Für die Mehrzahl von uns Doktoranden ist die Dissertation das erste zu schreibende Buch; entsprechend schwer tun sich die meisten. Auf der Frankfurter Buchmesse habe ich ungefähr Milliarden Bücher bestaunen können. Erstaunlicherweise. Denn immer wieder hört man auch aus dem Mund von Literaten, welche Qual das Schreiben bedeutet: „Ich hasse das Schreiben, aber ich liebe es, geschrieben zu haben.“
Schriftsteller seien Leute, die nicht gerne schreiben, hört man zuweilen. Christa Wolf zum Beispiel war der Schreibtisch oft „Foltertisch“. Bedarf wohl keiner weiteren Erklärung.
Die Gedichte Durs Grünbeins entspringen dagegen einer grotesken und ziemlich gespaltenen Partystimmung im Kopf, sie entstehen dort, „wenn mindestens drei Unbekannte zusammengekommen sind und jeder von ihnen ist hochkonzentriert. Die eine Person diktiert, die andere prüft das Gesagte mit wachsender Skepsis, und Nummer drei sieht den beiden dabei streng auf die Finger.“ Das allerdings „kommt oft erst nach zähen Verhandlungen zustande“. Puuuh. In mir persönlich wären da immer von mindestens einem halbseidene Ausreden zu hören, das Treffen würde jedes Mal verschoben.
Über die inneren Kämpfe Flauberts weiß ich nicht viel. Aber ich besitze lebhafte Vorstellungen davon. Jedenfalls kam er vor lauter Recherche oft überhaupt nicht zum Schreiben. Sein Freund und Kollege Zola berichtet, jede Seite von „Madame Bovary“ habe ihn tagelange Studien über Kostüme, historische Ereignisse, technische Fragen und sogar Dekoration gekostet. Das Werk ist in der deutschen Übersetzung rund 400 Seiten lang – geronnen aus zehntausend Seiten Vorarbeit neben umfänglicher Korrespondenz. Geradezu eine Doktorarbeit! Auf der Suche nach dem richtigen Wort soll sich Flaubert einmal drei Tage lang auf dem Boden gewälzt haben. Auch das dürften die meisten von uns kennen…
Flaubert seinerseits galt Kafka als großes Vorbild. Offenbar auch, was Korrespondenz anging: Nur ein einziges Mal hatte Kafka Felice Bauer getroffen, als er anfing, ihr nahezu unbekannterweise Briefe zu schreiben. Hunderte Briefe in sieben Monaten, bis sie sich ein zweites Mal trafen. Dem daraus gewonnen Produktivitäts- und Inspirationsschub verdanken wir die „Verwandlung“, das „Urteil“ und andere Stücke. Wobei auch das nicht immer wirkte: Eindrucksvolle Beschreibungen seiner Unproduktivität hält er im Tagebuch fest. Nur in den seltensten Fällen so nüchtern: „Nichts geschrieben.“ (1.6.1912). „Fast nichts geschrieben.“ (2.6.1912). Vier Tage später hat er laut Tagebuch immerhin in Flauberts Briefen gelesen. Und ist am 7.6.1912 schon wieder verzweifelt: „Arg. Heute nichts geschrieben. Morgen keine Zeit.“ Schließlich dann, ein oder zwei Monate später: „Solange nichts geschrieben. Morgen anfangen.“
Schiller hatte es da offenbar leichter. Er brauchte lediglich vergammeltes Obst zum Schreiben. Jedenfalls behauptet Goethe, Schillers Frau Charlotte habe ihm erzählt, dass in Friedrichs Schreibtisch „die Schieblade immer mit faulen Aepfeln gefüllt sein müsse, indem dieser Geruch Schillern wohlthue und er ohne ihn nicht leben und arbeiten könne“. Gute Luft scheint überhaupt oft unverträglich mit angeregtem Schreiben: Heiner Müller (b)rauchte zum Leben und Arbeiten dicke Havannas. Genauer: Zum Schreiben brauchte er Zigarren. Und das Schreiben zum Leben. Bereits gezeichnet vom Speiseröhrenkrebs, sagte er gegen Ende seines Lebens: „Ich habe als Dramatiker zu lange kein Stück mehr geschrieben, das hat mich krank gemacht.“
Und wir lernen: Man sollte alles, wirklich alles tun, um den Schreibfluss in Gang zu halten. Hauptsache, es folgt der eigenen inneren Logik. Nur das Ergebnis zählt. Usw.
Quellen:
Stach, Rainer (2002): Kafka. Die Jahre der Entscheidungen. ISBN 3-10-075114-0
Schmitz, Rainer (2006): Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was Sie über Literatur nicht wissen. ISBN 978 3 8218-5775-6
Koelbl, Herlinde (1998): im Schreiben zu Haus. Wie Schriftsteller zu Werke gehen. ISBN 3-89660-041-9
Koch, Hans-Gerd (Hg.) (2008): Franz Kafka Tagebücher 1912-1914, Originalfassung. ISBN 978-3-596-18118-6


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Kommentare (2)
Hi,
ich habe geschmunzelt und kann Ihren Beitrag nur positiv bestätigen:-).
Humorvoll und “geschmeidig” formuliert!
Weiter so…(evt. mit anderen, eigenen Reflektionen?).
M. fr. Gruß
Klocke
Danke, danke! Ein paar andere, “eigenere” Beiträge gibt’s ja auch schon…
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