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Heiter bis wolkig: Zukunftsaussichten von Promovierenden

von Boris Schmidt | Kommentare: 6

Seitdem es Wettervorhersagen gibt, werden darüber Witze gemacht. Und seitdem es sie gibt, orientieren sich die Menschen trotzdem an ihnen. Passen meine Pläne zum Wetter, passt das Wetter zu meinen Plänen? Und wird es nächste Woche wohl eher wieder schöner, oder war das schon der Sommer?

Die Großwetterlage beschäftigt auch Promovierende. Welche Aussichten bieten sich im Anschluss an die Promotion, wie geht es nach dem Auslaufen des Vertrages oder der Promotionsförderung weiter? Falls die Aussichten unsicher sein sollten – und das sind sie recht häufig – worauf gilt es sich einzustellen?

Gefühlte Aussichten, auf den Punkt gebracht

Die „gefühlten Aussichten“ von 931 Promovierenden und frisch Promovierten wurden kürzlich in einer Befragung unter die Lupe genommen. Sie beschrieben ihre persönlichen beruflichen Zukunftserwartungen, auf die nächsten 2 bis 4 Jahre gesehen, mit ein paar Schlagwörtern oder in einem prägnanten Satz. Wie geht es bei ihnen weiter?

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Rund ein Viertel, nämlich 26,4 Prozent, geben klare und sorgenfreie Aussichten zu Protokoll: „Glänzend!“, „Eine Mathematikerin wird doch immer gebraucht!“, „Habe als Ingenieur den Vertrag schon in der Tasche…“. Diese Befragten sind sich sicher, eine attraktive Position bald erreichen und auch halten zu können.

Eine als unproblematisch erlebte Ambivalenz schildern 15,6 Prozent. Diese Promovierenden wissen zwar nicht genau, was kommen wird, erleben die verschiedenen Optionen jedoch als gleichermaßen attraktiv und erreichbar: „Ich werde in Forschung und Entwicklung arbeiten, egal ob an der Universität oder in einem Unternehmen.“ oder „Durch meinen Plan B, eine Zusatzausbildung, bin ich gut gerüstet“.

Rund eine von zehn Personen (9,1 Prozent) gibt zwar sorgenfreie Aussichten an – allerdings erst nach einer Durststrecke. Gemeint ist eine zeitliche Zwischenphase („… aber vorher noch ein paar Jahre hartes Training in Selbstorganisation an der Universität…“) oder das einmalige Überwinden einer unliebsamen Hürde („ich werde in der Lehre arbeiten, aufgrund der schlechten Bedingungen aber leider nicht mehr an der Hochschule“). In diese Gruppe fallen auch viele Befragte, die trotz einer Präferenz für Deutschland ins Ausland gehen wollen – und damit rechnen, sich am Ende dort wohl zu fühlen und erfolgreich zu sein.

Bei 14,9 Prozent gibt es eine klare Perspektive, die aber mit einem dauerhaften Wermutstropfen verbunden ist. Diese Befragten erwarten eine unauflösbare Diskrepanz zwischen dem, was ihnen eigentlich wichtig ist und dem, was ihr Beruf erfordern wird: „Erfolgreich, aber mit wenig Geld, unsicherem Job und im Grunde immer noch nicht ausgebildet.“ oder „Der zunehmende Mobilitätsdruck macht Familien mit Kindern zu einem Wanderzirkus.“

Sorgenfrei, prekär oder schon längt jenseits von Gut und Böse?

Mit 22,3 Prozent entfällt ein großer Anteil auf Personen, die eine problematische Ambivalenz spüren. Hier sind die Aussichten unklar, und dies wird als störend, hinderlich, nervenaufreibend erlebt, wobei allerdings eine leise Hoffnung auf einen guten Ausgang besteht: „Unsicher, da die Karriereplanung an der Universität einem Lottospiel gleicht“ oder auch ganz knapp: „Hopp oder Topp“.

7,9 Prozent beschreiben ihre Aussichten als gänzlich prekär – unsicher, belastend, ohne einen nennenswerten Rest an Hoffnung: „Ich gehöre zum akademischen Prekariat“, „promovierter Taxifahrer“, „Wie soll ich mit über 30 ohne Berufserfahrung noch in eine Beschäftigung außerhalb der Hochschule kommen?“.

Die verbleibenden 3,8 Prozent schließlich äußern sich anderweitig, in mystischen Worten oder mit Zitaten, deren Hoffnungsgehalt nur unter näherer Kenntnis der Person erkennbar wäre: „Wo ein Wille ist, da ist ein Weg!“, „Je oller, je doller!“ oder „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst (Jes. 43,1)“.

Wetter einfach selber machen?

Der Blick in die Zukunft gleicht bei vielen einem Blick in die Kristallkugel. Nur ein Viertel rechnet mit ungetrübtem Sonnenschein, die anderen müssen mit Unsicherheit und wechselhaften Aussichten umgehen. Die Hochschule macht es diesen nicht gerade leicht, attraktive Optionen im eigenen Haus zu entdecken – wer einmal geht, geht wahrscheinlich für immer und gibt damit vielleicht einen Traum auf. Und wer bleibt, lässt sich ganz sicher auf ein ziemlich unsicheres Wagnis ein.

Längerfristige Vorhersagen sind auch im IT-Zeitalter immer noch von dürftiger Genauigkeit, beim Wetter wie bei der Promotion. Passende Bekleidung und Ausrüstung sind deswegen allemal angeraten – aber auch ein konstruktiver Umgang mit der Unsicherheit. Nur hoffen alleine macht nicht glücklich – tun Sie etwas! Lassen Sie sich selbst nicht alleine mit Ihrer Unsicherheit.

Überlegen Sie, welche Optionen Sie haben, und lassen Sie „Keine, nur diese eine!“ nicht als Antwort gelten. Diskutieren Sie Ihren „Plan B“ mit anderen – viele von ihnen werden ähnliche Gedanken haben. Vielleicht ist es hilfreich, sich unterschiedliche mögliche Zukunftswege auszumalen, eine Variante für schönes Wetter und eine Regenvariante, mit der Sie sich ebenfalls anfreunden könnten.

Stellen Sie sich also auf Schauer ein und freuen Sie sich, wenn dann doch die Sonne zwischen den Wolken hervorschaut. Denn das Wetter können Sie nicht selber machen. Aber damit umgehen.

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Die nächste Nachricht aus Schmidts kleiner Elfenbeinwelt erscheint voraussichtlich am 15. Juli 2010 zum Thema “L’Etat c’est moi: Die herrschaftliche Führung.”

Kommentare (6)

  • 15.06.2010 um 18:02 Uhr von Rob

    … Ich spürte sofort, dass irgend etwas nicht stimmt, aber es hat zwei, drei Minuten gedauert, bis ich herausfand, was es war. Jetzt habe ich es!

    Der “WerTmuttropfen” in der Grafik ist sicher eine neue Metapher, die mir entgangen ist.

    Ansonsten natürlich lustig und bitter zu beiden Teilen. Als Student mit dem “Ziel” Promotion ordne ich mich dann wohl am Besten auch unter die Gruppe “dauerhaften Wermutstropfen” ein. Wird schon klappen und es kommt auch gerade die Sonne heraus…!

  • 15.06.2010 um 19:47 Uhr von Boris Schmidt

    … Grafik sowohl in der online-Version als auch im PDF-Download am Ende der Nachricht korrigiert! Danke für den Hinweis. Und nun: Ring frei fürs Diskutieren… Mich bewegt besonders die Frage, ob angesichts dieser widersprüchlichen Vielfalt überhaupt ein Handeln (z.B. konkrete Unterstützungsangebote) sinnvoll und möglich ist – oder ob die Promovierenden in dieser Frage auf sich selbst gestellt sein sollten. Fallbeispiele für wirkungsvolle Unterstützung (z.B. durch Career Services oder Hochschuldidaktik) sind ebenfalls willkommen.

  • 20.06.2010 um 21:13 Uhr von Daniel

    Eine sehr interessante Studie. Es ist schon komisch mit den Vorhersagen aber ich finde es auch gut das sich sowenige Menschen um ihre Zukunft sorgen machen. Denn 26,4% ist ja eine ganze Menge.

  • 24.06.2010 um 12:51 Uhr von Sabine

    Interessant wäre gewesen, in welchen Fächern man Grund für Optimismus zu haben scheint und in welchen “porblematische Ambivalenz” vorherrscht….

  • 24.06.2010 um 14:21 Uhr von Boris Schmidt

    Ja, da gibt es fachspezifische Unterschiede. “Informatiker werden zurzeit überall gebraucht!” und “Ich bin Ingenieur und hab meinen meinen Vertrag schon in der Tasche…” auf der einen Seite, “Taxi fahrender Soziologe?” auf der anderen.

    Aber ganz so einfach (”Natur & Technik top, Geist & Sozial flop”) ist die Sache nicht. Genauere Analysen gibt es in folgender Quelle: Schmidt, B. (2009). „Alles anders?” Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Promotionsgeschehen verschiedener Fächergruppen. die hochschule. journal für wissenschaft und bildung, 18 (2), 126-152. http://www.diehochschule.de

  • 05.07.2010 um 10:45 Uhr von René

    Hallo Boris,

    schöner Beitrag!
    ich versuche es mal noch zuzuspitzen: M.E. heißt eine entscheidende Frage nach der Promotion “Wissenschaft oder Wirtschaft?” – siehe auch ausgewählte Ergebnisse zum beruflichen Verbleib von Promovierten im Bundesbericht wiss. Nachwuchs, S. 122/123 unter: http://www.buwin.de.
    (Zu diesem Thema wird in der Zeitschrift “Das Hochschulwesen” vorauss. im Herbst in Ausgabe 3/2010 ein ausführlicherer Beitrag erscheinen…)

    René

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