Da müht man sich viele Jahre als Doktorand, WM, Postdoc auf Kurzverträgen, oder knechtet als Assistent, opfert Wochenenden, Freundschaften, Liebesbeziehungen und seine schlanke Linie – und bekommt endlich einen Ruf! Doch das vermeintliche Happy-End, die Oase am Ende der Durststrecke stellt sich erst einmal als gar nicht so paradisisch heraus: Von 0 auf 200 km/h katapuliert, trägt der Neuprofessor auf einmal Personalverantwortung für SekretärIn, WMs, Hilfskräfte, eine hohe Lehrverpflichtung, sieht sich mit den Erwartungen von hunderten Studenten gegenüber, ganz zu schweigen von den lieben Kollegen von denen ein Gutteil glaubt, dass man es nicht verdient hat oder zumindest noch nicht. Nicht allen Aspiranten ist klar, dass sie ein kleines Unternehmen zu leiten haben. Und wer mag schon klagen oder um Hilfe fragen, nachdem er/sie doch endlich den großen Preis gewonnen hat und eine neue Rolle überzeugend gespielt werden muss.
Die Diagnose Überforderung ist umso häufiger in einem stark zweigeteilten System mit wenigen Möglichkeiten der graduellen Beförderung wie dem Deutschen. Hier der Mittelbau, dort der „Überbau“, die Entscheidungsträger, die vornehmlich wegen ihrer Forschungsleistungen berufen werden. Soweit ich es von Kollegen in Deutschland beobachten kann, gibt es wenig Hilfe zu Fragen zu Themen wie Personalführung, Zeitmanagement, Gremienarbeit, Finanzen, Recht, Studienordnungen – alles Dinge, denen viele in ihrer normalen Arbeit als Habilitant oder reisender Postdoc kaum begegnen. Soweit ich es aus der Ferne beurteilen kann, wird nach wie vor vornehmlich nach Forschungsleistung rekrutiert. Warum kein System, das langsames Hineinwachsen fördert, Hilfen bietet und auch Persönlichkeiten fördert, denen gute Lehre und Betreuung, funktionierende Strukturen und gute Mitarbeiterführung ebenso wichtig sind wie Forschung? Vielleicht wären dann sogar die Bolognareformen besser geraten?


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Kommentare (17)
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Dennis Schäffer und Bernd Weiss, Stellen Wissenschaft erwähnt. Stellen Wissenschaft sagte: Glücklich Überfordert? Der Professur-Schock: Da müht man sich viele Jahre als Doktorand, WM, Postdoc auf Kurzvertr… http://bit.ly/dylTEN [...]
Ich stimme dem Kommentar voll zu. Allerdings hat man als Habilitand doch die Möglichkeit, schon mal all das kennenzulernen, was einen in einer Professur erwartet: nämlich als Vertretungsprof. Da erlebt man die Überforderung eben etwas früher. Schön auch, wenn die gerade freigewordene Stelle Begehrlichkeiten bei den Kollegen weckt, und man neben dem ganz normalen Alltag wie oben geschildert in die Verlegenheit kommt, Räume, Mitarbeiterstellen und Gelder verteidigen zu müssen, ohne dafür irgendeine Machtposition zu haben…
Vielleicht hat man da als frisch Berufnener wenigstens einen Vorteil.
Meinen Glückwunsch Christoph, ich glaube auch, dass du ins Schwarze getroffen hast. Für viele ist die Berufung der Traum, aber auf die Probleme die man lösen muss bereitet einen keiner vor. Man muss neben der fachlichen Qualität eben auch etwas von Führen und Strategie verstehen (das kann man schon fast militärisch sehen). Das wichtigste ist aber: Man muss die Ruhe weg haben, d.h. man muss mit sich im Reinen sein um die Aufgaben bewältigen zu können. Übrigens, wenn man in der Wirtschaft tätig ist, ist das auch nicht so verschieden. Häufig kommen Leute hier vom Dienen zum Führen von einem Tag auf den anderen. Da gibt es auch nur wenig Hilfe.
Hallo Christoph, ich stimme Dir zu, das ein langsames Hereinwachsen in und institutionelle Unterstuetzung fuer alle Fuehrungspositionen wichtig ist. Aber Deinem Artikelhaftet so etwas von ‘auch die Chefs haben es schwer’ an, was im Einzelfalle wahr sein mag, mir aber als ein wenig produktiver Gespraechsstrang erscheint. Vielleicht ist der wichtigere Aspekt der moeglichen Ueberforderung der, dass diejenigen, die nicht gut vorbereitet sind und/oder nicht unterstuetzt werden, ihre Verantwortung gegenueber anderen in meist viel unsicheren Positionen (Sekraetare [und -innen], WMs, Kollegen und vor allem Studierenden) nicht erfuellen, was oft viel schlimmere Folgen fuer die Betroffenen als fuer die Professoren selber hat.
Mit anderen Worten, wenn Universitaeten erwarten, das Professoren nicht nur gute Forscher sind, sondern auch eine fuehrende Rolle in Verwaltung und Lehrorganisation uebernehmen, dann ist es ihre Verantwortung sowohl den Profs als auch deren Mitarbeitenden und Studierenden gegenueber, sie in diesen Aufgaben zu unterstuetzen. Diese Verantwortung gegenueber allen Beteiligten bedeutet m.M. sowohl eine klare Formulierung von Erwartungen, eine angemessene Unterstuetzung bei der Ausfuehrung, und ein Element von Kontrolle der professoralen Aktivitaeten.
Also wenn es richtig gemacht wird, dann kann man auch in Deutschland in den Professoren-Job hineinwachsen, während man sich dafür qualifiziert. Insofern würde es keinen Professur-Schock geben. Als Doktorand in die Lehre einsteigen und als Habilitand die eigenen Anträge schreiben und eigene Doktoranden/Diplomanden beschäftigen. Als PD wird man dann vielleicht auch mal einen Lehrstuhl vertreten können, was dann nur noch ein nettes Etikett mehr ist.
Da in Dtl. aber noch was anderes ausschlaggebend (und häufig wichtiger) ist, nämlich die Netzwerkerei, wird es auch in Zukunft hierzulande öfter zum Professur-Schock kommen als anderswo.
Entschuldigung, aber fuer mich sind Startschwierigkeiten als Prof ein absolutes Luxusproblem!
Es gibt nach wie vor zuwenige Stellen fuer zuviele Hochqualifizierte (Promovierte mit jahrelanger Erfahrung in Forschungs- und Sklavenarbeit auf Kurzzeitvertraegen). Da kann ich Gejammer von Neu-Profs wegen Unvorbereitetseins und mangelnder Unterstuetzung leider nicht nachvollziehen. Wozu tut man sich die Schufterei denn an? Um genau dahin zu kommen, wo Ihr jetzt seid. Gelegenheit, zu beobachten, wie’s im Uni-Geschaeft laeuft, hat man in der Regel ja genug, insbesondere, wenn man selbst schon Antraege geschreiben und Studis mitbetreut hat. Es sei denn, man hat waehrend der Diss und der Postdocs nicht nach rechts und links geguckt. Dann ist Prof aber vielleicht auch nicht der richtige Beruf?
Grussformel
Jens, natürlich war der Vorwurf des Jammerns auf hohem Niveau zu erwarten. Mir ging es jedoch nicht um Mitleid schliesslich dürfte niemand seine Stelle zurückgeben wollen. Allerdings würde ich auch auf Insa’s Beitrag verweisen, dass an Überforderung nicht nur der Neuprof, sondern auch dessen Mitarbeiter und Studenten leiden. Das Problem ist teilweise struktureller Natur, insofern das Beobachten nicht Machen ist und viele Neuberufene von vornehmlich reinen Forschungsstellen kommen (Postdoc/MPI) und Hilfe bei Fragen von Lehrstuhlorganisation und Mitarbeiterführtung bitter nötig hätten. Das individuale Problem ist, dass man/frau als Neuprof Überforderung nicht zugeben darf und deshalb auch kaum Hilfe bekommt.
In Österreich gestaltet sich die Lage ähnlich. Der Professur-Schock (der nicht nur bei Einstiegsprof’s vorkommt!!!) zeigt leider drastische Auswirkungen auf die Studierenden. Als Doktorand kann man froh (& gottseilobunddankbar) sein, wenn man neben Diss. und Projektarbeit noch einen Antrag für ein größeres Forschungsvorhaben auf die Reihe bekommt. Wenn dann neben “Professoren-Entlastungs-Arbeiten” und 100ten Projektantragsseiten noch eine “anständige Publikationsliste” als Einstieg in die Wissenschaft gefordert wird, grenzt das an Zynismus. Es liegt am momentanen System der Universität aber auch an den (Geistes-)Wissenschaftlern selbst, die als Platzhirsche um ihre Reviere kämpfen und dabei Jungtiere vertreiben. Wo wird das hinführen?
Sie sprechen mir aus der Seele: http://ambivalenz-der-macht.tumblr.com/
Christoph, ich stimme mit deinem Artikel vollkommen ueberein. Es ist zwar richtig, dass du alles erreicht hast was wir uns nur wunschen, aber in der Tat ist “Professor” sein nochmal etwas ganz anderes als nur “Habilitant” zu sein. Du bist nicht der erste der ueber diese Erfahrungen berichtet. Was man in der Tat auf seinem ganzen Karriereweg nicht beigebracht bekommt ist wie man ein Institution oder Mitarbeiter fuehrt sowie das ganze Managment. Ich habe eine aehnliche Erfahrung bezueglich Lehre gemacht. Ohne ueberhaupt irgendwelche Erfahrungen zu haben musste ich einen Kurs unterrichten. Das ganze ist natuerlich beim ersten Mal schief gegangen. Was mir hier geholfen hat war, dass an meiner Uni Kurse angeboten wurden zum Thema Paedagogk. Daran teilzunhmen war sehr hilfreich und ich fuehle mich jetzt der Aufgabe auch viel besser gewachsen (plus das ganze Verstaendnis zur Theorie der Uni-Paedagogik. Ich kann dir solche Kurse bezueglich Managment und Fuehrung sehr empfehlen, auch wenn es viel Zeit kostet man lernt eine ganze Menge und profitiert sehr davon.
Bezueglich des Problems mit den Kollegen. Den Neid der anderen wird man immer auf sich haben. Diese Erfahrung mache ich auch gerade obwohl ich noch nicht Porfessor bin, aber alles was man vom Institut bekommt oder welche Gelder man anwirbt oder auch nur wenn man gut im Veroeffentlichungen schreiben ist wird einem geneidet. Das Leben wird einem schwer gemacht und mein Chef schmeisst mir extra noch ein paar Steine in den Weg, damit ich bloss nicht so erfolgreich sein kann wie ich will. So ist die leider Universitaetswelt. Ich bin gerade an dem Punkt angelangt wo ich mich frage ob ich diesen Weg wirklich bis zum Ende gehen will oder mir nicht lieber doch einen vernuenftigen Job suche und ein gluecklicheres Leben fuehre.
Also, wenn Ihr für diese Blogs hier noch Zeit habt, dann braucht Ihr Euch wegen akuter Überforderung keine Sorgen zu machen.
Hm. Der Christoph ist doch gar kein Prof. Sagt zumindest seine Website. Er beobachtet lediglich.
Hallo zusammen,
beide Seiten kann ich gut verstehen. Früher hätte ich das für ein Luxusproblem gehalten, inzwischen kenne ich den Praxisschock. Dieser ist die logische Folge von der vorhergehenden Haltung: Erstmal die Professur bekommen, danach sieht man weiter. Dann sieht man, oh Wunder, es gibt ein Leben nach der Ernennung, mit neuen Herausforderungen und Problemen. Diese ergeben sich wie überall im Arbeitsleben aus der Kombination von neuer Position und i.d.R. neuem Standort. Das ist anfangs häufig verunsichernd, selbst wenn man schon Erfahrungen sammeln konnte, aber weder tragisch noch trivial.
Als strukturelles, uni-spezifisches Problem erscheint es mir jedoch nicht. Wieweit die Universität dafür mehr Unterstützungsstrukturen anbieten sollte, kann ich nicht sagen – vielleicht wäre Supervision, wie sie Führungskräfte in verschiedenen Bereichen erhalten, vor allem für die Startphase sinnvoll. Die meisten Unis haben Strukturen für verschiedenste Fragen: Hochschuldidaktik, Forschungsreferat uvm.
Hilfreich finde ich den Austausch mit vertrauten Peers (insbesondere neu Berufene, mit denen man sich schon vorher über den normalen Wahnsinn des Doktoranden-/Assistentenlebens u.ä. unterhalten und unterstützen konnte) und mit den früheren Mentoren. Neben der praktischen Hilfe entlastet es auch emotional. Manchmal helfen die neuen Kollegen mit Hinweisen weiter. Auch Institutsleiter, Geschäftsführer o.ä. haben meistens ein offenes Ohr oder empfehlen Ansprechpartner, schließlich liegt es in ihrem eigenen Interesse, wenn die neubesetzte Professur möglichst reibungslos startet.
Dass Postdocs und PDs meistens nicht die richtigen Ansprechpartner zu diesem Thema sind, wird schnell klar, spätestens am ungläubigen Blick. Die sollte man höchstens dann behelligen, wenn es sehr gute Freunde sind, die alles geduldig und wohlwollend anhören.
Daneben gelten die üblichen Empfehlungen für Neulinge: Erstmal die Augen und Ohren weit offen und sich selbst bedeckt halten, bis man die Mechanismen und Standards besser begriffen hat; Lücken, die sich auftun, möglichst bald gezielt schließen (Fragen werden m.E. selten verübelt; gleichzeitig lernt man so schnell Leute und erhellende Perspektiven auf manch rätselhaftes Geschehen kennen); sich nicht beeindrucken lassen von Leuten, die scheinbar und demonstrativ alles wissen und können, etc.
Na ja, so richtig leid tut mir der Eröffnungsbeitragende nicht – lieber Prof.-Schock als Dauer-Drittmittel-abhängig. Und den anderen kann ich nur zustimmen: normalerweise sollte man auf dem Weg zum Prof durchaus mal in einige Tätigkeiten hineingeschnuppert haben, die einen dann erwarten. Ein bißchen Jammern auf hohem Niveau ist das schon.
Dass es sich um ein “Luxusproblem” handelt, steht außer Frage. Ich weiß auch gar nicht, weshalb so getan wird als trüge der frische Professor so eine große Verantwortung, leite gar ein Unternehmen…Traurigerweise schlägt sich die “Überforderung” in Lustlosigkeit um.
Die hehen Erwartungen der Studenten, die meist ein – freundlich ausgedrückt – ziemlich niedriges fachliches und qualitatives Niveau aufweisen, sind eine gewisse Mittelmäßigkeit – schon von Haus aus – gewöhnt. Von daher ist von der Seite nicht viel zu befürchten.
Ohne mal wieder die Laier von dem Paradies des Lehrstuhles anzustimmen, geht es den Kollegen in Übersee doch deutlich schlechter. Da gibt es auch noch nach der Professur Leistungsdruck. (Was ich hier nicht befürworten möchte.)
Ein bischen mehr Engagment und Mut seine Profssur zu formen und auszufüllen, staht reflexiver Schock wäre ein Appell an Alle, die es soweit gebracht haben.
Die Argumente haben schon Hand und Fuß. http://fu-berlin.de
Einfach die Spreu (Projektanträge, Verwaltung) vom Weizen (Lehre, Forschung) trennen, dann geht es schon.
Und: Ja, die WMs, Sekris etc sollten besser geschützt werden, und die Studis, und wo waren eigentlich die feisten gutbezahlten C4+er, als Bologna noch hätte gestoppt werden können???
Luxusproblem ist noch untertrieben.
PS Arme Dt. S’prache, wenn jedes Genitiv-’s und Plural-’s jetzt apostrophiert wird. Beides ist im Deutschen schlicht falsch, letzteres gibt’s (hier passt’s, da ..’s=es) nicht mal im Englischen, und mir san Oakadämiker….
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