Was ist eigentlich Erfolg in der Wissenschaft? Gemeint sind jetzt nicht Erfolge auf der Metaebene – bessere Gesundheit, Umweltschutz, Mobilität und so weiter. Nein, ganz konkret, bezogen auf den Arbeitsalltag eines Forschers: Was ist (ein) Erfolg?
Ist formaler Erfolg gemeint? Die bestmögliche Note im Promotionsverfahren, bewilligte Forschungsprojektanträge, Angebote für Buchveröffentlichungen und Papers, Einladungen zu Konferenzen, Tagungen und Veranstaltungen? Aufstieg in Hierarchien und Tarifstufen, Leitungsfunktionen, Verantwortung für Personal, Finanz- und Sachmittel? Ein schneller Ruf auf eine veritable Professur?
Oder ist heutzutage doch eher wirtschaftlicher Erfolg entscheidend? Eine sichere Stelle, zusätzliche Angebote wie Beratungen, Begutachtungen oder Expertentreffen? Vielleicht sogar so viele Angebote, daß man einige davon schon zu Beginn einer wissenschaftlichen Karriere ablehnen muss und die Qual der Wahl hat? Kurz: Das Gefühl, gut versorgt zu sein?
Oder ist es doch eher inhaltlicher Erfolg? Wenn man merkt, daß die eigenen Ideen von anderen Menschen – nicht zwangsläufig nur Wissenschaftlern – angenommen werden? Oder wenn man sieht, daß man bereits viele Jahre vor anderen Experten auf ein Thema aufmerksam geworden ist und sich diesem gewidmet hat, man also den “richtigen Riecher” hatte? Vielleicht zählt ja auch die Tatsache, daß man Teil eines sehr engagierten und äußerst erfolgreichen Teams von Forschern und Dozenten ist, welches Studierende und Absolventen zu neuen Höchstleistungen treibt und man somit einen kleinen Beitrag zu diesen Ergebnissen geleistet hat?
Schließlich ist da noch der etwas subtilere Erfolg, der sich gern den üblichen Kategorisierungen entzieht: Die Freiheit von starren Arbeitszeitregelungen, weil man halt lieber vier Tage in der Woche von 11 bis 22 Uhr und nicht so gerne an fünf Tagen “nine-to-five” arbeitet. Das Vergnügen, mit überdurchschnittlich intelligenten Menschen zusammenzuarbeiten, die inspirierend und fordernd zugleich sein können. Der ständige Wechsel zwischen Teamarbeit und Soloprojekt, zwischen Projektstart und -abschlußphase, zwischen Vorfreude und Anerkennung für Geleistetes.
Letztlich ist wohl zumindest klar, daß sich Erfolg in der Wissenschaft nicht mehrheitlich auf einen Aspekt beschränken läßt und sowohl durch objektiv-kollektive als auch durch höchst individuelle Elemente auszeichnet. Oder anders gesagt: Wissenschaftlicher Erfolg wird zunehmend vielfältiger. Die vielbeschworene (und desöfteren auch gescholtene) Management-Komponente hat mit Sicherheit an Gewicht gewonnen, ebenso die wirtschaftliche Komponente, da viele Stellen – selbst Professuren – immer öfter befristet und fragil sind. In Zeiten populärer Work-Life-Balance-Diskussionen wird auch den subtilen Erfolgsdefinitionen zunehmend Beachtung geschenkt. Daß damit die klassische inhaltliche Komponente eine andere Rolle als noch vor einigen Jahren spielt, dürfte wohl unbestritten sein. Eines steht immerhin fest: die gewandelte Rolle des Wissenschaftlers wurde um einen weiteren Aspekt bereichert: die Notwendigkeit, Erfolg zunehmend selbst zu definieren.
(Dieser Beitrag ist der dritte Teil aus der Rubrik “Wir forschen”, in der die vielbeschworenen Freiheiten der Forschung etwas genauer unter die Lupe genommen werden. Der zweite Beitrag erschien am 21. Juli 2009.)


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Kommentare (1)
Die Frage nach der wirtschaftlichen Sicherheit hat definitiv zugenommen. Wenn es häufig nur noch Projektmittelstellen gibt, verbringt man zu viel Zeit mit Antragstellungen. Ich würde es auch als Erfolg bezeichnen, wenn man einfach im Rennen bleibt und weiterarbeitet. Schade, dass häufig soweit gekommen ist.
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