Allerorts entstehen Graduate Schools, PhD-Programme, Graduiertenakademien, strukturierte Promotionsangebote und wie sie alle heißen. Ganz geruhsam hatte es in den 1990-er Jahren mit den DFG-geförderten Graduiertenkollegs angefangen, und jetzt schießen neue Konzepte für die Ausbildung von Doktorandinnen und Doktoranden wie Pilze aus dem Boden. Doch Obacht: Nicht jeder Pilz ist ein Trüffel.
Manch einer sieht bekömmlich aus, verursacht aber Bauchschmerzen. Andere sind von undefinierbarer Konsistenz und schmecken im Grunde nach gar nichts. Wieder andere kommen im topmodischen Gewand daher, bieten aber eigentlich nichts Neues, und manch köstliches Exemplar riskiert, neben all dem Bunten und Grellen übersehen zu werden. Was wollen wir?
Bologna: Viele bekömmliche Ziele
Die Reform der Promotionsphase erlebt einen nie dagewesenen Boom. Der Bologna-Prozess versteht sie als dritten Zyklus hochschulischer Ausbildung nach Bachelor und Master. Die Dublin-Deskriptoren beispielsweise markieren den angestrebten Kompetenzgewinn in sechs Feldern: (1) Forschungskompetenz in einem bestimmten Sachgebiet, (2) Fähigkeit zur Konzeption und Umsetzung von Forschungsvorhaben, (3) Erarbeitung substanzieller publikationsfähiger Forschungsergebnisse, (4) kritisches Reflexionsvermögen wissenschaftlicher Ideen, (5) Kommunikationsfähigkeit gegenüber Fachleuten und Laien, (6) Fähigkeit zu Beiträgen zum Fortschritt einer wissensbasierten Gesellschaft.
All dies klingt wunderbar. Wer nach diesen Prinzipien künftig einen Dr.-Titel erhält, soll nicht nur wissen, sondern auch können. Nicht dass dies bislang vermieden worden wäre, aber hätten wir uns schon immer so sehr darum gekümmert wie heutzutage, ständen wir nicht da, wo wir jetzt stehen.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Manch eine neues Konzept liest sich nun allerdings so, als würde aus dem Bologna-Prozess zwingend folgen, dass nicht nur Bachelor und Master eine dem traditionellen Schulunterricht ähnliche Form anzunehmen hätten (welch Irrtum!), sondern dass auch der Weg zur Promotion als derartiges Studium zu gestalten sei. Mit einem Stundenplan, mit Anwesenheitslisten und einem vorab festgelegten Zeitplan.
Am besten wäre, man würde die Promovierenden doch selbst einmal fragen, was sie wollen. Wünschen sie eine derart strukturierte Ausbildung, oder machen in ihren Augen ganz andere Dinge den Unterschied zwischen Champignon und Fliegenpilz aus? Eine Befragung von überwiegend „traditionell“ Promovierenden zu deren Einstieg in den „Arbeitsplatz Hochschule“ brachte Erstaunliches und wieder auch nicht Erstaunliches ans Tageslicht.
Die gute Nachricht: Mit den allgegenwärtigen Anstrengungen, die Promotionsphase zu verändern, liegen die Hochschulen goldrichtig. Nur drei der 406 Befragten geben an, dass im Grunde schon jetzt alles richtig gemacht werde. Alle anderen sehen Veränderungsbedarf: Klärung von Zielen und Arbeitsaufgaben in der Anfangsphase (24,6 %), Führung und Unterstützung durch Vorgesetzte/Betreuende (20,7 %), Angebote zur Entwicklung relevanter Kompetenzen (z.B. Workshops, Kurse etc., 18,5 %), eine Gestaltung der Einstiegsphase als Einstiegsphase (und nicht als „Wurf ins kalte Wasser“ oder als „schleichender Einstieg“, 14,8 %) und so weiter.
Die schlechte Nachricht: Curricular organisierte Promotionsprogramme stellen sich nur sechs von 406 Befragten (1,5 %) als eigentliche Lösung für den bestehenden Veränderungsbedarf vor. Das mag auch mit den bislang noch spärlichen Erfahrungen mit diesen neuen Promotionsformaten zusammenhängen. Und doch wünscht sich die überwältigende Mehrheit nicht unbedingt Änderungen auf der Ebene des Formats (von unstrukturiert zu strukturiert), sondern vor allem auf der Ebene der Inhalte und Prozesse (Ziele definieren, Unterstützung geben, Klarheit schaffen).
Welche Probleme lösen strukturierte Promotionsprogramme eigentlich?
Sind strukturierte Promtionsstudiengänge also ein Irrtum oder eine am Ziel vorbei gehende Umsetzung sinnvoller Reformen? – Nein, ganz bestimmt nicht. Aber es scheint am Ende weniger auf das Format an sich anzukommen. Vielmehr geht es um die Frage, ob es dem innovativen Promotionsangebot gelingt, auf der Ebene der Inhalte und der Prozesse genau die Punkte anzugehen, die den Promovierenden wichtig sind. Nicht das Aussehen, die Farbe und die Form des Pilzes machen ihn bekömmlich, sondern sein Geschmack, seine Konsistenz und die Substanzen, die sich in ihm verbergen.
Erst kosten, dann aufessen
Nie zuvor waren die Promotionsbedingungen so transparent wie heute. Die meisten Hochschulen werben mit ihren Angeboten, wählen aussagekräftige Namen und große Internetauftritte. Schauen Sie auf die Substanz: Entspricht das, was angeboten wird, Ihren Vorstellungen einer angemessenen Unterstützung für eine so große Herausforderung wie ein Promotionsvorhaben? Können Sie sich vorstellen, den genannten Anforderungen zu entsprechen? Wird Ihnen eine Hand gereicht, um den Einstieg zu finden, und gibt es glaubwürdige Konzepte, um Sie auch bei möglichen Schwierigkeiten, Konflikten und in Durststrecken zu unterstützen? Glauben Sie, dass Sie für zwei, drei oder vier Jahre so arbeiten möchten und am Ende nicht nur den langersehnten Dr.-Titel in Händen halten werden, sondern auch die anderen Dinge gelernt haben, die Sie für die Zeit danach brauchen?
Vergleichen Sie. Zählen Sie die Punkte auf den verschiedenen Pilzen, riechen Sie an ihnen, stupsen Sie daran, um die Festigkeit des Fleisches zu prüfen, fragen Sie andere, die schon davon gekostet haben – und pflücken Sie dann den einen Pilz, von dem Sie glauben, dass er Ihnen schmecken und wohl bekommen wird. Guten Appetit!
Die nächste Nachricht aus Schmidts kleiner Elfenbeinwelt erscheint voraussichtlich am 15. November 2009 zum Thema “Professorale Führungskunst – zwischen Laissez-Faire, Autokratie und Kooperation”.



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Aber am Geruch müßte man die Trüffel doch erkennen. Am besten man kauft den Trüffel direkt frisch in Alba (Piemont) auf dem Markt bzw. der Messe und dann fragt man den “Trüffelrichter”, ob der echt und gut ist… dann ist man auf der sicheren Seite. Einen falschen Trüffel hab ich noch nicht gesehen geschweige denn gegessen
… ja, dran riechen ist auf jeden Fall erlaubt! Aber nun die Herausforderung: Übertragen Sie diese Metapher vom Trüffelmarkt auf Nachwuchsförderung, Graduiertenschulen und Promotionsprogramme in Deutschland. Wo ist die Trüffelmesse, wer ist der Trüffelrichter, und was ist ein echter und was ein falscher Trüffel?
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