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Hochschuldidaktik: Zwischen allen Stühlen oder mittendrin?

von Boris Schmidt | Kommentare: 5

Nein, leicht hat sie es nicht, die „gute Leh­re“ an den deut­­schen Hochschulen. Seit Ewig­­kei­ten wird hierzulande über die Qualität von Stu­dium und Lehre debat­tiert. Das Thema flackert auf, wenn Unter­suchun­gen zeigen, wie­viel noch un­­er­reicht ist, oder wenn die Stu­die­ren­­­den pro­tes­tie­ren. Doch dann verliert es wie­der an Schwung, während andere Themen ins Blick­feld rücken – wie Qua­li­täts­mana­ge­ment, Ak­kre­­di­tierung, Bologna. Achja, richtig, ei­gent­lich ging es bei diesen ja auch um die Qualität der Lehre, aber das fällt oft gar nicht weiter auf. Eine konstante Größe in dieser wechselvollen Dis­kussion ist die deutsche Hoch­schul­di­dak­tik Seit meh­re­ren Jahrzehnten gibt es deren An­ge­bote für an­ge­hende und für gestandene Leh­ren­de, von Work­shops zur Veranstaltungs­pla­nung über Rhetorik, Stimm­bildung und E-Learning bis hin zu Lehr­coaching, Hos­pi­ta­tio­nen und kompletten Cur­ri­cula mit hoch­schul­di­dak­tischem Abschluss­zer­ti­fi­kat.

Doch trotz eines unverkennbaren Bedarfs an sol­cher Unterstützung hat es die Hochs­chul­di­dak­tik in Deutschland auffallend schwer. Von den ur­sprünglich recht zahlreichen hochschul­di­dak­tischen Zentren, erst recht von den ent­sprechen­den Institutionen der ehemaligen DDR, sind nur einige wenige übrig geblieben. Und trotz zahl­reicher Initivativen, eindringlicher Empfehlungen des Wissenschaftsrats, einer Ex­zel­lenz­ini­tiative der Lehre und zahllosen Lehrpreisen auf Hoch­­schul- und Landesebene ist ihr Standing nach wie vor ausgesprochen wackelig. Immer wieder umstritten ist die Frage, wie und von wem ein hochschuldidaktisches Angebot bereit­gestellt werden soll. Wer soll dafür zuständig sein? Jeder für sich selbst, alle, niemand?

Fünf typische Strukturen der Hochschuldidaktik

Die hochschuldidaktische Landschaft an den deut­schen Hochschulen ist vielfältig. Da wären zuerst einmal die traditionellen hoch­­schul­di­dak­tischen Zentren, die sich als Re­form­­werkstätten verstehen und eigene Lehr-Lern­­­forschung betreiben. Andernorts werden hoch­­­schul­didaktische Angebote durch eine zen­­­tra­le Einrichtung oder Stabsstelle er­bracht, welche vor allem organisatorisch tätig ist und selten eigene Forschung betreibt. Als dritte Struk­tur­va­rian­te haben sich etliche Projekte in Fach­be­rei­chen und Fakultäten etabliert, die zumeist in ihrer jeweiligen Ur­sprungs­disziplin wissen­schaft­lich tätig sind. Eine jüngere Entwicklung stellt die Hoch­schul­di­dak­tik im Verbund oder Netz­werk dar, zum Teil sogar hochschul­typen­über­greifend, mit De­pen­dancen in den teil­neh­men­den Hochschulen. Und viele Hochschulen haben gar keine eigene hoch­schul­didaktische Stelle, sie nutzen vielmehr die Angebote anderer Hoch­schulen oder 4ex­er­ner Anbieter oder or­ga­nisieren Workshops „bei Bedarf.“

In einer Befragung unter 304 Lehrenden, hoch­schul­­­didaktischen Akteuren und weiteren Personen im Um­­­feld der Lehre (Qualitäts­mana­ge­ment, Lehr­eva­luation, Personal­ent­wicklung) an rund 100 Hoch­­­­­schulen wurde die Arbeit der Hoch­schul­­di­dak­tik vor Ort eingeschätzt. Die Befragten be­wer­­teten „ih­re“ hochschuldidakti­sche Ein­rich­tung nach den drei Kriterien In­for­ma­tion (z.B. Ak­­tu­a­li­tät und Verständlichkeit des Internet­auf­tritts), Qualität der Angebote (z.B. Ab­stim­mung der Work­shops mit dem Bedarf der Leh­ren­den) sowie Erfolg (z.B. Vermittlung ge­eig­­ne­ter Konzepte) je­weils zwischen 1 (best­mögliche) und 6 (schlech­­teste Be­wertung). Diese Ein­schätzungen wurden über die einzelnen Hoch­schulen hinweg nach den fünf Struktur­varianten der Hoch­schuldidaktik gruppiert.

hochschuldidaktik2

Grafik: Vergleich zwischen fünf Strukturvarianten der Hochschul­di­dak­­tik (N = 304; Mittelwerte auf 6-stufiger Antwortskala zwischen 1 sehr positiver und 6 sehr negativer Ein­schätzung der Infor­ma­tions­politik, der Angebotsgestaltung und des Gesamterfolgs der hoch­schuldidaktischen Arbeit in der jeweiligen Hochschule; Quelle: Schmidt, B., 2009, Zentrale Fortbildungseinrichtungen, hoch­schul­didaktische Forschungszentren oder kooperative Netzwerke? Auf der Suche nach der geeigneten strukturellen Basis für hoch­schuldidaktische Angebote. Das Hochschulwesen, 58 (5), 152-161).

In der Erfahrung der Befragten liefern sich zwei Struktur­varianten ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Hoch­schuldidaktische Arbeit wird dort am po­si­tivs­ten eingeschätzt, wo sie in einem hoch­schul­di­daktischen Verbund/Netz­werk oder aber von einem hoch­schuldidaktischen Zentrum ge­leis­tet wird, letztere mit einem leichten Vorteil in puncto Informationspolitik, erstere mit dem besten wahrgenommenen Erfolg ihrer Arbeit. Auf dem dritten Platz landen die zen­tra­len Ein­rich­tungen oder Stabsstellen – nach den Er­fah­run­­gen der Befragten keine schlechte Auf­stellung, aber auch nicht immer die beste für ein wir­kungs­­volles Programm für die Lehre. Platz vier geht an die Projekte, die ihre Heimat in einem Fachbereich bzw. einer Fakultät haben. Ihre An­gebote und der Erfolg ihrer Arbeit wer­den eher unterdurchschnittlich eingeschätzt, und beson­ders bei der Information der poten­ziel­len Teil­neh­menden schneiden sie nicht gut ab. Genau in diesem Aspekt liegt die einzige erkennbare Stärke bei den externen An­ge­bo­ten bzw. der Kurs­or­ga­ni­sation „bei Bedarf“ – nicht selten wird hier mit gezielten Rundbriefen wirksam für die Angebote ge­wor­ben. Das Angebot an sich und der Erfolg der Bemühungen werden jedoch im Mittel deut­lich schlechter eingeschätzt, sie landen auf dem wenig schmeichelhaften letzten Platz.

Hochschuldidaktische Angebote sind noch nicht selbstverständlich

Was sagt uns das? Nach allen Erfahrungen, die bislang mit „der“ Hochschuldidaktik gesammelt wurden, sind die hochschuldidaktischen Zentren (traditionsreich, vielkritisiert, nicht selten schon längst wieder geschlossen) und die Ver­bün­de/ Netzwerke (neu, übergreifend, anders) für die herausfordernden Aufgaben der Hoch­schul­didaktik am besten gewappnet. Alle, an deren Hoch­schule eine solche Einrichtung besteht, können sich glücklich schätzen – diese Unter­stützung und dieses Angebot sind nicht selbstverständlich. Nutzen Sie die Gelegenheit!

Alle anderen Angebote und Strukturvarianten sind per se auch nicht schlecht. Aber sie schei­nen es häufig schwerer zu haben, die Lehrenden wirk­lich zu erreichen. Gegenüber ihren Ange­bo­ten gibt es manch einen Vorbehalt, und unter dem Strich wird ihr Erfolg kritischer eingeschätzt.

Der Hochschuldidaktik einen aussichtsreichen Platz verschaffen

Wo immer sich die Möglichkeit bietet, sollten Hochschulen daher die Gelegenheit ergreifen und „Nägel mit Köpfen“ machen – der zentralen Stelle ein hochschulübergreifendes Netzwerk zur Seite stellen (erhöht die Schlagkraft) oder sie um die Facette der Forschung erweitern (stärkt die Glaubwürdigkeit), ein Projekt aus dem Fach­bereich oder der Fakultät heraus auf die Ebene der gesamten Hochschule heben (mehr Sicht­barkeit) oder dort, wo noch gar nichts vor­handen ist, eine an den Erfolgsmodellen orien­tierte Stelle einrichten (alles ist besser als nichts).

Denn lang und beschwerlich mag er sein, der Weg zur „guten Lehre“ – doch irgendwann führt er zum Ziel. Und es ist die Hochschuldidaktik, die uns auch in Zukunft auf diesem Weg be­glei­ten wird.

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Die nächste Nachricht aus Schmidts kleiner Elfenbeinwelt erscheint voraussichtlich am 15. März 2010 zum Thema “Und morgen ist wieder alles anders – das gemische Führungsprofil”.

Kommentare (5)

  • 21.02.2010 um 10:55 Uhr von Jan M.

    Das ist schon eine Ironie ohne Gleich, dass die höchste Lehrerklasse die am schlechtesten ausgebildete (zumindest als Pädagoge) ist. Das zeigt aber ganz deutlich die Ignoranz der staatlichen Hochschulen, da sie ja ein Quasimonopol auf die Hochschulausbildung haben. Private können es sich nicht leisten schlechte Lehre anzubieten.

  • 21.02.2010 um 11:39 Uhr von Boris Schmidt

    Meine Omi würde sagen: Wär’s nicht zum Heulen, dann könnt’ man ja drüber lachen.

    Den Hochschulen steht mehrheitlich der entscheidende Schritt noch bevor: Nämlich anzuerkennen, dass hier ein echtes Problem besteht, welches den Zweck der Hochschulen bedroht. Statt dessen wird typischerweise darauf verwiesen, dass in “allen” Berufungsverfahren die Lehreignung “ganz besonders” berücksichtigt werde, dass man “flächendeckende Evaluation” betreibe (Wozu eigentlich flächendeckend? Wirkungsvoll wäre viel schöner!) und im Grunde schon jetzt die besten überhaupt nur vorstellbaren Studienprogramme habe. Nur wenn man dramatisch mehr Geld vom Ministerium kriege, könne man die Qualität weiter verbessern, und diese Bedingung kann jeder getrost stellen – das Risiko, dass sie erfüllt wird, ist gering.

    Mit dieser Haltung (der Institution, nicht zwingend der Individuen!) ist es schwierig, der Hochschuldidaktik einen ernst zu nehmenden Auftrag zu geben, sonst würde man sich ja selbst widersprechen. Umso schöner ist es, dass gerade in den letzten Jahren an zahlreichen Standorten größere und kleinere hochschuldidaktische Stellen und Projekte eingerichtet worden sind, gerade auch nach dem Erfolg versprechenden Netzwerk-Prinzip. Und eine ihrer zentralen Aufgaben liegt nach wie vor darin, Zweifel zu säen, ob wirklich schon jetzt alles perfekt ist und/oder trotzdem noch weiter verbessert werden kann.

    P.S. Auch die eine oder andere private Hochschule leistet sich, wie man munkelt, einigermaßen schlechte Lehre. Bezahlt diese aber mit dem Risiko, bei der nächsten institutionellen Akkreditierung rauszufliegen. Und dann gibt es ein wirklich großes Imageproblem…

  • 27.02.2010 um 12:37 Uhr von Alexander Dilger

    Ach, wenn es doch nur so einfach wäre mit der Lehre und der Hochschuldidaktik! Man befragt die Studenten und verwechselt deren subjetive Einschätzung mit der Qualität der Lehre, als wenn gute Unterhaltung und sehr gute Noten wichtiger wären als das Gelehrte und vor allem Gelernte. Hier wird nun die Hochschuldidaktik entsprechend danach beurteilt, wie Hochschullehrer und die hochschuldidaktischen Akteure selbst sie einschätzen. Da ist es wenig überraschend, dass zumindest Letztere Ausbau und institutionelle Absicherung befürworten. Ob dadurch wirklich besser gelehrt wird, darf mangels geeigneter Indikatoren durchaus bezweifelt werden.

  • 28.02.2010 um 14:00 Uhr von Boris Schmidt

    Ja,

    Zweifel sind treue Begleiter von allem, was an Hochschulen geschieht. Wenn wir nun auf alles verzichten würde, woran man zweifeln könnte – müssten wir den Betrieb vermutlich einstellen und uns vollständig unseren Zweifeln hingeben. Will man das?

    Doch es gibt auch das Prinzip “in dubio pro re”, im Zweifel für die Sache und nicht etwa gegen sie. Und es fehlen zudem die Hinweise, dass Hochschuldidaktik denjenigen, die (ggf. trotz anfänglicher Zweifel) daran teilgenommen haben, geschadet und womöglich zu schlechterer Lehre beigetragen hätte.

    Noch ein Wort zum Argument, dass Studierendenbefragungen (hier: Lehrveranstaltungsevaluation) lediglich “gute Unterhaltung” abbilden und nichts über die Qualität der Lehre aussagen. Für diese Überzeugung gibt es ebenfalls ausgesprochen wenig Belege, auch wenn sie sich seit Jahrzehnten hartnäckig hält (Warum bloß?). Man kann den Studierenden durchaus zutrauen, gut strukturierte von schlecht strukturierten, lehrreiche von weniger lehrreichen und motivierende von ernüchternden Veranstaltungen zu unterscheiden. Natürlich steht es jedem frei zu zweifeln, ob dies wesentliche Aspekte des Konstrukts “gute Lehre” seien.

    Doch “irgendwie” muss das Gelehrte so dargeboten werden, dass es am Ende zu Gelerntem werden kann. Das Feedback der Studierenden und die Angebote der Hochschuldidaktik sind aussichtsreiche Kandidaten, um dieses “irgendwie” zu konkretisieren und sich dem anzunähern. Auch wenn der heilige Gral der geeigneten Indikatoren noch nicht gefunden sein mag und die Zweifel uns auch auf dem weiteren Weg treue Begleiter sein werden.

  • 01.03.2010 um 11:12 Uhr von Jack

    Es hilft vielleicht, den Blick dorthin zu richten, wo die Lehrevaluationen tatsächlich schon seit Jahrzehnten üblich sind, nämlich Nordamerika. Dort hängt es sehr vom Typ der jeweiligen Institution ab, welche Bedeutung der Teaching Performance im Allgemeinen und der studentischen Lehrevaluation im Besonderen zugemessen wird. Bei meinem Interview an einer großen staatlichen Forschungsuni in den USA hat man mir verraten, das die Teachning performance kaum zum Tenure Erfolg beitrågt. Sie dürfe halt nicht katastrophal schlecht sein. Was zählt, sind vor allem Forschungsergebnisse.

    Das sieht an 4-Jahres Colleges schon ganz anders aus. Interessant ist hier jedoch, dass sehr gute studentische Bewertungen keinesfalls mit einer guten Lehre gleichgesetzt werden. Hier wird immer die relation zu den erreichten Studienergebnissen betrachtet. Wenn der Eindruck entsteht, dass Gefälligkeitsnoten vergeben wurden, hat der Tenure Kandidat keine so guten Karten. Positiv fällt auf, wer sich Klagen einfängt, dass bspw. die Anforderungen zu hoch sind, sofern dies zu guten Studienergebnissen führt. Man muss in den Bewertungen zwischen den Zeilen lesen und darf sie nicht isoliert betrachten. Jedenfalls ist das mein Eindruck aus den einschlägigen Foren-Diskussionen (www.chronicle.com) dort drüben.

    Für Deutschland kann ich nicht erkennen, dass die Lehre an den Unis in Zukunft eine nennenswert größere Rolle spielen wird als bisher. Schließlich steht dort überall die Forschung im Mittelpunkt. Und bei Berufungsverfahren ist die Prioriät: 1. Netzwerk, 2. Publikationen, 3. Drittmittel, 4. Lehre. Sogar ganz ohne nennenswerte Lehrerfahrungen kann man hierzulande Univ.-Prof. werden. So sieht es aus. Es könnte sich allenfalls an den FHs was ändern, wo wiederum die Forschung keine große Rolle spielt. Insofern würde man sich den amerikanischen Verhältnissen annähern.

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