Aller Anfang ist schwer. Jeden Tag. Mehrmals. Denn: A wie „Anfangen“, das ist eigentlich auch A wie „Ablenkung“, hauptsächlich aber A wie: „Aufhören“.

Ein Arbeitstag zu Hause: Nach dem Frühstück muss ein wenig Zeitung gelesen werden. Das Hirn will schließlich aufgewärmt werden für die großen Aufgaben des Tages. Und man möchte ja auch nicht zum Fachidioten werden. Dabei kann es dann passieren, dass einem beispielsweise interessante Bücher begegnen, die man gerne mal lesen möchte. Wenn man sowieso gerade seine Mails checken will, kann man sich ja gleich noch weiter über diese Bücher informieren. Und danach den interessanten Hinweisen aus verschiedenen Mails nachgehen. Und die eine oder andere Antwort gleich schreiben. Da ich ja zuhause arbeite: Wen kümmert’s, ob ich eine halbe Stunde später anfange? Oder eine ganze Stunde? Zwei, drei? Irgendwann wird es allerdings doch mal Zeit, sich an den Schreibtisch zu setzen. Der zu lesende Text ist schwierig, ich schaffe es, mich eine halbe Stunde zu konzentrieren. Hier ein schwieriger Gedankengang. Aber ich verstehe ihn. Noch einer. Auch den verstehe ich. Und da ist noch ein schwieriger Gedankengang. Also wirklich. Ob Heinz-Peter schon auf meine Mail geantwortet hat? Nein, aber Ute-Karin hat mir einen lustigen Internet-Film geschickt. Das kann ich jetzt gut gebrauchen. Und es gibt noch andere ähnliche lustige Filme. Und irgendwie habe ich auch schon wieder Hunger. Der Kühlschrank ist natürlich leer, ich muss einkaufen. Na ja, dauert ja nur eine halbe Stunde, um diese Uhrzeit ist nichts los im Supermarkt. Endlich satt, zurück an den Schreibtisch. Müde! Hinlegen oder Kaffee kochen? Das Gewissen rät eindeutig zu Kaffee. Der schmeckt gut, trotzdem finde ich nicht mehr so richtig zurück in den Text. Vielleicht noch ein wenig von der Zeitung lesen? Ein bisschen Stretching für den Geist, damit er wieder die volle Spannung zurückerhält! So, jetzt also zurück an den Text.
Damit mich bis hierhin niemand falsch versteht: Ich MUSS nicht promovieren, ich WILL. Aus Interesse. Nur ist unangenehmerweise alles andere auch oft sehr interessant. Mir wird langsam klar: Ich habe kein Motivationsproblem, ich habe ein Disziplinierungsproblem. Meine Selbstregulationsfähigkeit ist gestört. Ich muss erst mal lernen, aufzuhören, bevor ich anfangen kann. Sonst ist das alles nichts Halbes und nichts Ganzes, und ich könnte nach einem Tag wie diesem gleich ins Tagebuch schreiben: „Zum Teil habe ich den Nachmittag verschlafen, während des Wachseins lag ich auf dem Kanapee, überdachte einige Liebeserlebnisse aus meiner Jugend, hielt mich ärgerlich bei einer verpassten Gelegenheit auf […], stellte mir das vegetarische Nachtmahl vor, war mit meiner Verdauung zufrieden und hatte Befürchtungen darüber, ob mein Augenlicht für mein ganzes Leben genügen wird.“ Erstens führe ich aber gar kein Tagebuch und zweitens wäre das lediglich kopiert, Franz Kafka hat genau das nämlich am 27.12.1910 notiert. Und auf diese Weise entsteht vielleicht Weltliteratur, aber kein streng wissenschaftliches Werk (Kafka selber brauchte zur Erlangung seines Doktortitels glücklicherweise nur drei mündliche Prüfungen mit Ach und Krach zu bestehen).
Noch viel sinnvoller als ein Tagebuch ist in meinem Fall außerdem dies: Ein Stundenbuch (Formular hier herunterladen, ausdrucken und selbst ausfüllen).
Eine Woche lang führe ich stundenweise Protokoll. Am Ende kann ich mir nicht nur ansehen, wie viele Stunden ich gearbeitet habe – viel wichtiger ist, dass ich ablesen kann, was genau ich so gemacht habe, anstatt zu arbeiten. Und genau diese Dinge kann ich jetzt bewerten und gewichten: Zeitunglesen nach dem Frühstück? Gibt’s weiterhin – allerdings nur bis neun Uhr. Gnadenlos. E-Mails schreiben am Vormittag? Ja, aber frühestens nach zwei Stunden Arbeit – und dann nur eine halbe Stunde. Fenster putzen am Nachmittag? Gestrichen. Kann man auch am Wochenende machen. So kommen alle alltäglichen Nicht-Promotionstätigkeiten auf den Prüfstand. Bei jeder einzelnen kann ich mich dann grundsätzlich dafür oder dagegen entscheiden. Und wenn ich mich FÜR das Backen von Kuchen und FÜR das Lesen von fremden Tagebüchern und FÜR das Aufräumen des Kellers entscheide, dann weiß ich, dass damit zugleich eine Entscheidung GEGEN die Arbeit an der Diss fällt. Dann muss ich nur noch überlegen, ob ich mir das wirklich leisten kann und will. So einfach ist das.


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Kommentare (3)
Das beschreibt eigentlich genau mein Problem. Allerdings schreibe ich nur ein paar Hausarbeiten.
Und was mache ich gerade? Lieber Blogs lesen, statt die Hausarbeiten schreiben… tja.
Ich habe das bei meiner Master Thesis auch gemerkt, wenn man erstmal am PC sitzt, dann geht es von alleine. Klar muss man die ersten drei Seiten später ergänzen oder ändern, aber allein schon das Schreiben bringt einen in den “Schreibmodus” vom Kopf her! Wie heisst es so schön der Erste Schritt ist der Schwerste..
diss seit einem guten halben jahr. wenig geschaft, obwohl auch ich nicht MUSS, sondern will. tunnelblick vom vor´m pc sitzen, aber die ganze zeit nur abgelenkt. ab morgen kommt dein stundenzettel zum einsatz
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