Es war einmal eine Nachwuchwissenschaftlerin. Sie war klug, hübsch und 29 Jahre alt. Sie stand kurz vor dem Abschluss ihrer Promotion und hatte sich bislang sehr gut geschlagen. Auch mit ihrem „Arbeitsplatz Hochschule“ war sie recht zufrieden – ein nettes Team, ein unterstützender Chef, und ihre Aufgaben in Forschung und Lehre machten ihr Spaß. Sie konnte sich gut vorstellen, ihre Karriere in der Hochschule fortzusetzen, gerne als Dozentin, vielleicht eines Tages als eine der zahlreicher werdenden Professorinnen in ihrem Bereich.
Und doch trübte ein Schatten ihr unbeschwertes Hochschuldasein: Ihr bislang unerfüllter Kinderwunsch. Zwar kam es ihr manchmal vor, als sei ihre Dissertation wie ein Baby, das ständige Aufmerksamkeit, unendliche Hingabe und ihren vollen Einsatz forderte. Doch noch viel mehr wünschte sie sich auch ein echtes, lebendiges, lachendes und weinendes Kind. Oder vielleicht sogar zwei. Aber wie sollte das gehen – diplomieren, promovieren, habilitieren – und gleichzeitig Kinder kriegen?
Wie viele Dozentinnen und Dozenten mit Kind kennen Sie? Und wie viele ohne?
Hand aufs Herz: Wie viele Dozentinnen (oder Dozenten) kennen Sie, die ein Kind haben? War dies mit einer Karrierepause verbunden, und falls ja: Wie ist der Wiedereinstieg verlaufen? Nehmen sie das Kleine ganz unbefangen mit ins Institut, ins Selbstverwaltungsgremium, in die Lehrveranstaltung? Gibt es an Ihrer Hochschule Betreuungsmöglichkeiten und auch die nötige Offenheit und Flexibilität, um gleichzeitig in der Wissenschaft zu arbeiten und sich um die Versorgung und Erziehung zu kümmern?
Seit einigen Jahren gibt es das audit „familiengerechte hochschule“, an dem sich schon rund 100 Hochschulen beteiligt oder eine Teilnahme aufgenommen haben. Das ist auch nötig, denn um die Vereinbarkeit zwischen Wissenschaft und Elternschaft ist es bislang nicht allzu gut bestellt: Besonders während der sogenannten Qualifikationsphase, die sich bis Anfang 40 hinzieht und von befristeten Beschäftigungsverhältnissen dominiert wird, hat es der Nachwuchs des Nachwuchses schwer.
Vereinbarkeit von Wissenschaft und Elternschaft
In der von der Gewerkschaft ver.di initiierten Studie „Zwischen Karriereaussichten und Abbruchtendenzen“ wurden Nachwuchswissenschaftler/-innen an drei ausgewählten Universitäten befragt. Eines der Themen war ein etwaiger Kinderwunsch – und ob dieser gegenwärtig oder in der Vergangenheit aus beruflichen Gründen verschoben wurde.
Die Zahlen offenbaren: Der verschobene Kinderwunsch ist kein Randthema. Rund ein Drittel des wissenschaftlichen Nachwuchses gibt an, aus beruflichen Gründen ihre Pläne für realen Nachwuchs schon einmal verschoben zu haben (alternativ konnten auch private oder aber sonstige Gründe angegeben werden). Deutlich häufiger ist dies bei den Nachwuchswissenschaftlerinnen als bei ihren männlichen Kollegen der Fall: 27,9 zu 39,0 Prozent. Auch bei denjenigen Befragten, die bereits ein Kind oder mehrere Kinder bekommen haben, gibt rund ein Drittel eine zwischenzeitliche Verschiebung aus beruflichen Gründen an.
Richtig interessant wird es, wenn diejenigen herausgerechnet werden, die gar nicht Eltern werden möchten (Angaben „ich will keine Kinder haben“ oder „ich hatte bislang keinen Kinderwunsch“). Unter den Verbleibenden geben 53,7 Prozent eine durch ihre Arbeitssituation bedingte Verschiebung an.
Wenn aus diesen nochmals diejenigen herausgerechnet werden, die „trotzdem“ zwischenzeitlich Eltern geworden sind – sind es beeindruckende 70,5 Prozent, bei denen ein bislang unerfüllt gebliebener Kinderwunsch nicht etwa auf private oder sonstige Gründe zurückführen ist, sondern auf die berufliche Situation am „Arbeitsplatz Hochschule“: Befristung, Arbeitsbelastung, Gefährdung der wissenschaftlichen Karriere durch Babypause, unklare Betreuungsmöglichkeiten, Sorge vor geringer Akzeptanz junger Eltern (Motto „Ihr Privatleben hat in der Hochschule nichts zu suchen!“) und so weiter.
Da kommen Initiativen wie das audit „familiengerechte hochschule“ genau zur richtigen Zeit. Die rechtlichen und vertraglichen Rahmenbedingungen sind gar nicht so schlecht, und viele Hochschulen arbeiten bereits an einer Strategie für den Nachwuchs ihres Nachwuchses. Zu Recht, denn es gibt eine Menge zu tun. Der Bedarf an greifbarer Unterstützung, aber auch an ideeller Rückenstärkung für diejenigen, die Wissenschaft mit Elternschaft verbinden möchten, ist groß.
Aus den Erfahrungen unserer Vorfahren lernen
Verstecken Sie sich und Ihren Kinderwunsch nicht, weder vor sich selbst noch vor den anderen. Durchsurfen Sie die Internetseiten Ihrer Hochschule auf der Suche nach Unterstützung und fragen Sie ganz direkt nach, ob und welche Angebote es gibt. Finden Sie heraus, ob sich hinter den familienfreundlichen Aussagen Ihrer Hochschule großartige Visionen und konkrete Maßnahmen oder nur kleine Märchen verbergen.
Sie sind bei weitem nicht der Einzige oder die Einzige, der oder die über Kinder nachdenkt und die Bedingungen am „Arbeitsplatz Hochschule“ schwierig findet. Wenn genügend viele „verhinderte Eltern“ Fragen stellen, werden auch die zögerlichen Hochschulen anfangen, nach Antworten zu suchen. Nachwuchsförderung ist ihre Aufgabe – das steht sogar im Gesetz!
Und wenn Sie füchten, dass Ihre Dissertation doppelt so lange dauern wird, weil Sie Mutter oder Vater werden: Erfreuen Sie sich an all denjenigen, die auch ganz ohne Kind dreimal so lange gebraucht haben. Einen Grund gibt es immer.
Und denken Sie an unsere Vorfahren. Sie haben Kriege, Dürreperioden, Völkerwanderungen, Epidemien, Naturkatastrophen, Eiszeiten und Weltuntergänge erlebt und trotzdem auch in diesen Zeiten Kinder bekommen, deren Kindeskinder wir sind. Irgend etwas steckt in uns, das es uns ermöglicht, auch unter schwierigen Bedingungen ein zu Hause zu schaffen und den Kleinen einen Ort zu bieten, an dem sie willkommen sind und sich wohlfühlen. Machen Sie Ihre Hochschule familienfreundlich.
Die nächste Nachricht aus Schmidts kleiner Elfenbeinwelt erscheint voraussichtlich am 15. September 2009 zum Thema “Warum nicht Coaching?”



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Kommentare (11)
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Ich finde diesen Apell gut und richtig. Ich habe selbst zwei Kinder, bin Juniorprofessorin, und finde, dass sich Wisenschaft und Familie wunderbar vereinbaren lässt.
Nur der Anfang dieses Artikels irritiert: “Es war einmal eine Nachwuchwissenschaftlerin. Sie war klug, hübsch und 29 Jahre alt.” Dass diese Nachwuchswissenschaftlerin nicht nur klug, sondern auch hübsch ist, tut nichts zur Sache, oder?
Der Autor sagt: Das hängt ganz vom Blickwinkel ab. Im Märchen sind “die Guten” immer hübsch (ausgenommen Ausnahmen, die sind dann äußerlich nicht so hübsch, aber innerlich umso mehr) – und die eingangs gezeichnete Nachwuchswissenschaftlerin ist zweifellos ein von den Guten. Deswegen musste sie hübsch sein.
Die Vision ist, dass all diese Dinge, die auf den ersten Blick “mit der Sache nichts zu tun haben”, auch berücksichtigt werden, einen Platz haben und Respekt in der Hochschule finden: Wir haben es mit Menschen zu tun, die ein Aussehen haben, Gefühle, Motive, Hobbies, Marotten und so weiter. Die zitierte Haltung “Ihr Privatleben hat in der Hochschule nichts zu suchen!” gehört überdacht.
Ich habe lange überlegt, ob ich die bereits im ersten Entwurf enthaltene Charakterisierung als “hübsch” in dieser Nachricht belasse – und mich dafür entschieden. Lasst uns ansehen, wer da in der Hochschule vor oder neben uns sitzt. Wenn es uns gelingt, in jeder und jedem das Schöne zu sehen (im Märchen: sie “hübsch” fnden), dann sind wir dem Ziel einen riesigen Schritt näher…
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Wichtiges Thema, Ergebnis nicht überraschend. Nur der Fazit des Artikels liegt mir im Magen: “Kinderwunsch nicht verstecken”, “Fragen stellen” … Meine Frau und ich haben einfach Kinder gemacht – und sind beide nicht mehr an der Uni, während unsere kinderlosen Kollegen inzwischen eine Stelle haben. Wem soll ich bitte schön Fragen stellen? Von solchen Ratschlägen fühle ich mich echt veralbert.
Ist ja alles richtig, aber leider sollte man auch die “formalen” Regeln von den “informalen” Gepflogenheiten im Wissenschaftssystem unterscheiden.
Formal kann man Elternzeit nehmen, seine Dissertation aufschieben, mal zu Hause bleiben , wenn die Kinder krank sind usw…
Informal jedoch werden auf Post Doc Ebene jüngere BewerberInnen gegenüber älteren (mit Kind) bevorzugt, kaum in Rechnung gestellt, dass jemand , der “frei” ist ohne Rücksicht auf Verluste arbeiten und publizieren kann, während jemand mit Familie viel mehr eingebunden und verplant ist.
Dazu kommen Anforderungen wie Auslandsaufenthalte , die sich mit Familie deutlich schwieriger (schulpflichtige Kinder) bewerkstelligen lassen, als ohne “Anhang”. Das gilt im Übrigen nicht nur für Frauen.
Zudem frage ich mich, warum das Attribut “hübsch” im Artikel verwendet werden muss.
zu Thomas Rohark: Das Hochschulsystem, gerade das deutsche, ist sehr schlecht über sich selbst informiert. Es wird in der Regel nicht gefragt “Möchten Sie Kinder? Wie können wir Sie dabei unterstützen?” – Und weil das so ist, sehe ich als aussichtsreichsten Spielraum für das Individuum, ungefragt die Antworten zu geben. Wenn genügend Personen in den Hochschulverwaltungen nachfragen, wird die Sensibilität für das Thema wachsen. Wenn Sie vor dem Hintergrund Ihrer persönlichen Erfahrungen weitere Anregungen haben – immer her damit! Einfach nur ärgern und enttäuscht sein ist verständlich, reicht aber nicht aus, um die notwendige Veränderung in Gang zu bringen.
zu micha: Ja, die informalen Gepflogenheiten sind vermutlich am schwierigsten zu verändern, und der “Beruf Wissenschaft” ist per se schwer zu vereinen mit Familie und sonstigen außerwissenschaftlichen Interessen und Verpflichtungen. Ich sehe nur den Weg, immer wieder auf das Thema hinzuweisen und klar zu machen, dass wir es hier wirklich mit einem Problem zu tun haben, das nicht Einzelne, sondern große Anteile betrifft – aber zumeist unausgesprochen bleibt. Zum Attribut “hübsch” siehe oben. Im Märchen sind die Guten immer hübsch…
Es waren einmal fünf Freunde. Sie studierten ein angeblich gefragtes naturwissenschaftliches Fach und waren, jeder auf seine Weise kluge und gute Nachwuchswissenschaftler. Einer wechselte konsequenter Weise nach der Promotion an eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung und ist heute glücklich verheiratet, hat zwei Kinder eine Dauerstelle und ein Haus. Einer wurde nach einem Postdoc in USA Juniorprofessor und steht nach sechs Jahren als vielgelobter Nachwuchswissenschaftler vor dem beruflichen Aus als Wissenschaftler. Für Beziehung und Kinder war zuwenig Zeit in der vielgerühmten Qualifizierungsphase. Der dritte hat ein Kind und sah erst seine Frau in der Universität wegen dieses Kindes scheitern und dann seine Ehe, zerissen im Spagat zwischen Leistungsforderung und Familienzeit . Der vierte war lange mit einer Nachwuchswissenschaftlerin zusammen, die zunehmend verzweifelt ihren Kinderwunsch zugunsten ihrer Karriere an der Universität verschiebt. Heute sind beide immernoch kinderlos an weit entfernten Orten (etwa halber Erdumfang…) in befristeten Stellen tätig. Der fünfte besaß die Vernunft, Ehe und Kinder von sich zu weisen, solange er keine gesicherte Stellung erreicht hat. Er ist heute von beidem weiter entfernt denn je.
Noch Fragen? Ja, eine hätte ich noch: Ist dem Verfasser eigentlich bewusst, welcher Zynismus in dem Verweis auf unsere Altvorderen steckt, die trotz Krieg und Not Kinder zeugten und durchbrachten? Eine Gesellschaft, die ein so heißer Aspirant für den Darwinaward in der Kategorie Gesellschaftssysteme ist wie die unsere, sollte sich ein paar grundsätzlichere Gedanken machen.
ich glaube wissenschaft laesst sich mit familie vereinbaren – kurze einwoechige auslandsaufemnthalte auch – laengere ist sehr schwierig – aber was schwierig ist, dass man als Mutter mit Kindern nicht in das Bild eines Professors passt, dementsprechend die Chancen sind – das heisst man nicht nur die hoehere Belastung mit Kindern und Haushalt hat, sondern auch mehr publikationen nachweisen muss um auf denselben Stand zu kommen.
Ja, ich glaube auch, dass darin ein ganz wichtiger Punkt steckt: Im (universitären) Berufungsverfahren (gilt auch für Stellenbesetzungen geringeren “Ranges”) werden die eigentlichen “Kompetenzen” kaum geprüft (Wie gut führt diese Person Forschung durch, wie lehrt sie, wie führt sie “ihren Laden”?). Statt dessen steht die bisherige “Lebensleistung” in Form von Publikationen im Vordergrund, plus diffuse, bislang nicht näher untersuchte Eindrucksbildungen. Zu denen ganz bestimmt auch diverse “Vorurteilsfaktoren” zählen. Fortgeschrittenes Alter, Engagement auch außerhalb der Hochschulwelt, krummer Lebensweg, Kinder sind hierbei vermutlich “Negativ-Boni”, wollen also durch noch mehr “Lebensleistung” ausgeglichen werden.
Schade, dass sich das kaum empirisch untersuchen lässt, weil es kaum etwas Obskureres gibt als Berufungsverfahren… Falls jemand Ideen hat, wie etwas mehr Licht in dieses Dunkel gebracht werden kann – her damit.
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