Nein, leicht hat sie es nicht, die „gute Lehre“ an den deutschen Hochschulen. Seit Ewigkeiten wird hierzulande über die Qualität von Studium und Lehre debattiert. Das Thema flackert auf, wenn Untersuchungen zeigen, wieviel noch unerreicht ist, oder wenn die Studierenden protestieren. Doch dann verliert es wieder an Schwung, während andere Themen ins Blickfeld rücken – wie Qualitätsmanagement, Akkreditierung, Bologna. Achja, richtig, eigentlich ging es bei diesen ja auch um die Qualität der Lehre, aber das fällt oft gar nicht weiter auf. Eine konstante Größe in dieser wechselvollen Diskussion ist die deutsche Hochschuldidaktik Seit mehreren Jahrzehnten gibt es deren Angebote für angehende und für gestandene Lehrende, von Workshops zur Veranstaltungsplanung über Rhetorik, Stimmbildung und E-Learning bis hin zu Lehrcoaching, Hospitationen und kompletten Curricula mit hochschuldidaktischem Abschlusszertifikat.
Doch trotz eines unverkennbaren Bedarfs an solcher Unterstützung hat es die Hochschuldidaktik in Deutschland auffallend schwer. Von den ursprünglich recht zahlreichen hochschuldidaktischen Zentren, erst recht von den entsprechenden Institutionen der ehemaligen DDR, sind nur einige wenige übrig geblieben. Und trotz zahlreicher Initivativen, eindringlicher Empfehlungen des Wissenschaftsrats, einer Exzellenzinitiative der Lehre und zahllosen Lehrpreisen auf Hochschul- und Landesebene ist ihr Standing nach wie vor ausgesprochen wackelig. Immer wieder umstritten ist die Frage, wie und von wem ein hochschuldidaktisches Angebot bereitgestellt werden soll. Wer soll dafür zuständig sein? Jeder für sich selbst, alle, niemand?
Fünf typische Strukturen der Hochschuldidaktik
Die hochschuldidaktische Landschaft an den deutschen Hochschulen ist vielfältig. Da wären zuerst einmal die traditionellen hochschuldidaktischen Zentren, die sich als Reformwerkstätten verstehen und eigene Lehr-Lernforschung betreiben. Andernorts werden hochschuldidaktische Angebote durch eine zentrale Einrichtung oder Stabsstelle erbracht, welche vor allem organisatorisch tätig ist und selten eigene Forschung betreibt. Als dritte Strukturvariante haben sich etliche Projekte in Fachbereichen und Fakultäten etabliert, die zumeist in ihrer jeweiligen Ursprungsdisziplin wissenschaftlich tätig sind. Eine jüngere Entwicklung stellt die Hochschuldidaktik im Verbund oder Netzwerk dar, zum Teil sogar hochschultypenübergreifend, mit Dependancen in den teilnehmenden Hochschulen. Und viele Hochschulen haben gar keine eigene hochschuldidaktische Stelle, sie nutzen vielmehr die Angebote anderer Hochschulen oder 4exerner Anbieter oder organisieren Workshops „bei Bedarf.“
In einer Befragung unter 304 Lehrenden, hochschuldidaktischen Akteuren und weiteren Personen im Umfeld der Lehre (Qualitätsmanagement, Lehrevaluation, Personalentwicklung) an rund 100 Hochschulen wurde die Arbeit der Hochschuldidaktik vor Ort eingeschätzt. Die Befragten bewerteten „ihre“ hochschuldidaktische Einrichtung nach den drei Kriterien Information (z.B. Aktualität und Verständlichkeit des Internetauftritts), Qualität der Angebote (z.B. Abstimmung der Workshops mit dem Bedarf der Lehrenden) sowie Erfolg (z.B. Vermittlung geeigneter Konzepte) jeweils zwischen 1 (bestmögliche) und 6 (schlechteste Bewertung). Diese Einschätzungen wurden über die einzelnen Hochschulen hinweg nach den fünf Strukturvarianten der Hochschuldidaktik gruppiert.

Grafik: Vergleich zwischen fünf Strukturvarianten der Hochschuldidaktik (N = 304; Mittelwerte auf 6-stufiger Antwortskala zwischen 1 sehr positiver und 6 sehr negativer Einschätzung der Informationspolitik, der Angebotsgestaltung und des Gesamterfolgs der hochschuldidaktischen Arbeit in der jeweiligen Hochschule; Quelle: Schmidt, B., 2009, Zentrale Fortbildungseinrichtungen, hochschuldidaktische Forschungszentren oder kooperative Netzwerke? Auf der Suche nach der geeigneten strukturellen Basis für hochschuldidaktische Angebote. Das Hochschulwesen, 58 (5), 152-161).
In der Erfahrung der Befragten liefern sich zwei Strukturvarianten ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Hochschuldidaktische Arbeit wird dort am positivsten eingeschätzt, wo sie in einem hochschuldidaktischen Verbund/Netzwerk oder aber von einem hochschuldidaktischen Zentrum geleistet wird, letztere mit einem leichten Vorteil in puncto Informationspolitik, erstere mit dem besten wahrgenommenen Erfolg ihrer Arbeit. Auf dem dritten Platz landen die zentralen Einrichtungen oder Stabsstellen – nach den Erfahrungen der Befragten keine schlechte Aufstellung, aber auch nicht immer die beste für ein wirkungsvolles Programm für die Lehre. Platz vier geht an die Projekte, die ihre Heimat in einem Fachbereich bzw. einer Fakultät haben. Ihre Angebote und der Erfolg ihrer Arbeit werden eher unterdurchschnittlich eingeschätzt, und besonders bei der Information der potenziellen Teilnehmenden schneiden sie nicht gut ab. Genau in diesem Aspekt liegt die einzige erkennbare Stärke bei den externen Angeboten bzw. der Kursorganisation „bei Bedarf“ – nicht selten wird hier mit gezielten Rundbriefen wirksam für die Angebote geworben. Das Angebot an sich und der Erfolg der Bemühungen werden jedoch im Mittel deutlich schlechter eingeschätzt, sie landen auf dem wenig schmeichelhaften letzten Platz.
Hochschuldidaktische Angebote sind noch nicht selbstverständlich
Was sagt uns das? Nach allen Erfahrungen, die bislang mit „der“ Hochschuldidaktik gesammelt wurden, sind die hochschuldidaktischen Zentren (traditionsreich, vielkritisiert, nicht selten schon längst wieder geschlossen) und die Verbünde/ Netzwerke (neu, übergreifend, anders) für die herausfordernden Aufgaben der Hochschuldidaktik am besten gewappnet. Alle, an deren Hochschule eine solche Einrichtung besteht, können sich glücklich schätzen – diese Unterstützung und dieses Angebot sind nicht selbstverständlich. Nutzen Sie die Gelegenheit!
Alle anderen Angebote und Strukturvarianten sind per se auch nicht schlecht. Aber sie scheinen es häufig schwerer zu haben, die Lehrenden wirklich zu erreichen. Gegenüber ihren Angeboten gibt es manch einen Vorbehalt, und unter dem Strich wird ihr Erfolg kritischer eingeschätzt.
Der Hochschuldidaktik einen aussichtsreichen Platz verschaffen
Wo immer sich die Möglichkeit bietet, sollten Hochschulen daher die Gelegenheit ergreifen und „Nägel mit Köpfen“ machen – der zentralen Stelle ein hochschulübergreifendes Netzwerk zur Seite stellen (erhöht die Schlagkraft) oder sie um die Facette der Forschung erweitern (stärkt die Glaubwürdigkeit), ein Projekt aus dem Fachbereich oder der Fakultät heraus auf die Ebene der gesamten Hochschule heben (mehr Sichtbarkeit) oder dort, wo noch gar nichts vorhanden ist, eine an den Erfolgsmodellen orientierte Stelle einrichten (alles ist besser als nichts).
Denn lang und beschwerlich mag er sein, der Weg zur „guten Lehre“ – doch irgendwann führt er zum Ziel. Und es ist die Hochschuldidaktik, die uns auch in Zukunft auf diesem Weg begleiten wird.
Die nächste Nachricht aus Schmidts kleiner Elfenbeinwelt erscheint voraussichtlich am 15. März 2010 zum Thema “Und morgen ist wieder alles anders – das gemische Führungsprofil”.


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Kommentare (5)
Das ist schon eine Ironie ohne Gleich, dass die höchste Lehrerklasse die am schlechtesten ausgebildete (zumindest als Pädagoge) ist. Das zeigt aber ganz deutlich die Ignoranz der staatlichen Hochschulen, da sie ja ein Quasimonopol auf die Hochschulausbildung haben. Private können es sich nicht leisten schlechte Lehre anzubieten.
Meine Omi würde sagen: Wär’s nicht zum Heulen, dann könnt’ man ja drüber lachen.
Den Hochschulen steht mehrheitlich der entscheidende Schritt noch bevor: Nämlich anzuerkennen, dass hier ein echtes Problem besteht, welches den Zweck der Hochschulen bedroht. Statt dessen wird typischerweise darauf verwiesen, dass in “allen” Berufungsverfahren die Lehreignung “ganz besonders” berücksichtigt werde, dass man “flächendeckende Evaluation” betreibe (Wozu eigentlich flächendeckend? Wirkungsvoll wäre viel schöner!) und im Grunde schon jetzt die besten überhaupt nur vorstellbaren Studienprogramme habe. Nur wenn man dramatisch mehr Geld vom Ministerium kriege, könne man die Qualität weiter verbessern, und diese Bedingung kann jeder getrost stellen – das Risiko, dass sie erfüllt wird, ist gering.
Mit dieser Haltung (der Institution, nicht zwingend der Individuen!) ist es schwierig, der Hochschuldidaktik einen ernst zu nehmenden Auftrag zu geben, sonst würde man sich ja selbst widersprechen. Umso schöner ist es, dass gerade in den letzten Jahren an zahlreichen Standorten größere und kleinere hochschuldidaktische Stellen und Projekte eingerichtet worden sind, gerade auch nach dem Erfolg versprechenden Netzwerk-Prinzip. Und eine ihrer zentralen Aufgaben liegt nach wie vor darin, Zweifel zu säen, ob wirklich schon jetzt alles perfekt ist und/oder trotzdem noch weiter verbessert werden kann.
P.S. Auch die eine oder andere private Hochschule leistet sich, wie man munkelt, einigermaßen schlechte Lehre. Bezahlt diese aber mit dem Risiko, bei der nächsten institutionellen Akkreditierung rauszufliegen. Und dann gibt es ein wirklich großes Imageproblem…
Ach, wenn es doch nur so einfach wäre mit der Lehre und der Hochschuldidaktik! Man befragt die Studenten und verwechselt deren subjetive Einschätzung mit der Qualität der Lehre, als wenn gute Unterhaltung und sehr gute Noten wichtiger wären als das Gelehrte und vor allem Gelernte. Hier wird nun die Hochschuldidaktik entsprechend danach beurteilt, wie Hochschullehrer und die hochschuldidaktischen Akteure selbst sie einschätzen. Da ist es wenig überraschend, dass zumindest Letztere Ausbau und institutionelle Absicherung befürworten. Ob dadurch wirklich besser gelehrt wird, darf mangels geeigneter Indikatoren durchaus bezweifelt werden.
Ja,
Zweifel sind treue Begleiter von allem, was an Hochschulen geschieht. Wenn wir nun auf alles verzichten würde, woran man zweifeln könnte – müssten wir den Betrieb vermutlich einstellen und uns vollständig unseren Zweifeln hingeben. Will man das?
Doch es gibt auch das Prinzip “in dubio pro re”, im Zweifel für die Sache und nicht etwa gegen sie. Und es fehlen zudem die Hinweise, dass Hochschuldidaktik denjenigen, die (ggf. trotz anfänglicher Zweifel) daran teilgenommen haben, geschadet und womöglich zu schlechterer Lehre beigetragen hätte.
Noch ein Wort zum Argument, dass Studierendenbefragungen (hier: Lehrveranstaltungsevaluation) lediglich “gute Unterhaltung” abbilden und nichts über die Qualität der Lehre aussagen. Für diese Überzeugung gibt es ebenfalls ausgesprochen wenig Belege, auch wenn sie sich seit Jahrzehnten hartnäckig hält (Warum bloß?). Man kann den Studierenden durchaus zutrauen, gut strukturierte von schlecht strukturierten, lehrreiche von weniger lehrreichen und motivierende von ernüchternden Veranstaltungen zu unterscheiden. Natürlich steht es jedem frei zu zweifeln, ob dies wesentliche Aspekte des Konstrukts “gute Lehre” seien.
Doch “irgendwie” muss das Gelehrte so dargeboten werden, dass es am Ende zu Gelerntem werden kann. Das Feedback der Studierenden und die Angebote der Hochschuldidaktik sind aussichtsreiche Kandidaten, um dieses “irgendwie” zu konkretisieren und sich dem anzunähern. Auch wenn der heilige Gral der geeigneten Indikatoren noch nicht gefunden sein mag und die Zweifel uns auch auf dem weiteren Weg treue Begleiter sein werden.
Es hilft vielleicht, den Blick dorthin zu richten, wo die Lehrevaluationen tatsächlich schon seit Jahrzehnten üblich sind, nämlich Nordamerika. Dort hängt es sehr vom Typ der jeweiligen Institution ab, welche Bedeutung der Teaching Performance im Allgemeinen und der studentischen Lehrevaluation im Besonderen zugemessen wird. Bei meinem Interview an einer großen staatlichen Forschungsuni in den USA hat man mir verraten, das die Teachning performance kaum zum Tenure Erfolg beitrågt. Sie dürfe halt nicht katastrophal schlecht sein. Was zählt, sind vor allem Forschungsergebnisse.
Das sieht an 4-Jahres Colleges schon ganz anders aus. Interessant ist hier jedoch, dass sehr gute studentische Bewertungen keinesfalls mit einer guten Lehre gleichgesetzt werden. Hier wird immer die relation zu den erreichten Studienergebnissen betrachtet. Wenn der Eindruck entsteht, dass Gefälligkeitsnoten vergeben wurden, hat der Tenure Kandidat keine so guten Karten. Positiv fällt auf, wer sich Klagen einfängt, dass bspw. die Anforderungen zu hoch sind, sofern dies zu guten Studienergebnissen führt. Man muss in den Bewertungen zwischen den Zeilen lesen und darf sie nicht isoliert betrachten. Jedenfalls ist das mein Eindruck aus den einschlägigen Foren-Diskussionen (www.chronicle.com) dort drüben.
Für Deutschland kann ich nicht erkennen, dass die Lehre an den Unis in Zukunft eine nennenswert größere Rolle spielen wird als bisher. Schließlich steht dort überall die Forschung im Mittelpunkt. Und bei Berufungsverfahren ist die Prioriät: 1. Netzwerk, 2. Publikationen, 3. Drittmittel, 4. Lehre. Sogar ganz ohne nennenswerte Lehrerfahrungen kann man hierzulande Univ.-Prof. werden. So sieht es aus. Es könnte sich allenfalls an den FHs was ändern, wo wiederum die Forschung keine große Rolle spielt. Insofern würde man sich den amerikanischen Verhältnissen annähern.
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