Wer an eine Dissertation denkt, hat oft „das große Werk“ im Kopf, das erst nach Jahren des Schreibens nicht nur vom eigenen Doktorvater, sondern allen Interessenten gelesen werden kann. Doch dies ist schon lange nicht mehr die einzige Form, seine Doktorarbeit zu verfassen. Immer häufiger wird kumuliert promoviert: eine Reihe von (veröffentlichten) Artikeln werden mit einer Einleitung und zusammenfassendem Ausblick verbunden. Und manche scherzen, dass der Umfang solcher Dissertationen manchmal geringer ist als die Einleitung von klassischen Arbeiten. An einigen Universitäten ist es mittlerweile Gang und Gäbe, dass alle Dissertationen kumuliert verfasst werden; an anderen hat man die Wahl. Für die, die diese Option haben, stellt sich die Frage nach dem Für und Wieder einer kumulierten Arbeit.
Ein ausschlaggebender Punkt ist sicherlich, dass in Fachgebieten, in denen die primäre Form der Publikation wissenschaftliche Artikel sind, Veröffentlichungen einfacher aus einer kumulierten Promotion entwickelt werden können. Die gesamte Struktur der Arbeit ist nämlich genau darauf ausgelegt. Damit kann man bereits kontinuierlich während der Promotionsphase publizieren und muss nicht bis zum Ende warten, um sein Buch herauszugeben. Der wohl bekannte Publikationsdruck begleitet einen damit auch bereits vom ersten Tag der Promotion an. Insgesamt steigt durch kumulierte Promotionen die „Produktivität“ einzelner Lehrstühle und Fakultäten, was vielleicht auch ein Grund für die steigende Beliebtheit dieser Art zu Promovieren ist.
Für Leser scheinen kumulierte Doktorarbeiten auch einen gewissen Reiz zu haben, da die Erkenntnisse in knapper Form verfasst sind und man nicht eine gesamte Arbeit lesen muss, um einzelne Ergebnisse einzuordnen. Jeder Artikel für sich sollte eine alleinstehende Einheit sein. Doch ist für Doktoranden selbst eine kumulierte Dissertation auch effektiver? Oft wird gesagt, dass die Arbeit insgesamt überschaubarer und besser strukturierbar ist; besonders wenn die Artikel über die gesamte Promotionsphase verfasst werden und am Ende „nur“ noch ein Rahmen darum gebildet werden muss. Man sollte sich wohl aber auch bewusst sein, dass ein „einfaches“ Aneinanderreihen von Artikeln mit Einleitung und Schluss trotzdem noch lange keine Dissertation macht. Ein roter Faden und eine gute Lesbarkeit folgt aus dieser Methode nicht unbedingt. Besonders, wenn das gleiche theoretische Modell Grundlage aller Experimente ist und dann vier Mal eingeführt wird.
Einige Kritiker merken außerdem an, dass eine kumulierte Dissertation mit bereits veröffentlichten Artikeln nicht die alleinige Arbeit des Doktoranden, sondern auch die der Reviewer ist. Ein interessanter Punkt, der im Moment nur wenig Resonanz erfährt. Viel mehr scheint es mir als würde die Promotion immer stärker einer produktivitätssteigernden Kur unterzogen. Und auch wenn ein gut gefülltes Publikationsregister am Ende natürlich vor allem nützlich für den Doktoranden ist, werde ich das Gefühl nicht los, als reduziert sich mit der starken Wertschätzung der kumulierten Dissertation in manchen Fächern auch das Interesse an tiefgründig ausgearbeiteten Erkenntnissen, die Zeit und Platz brauchen.
In einigen Disziplinen, zum Beispiel in den Geisteswissenschaften, sind kumulierte Dissertationen noch längst nicht so weit verbreitet wie in anderen. Deshalb würde ich mich freuen, in Kommentaren und Hinweisen, von all jenen zu lesen, die kumuliert promovieren und mehr aus der Perspektive der Doktoranden berichten können. Welche Vorteile seht ihr gegenüber der klassischen Methode?




RSS Feed
Kommentare (9)
Hallo Frau Schumann,
welche gute Übersichten und weiterfürhrenden Informationen gibt es denn zu kummulierten Dissertationen?
Wo sind besonders gelungene kummulierte Dissertationen zu sehen und woher die Hypothese, dass es in manchen Bereichen öfter gemacht wird als in anderen?
Ich habe bereits im Jahr 2000 an der ETH Zürich in Erdwissenschaften kumuliert promoviert. Nach dem ersten Promotionsjahr wurde besprochen, wie die Arbeit geplant ist, und auch wann ich vorhabe, welche Ergebnisse zu veröffentlichen. Zudem wurden benötigte Ressourcen und Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern (auch an anderen Universitäten) bereits damals geplant. Am Ende kamen 3 internationale Publikationen (peer reviewed) sowie 2 nicht veröffentlichte Kapitel dabei heraus. Letztere schlagen den Bogen zwischen den Papers und zeigen Ergebnisse, die für eine Veröffentlichung nicht ausreichend, aber trotzdem interessant waren. Insgesamt eine runde Sache.
Ich bin der Meinung, dass das Peer-Review-Verfahren die wissenschaftliche Eigenleistung keinesfalls schmälert, sondern früh auf Schwachstellen der Arbeit hinweist, die man dann ja selbst ausmerzen und nachbessern muss. Zudem ist durch dieses Verfahren gewährleistet, dass die Arbeit wirklich gründlich von verschiedenen Leuten gelesen, geprüft und am Ende für gut befunden wurde. Schlampig verfasste Dissertationen kommen so nicht vor.
Ein weiterer wichtiger Vorteil ist, dass man sich am Ende der Promotionszeit bereits mit veröffentlichten Papers auf die nächste Stelle bewirbt.
Ich sehe auch im Nachhinein keine Nachteile dieses Verfahrens – zumindest bei Themen, die sich gut in einzelne Teilthemen aufteilen lassen, was sicher nicht immer gegeben ist.
ich denke, das hängt auch vom Fach an – gibt ja genügend Fächer, die eher von Aufsätzen als von Monographien “leben” – da macht das gleich noch mehr sinn.
Und das Peer-Reviewing ist doch großartig – da es die Doktorbetreuer ja nicht machen. Das wäre nämlich deren Job, aber die Damen und Herren verzichten ja gerne darauf.
Ich selbst wäre schon oft dankbar gewesen für eine Zwischenstandsmeldung zu einem konkreten Text(fragment) – aber die Antwort ist stets: ich lese nur ganze Arbeiten…
statt dass man das Feedback bekommt, das man braucht, wenn man es braucht…
zumal der Wisschenchaftliche Einzelkämpfer ja ohnehin immer schon eine Utopie war, und meines Erachtens auch nicht mehr / immer weniger gewünscht ist. Es bleibt ja MEINE Arbeit – ich zweifle ja auch nicht an der Autorschaft eines Artikels, nur weil er reviewed wurde!
Zu den gegenwärtigen Zielen der Dissertation passt die kumulative Variante jedenfalls hervorragend: Es geht nicht (oder zumindest nicht so sehr) darum, möglichst lange Texte zu produzieren, die maximal 3-5 Personen lesen möchten und die danach getrost verstauben dürfen, sondern darum, das “Geschäft” der Wissenschaft zu erlernen und lesenswerte, publikationswürdige Beiträge zu erschaffen.
Peer Review ist in vielen Disziplinen eine DER Methoden des wissenschaftlichen Dialogs – da ist es doch nur von Vorteil, dies schon während der Promotionsphase kennen zu lernen. Und ggf. im Anschluss zu entscheiden, dass man/frau vielleicht doch lieber etwas anders machen möchte…
In meinem Heimatfach Informatik ist es seit jeher üblich, während der Promotion auf Konferenzen und (seltener, da längere Wartezeiten) in Journals zu publizieren. Hier geht es also andersrum: man promoviert nicht kumuliert, weil man dann publizieren kann, sondern weil man die Publikationen ohnehin schon hat und sich das (leidige) Verfassen einer Monographie sparen kann. Das spart Zeit, und schnell sein ist heute leider oft eines der wichtigsten Bewertungsmerkmale.
Je nachdem, was man danach machen will, halte ich eine kumulierte Dissertation für mehr oder weniger sinnvoll. Will der Promovierte “nur den Schein” und geht in die Industrie, ist letztenende vermutlich unerheblich, was sich zwischen den Buchrücken verbirgt. Möchte er allerdings eine akademische Laufbahn verfolgen, würde ich eine Monographie erwarten; schließlich gehört nicht nur Wissensschaffung und -vermittlung, sondern auch -aggregation und -aufbereitung zu den Pflichten des Wissenschaftlers (meiner Meinung nach).
Leider muss ich alle in Geisteswissenschaft von sog. Sammeldissertationen streng abraten – leider, aus eigener Erfahrung… :/
Aus eigener Erfahrung kann ich bestätgen daß in den Naturwissenschaften heutzutage die Dauer einer Promotion (also besser: die Kürze!) höher geschätzt wird als die Qualität der eigentlichen Ergebnisse. Da ist es auch egal ob z.B. Diplomarbeitsthemen (gerne auch von anderen) verwurstet und ausgeschlachtet werden. Dauert es z.B durch Probleme bei Experimenten oder einer nötigen Methodenentwicklung länger sieht man schnell wie aus den freundlichen Kollegen hämische Spotthanseln werden – wohlweislich vergessend daß zu deren Promotionszeiten die durchschnittliche Dauer einer Promotion bei ca. 5-6 Jahren lag! Heut muss man in 3 Jahren fertig sein oder man hat schlechte Karten. Die Betreuung und vor allem auch die Unterstützung im Hinblick auf Antragstellungen, Fristeneinhaltungen etc. sind dabei ebenfalls sehr wichtig. Was man auch beobachten kann: Diplomanten arbeiten z.B. nach dem Diplom weiter an einem Thema und melden dann so ca. zur Hälfte der Fertigstellung eine Promotion an; Hauptsache, schnell fertig werden.
Leider ist die kumulative Dissertation gerade in sozialwissenschaftlichen Fächern noch nicht überall (bei manchen Fachvertretern) besonders anerkannt.
Dabei überwiegt das “Für” m.E. deutlich:
- Man kann die Arbeit in überschaubare Schritte aufteilen und bekommt durch Reviews regelmäßig Feedback durch im Vergleich zu den Betreuern unbefangenere Gutachter
- Gerade in der heutigen Zeit, in denen die Doktoranden häufig befristet mit geringen Laufzeiten in Drittmittelprojekten arbeiten, entspricht die Arbeitsweise an einer kumulativen Diss. eher diesen Arbeitszusammenhängen als das jahrelange Werkeln an einem Buch
- Die klassischen Doktorarbeiten verstauben in den Bibliotheken und werden kaum gelesen, ein Fachartikel in einer guten Zeitschrift wird eher wahrgenommen
- Das Argument, dass das Werk dann auch Ergebnis der Gutachter sei, ist an den Haaren herbeigezogen – schließlich wird normalerweise auch die klassische Dissertation mit Kollegen, Betreuern etc… diskutiert, Einflüsse von anderen finden hier auch ihren Niederschlag
- Plagiat: vermutlich lassen sich Plagiate durch kumulative Dissertationen eher aufdecken und vermeiden, bzw. gewöhnt man sich eine entsprechende nicht-plagiierende Arbeitsweise mit sauberer Zitation von Anfang an an, wenn Texte regelmäßig begutachtet und veröffentlicht werden sollen
- Zeitdruck: der Stress in der Endphase der Dissertation könnte geringer sein, wenn man regelmäßig bereits wichtige Kapitel publiziert hat
usw….
Noch etwas zur Autorin: Bei “Für und Wider” schreibt man “Wider” natürlich nicht mir “ie”, hier sollte man entweder mal genauer Korrektur lesen (lassen) oder, bevor man sich mit kumulativ oder traditionell promovieren auseinandersetzt, mit der deutschen Sprache vertrauter machen.
Hab bisher leider auch nur schlechte Erfahrungen mit Sammeldissertationen gemacht.
Kommentar schreiben