Nehmen wir einmal an, eine junge Masterabsolventin möchte gerne in Forschung und Lehre an einer deutschen Hochschule arbeiten. Nehmen wir an, dass sie – gar nicht dumm – mit diesem Ziel zunächst ein Promotionsvorhaben aufnimmt. Mehr wissen wir im Moment noch nicht über sie. Frage 1: Wie hoch sind ihre Chancen, dass sie ihr Promotionsziel erreicht? 80 Prozent, 60 Prozent, 30 Prozent? Frage 2: Wie wahrscheinlich ist es, dass sich eines Tages ihr Traum verwirklicht, indem sie eine einigermaßen dauerhafte Position an einer deutschen Hochschule erreicht, jenseits von Lehraufträgen, Stipendien, Hilfskraftpositionen oder befristeten Einstellungen unterhalb einer Professur? 50, 15, 5 Prozent?
Vertraue keiner Statistik, …
Es gibt Zahlen, die sollten besser nicht bekannt sein. Folgerichtig zählt Deutschland lieber gar nicht erst, wie viele Personen jährlich eine Promotion aufnehmen. Bekannt ist jedoch, dass jährlich rund 25.000 eine irgendwann aufgenommene Promotion erfolgreich abschließen. Seriöse Studien legen nahe, dass die zwischenzeitliche Abbruchquote in einer Größenordnung von rund 50 Prozent liegt – je nach Definition, was eine „angefangene“ Promotion darstellt und wann aus einer „kurzfristigen Unterbrechung“ oder einer ominösen „Überarbeitung des Zeitplans“ ein Abbruch wird. So ist davon auszugehen, dass von den jährlich rund 250.000 Absolventinnen und Absolventen auf Masterniveau (diese wiederum werden exakt gezählt) zwischen 40.000 und 80.000 ein Promotionsvorhaben aufnehmen, Nachzügler und Spätpromovierende einbezogen.
Nach ihrer Interessenlage und Motivation befragt, bekundet rund ein Drittel von diesen ein ernsthaftes Interesse an einer Hochschulkarriere. Nicht etwa an einer Tätigkeit in einer beliebigen Lehr- oder Forschungseinrichtung, in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines Unternehmens oder in anderer wissenschaftlich anspruchsvoller Position, sondern ganz explizit in Lehre und Forschung an einer Hochschule. Das macht jährlich rund 15.000 bis 30.000 potenziell Interessierte. Was wird aus ihnen?
… wenn du das Ergebnis gar nicht wissen möchtest.
Jahre später erfahren wir, dass unsere Masterabsolventin zu den 25.000 zählt, die ihr Promotionsvorhaben erfolgreich zu Ende gebracht haben. Frau Doktor ist nach wie vor an einer Hochschulkarriere interessiert, mit ihr rund 10.000 weitere, wenn es bei der Interessiertenquote von rund einem Drittel bleibt. Frage 3: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie langfristig dem Hochschulsystem erhalten bleibt? Frage 4: Welche Chance besteht, dass sie dabei irgendwann eine Position erreicht, die einen solchen langfristigen Verbleib in ihren eigenen Entscheidungsbereich bringt und sie von glücklichen Umständen, passenden Drittmittelprojekten oder der Bereitschaft zu einer Flickwerkkarriere unabhängig macht?
Auch hier fehlen aussagekräftige Zahlen. Bekannt ist: Es besteht eine Wahrscheinlichkeit von knapp 10 Prozent, dass auf eine Promotion irgendwann eine Habilitation folgt, denn auch diese werden sorgfältig gezählt.
Die Anzahl der jährlich verfügbaren Stellen mit dauerhafter Perspektive lässt sich hingegen nur näherungsweise abschätzen, sie unterliegt zudem erheblichen Schwankungen. Derzeit kommt es zu rund 2.500 Neuberufungen jährlich, inclusive der nicht-universitären Professuren, welche in der Regel keine Habilitation, sondern ein zwischenzeitliches Verlassen des Hochschulsystems erfordern. Hinzu kommen die aktuell wieder im Trend liegenden Juniorprofessuren – mögen es 200 pro Jahr sein, späterer Übergang auf unbefristete Vollprofessur wahrscheinlich. Außerdem die in Anzahl, Relevanz und Perspektive kaum nennenswerten wissenschaftlichen Dauerstellen (Assistenzen, Ratsstellen, Dozenturen) mit vielleicht 300 Ausschreibungen pro Jahr, geschätzt aus dem Quotienten zwischen Stellenanzahl und anzunehmender Verweildauer.
Insgesamt also rund 3.000 Vakanzen pro Jahr, die unserer Frau (Prof., Juniorprof., PD?) Dr. (habil.?) die Erfüllung ihres langgehegten Traums wahr werden lassen würden. Macht, auf die Lebenszeit der an einer Hochschulkarriere Interessierten gesehen, eine Chance von 10 bis 20 Prozent für Promovierende und eine Chance von maximal 30 Prozent für Promovierte, direkt oder über den – absichtlichen oder unabsichtlichen – Umweg über eine zwischenzeitliche Beschäftigung außerhalb der Hochschule am Ende dort zu landen, wo sie einmal hin wollten. Statistisch gesehen.
Wie wäre es mit Würfeln?
Nehmen Sie einen klassischen 6-seitigen Würfel zur Hand. Wenn Sie nicht an einer Hochschulkarriere interessiert sind, betrachten Sie diesen Würfel eingehend und legen Sie ihn dann wieder zur Seite. Sie haben sich für eine berufliche Zukunft entschieden, über die Ihr Würfel nichts aussagen kann. Wenn Sie jedoch an einer Hochschulkarriere interessiert sind und sich gegenwärtig in der Promotionsphase befinden, dann wählen Sie eine der Ziffern von eins bis sechs. Eine einzige. Wenn Sie bereits promoviert sind, dürfen Sie sogar zwei verschiedene Ziffern wählen. Werfen Sie Ihren Würfel nun ein einziges Mal und dann nie wieder. Falls der Würfel die richtige Ziffer zeigt, atmen Sie auf und richten Sie sich voller Zuversicht auf eine dauerhafte Hochschulkarriere ein. Sie wird kommen, der Würfel hat es Ihnen vorausgesagt. Falls der Würfel eine andere Ziffer zeigt, überlegen Sie sich, ob Ihnen eine andere Alternative für Ihre berufliche Zukunft einfällt. Sie werden sie brauchen.
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Die nächste Nachricht aus Schmidts kleiner Elfenbeinwelt erscheint voraussichtlich am 15. November 2010 zum Thema “Selbst- und Fremdbilder professoraler Führungsstile”



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Kommentare (26)
Ein schöner Artikel der auch die minimalen Karrierechancen gut und deutlich darstellt. Es gibt aber meiner Ansicht nach eine Lücke im Artikel und das betrifft die Arbeitsmöglichkeiten im Ausland. Dort gibt es häufig deutlich mehr Möglichkeiten einer unbefristeten Stelle im universitären System (beispielsweise als Lecturer oder Reader) so dass man doch ein paar mal mehr wird würfeln dürfen. Nur bereit sein Deutschland zu verlassen sollte man schon sein.
Ich habe lange über den Einwand nachgedacht. Belastbare Zahlen über die Bilanz von “auswandernden” und “einwandernden” Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sind mir nicht bekannt, daher kann ich nicht abschätzen, ob und wieviel mal öfter in der Summe dadurch gewürfelt werden dürfte. Nur soviel: Ein System, das darauf setzen muss, dass Systemangehörige sich dadurch “retten”, dass sie von anderen (hier: ausländischen) Systemen aufgenommen werden, scheint mir alles andere als nachhaltig konstruiert…
Natürlich ist ein System das darauf setzt dass Angehörige sich durch Ausbruch retten nicht nachhaltig. Wünschenswert wäre daher wenn auch in Deutschland unbefristete Stelle unterhalb der professuralen Ebene zu schaffen beziehungsweise diese wieder vermehrt einzuführen. Denn solche Stellen würden auch des Wissenschaftsstandortes Deutschland attraktiver zu machen.
ich möchte noch ergänzend hinzufügen dass ich den Artikel sehr gelungen finde, da er anschaulich macht wie erkrankt das deutsche System ist. Daher würden Zahlen über Abwanderungen diese Kritik am System eher schwächen.
Ja, gerne, vielen Dank! Der Schlussfolgerung kann ich mich nur anschließen – mehr dauerhafte Karriereoptionen “unterhalb” (ich sage lieber: neben) der Professur. Und außerdem ein stärkeres Bewusstsein, dass ein Ausstieg aus dem System kein Scheitern nach dem Motto “war eben nicht gut genug”, “hat sich nicht genug angestrengt” etc. darstellen muss…
Als Ausgewanderter möchte ich zu dem Thema noch anmerken, dass ein gesunder Wissendschaftsstandort Auswanderung von Deutschen wie Einwanderung von Nicht-deutschen Wissenschaftlern durchaus fördern sollte. Leider fördert das gegenwärtige System eher die Auswanderung der deutschen und schreckt Nichtdeutsche eher ab im Vergleich zu anderen Ländern. Internationalisierung bedeutet in Deutschland meist die Rückkehr von im Ausland forschenden Deutschen, statt die Gewinnung von hervorragenden ausländischen Wissenschaftlern. Das Saldo ist also doppelt negativ. Ich stimme den Forschung nach unbefristeten (aber nicht unbedingt verbeamteten!) Stellen im Wissenschaftsbereich zu allerdings sollte jedem klar sein, dass dies resourcenpolitisch nur geht wenn Professoren deutlich weniger Mitarbeiter als “Grundausstattung” haben (Hiwi, Sekretärin, WMs). Da gibt es gehörigen Widerstand.
“Forderung” statt Forschung…
Logisch! Durchlässigkeit in jeglicher Hinsicht und Richtung ist unbedingt nötig.
Ob mehr Dauerstellen nur möglich sind, wenn die Anzahl der beschäftigten Personen gleichzeitig sinkt, kann ich nicht beurteilen, Deutschland macht zur Zeit den gegenteiligen Feldversuch (weniger Dauerstellen). Rein mathematisch sollte es nicht so sein, trotz aller Widerstände. Zumal man nicht den Faktor unterschätzen darf, dass Dauerangestellte “trotz” ihrer fehlenden Befristung die Fähigkeit behalten, von sich aus zu kündigen. Das ist allerdings ein anderes Menschenbild, als Dauerstellen als “auf ewig gebundene Personalkosten” zu verstehen.
Ich meinte nicht, dass die absolute Anzahl der beschäftigen Personen sinken muss, aber es liegt auf der Hand, dass sich mehr Dauerstellen nicht gleichzeitig mit der Aufrechterhaltung einer hohen Zahl von befristeten und Professoren untergeordneten Stellen im Mittelbau vertragen. Es geht also um eine schrittweise Umwidmung von Stellen, nicht den Abbau insgesamt.
Wer mehr Dauerstellen will muss gleichzeitig eine Antwort auf die Kritik haben, dass die massenhafte Schaffung von verbeamteten Dauerstellen in den 1970er Jahren zu einer Dauerblockade von Karrierewegen für Nachkommenden geführt hat, Innovationen verlangsamt hat und der Produktivität des Systems insgesamt leider nicht zuträglich war. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung ist das Argument der “auf wenig gebundenen Personalkosten” nicht ganz von der Hand zu weisen – siehe die Diskussion zum Thema des Nutzens des Beamtenstatus für Wissenschaftler.
Ich finde den Artikel witzig und interessant geschrieben, aber nicht unbedingt stichhaltig:
1) Zum einen sollte es ja keinesfalls die Regel sein im deutschen Sytem, dass jeder Masterabsolvent promoviert und jeder Promovierte habilitiert. Dazu ist unser System nicht ausgelegt. Der akademische (billige) Mittelbau ist notwendig, um die (günstigen) Professoren zu entlasten. Jedem ist bekannt, dass in den USA die Profs deutlich besser bezahlt werden, dafür aber kaum/keine Mitarbeiter haben und die Studenten Studiengebühren bezahlen.
1) Zum anderen finde ich das Würfelbeispiel nicht gelungen. Es ist ja kein Zufall, ob jemand habilitieren kann oder nicht. In meinen Bereich (BWL, Accounting) gilt auch hier wie überall das Selektionsprinzip. Und die Wirtschaft nimmt gescheiterte Uni-Laufbahnen gerne. Das ist zwar nicht unbedingt das Nutzenoptimum für den Einzelnen, aber hey, kann ja auch nicht jeder Millionär werden. Das System als “krank” oder “fehlerhaft” zu bezeichnen, nur weil nicht jeder Promovierte eine Lehr- oder Unilaufbahn einschlagen kann ist hier Fehl am Platz. Auch hier bestimmt die Leistung und/oder das genetische Potential, die zukünftige Karriere und nicht ein System, das alle aufnimmt.
Nur zur Richtigstellung, damit sich ein mögliches Missverständnis nicht in der Diskussion fortsetzt: Die Promotions- und Habilitationsneigung sowie das individuelle Anstreben einer Hochschulkarriere sind in der Modellrechnung berücksichtigt, sonst wären alle Übergangswahrscheinlichkeiten auf 1 gesetzt, und man bräuchte einen ungefähr 100-seitigen Würfel (250.000 Abschlüsse Masterniveau zu 3.000 Stellen).
Ein entscheidendes Stichwort ist gefallen: Befindet sich der sog. “wissenschaftliche Nachwuchs” in einer “Selektionsphase”, falls ja – ist das gut so? Nach welchen Kriterien funktioniert diese Selektion? Und führt sie zu Ergebnissen, die individuell und auf Systemebene annehmbar sind? Nicht zuletzt – sind diejenigen, die das System verlassen, wirklich “gescheitert” und werden von “der Wirtschaft” gerne genommen, oder hat dieses Konzept der “Selektionsphase” möglicherweise Nebenwirkungen, die ein Nachsteuern erfordern?
Also, die Tabelle sagt überhaupt nichts aus. Bei den Promotionen sind wahrscheinlich Mediziner/innen und Jurist/innen mit eingerechnet.
Wenn befristete Qualifikationsstellen, Drittmittelstellen, Fachhochschulstellen, Postdoc-Stipendien etc. nicht mit aufgenommen werden, ist doch völlig klar, dass so ein verzerrtes Bild entsteht.
Diese Gejammer von den Promovierenden, als wären sie die prekärste und ärmste Schicht Deutschlands, geht mir allmählich echt auf den Wecker.
Im Zusammenhang mit Karriereoptionen in der Wissenschaft fand ich folgenden Artikel sehr Augen-öffnend:
http://sciencecareers.sciencemag.org/career_magazine/previous_issues/articles/2009_02_13/caredit.a0900021
Eine Wissenschaftlerkarriere ist wie beim Leistungsport eher ein Turniersystem. Dabei wird sehr viel Potential auch einfach nur verschwendet.
Der Artikel legt sehr eindringlich dar, welch eine Verschwendung an menschlicher Intiative und Kreativitaet mit einem System verbunden ist, dass auf extremen Konkurrenzkampf ausgelegt ist. Wie kann man von Menschen verlangen, dass sie viele Jahre intensiver Arbeit investieren, wenn dann bestensfalls sehr maessige Berufsaussichten herauskommen? Der Verweis auf “die Wirtschaft” hilft auch nicht weiter, denn es gibt viele Bereiche der Wissenschaft, die wirtschaftlich nicht gut verwertbar sind, die aber fuer die Ueberlebensfaehigkeit unserer Gesellschaft und die Pflege unserer Kultur unerlaesslich sind – gerade in einer Zeit, die den wirtschaftlichen Profit ueber unser Uebeleben zu stellen scheint.
Aus der Sicht eines in den USA taetigen Professors kann ich nur sagen, dass sehr aehnliche Tendenzen auch hier zu finden sind. Es gibt immer weniger der Stellen mit Aussicht auf tenure, und stattdessen befristete Stellen mit keiner Aussicht auf stabile Beschaeftigung, die ausserdem meist miserabel bezahlt werden. Es gibt trotzdem immer noch eine gorsse Zahl von Bewerbungen fuer jede Stelle. Ich rate meinen Studenten, den akademischen Artbeitsmarkt hoechstens als eine Option zu betrachten und auf jeden Fall ihr Studium so zu konzipieren, dass sie auch andere Moeglichkeiten haben. Dieser Rat fusst auf der Einsicht, dass das Verhaeltnis zwischen Aufwand und Nutzen in diesem Bereich sehr zu wuenschen uebrig laesst. Wozu immer weiter rennen, wenn man bloss immer weiter rennen muss?
Das Bruttogrundgehalt eines W2-Professors beträgt (altersunabhängig) ca. 51.500 € (NRW). W3 kommt schon auf 62.500 €. Der Mittelbauer (Akademischer Rat A13) mit 30 Jahren auf 43.000 €. Als Angestellter je nach Dienstzugehörigkeit etwas mehr (brutto wohlgemerkt!). Wurde dank Umstellung von BAT auf TVöD in den letzten Jahren gesenkt!
Die Mindestgehaltsgrenze im Aufenthaltsgesetz für ausländische Fachkräfte beträgt z. Zt. 66.000 €. Alle oben genannten würden diese Anforderung nicht erfüllen können. Mangelhafte Qualifikation? Vielleicht ja auch ganz gut, keine sechs zu würfeln
Es gibt ein wenig genauere Daten, siehe
http://www.buwin.de/index.php?id=208
und die Folgeseite.
Am erschuetternsten ist dabei die geringe Uebergangsquote von einer Habilitation auf eine Professur.
Ich bin froh, dass ich ins Ausland gegangen bin.
Selbst davon betroffen, musste ich folgende Fakten feststellen:
Bei Ausschreibungen nach dem Motto “Professur für …, insbesondere für …” oder “Professur für …, mit einem Schwerpunkt im Gebiet …” erfolgte in mehreren Fällen eine Berufung von Kolleg(inn)en, die auf dem ausgeschriebenen Schwerpunkt keinerlei Ausweis hatten.
In vielen Ausschreibungen wird zwar eine interdisziplinäre Orientierung gefordert, die Berufungen erfolgen dann aber innerhalb der eigenen, oft sehr engen Gedankenwelt.
Im Gegensatz zum Beispiel zu Kanada, der Schweiz oder auch Österreich, scheint es, als ob deutsche Universitäten systematisch ausländische Bewerber den einheimischen vorziehen.
Bei den Publikationen scheint zu gelten, daß EINE Publikation im mainstream eines US-Journals mehr zählt als eine Habilitationsschrift mit unorthodoxen Ergebnissen.
Das im Artikel verwendete Würfel-Paradigma erscheint mir daher mehr als zutreffend. Um jedoch die Berufungschancen zu erhöhen, sollte man
a) keinesfalls querdenkend, sondern mainstream sein; der mainstream wird in den USA definiert.
b) keinesfalls interdisziplinär arbeiten, sondern immer brav in der dicken Suppe des eigenen Faches schwimmen – denn die entscheidenden Mitglieder in den Berufungskomissionen schwimmen auch in dieser Suppe und wollen keinen “Ärger” durch andere Sichtweisen.
c) möglichst kein(e) “normale(r) Deutsche(r)” sein, sondern irgendein Kriterium aufweisen, welches einen Anspruch begründen kann, die Berufung würdige einen “Diskriminierungstatbestand”.
Fazit: Der Wurf des Würfels ist im Kern positiv nur durch Maßnahmen beeinflußbar, die mit wissenschaftlicher Originalität nicht oder negativ korreliert sind.
Hmm, da ja sehr viel auf das System geschimpft wird ich gebe auch Folgende Dinge zu bedenken:
Dauerhaftigkeit: Draußen in der Wirtschaft hat man auch sehr oft Befristungen (besonders zum Anfang). Wenn eine Krise kommt kann der Job auch schnell weg sein. Es kann also auch sehr prekär zugehen.
Sinnvolle Mittelverwendung: Die Stellen in der Wirtschaft entsprechen ungefähr dem was zum Betrieb wirklich notwendig ist. Hier entscheidet am Ende der Kunde wie viele Jobs es gibt. Wenn nun nach mehr Stellen gerufen wird, bitte immer dazu sagen wer sie finanziert. Wenn sie wirklich fehlen und die Stellen für wichtige Arbeit benötigt wird, dann findet sich auch jemand der sie bezahlt. Es kann jedenfalls nicht der Staat sein. Also Leistungsorientierung und nicht Auffangbecken für die, die zu viel sind.
Topjobs: Die Anzahl der Führungsjobs ist draußen mindestens genauso begrenzt wie im Hochschulsystem und zudem ist der Aufstieg viel weniger vom Können und der Leistung abhängig (eher vom Old Boys Network).
Mein Fazit ist, dass es so schlimm nicht ist und die Begrenzung fördert ja die Auswahl und letztlich die Qualität. Mehr Forscher sind immer ein heres Ziel aber mehr nachhaltige Stellen können nur kommen, wenn das was sie leisten auch jemand bezahlen will und es eben nicht alimentiert wird. Und hier hakt es ja wirklich. Verbessert die Angebote der Hochschulen nach außen, findet Kunden und es gibt mehr Jobs.
@ T. (zwei Kommentare zuvor)
Also zumindest in meinem Fachgebiet (Sozialwissenschaften) spielen ausländische Bewerber mal sowas von überhaupt keine Rolle: weit über 90 Prozent der Professoren sind Deutsche, und der Rest kommt wahrscheinlich aus Österreich und der Schweiz. Wenn Sie allerdings meinen: Deutsche Bewerber aus dem Ausland, dann könnten Sie vielleicht etwas richtiger liegen. Ich finde es eher schade, dass ausländische Bewerber hier gar keine Chancen haben…
@ Jan M:
Der Vergleich hinkt vollstaendig. Wenn der Arbeitsmarkt in der Wissenschaft wenigstens so waere wie in der Wirtschaft, waere ich nicht ausgewandert. Ein Job in der Wirtschaft, der aehnlich bezahlt wird und eine aehnliche Fuehrungsverantwortung hat wie eine Professur in Deutschland, findet sich fuer jemanden mit hoher Qualifikation in der Wirtschaft ziemlich leicht; dazu benoetigt man keine Topposition. Abgesehen davon gibt es das deutsche Stellenproblem in der englischsprachigen Welt nicht, und man kann nur schwer behaupten, dass UK, Australien, Kanada und die USA deshalb Qualitaetsprobleme haetten.
An der Tatsache, dass die deutschen Unis unterfinanziert sind und deswegen zu wenig Stellen haben, und daran, dass man aufgrund des fehlenden Tenure-Tracks in Deutschland keine Moeglichkeit hat, als Wissenschaftler mindestens eine aehnliche Berufsperspektive zu haben, wie sie die Wirtschaft bietet, fuehrt kein Argument vorbei.
Ich stimme vielen Kommentaren zu. Die deutschen Hochschulen hätten eine Reform nötig. In meiner Fakultät gibt es zu viele Verwaltungsangestellte, für die keine vernünftige Aufgabe gefunden werden kann. Sie sind quasi überflüssig, ihnen kann aber nicht gekündigt werden. Auf der anderen Seite sind Universitäten in erster Linie Ausbildungsstätten und meiner Meinung nach kommt erst dannach unsere Aufgabe in der Forschung. Daher finde ich es schade, dass hier hauptsächlich über das Thema Forschung und feste Stellen für Forscher diskutiert wurde.
Für eine solide Lehre gibt es viel zu wenige festangestellte Lehrkräfte an unseren Hochschulen. Die komplette Praktikumsbetreuung, ein wichtiger und zeitintensiver Teil der Ausbildung in der Chemie, wird von Doktoranden übernommen. Für die Lehrerhebung wird die Betreuungszeit im Praktikum übrigens halbiert. Ob die Zeit dort doppelt so schnell vergeht?
Warum gibt es keine Lecturerpositionen in Deutschland? Das verstehe ich wirklich nicht. Profs sind einfach zu beschäftigt, um sich ausreichend um die Lehre zu kümmern. Mir ist noch nie ein Prof untergekommen, der sowohl Lehre als auch Forschung auf hohem Niveau leisten konnte. Vielleicht wäre das möglich, wenn er über festangestellte Mitarbeiter verfügen würde, an die er Aufgaben delegieren könnte.
Auch ich strebe eine Lehrtätigkeit an der Hochschule an. Ob sich nach meinem jetzigen Vertrag etwas ergibt, werde ich sehen. Zur Not gibt es immernoch die Schulen, die uns promovierte Naturwissenschaftler mit Kusshand nehmen.
Der Artikel ist, dem deutschen Tenor ewigen Jammerns über “das ungerechte System” gemäß, einseitig und realitätsfremd. Wer sich darüber beklagt, dass zuwenig Promovierende und Habilitanden auch berufen werden, der muss sich doch nur mal ansehen, welches Niveau gute Teile des wiss. Nachwuchses aufzuweisen haben. Aus meiner Erfahrung in verschiedenen Berufungsgremien weiß ich: Selbst aus hundert Bewerbern ist es oft wirklich schwer, jemanden zu finden, der die verschiedenen Fähigkeiten einer Professur auch mit hoher Wahrscheinlichkeit mitbringt: Forschen, lehren, verwalten, Personalführung, usw. An meiner Uni mussten wir sogar schon vakante Stellen neu ausschreiben, weil bei >100 Bewerbern kein geeigneter Kandidat dabei war!
Es gibt genug Doktoranden, denen alle sozialen Skills fehlen; es gibt zahlreiche Habilitanden, die keine verständlichen Vorträge halten können; etc. Dazu kommt oft eine starke fachliche Spezialisierung, die zwar in den Naturwissenschaften erwünscht ist, in den Geisteswissenschaften aber oft ein Hindernis darstellt, weil Professoren gerade an kleinen Instituten große Gebiete ihres Faches lehren & prüfen können müssen.
Das Problem ist nicht die Selektion des Nachwuchses, die es in der Uni so gibt wie überall auch – es wird ja auch in der Wirtschaft nicht jeder, der es sich wünscht, Vorstandsvorsitzender -, sondern die Tatsache, dass man auch den Teil des wiss. Nachwuchses, der zur Professur offenkundig unfähig ist, dennoch mitschleift, großzügig durch Prüfungen winkt, an langweiligen Themen ohne Forschungsrelevanz arbeiten lässt, und aus Eigeninteresse ermuntert, weiter am Institut zu arbeiten – neue Mitarbeiter oder Doktoranden einzuarbeiten macht schließlich Arbeit.
Spätestens nach der Diss. müsste deutlich stärker gesiebt werden und die fachliche Kompetenz als alleiniges Kriterium für Weiterbeschäftigung / Drittmittel / Stipendien müsste zugunsten eines breiteren Kriterienkataloges aufgegeben werden. So schürt man nur falsche Hoffnungen.
Charles – Ja, da machen Sie wohl den gleichen Fehler wie Boris Schmidt, Sie jammern in die andere Richtung, so dass sich vermutlich die Realität irgendwo in der Mitte abzeichnet. Grundsätzlich finde ich Ihre Beschreibung aber hilfreich. Exzellenzen lassen sich nun einmal nicht beliebig vermehren. Umso wichtiger ist es Strukturen zu schaffen, die einerseits den durchschnittlichen Akademiker bedienen und anderseits herausragende Forschung und Lehre ermöglichen.
Welcher Weg dahin führt ist in unserer Republik leider nicht Konsens. Ich selbst glaube, dass nur durch den Wettbewerb und der Selbstbestimmung der Universitäten untereinander sich die Spreu vom Weizen trennen lässt, wobei es auch für die Spreu ausreichend Verwendung gibt.
Der von Ihnen geforderte Alleskönner (Forschen, lehren, verwalten, Personalführung, usw. ) lässt aber auch den Gedanken zu, ob wir unsere Professoren nicht von unnötigem Ballast befreien sollten, damit Sie sich Ihren Kernaufgaben widmen können.
Soso, ich jammere, bin realitätsfremd, einseitig und mache Fehler. Das ist ja fürchterlich!
Wie dem auch sei – wenn so vielen der an deutschen Wissenschaftseinrichtungen Promovierenden (so die Charles-Diagnose) alle sozialen Skills fehlen und wenn so viele der an deutschen Wissenschaftseinrichtungen Habilitierenden keine Vorträge halten können, und wenn gleichzeitig die Anforderungen für eine Professur an denselben deutschen Wissenschaftseinrichtungen so hoch sind, dass bei >100 Bewerbungen sie niemand erfüllt – dann würde ich dies alles nicht als Selektionsproblem oder gar als Max’sche Spreu-und-Weizen-Story interpretieren, sondern als dringliche Aufforderung an eben diese deutschen Wissenschaftseinrichtungen, ihr Personal in solcher Weise zu fördern und in seiner Entwicklung zu unterstützen, dass es den selbst gesteckten Anforderungen gerecht werden kann. Charles’ Ausschreibungspleiten sind ein hervorragender Anlass, nicht etwa an den Bewerberinnen und Bewerbern, sondern am Geisteszustand des Gesamtsystems zu zweifeln – und nachzubessern. Wie es übrigens vielerorts schon geschieht, Beispiel Graduiertenzentren, Beispiel hochschuldidaktische Einrichtungen.
Nur als protokollarische Anmerkung, ich bin überzeugt, die meisten Leserinnen und Leser verstehen den Artikel so, wie er gemeint ist: Mitnichten trete ich dafür ein, dass alle Promovierenden eine Garantie auf eine spätere Professur erhalten. Ich trete dafür ein, dass (a) (wieder) langfristige Arbeitsperspektiven für engagierte und kompetente Lehrende und Forschende auch jenseits der Professur geschaffen werden, (b) die Wissenschaftseinrichtungen verstärkt entsprechend der Realität handeln, dass 90% der Promovierenden eben nicht langfristig bleiben (können), d.h. frühzeitig hierüber informieren, Karriereberatung anbieten, Anschlussfähigkeit vom Doktor zu Beschäftungsmöglichkeiten außerhalb stärken etc. (u.a. durch vermehrten Aufbau von Charles’ sozialen Skills), (c) die Wissenschaftseinrichtungen sich noch einmal genau überlegen, was sie sich eigentlich heutzutage unter dem Berufsbild “Professor/-in” vorstellen und die vorangehenden Karriereschritte hierauf zuschneiden. Möglicherweise gilt es an dieser Stelle darüber nachzudenken, wie aus Spreu Weizen werden gemacht werden kann. Und (d) lade ich Promovierende und Promovierte ein, nicht alle Hoffnungen auf eine Hochschulkarriere zu setzen, selbst wenn sie noch so begeistert und engagiert sind und gerne bleiben würden, sondern sich rechtzeitig Gedanken über einen “Plan B” zu machen: Es ist schlichtweg nicht für alle Platz an Bord, und irgendwas ist falsch eingestellt bei der Maschine, deren Aufgabe es angeblich ist, Spreu und Weizen zu trennen…
Zitat aus -Sind wir nicht alle ein bisschen exzellent? – von Boris Schmidt
„Oder ist die Hochschule dieser magische Ort, an dem die statistischen Gesetze der Normalverteilung und des Mittelswertes außer Kraft gesetzt sind, wo breite Mehrheiten überdurchschnittlich sein können und kaum jemand unterdurchschnittlich sein muss?“
Ich lese da „Spreu und Weizen“ oder irgendwie haben wir alle ein bisschen recht!
Dieser Artikel ist sehr gut, aber das eigentliche Problem ist ein anderes, nämlich dass nicht diejenigen Menschen zum Professor berufen werden, die gute Lehre machen und von Pädagogik eine Ahnung haben, sondern in der Regel nur die karriereorientierten, die generalstabsmäßig ihre Veröffentlichungen planen und durchführen (publish or perish), da dies DAS EINZIGE! Kriterium bei der Berufung eines Hochschullehrers ist (abgesehen von Vitamin B, also Mitgliedschaft in der entpsrechenden akademischen Mafia, also im Klartext: persönliche Beziehungen zu Mitgliedern der Berufungskommission, die einen mögen) und vielleicht noch, ob man bei einem vermeintlich “berühmten” Professor irgendwann mal eine Postdoczeit oder Studentenzeit verbracht hat. Kurzum: Nicht diejenigen werden berufen, die Interesse an guter Lehre haben, sondern diejenigen (oftmals sozialgeschädigten Leute), die in Ihrem Leben nichts anderes gemacht haben, als mit Ellenbogen ihre papers publiziert. Es wird dann automatisch angenommen, das jemand, der 50 oder hundert papers publiziert hat, auch ein HochschulLEHRER sein kann. Genau dies ist der fundamentale Irrtum an dem ganzen System, denn es gilt ja auch der Satz: “Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus”, d.h. diejenigen, die es gechafft haben und dann später in Berufungskommissionen über die Karrieren von anderen Menschen entscheiden dürfen, wollen nur zukünftige Kollegen an ihren Lehrstuhl berufen, die natürlich das gleiche Lebensmuster durchlaufen haben. So verewigt sich das Prinzip von schlechter Präsenzlehre, die geprägt ist von völliger Unbedarftheit und Unerfahrenheit von pädagogischer Methodenvielfalt vieler “lehrender” Professoren.
Es geht also überhaupt nicht um die Frage, die Vorlesung als solche abzuschaffen, sondern um die Frage, all die SCHLECHTEN Vorlesungen abzuschaffen, aber dazu müsste sich die Berufungsparxis an den Universitäten grundlegend ändern. Und wer kann dies ernsthaft erwarten, wenn doch die akademische Mafia genauso geschlossen wie ein elitärer Club agiert, in dem sich die einzelnen Mitglieder für unersetzbar halten. Dies ist das größte Problem schlechter Lehre: Zu viele akedmische Leerflaschen, die als Professoren berufen werden, die nichts anderes gut können, als die Anzahl ihrer Schriften zu mehren unter Ausnutzung, oder ehrlicher gesagt, Ausbeutung von Diplomanden, Doktoranden und Assistenten. Viele “Professoren” beherrschen leider keine gute Lehre und haben nicht einen Funken Ahnung von Pädagogik oder Lehrkonzepten, mit der Folge, dass für solche Leute die Lehre vor allem Selbstpräsentation (und damit schlechte Lehre) ist.
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