernsthaft verlangen. Fakt ist, dass es sich niemand mit potentiellen Chefs und Gutachtern verscherzen will und deshalb stillhält, solange er befristet tätig ist. Dass Profs später in vielen Fällen deutlich weniger Zeit zum Forschen haben, ist sicherlich richtig, aber das kann doch kein Argument gegen eine Entfristung sein. Denn für jeden Prof, der stöhnt, dass er nicht mehr forschen kann, weil die Gremienarbeit ihn auffrisst, nenne ich einen, der alles unter einen Hut bekommt. Das hat nämlich – welch Wunder – nichts mit “Können” zu tun, sondern vor allem mit “Wollen” …
Die Befristung in einer klar definierten Qualifikationsphase (wie einer Promotion) ist nicht zu beanstanden. Problematisch für die Betroffenen – wie auch für die Universitäten als Arbeitgeber – ist die generelle Befristung der Arbeitsverhältnisse, wenn auch diese von letzteren als zentrales Motivationsinstrument betrachtete wird. Am Beispiel eines wissenschaftlichen Assistenten mit einer befristeten 6-Jahresstelle (also einem vergleichsweise privilegierten Vertrag) möchte ich kurz drei verschieden Typen von Wissenschaftlern und ihren Umgang mit der Befristungsproblematik, i.e. der Entlassungsproblematik, skizzieren: Wissenschaftler A ist Phlegmatiker. Das Problem der Befristung kümmert ihn erst in den letzten Monaten des Vertrags, insgeheim hofft er auf ein Wunder (d.h. die Antragung einer unbefristeten Stelle an der Heimat-Universität, die selbsterklärend nicht eintreten wird). Nach Ablauf seines Vertrags wechselt er relativ klaglos in eine inferiore Position außerhalb der Wissenschaft oder – und das ist der fast der wahrscheinlichere Fall – orientiert sich in Richtung Hartz IV. Ob dieser Wissenschaftlertypus dazu geeignet ist, für die vielgeforderte internationale Spitzenforschung in Deutschland zu sorgen, sei dahingestellt. Wissenschaftler B ist herausragend (gehört also zu den erwähnten 5-10% der forschenden Spitze) und, was noch wichtiger ist, er ist ein Optimist. Für ihn steht es außer Zweifel, in Anschluss an die befristete Stelle auf eine Professur einzurücken. Er erreicht sein Ziel oder scheitert. Welche Möglichkeit die wahrscheinlicher ist, hängt stark vom Fach und nicht wesentlich von nicht-wissenschaftlichen Faktoren ab, die der Optimist nur partiell beeinflussen kann. Im Falle des Scheiterns, aber auch bei einer Wegberufung, geht er seiner Universität in jedem Falle verloren. Kann das im Interesse der betroffenen Hochschule sein? Wohl kaum. Da es in Deutschland aber derzeit noch keine echte Konkurrenz unter den Universitäten gibt, ist dieses Problem wenig relevant. Alle Unis sind gleich – je nach Sichtweise – gut oder schlecht. Wissenschaftler C ist fähig, gehört aber nicht zur absoluten Spitze. Er ist Realist. Er ist sich der Befristung vom ersten Tag an bewusst und richtet sein Handeln danach aus. Im Bewusstsein des (von seiner Leistung unabhängigen) Rauswurfautomatismus’ entwickelt er keine Bindung zu seiner Universität, entsprechend verweigert er jegliches Engagement (Lehre!), das nicht seinem eigenen Weiterkommen dienlich ist. In den beiden letzten Jahren seines Vertrags fokussiert er seine ganze Energie auf die Suche nach neuen beruflichen Optionen, i.d.R. außerhalb der Universitäten. Kann das der Sinn einer Befristungsregelung sein?
Wie ließe sich das Dilemma lösen? Sinnvoll wäre sicherlich die generelle Einführung eines tenure tracks für Positionen unterhalb der Professur, wobei die Bedingungen für eine Entfristung durchaus selektiv (und der Anzahl der zur Verfügung stehenden Stellen angepasst) sein sollten. Damit wäre für den Wissenschaftler ein klares Ziel gesetzt, und die Universität könnte bei entsprechender Eignung „ihre“ Wissenschaftler an sich binden. Bleibt die Frage nach einer potentiellen Abnahme der Motivation nach der Entfristung. Wie funktioniert das außerhalb der Universitäten, in der freien Wirtschaft? Dort ist die unbefristete Stelle der Regelfall. Unbefristet aber nicht unkündbar! Warum ließe sich ein vergleichbares Vertragsmodell nicht auch im öffentlichen Dienst etablieren? Vielleicht weil die Entscheidungsträger gerade auf die sie selber betreffende Kombination Entfristung/Unkündbarkeit nicht verzichten wollen?
Gerne würde ich hier in Frage stellen, ob denn überhaupt Motivation die maßgebliche Größe und die Begründung für Befristungen von Stellen im universitäten Mittelbau bildet. Die finanzielle Größe ist sicherlich gleichfalls nicht zu unterschätzen. Anhand eigener Anschauung kann ich berichten, dass auch der Etat sich mittels Kürzungen von 100%-Stellen auf 75% oder gar 50% der wöchentlichen Arbeitszeit regulieren lässt. Ein befristetes Arbeitsverhältnis kann ohne Kündigung problemlos auslaufen und die Verlängerung oder Neubesetzung einer Stelle dann eben gegebenenfalls bestens nach zuvor genannter Manier geplant werden, wenn die Stelle nicht gar ganz dem Rotstift zum Opfer fällt. Dies sei zu bedenken.
System und Artikel sind an Zynismus kaum zu überbieten.
Jeder private Arbeitgeber , der so agieren würde, wäre ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Aber staatliche Universitäten dürfen das, um die etablierten Bonzen und ihre Büttel (natürlich in Festanstellungen) üppig zu alimentieren.
Ich wünsche dem Autor dieses Artikels sowie den Urhebern, Unterstützern und Profiteuren dieses armseligen Systems von Herzen folgendes:
“Lernen Sie das Gefühl schätzen, vor dem Abgrund zu stehen – es könnte Sie vor künftigem Größenwahn bewahren. Denken Sie auch an den vielleicht bevorstehenden glücklichen Moment, wenn es in letzter Sekunde doch noch mit dem Stipendium oder der Verlängerung klappt, und lernen Sie, falls er denn tatsächlich kommt, Freude und Dankbarkeit in einer ganz neuen Dimension kennen.”
MfG
Herr oder Frau Wechselreiter,
ich freue mich, dass Sie sich in Form des Zitates meinem Wunsch anschließen, denn es hilft wirklich nichts, die Unwägbarkeiten des deutschen Hochschulsystems zum Anlass zu nehmen, in Zynismus, Bombenwerferstimmung oder Hoffnungslosigkeit zu verfallen oder Szenarien von Bonzen und Bütteln zu zeichnen. Die Suche nach Schuldigen ist immer nur der Trostpreis, und wer will den schon.
Statt dessen scheint es mir für das Individuum – und an diese richtet sich der Artikel primär – erst einmal ratsam, die gegebenen und m.E. kritisierenswerten und veränderungsbedürftigen Bedingungen des Systems in der akuten Situation vorübergehend hinzunehmen und für sich selbst das Beste daraus zu machen. Aus manch einer schrecklichen Situation lässt sich “trotzdem” noch ein Fünkchen Gutes entnehmen, und darin liegt dann die Stärke des Individuums, und dafür plädiert dieser Artikel.
Dass dies für die Systemebene keine verantwortungsvolle Lösung ist, dürfte aus dem Artikel und den hier versammelten Kommentaren hervorgehen. Die Verantwortungslosigkeit des, wie Sie es nennen, “armseligen” Systems, zeigt sich ja auch gerade in den verletzten Gefühlen derjenigen, die ohne eigenen Wunsch, ohne eigenes Verschulden und ohne schlechte Leistungen aus dem System fallen.
Nicht dass die Parole “Dauerstellen für alle!” ausgerufen werden sollte – aber im Mindestfall sollte sich das System mehr um diese Übergänge kümmern. Wenn schon nicht genug Stellen und damit nicht genügend Perspektiven vorhanden sind, dann sollte dies auch klar kommuniziert werden und ein Angebot bestehen, damit eine Vorbereitung für alternative Perspektiven (“Plan B”) erfolgt. Die Verantwortung hierfür liegt bislang ganz alleine beim Individuum, doch es ist Zeit, dass sich auch “das System” in Erscheinung der einzelnen Hochschule stärker hieran beteiligt. Deutlich stärker, nicht symbolisch durch ein paar Angebote für 10 %.
Auch hierzu finden sich interessante Zahlen in der ver.di-Studie, die weiterhin unter http://biwifo.verdi.de/publikationen/anstoesse zum Download oder direkt bei ver.di zu bestellen ist.
Aufgrund der überwältigenden Resonanz dieser Nachricht aus meiner kleinen Elfenbeinwelt werde ich in den kommenden Monaten noch weitere Nachrichten auf Basis dieser Studie senden. Ich bedanke mich bei allen Kommentatorinnen und Kommentatoren!
Ich kann am 23.03.2009 http://biwifo.verdi.de/publikationen/anstoesse/data/anstoesse_mittelbau.pdf nicht öffnen.
Bei http://biwifo.verdi.de/publikationen/anstoesse/data/anstoesse_beschaeftigungsbedingungen.pdf dagegen gelang es mir zur gleichen Zeit.
@Jens, @bleistifterin und andere:
Leider haelt auch das Geruecht mit der nicht beachteten Familien- und Sozialsituation einer Realitaetsueberpruefung nicht stand. Das Hochschulrahmengesetz schreibt vor, dass Familenerziehungs- und Pflegezeiten sowie andere besondere Situationen recht grosszuegig bei der Befristung berucksichtigt werden muessen. Siehe dazu unter Paragraph 57b, Absatz (4):
http://www.bmbf.de/pub/hrg_20020815.pdf
Wer fuer die Kindererziehung (bis zu 18 Jahren) eine Reduzierung der Stundenzahl um nur 20% in Kauf nimmt, kann sich die gesamte entsprechende Dauer auf die Befristung anrechnen lassen. (Bis zu zwei Jahren.) Zusaetzlich wird auch eine Elternzeit komplett angerechnet. Das Gleiche gilt fuer die Pflege von Angehoerigen.
Das deutsche Hochschulsystem macht eine Familie unmoeglich? Mitnichten! Vielmehr ist das eine persoenliche Entscheidung. Unsicherheiten und Unplanbarkeiten gibt es in allen Karrieren und Branchen. Wer darauf wartet, eine sichere und gut bezahlte Lebensstellung mit viel Freizeit zu bekommen, bevor man mit der Familienplanung anfaengt, kann u.U. mal locker bis zur Rente warten. Das ist nichts uni-spezifisches.
Nein – und da mir weiter oben auch die entsprechenden Nettigkeiten an den Kopf geworfen wurden, jetzt mal Klartext: Das sind eben die zwei Phasen des emotionalen und mentalen Selbstbetrugs, wenn es mit der akademischen Karriere nicht so klappt, wie geplant: 1) Wenn man nicht in Deutschland waere, waere Alles viel leichter. Warum ist man dann nicht schon lange im Ausland? 2) Das akademische System macht mir meine Lebensplanung zunichte. Wem es an der Uni mit einer Befristung auf skandaloese 12 Jahre zu stressig ist, kann sich ja in der freien Wirtschaft umtun. Da wird man – gerade als Berufsanfaenger bzw. Quereinsteiger – ja sehen, wie umfangreich dort auf die persoenliche Lebensplanung Ruecksicht genommen wird.
Nein, es gibt natuerlich Einiges zu verbessern. Bei Vielen scheint mir aber, dass es mit der Mentalitaet ein grundlegendes Problem gibt. Wenn ich schon lese, dass als einzige Alternative zur erhofften gemuetlichen Uni-Dauerstelle die “Flucht in den Schuldienst” fuer denkbar gehalten wird, muss man sich schon fragen, was hier die prinzipielle Einstellung zur wissenschaftlichen Karriere ist.
Lieber Jan,
im Großen und Ganzen sind die Anmerkungen zur Familienplanung schon richtig. Als direkt familienfreundlich würde ich unser akademisches Milieu trotzdem nciht bezeichnen.
Eines stört mich hier aber sehr: Wir sollten die beiden Formen von Befristung nicht in einen Topf werfen. Konkret befristete Verträge sind das eine – und sicherlich in der “freien Wirtschaft” auch nicht unüblich. Die generelle Befristung der wissenschaftlichen Tätigkeit als solcher durch eine beknackte Regelung, deren Intention es ursprünglich mal war, nach 12 Jahren der befristeten Anstellung Festeinstellungen zu erzwingen, richtet sich gegen die, zu deren Schutz sie mal gedacht war. In der Wirtschaft werde ich irgendwann nicht mehr eingestellt, wenn der Arbeitgeber nicht will. In der Wissenschaft werde ich vielleicht irgendwann nicht einmal mehr befristet eingestellt, weil der Arbeitgeber nicht darf. Und das, ich bitte um Entschuldigung, empfinde ich tatsächlich als skandalös und latent demotivierend.
Zweitens, von viel weiter oben: Wer hat denn jemals behauptet, dass es im Ausland viel besser sei? Man kann genau nachlesen, wo uns dieser Anwurf zum ersten Mal vor den Kopf geknallt wurde: “Und es faellt natuerlich wieder einmal auf, dass insbesondere die “besonders schlimmen” Zustaende in Deutschland angeprangert werden. Am lautesten sind dabei natuerlich wieder die, die offenbar (ausser bestenfalls ein paar Monaten Studentenaustausch) das wahre Leben in anderen Wissenschaftssystemen noch nie kennengelernt haben.” Zu diesem Zeitpunkt hatten sich vier Personen zu Wort gemeldet. Der Autor des Beitrags, der vom Ausland wirklich nirgendwo geschrieben hat, meine Wenigkeit, dito – und Christoph Meyer, der am King’s College in London arbeitet und damit als gemeinte Person auch nicht in Frage kommt. Was also war das für eine Aussage? Selbstironie? Sorry, habe ich tatsächlich nicht kapiert.
Nur um Missverständnisse zu vermeiden:
In der berichteten Studie standen nicht die durch das HRG festgelegten Grenzen von 6 bzw. 12 Jahren (15 in der Medizin) und bei Drittmittelprojekten sogar beliebig darüber hinaus zur Diskussion, sondern es ging vielmehr um die jeweils aktuellen Verträge bzw. Stipendien der Befragten. Deren Laufzeit liegt mit gut zwei Jahren (exakte Zahlen folgen in weiteren Veröffentlichungen) im Durchschnitt deutlich unterhalb der 6-Jahres-Frist und auch unter der Zeit, innerhalb derer eine “normale” Promotion zu schaffen ist. So werden aus theoretisch denkbaren 6 + 6 schnell einmal praktische 2 + 1 + 1,5 + 0,5 + 1 und so weiter.
35 % der befristeten wissenschaftlichen Mitarbeiter/-innen in der Stichprobe geben auch vor diesem Hintergrund an, einen Kinderwunsch schon einmal aus beruflichen Gründen aufgeschoben zu haben. Wenn jemand auf eine Familiengründung verzichtet, weil die Schwangerschaft länger dauern würde als die Restlaufzeit des Vertrages hergibt – dann scheint mir dies nicht nur eine Frage des persönlichen Geschmacks zu sein und auch kein Fall von Selbstbetrug, sondern eine Frage der Verantwortung. Und um die geht es.
Zum Vergleich:
Ich bin bei einer indonesischen Universitaet angestellt. In Indonesien werden Dozenten meistens nach dem Master/Magister oder manchmal sogar schon nach dem BA fest eingestellt. Die meisten bleiben dann ihre ganze Laufbahn lang (bis zur Pensionierung) an derselben Uni (oft ist das auch die Uni, wo sie vorher selber studiert haben). Wenn sie promovieren (was keineswegs alle machen), werden sie dafuer beurlaubt. Manchmal finanziert die Uni die Promotion, dafuer muss sich die/der Wissenschaftler verpflichten, danach soundsoviele Jahre an der Uni zu bleiben, die sie/ihn finanziert hat.
Es ist also so ziemlich das Gegenteil von Deutschland: die Unsicherheit in der Karriere ist kaum gegeben, man bleibt an Ort und Stelle, ist hoechstens zwischendurch mal ein paar Jahre in einer anderen Stadt oder im Ausland, um seinen Master oder Doktor zu machen. Die Gehaelter sind ziemlich lausig, aber einige Dozenten schaffen es ganz gut, hier und da dazuzuverdienen. Andere leben eben bescheiden. Aufsteigen in eine hoehere Gehaltsstufe kann man durch ein Punktesystem, bei dem Publikationen, Vortraege, die Teilnahme an Konferenzen etc. angerechnet werden.
Was die Qualitaet der Wissenschaft angeht, kann dieses System positiv genutzt werden: Ich kenne ein paar Wissenschaftler, die bestaendig und in Ruhe forschen und publizieren. Ohne staendige Befristung und den staendigen Druck, sich immer wieder bewerben und qualifizieren zu muessen, koennen sie ihrer wissenschaftlichen Neugierde frei und ungestoert nachgehen. Aber natuerlich ist das der Idealfall – dem die meisten Wissenschaftler nicht entsprechen. Bei vielen merkt man es an der Qualitaet ihrer wissenschaftlichen Arbeiten, dass sie kaum gezwungen sind, mit anderen zu konkurrieren. Das Punktesystem macht es ausserdem sinnvoll, moeglichst viele statt moeglichst gute Publikationen zu produzieren, in einer tendenziell noch extremeren Weise als das deutsche System.
Die Beziehung indonesischer Dozenten zu ihrer Uni mutet fuer mein Gefuehl oft sehr seltsam an. Man fuehlt sich als Vertreter oder Verteidiger der Uni, als Teil einer Art grossen Familie. Kritik wird selten nach aussen getragen. Und wenn jemand die Uni verlaesst, weil sich wo anderes ein besserer oder interessanterer Job bietet, wird das nicht selten als eine Art Treuebruch gesehen…
Ich finde es schon interessant mit welcher emotionalen Hitzigkeit diese Debatte teilweise geführt wird. Leider empfinde ich diese teilweise persönlichen Angriffe (wie so oft bei Blog-Diskussionen) als wenig hilfreich und zielführend. Allerdings zeigt diese Debatte, meiner Meinung nach, schön, wie sehr es an den dt. Hochschulen gärt und dass definitiv Änderungsbedarf besteht.
Ich möchte hier noch eine neue Idee zur möglichen Lösung des Problems vorschlagen. Könnte es evtl. sein, dass wir in D. unsere Doktoranden nicht selektiv genug auswählen? Meinem Eindruck nach ist es in D. vergleichsweise einfach eine Doktorandenstelle zu bekommen. Mit all dem Geld, dass z. Zt. in die Promovierendenförderung (Stichwort: Graduiertenschulen, -kollegs) fliesst, könnte man doch wunderbar ein Tenure-track-System finanzieren. Wir hatten in der Vergangenheit schon Schwierigkeiten überhaupt Bewerber für unsere Stipendien zu finden, weil es offensichtlich ein Überangebot an Doktorandenstellen (zumindest auf unserem Fachgebiet) gibt. Damit wird aber ein Bedarf geschaffen, für den, zumindest im dt. Uni-System, kein Bedarf besteht. Und daraus entstehen dann auch wieder die oben angesprochenen Ansprüche vieler Tausender auf Dauerstellen, die so nicht realisierbar sind. Die Weichen müssen also früher gestellt werden. Vielleicht würde sich das auch positiv auf die Betreuung der Doktoranden verbessern, wenn ihr Chef nicht 20 sondern 1-2 Doktranden hätte.
Ausserdem bin ich schon der Meinung, dass dieses System in dieser Form extrem hierarchisch und teilweise menschenunwürdig ist. Klar ist im Ausland nicht alles besser. Aber wir kann es denn bitteschön sein, dass ein Professor in D., der einer Studentin Sex gegen Noten anbietet, trotz Geld- und Bewährungsstrafe (siehe Spiegel-Online) nicht seinen heiligen Beamtenstatus verliert. Ich kenne Kollegen in den USA, die Besprechungen mit Studenten generell nur noch in von überall einsehbaren Glas-Cubicles durchführen, weil dort schon Verdachtsmomente für die Kündigung ausreichen.
Ich muss dabei Harry beipflichten, dass wir es mit Entscheidungsträgern zu tun haben, die ein berechtigtes Interesse daran haben, dass sich an diesem System nichts ändert. Der Mittelbau ist eben das Fussvolk, dass das Prestige des Profs erhöht und durch kurzfristige Verträge unter Kontrolle gehalten wird. Welcher Prof hätte es schon gerne, wenn plötzlich Leute auf seinem Fachgebiet selbstständig agieren könnten (und möglicherweise mehr publizieren als er/sie), aber nicht weisungsbefugt sind.
Die Machtfülle einiger dt. Profs, deren Lehrstühle ganzen Imperien gleichen, ist dabei international unnachahmlich.
Man braucht kein grosser Psychologe zu sein, um zu sehen, dass es für das berufliche Selbstverständnis eines Uni-Mitarbeiters einen Unterschied macht, ob er/sie ewig vom Prof abhängt (wie in D.) oder von der Uni angestellt wird (zB UK). Zur Frage des Zusammenhangs von Befristung und Motivation: Als hauptsächlicher Motivator scheint mir in D. die Angst vor Arbeitsplatzverlust zu herrschen. Dass chronische Angst aber langfristig zu Leistungs- und Gesundheitseinbußen führt, dazu gibt es einschlägige Studien (nicht nur mit Ratten).
Wenn ich dann das Output von “Mittelbaukollegen” aus England oder Holland anschaue, dann gibt es dort zwar auch ein paar schwarze Schafe, die sich auf ihrer Entfristung ausruhen. Die überwiegende Mehrheit aber, publiziert wie die Weltmeister mit der nötigen Ruhe und Gelassenheit die kommt, wenn man sich nicht jedes halbes Jahr um seine berufliche Zukunft sorgen muss.
Es gibt also für mich keine Alternative zu einem Tenure-track-System (an UK angelehnt), wenn wir verhindern wollen, dass die guten Leute ins Ausland abwandern oder das Handtuch schmeissen. Wie man das durchsetzen kann, ist eine andere Frage und vielleicht einen neuen Blog-Eintrag wert.
Befristete Stelle ist nicht immer gleich befristete Stelle. Eine Stelle für 2 Jahre ist für viele schon eine unerreichbare Angelegenheit, man freut sich über eine Anstellung für ein Jahr. Unangenehm sind 6 Monate und richtig eng die Vertragsverlängerung für 3 Monate, wo man bei Vertragsunterzeichnung gleichzeitig ins Arbeitsamt muss. Direkt verstörend ist die Weiterbeschäftigung für einen Monat, wo sogar die Sachbearbeiterin betreten wirkt. Selbstverständlich wird an die Vertragsverlängerung immer das Versprechen geknüpft, dass “es irgendwie immer weitergeht, keine Sorge” aber gleichzeitig werden natürlich immer neue Auflagen (neue Aufgaben, neue Projekte) erteilt, damit es sich ja auszahlt, die Person weiter zu beschäftigen. Und das gilt leider nicht nur für Promovierende. Das mag typisch sein für Deutschland oder für drittmittelgeförderte Projekte an Universitäten, das kann ich nicht beurteilen, aber auf jeden Fall ist es eine Misswirtschaft und nicht sonderlich aufbauend.
Puuh… Keine leichte Frage, was denn nun wirklich besser ist… Muss jeder für sich selbst wissen…
Nicht nur der Mittelbau ist betroffen von Befristungen, an manchen Hochschulen
greift der Befristungswahn nun auch auf die Professuren über.
Neulich sprach ich mit dem Vorsitzenden einer Berufungskommission und fragte
ihn, warum denn eine der zwei ausgeschriebenen Professuren auf 4 Jahre be-
fristet sei, die andere aber nicht. Er sagte, das sei zum einen eine Spar-
maßnahme, weil man die zweite Stelle nicht unbefristet bewilligt bekommen habe.
Andererseits sei es in der Vergangenheit vorgekommen, dass sich die Berufungs-
kommission in ihrer Wahl des geeigneten Kandidaten geirrt habe. Mit dieser
Befristungsregelung hätten sie nun endlich ein probates Mittel, “Minder-
leister” wieder loszuwerden. Wohlgemerkt keiner der beiden ProfessorInnen
weiss, wen es nach diesen 4 Jahren treffen wird. Nur wenn beide Überdurch-
schnittliches leisten, sähe man eine Chance auch die andere Stelle zu ent-
fristen, garantieren könne und wollen man aber nichts. Was allerdings
“Überdurchschnittliches” für den Jeweiligen bedeuten wird, bleibt freilich
- sofern möglich – für die beiden Erstberufenen auszuhandeln. Wie die neuen
ProfessorInnen (sofern sie überhaupt Familie haben) diese Anforderungen dann
mit dem Prädikat “familienfreundliche Hochschule” in Einklang bringen werden,
dürfte ein mit Sicherheit herausforderndes Spagat darstellen.
Ich finde diese Art von Sich-beweisen-müssens schon eine ganz besonders
pikante Note in unserem deutschen Berufungszirkus und man kann aus dieser m.
E. unschwer erkennen, dass aufgrund des Missverhältnisses von Kandidaten zu
ausgeschriebenen Professuren und dem daraus resultierenden Konkurrenzdrucks
die Anforderungen stetig steigen werden. Und ich bin mir sehr sicher, dass
sich Menschen finden werden, die obiges Spiel mitspielen werden, koste es,
was es wolle.
Lieber Boris,
erst einmal mein Kompliment: Einen Eintrag zu schreiben, der zu über 40 Kommentaren führt, ist eine Leistung!
Nun zum Thema: Ich habe nichts gegen eine Befristung, denn auch hier gilt der Grundsatz von Angebot und Nachfrage! Die Stelle wird mit dem Bewerber ausgefüllt, die die ausschreibende Institution verdient.
Wenn eine WiMi-Stelle mit 50% für ein Jahr ausgeschrieben wird, dann bewerben sich dort nur „Wissenschaftler“, die gerade keinen Job bekommen und eine Überbrückung suchen. Das sind sicher nicht die besten. Eine 50%-Stelle für drei Jahre bedeutet für mich, dass mein Arbeitgeber von mir erwartet, dass ich in drei Jahren promoviere und dass mache ich dann auch in erster Priorität (ich selbst habe 2,5 Jahre gebraucht). Dass das zu Lasten der Qualität der Lehre oder der Unterstützung des Professors geht, war doch mit der Ausschreibung so beabsichtigt, oder?
Gleiches gilt für eine Juniorprofessur, die gegen alle Absichten ihrer Einführung nicht als Tenure Track ausgeschrieben wird. Hier will der Arbeitgeber, dass ich in (z.B.) drei Jahren habilitiere und alle restlichen Verpflichtungen vernachlässige.
Fazit: Jammern hilft gar nichts. Grundsätzlich bekommt jede(r), die (der) sehr gute Arbeit leistet, auch eine sehr gute Stelle (so ist es auf jeden Fall in meinem Bekanntenkreis). Es sei denn, man verkauft sich schlecht. Wer so einen „unsittlichen“ Vertrag bekommt, der sollte diesen auch genau so erfüllen, nämlich unsittlich. Auch der hier propagierte Egoismus sicher reichlich Verurteilung ernten wird, so ist er doch das einzige Mittel, dass die Arbeitgeber zum Umdenken bewegen kann: aus schlechter Lehre folgt schlechtes Ranking folg weniger Mittel folgt Untergang. Das alles passiert auf Kosten der Studenten, meinen Sie? Stimmt, leider! Dass sollte aber (die-) derjenige bereits erahnen, (die) der solche Stellen ausschreibt.
Vorschlag: bietet den Menschen Stellen mit Perspektive. Auf einer ganzen Stelle kann jeder innerhalb von 5 Jahren promovieren. Eine Juniorprofessur wurde gerade dazu geschaffen, auch an Universitäten junge, dann aber nicht-habilitierte Wissenschaftler zu halten. Wieso sollten diese Stellen ohne Tenure Track ausgeschrieben werden?
Eine Sache noch: wen bekommt man denn für eine befristete Professorenstelle? Natürlich nur einen Berufseinsteiger, der erst einmal nimmt was er kriegen kann und der dann ggf. nach einem halben Jahr wieder weg ist, weil er woanders eine unbefristete Stelle bekommt. Dass sich dieses Verfahren nachhaltig negativ auf Forschung und Lehre auswirkt ist doch offensichtlich, also gewollt.
Ja,
ich bin auch ganz begeistert über so viel Resonanz und danke allen, die sich an der Diskussion beteiligt haben und weiterhin beteiligen.
Die Idee der “Selektion der Besten” durch Befristung hält sich im System hartnäckig. Die alternativen Ideen, dass durch Befristung entweder Abstriche an anderer Stelle gemacht werden (Motto “unsittlichen Vertrag durch unsittliche Leistung beantworten”) oder dass “die Besten” irgendwann keine Lust mehr auf befristete Verträge haben und woanders hin gehen, mögen schon viele Individuen für sich erkannt haben. Aber das System handelt noch nicht entsprechend, vgl. das Beispiel mit den Juniorprofessuren.
Meine Hoffnung liegt darin, dass durch die derzeit laufenden Forschungsprojekte über die Situation des sogenannten “wissenschaftlichen Nachwuchses” (z.B. in Bielefeld, Hamburg, Rostock) transparenter wird, welche Folgen der Befristungszirkus wirklich hat – und dass mit allerlei Illusionen aufgeräumt wird. Inklusive der Vorstellung, dass die Befristung Geld spare und zugleich Qualität sichere. Die wenigen bislang vorliegenden Zahlen, Daten und Fakten sprechen jedenfalls dagegen…
Nur mal meine ganz persönliche Erfahrung mit der Befristung:
Meine bisherigen Vertragszeiten: 2 Jahre + 1 Jahr + 1 Jahr + 13 Monate Arbeitslosigkeit + 2 Jahre + 3 Monate Arbeitslosigkeit + 6 Monate. Seitdem wieder arbeitslos.
Mit Ausnahme der letzten waren alle Tätigkeiten zu 100% durch Drittmittel finanziert. Die ersten drei Jahre nutzte ich zur Promotion. Damals machte mir die Befristung auch noch nicht viel aus. Mittlerweile hat sich das sehr geändert. Seit der ersten Arbeitslosigkeit begleiten mich Depressionen, die sich mit jedem näherrückenden Vertagsende verstärken (zugegeben, manch anderer würde mit der Situation vielleicht besser zurechtkommen). Dass darunter die Motivation extrem leidet, ist wohl nicht überraschend. Da ich mittlerweile auch ein Alter erreicht habe, wo ein Wechsel in die Wirtschaft vielleicht gerade noch möglich ist (unter völliger Aufgabe meiner bisherigen Grundlagenforschung, womit die in acht Jahren angesammelte Expertise auf dem Gebiet dann auch überflüssig wird), stehe ich vor der Entscheidung einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen.
Letzter Versuch war eine Bewerbung auf eine zur Entfristung vorgesehene Position im akademischen Mittelbau (ein Traum). Noch bevor das Bewerbungsverfahren abgeschlossen ist, hat die Universität jedoch beschlossen, die Stelle dauerhaft zu befristen.
Teilweise ist mit der Befristung auch ein Instituts- oder Universitätswechsel verknüpft und sicher ist es auch von Vorteil, seinen Erfahrungshorizont auf diese Weise zu erweitern, aber auch hier gibt es Grenzen. Für manchen ist es nicht schön, ständig in einer neuen Stadt von vorne anzufangen. Dazu kommt auch, dass häufige Institutswechsel oder die Unsicherheit, ob ein Vertrag verlängert wird, nicht unbedingt dazu anregen, sich persönlich für das Institut oder die Universität zu engagieren, denn oft weiß man nicht, ob man noch lange genug da sein wird, um zu sehen, wie dieses Engagement Früchte trägt. Ich habe mich trotzdem engagiert und fand es deswegen dann doppelt schade, den Arbeitsplatz zu verlassen.
Mein persönliches Fazit: Für eine langfristige Perspektive bleibt letztlich wohl nur, der Wissenschaft den Rücken zu kehren, wie das schon zahlreiche meiner Kollegen getan haben.
Ganz ehrlich, dass motiviert doch keinen, sondern mancht nur die glücklich, die änger warten können, wie die Guten! Schade für Deutschland
Ich bin ganz klar einer derjenigen, den Befristungen extrem demotivieren. Deshalb bin ich auch ins Ausland auf eine Tenure-Track-Stelle gegangen.
Bedauerlicherweise gibt es in Deutschland noch keine Studien, die sich mit “Aussteigern” aus der Elfenbeinwelt befassen: Warum sind sie gegangen? Freiwillig? Gibt es Anhaltspunkte, dass sie die sogenannte “Selektionsphase” mangels Qualität oder Engagement nicht überstanden haben, oder handelt es sich um Menschen, die nicht bleiben konnten oder nicht bleiben wollten – obwohl sie “gute” Forschende und/oder Lehrende sind, waren oder gewesen wären?
Solange hier keine Daten vorliegen, halten viele an der schmeichelhaften Hypothese fest, dass die, die immer noch da sind, eben die besten seien. Alle Daten und Eindrücke, die ich bislang habe, sprechen allerdings eher dafür, dass dieses “Selektionsverfahren” fehlerhaft ist, und dass es mindestens die “genau so guten” sind, die das deutsche Hochschul-/Wissenschaftssystem verlassen. Nicht selten sogar die “besonders guten”, die irgendwann nicht mehr bereit waren, unter solch widrigen Bedingungen weiter zu machen. Wer schreibt mit mir einen Forschungsantrag? Das BMBF ist doch bestimmt an solcher Untersuchung interessiert… oder?
Eine solche Studie wäre sehr interessant! Ich selbst stelle im Ergebnis von 18 Jahren befristeter Tätigkeit fest, dass sich infolge des ausufernden Befristungssystems ein eigener Arbeitsmarkt in der Wissenschaft entwickelt. Hier gibt es eine ganze Reihe von Ungleichheiten. Ein Aspekt sind die sehr unterschiedlichen Bedingungen, unter denen befristet angestellte Wissenschaftler arbeiten und die sich gravierend auf ihre wissenschaftliche Tätigkeit auswirken: Die einen schreiben selbst Anträge und Berichte, um Drittmitel für ihre Projekte einzuwerben, andere werden in bereits laufende Projekte eingestellt und können ihre gesamte Zeit für die wissenschaftliche Arbeit nutzen. Dem gegenüber steht die einheitliche Bewertung durch die Anzahl von Publikationen. Die Aussicht auf neue Projekte oder gar eine Entfristung hängt jedoch stark von der Publikationsliste ab .. Wie gehen andere mit dieser Situation um?
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