Für die Arbeit an meiner Dissertation verbleiben 15 Wochen, kurz nach Herbstbeginn werden wohl einzelne Tage die Maßeinheit der Restzeit sein. Man fühlt ihn noch nicht, diesen Herbst – aber das hier muss wohl so etwas wie der Endspurt sein. Nur: wie geht der?
I wanna build you up – brick by brick
I wanna break you down – brick by brick
I’m gonna reconstruct – brick by brick
I wanna feel your love
Arctic Monkeys
Die letzten vier Wochen der letzten sogenannten Semesterferien vor der Abgabe sind angebrochen. Kostbare, unterbrechungsfreie Doktorarbeitszeit – was jetzt nicht geschrieben wird, bleibt für immer Schweigen. Vor Kurzem war es also höchste Zeit, die Einzelteile, alles bisher Geschriebene, zusammenzusetzen. Es ist ja so: Ich habe ständig gelesen; alles, was mir zu meinem Thema in die Finger kam sowieso, weiterhin aber auch viel Verwandtes und Verschwägertes, die Theorie drumherum. Ich habe Notizhefte, Kalender, Einkaufszettel vollgekritzelt und Word-Dokumente angelegt, hier manchen Gedanken auch mal etwas weiter ausgeführt und irgendwann angefangen, Texte zu schreiben, durchaus mit der Absicht einer späteren Verwendung. Gemäß der mir eigenen Schreibweise sind die Anfänge stets ausgefeilt, bald dann verliert es sich, nach hinten lesen sich die Texte zunehmend faserig. Irgendwann nur noch Gedankenfetzen und unvollständige
Ein zweckoptimistisches Zwischenfazit nach der Sichtung dieser Texte: Fast alle brauchbar, fast keiner abgeschlossen. Jetzt also befinden sich genau diese Texte in einem einzigen großen Dokument.
(NB: Unbedingt rechtzeitig anfangen, sich mit den ungeheuerlichen Komplexitäten einer Textverarbeitung auseinanderzusetzen!)
Fürchterlich unübersichtlich jedenfalls, dieses große Ganze. Wie hätte das alles von vornherein besser laufen können, planvoller?
Eine Abschweifung: Ein befreundeter Journalist plant seit langem, neben der Arbeit zu promovieren. Möglich mag so etwas sein, der Mann ist ja Textprofi. Sagen wir: Jeden Abend eine halbe Seite – dann wäre er nach zwei, drei Jahren fertig. So ungefähr hatte ich mir das wohl am Anfang auch vorgestellt, schön linear, Stück für Stück, Stein auf Stein – die Arbeit wird bald fertig sein. Allein: Man muss auf diese Weise schon ganz am Anfang eine möglichst detaillierte Vorstellung davon haben, wie der Text am Ende sein soll. Woher kommt eine solche Gliederung? (Gedanken zur Problematik finden sich hier und leider auch hier.) Meine Gliederung und das darauf beruhende Gesamtdokument, soviel sei hier freimütig eingeräumt, ist nicht etwa deshalb entstanden, weil die Zeit reif war – ich habe sie vielmehr aus dem Boden gestampft, weil die Zeit knapp wurde. Und ich bin dennoch gar nicht mal unzufrieden mit dem, was da jetzt so zu lesen ist. Das ist für mich derzeit wohl das Faszinierendste an der Arbeit: Ich wohne hier der Entstehung eines Werkes bei, das ganz anders ist als alles, was ich zu diesem Thema bisher gelesen habe (das allerdings muss man erst mal aushalten!) Hier wächst eine Geschichte, die man selber geschaffen hat – und auf eine unbeschreibliche Art und Weise eben zugleich auch nicht.
Zurück zum Thema: Jetzt muss ich dieses Sammelsurium von Fragmenten irgendwie noch rund machen. Allein: Dieses Monstrum von Text ist unübersichtlich. Soll ich nach meiner bewährten gewohnten Arbeitsweise den Text vom Anfang her überarbeiten? Dann passiert wohl im großen Stil das, woran jedes Einzelkapitel krankt: Ein durchgestylter Anfang, etwas unkonzentriert zur Mitte hin, fahrig im Abgang. Ausgeschlossen!
Jetzt, wo jeder brauchbare Kleintext zu einem Kapitel erklärt und an seinen vorläufig endgültigen Platz gerückt worden ist, beginne ich – den Gesamttext wieder zu demontieren. Das jeweilige Kapitel, an dem ich gerade arbeite, nehme ich heraus und bearbeite es wieder isoliert. Dafür aber jetzt: Mit Blick aufs Ganze. Und erstmalig auch ausgedruckt, zur Betonung der Ernsthaftigkeit und zum besseren Verständnis. Anschließend wird es wieder eingefügt. Was für ein Fortschritt!
Ich bin mir nicht sicher, ob das der beste aller möglichen Wege ist. Nein, anders: Ich bin mir fast sicher, dass dies nicht der beste Weg ist. Aber es war mein Weg. Und bis hierhin hat er mich immerhin schon mal geführt. Mal sehen, wo das endet…




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Kommentare (4)
(NB: Unbedingt rechtzeitig anfangen, sich mit den ungeheuerlichen Komplexitäten einer Textverarbeitung auseinanderzusetzen!)
Einmal mehr sei der Alternativvorschlag vorgebracht: rechtzeitig (also möglichst während des Grundstudiums; auch Seminararbeiten wollen geschrieben werden!) mit LaTeX vertraut machen. Der Einstieg ist zwar von der Bedienung her gewöhnungsbedürftiger als Word und Konsorten, dafür sind “komplizierte” Dinge — Fußnoten, Literaturverweise, Nummerierungen, Graphikplatzierung, Formatierung, Satz, uvm — plötzlich ganz einfach, da das System sie übernimmt. Man schreibt auf einmal nur noch (im) Text(editor) mit ein paar Kommandos zwischendrin und erhält wunderschöne Dokumente.
Ja, stimme in vollem Umfang zu. Habe diese Empfehlungen stets ausgeschlagen, weil ich dachte, ich hätte keine Zeit mehr für die Einarbeitung oder ich sollte diese Zeit lieber inhaltlich nutzen – großer Irrtum. Habe ganze Bücher über “meine” Textverarbeitung gelesen und bin eigentlich auch jetzt noch immer am nachbessern. Hätte ich früh genug angefangen, “professionell” zu arbeiten (also auch bei kleineren Arbeiten, die dies eigentlich noch nicht unbedingt nötig machen), dann hätte ich jetzt noch mehr Zeit für Inhaltliches. Wenn demnächst mal wieder Ruhe einkehrt, werde ich mich wohl in LaTeX einarbeiten.
Aus Deinem Blog-Eintrag lese ich heraus, dass die Textverarbeitung zur Zeit nur ein kleines Nebenproblem ist. Die Überarbeitung einer Diss, also aus dem Rohtext den fertigen Text herauszufriemeln ist ja eine ganz andere Nummer. Ich darf das sagen, habs ja hinter mir
Mein Tipp: Augen zu und durch. Mit klarem Ziel überarbeiten, nicht abdriften. Nicht die verschiedenen Überarbeitungsebenen gleichzeitig machen wollen.
Zum Zeitproblem: meine Erfahrung war leider sehr ähnlich. Erst, als mir ein Termin aufgedrückt wurde (O-Ton mein Betreuer: “Du wolltest doch immer vor Deinem 30. Geburtstag promoviert sein oder? Wann wäre denn das denn?”) bin ich fertig geworden. Warum ich in knapp 5 Jahren nicht geschafft habe, selber den Hintern hochzukriegen und erst den externen Druck brauchte, um wirklich fertig zu werden ist mir ein Mysterium.
Ach ja, meine Disputation war 2 Tage vor meinem 30.
Meiner Erfahrung nach dauert die “letzte Überarbeitung” der Diss oft länger als geplant. Ich dachte, ich wäre “fast” fertig – und brauchte dann noch über 1 Jahr, um aus den fertig erhobenen Daten und dem angefangenen Theorieteil eine komplette Story mit rotem Faden zu machen. Vielen Kollegen ging das ähnlich, dass sie sich im Zeitmanagement verschätzten und dachten, sie wären fast fertig, obwohl die eigentliche Arbeit an der Diss gerade erst anfing…
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