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Zettelkasten

Schreiben lernen – Z wie: Zum Schluss…

Kommentare: 2

Über meinem Schreibtisch hängt ein Bild, das ich aus der Zeitung ausgerissen habe. Es zeigt ein Foto mit der Beschriftung: „Der sowjetische Arzt Leonid Rogazow entfernte sich 1961 auf einer einsam gelegenen Polarstation eigenhändig den Blinddarm.“  – Montag muss meine Diss in die Druckerei, und der Text ist noch nicht fertig.

Das Gesamtkonzept ist zwar ganz gut, ich bin zufrieden. Es ist alles an seinem Platz. Ich hatte viel zu sagen, ich habe viel gesagt; es ist etwas Eigenes geworden, das auf meinen Daten beruht, sich aus meinen Daten begründet und nur mit meinen Daten möglich war. Das ist tatsächlich mehr, als ich die ganze Zeit zu hoffen gewagt habe. Das heißt aber auch: Lese ich jetzt vom Ende her noch mal die Kapitel, die ich schon relativ früh für mehr oder weniger fertig gehalten habe, dann kommt mir da einiges merkwürdig vor. Vieles weiß ich jetzt, am Ende, einfach besser. Das ist wunderbar, das gibt einem Recht – aber das muss man noch mal neu sortieren, und da freut sich einzig und allein das Zeitproblem.

Wie geht man da pragmatisch vor? Seit einigen Wochen weiß ich, dass da dieses Zeitproblem ist. Man lernt, damit zu leben, mal besser, mal schlechter, aber es geht. Prioritäten: Einleitung und Fazit ausführlich, klar, deutlich, geschliffen. Zweite Priorität: die Datendiskussionen. Wenn man mit authentischen Sprachbelegen arbeitet, muss man manchmal etwas umständlich interpretieren. Sobald klar ist, wohin das führt, sobald sich Gesetzmäßigkeiten, Regularitäten, Systematik abzeichnen: Sortieren. Ordnen. Vereindeutigen. Nachvollziehbar machen. Ergebnisorientiert arbeiten.

Was fällt hinten runter? Tja, wohl ein bisschen Theorie. Was wollte ich nicht alles noch ein- und unterbringen, so Vieles steht schon ansatzweise formuliert im Entwurf. Aber: Ich habe in den letzten Wochen 150 Seiten aussortiert (die Hälfte davon fertige Datendiskussionen), die mit dem Gesamtergebnis doch eher wenig zu tun hatten und der Stringenz des Konzepts geschadet hätten. Vielleicht macht man mal einen Aufsatz draus, vielleicht freut man sich auch einfach, dass es offensichtlich der Erkenntnisfindung gedient hat. Nur: Dieser Weg führt noch weiter und mir scheint, das wird eine Nachtwanderung.

Teilweise fühlen sich diese Aufräumarbeiten an, als würde man sich eigenhändig den Blinddarm entfernen. Aber es ist auch großartig, weil bald alles vorbei ist, es vibriert und vor dem Inhaltsverzeichnis bekommt man selber Respekt – und dann erst dasDeckblatt und diese eidesstattliche Erklärung! Man könnte es fast genießen, wenn es nicht dann doch ein wenig stressig wäre. Immerhin: Wenn ein Blinddarm weg ist, ist er weg; mir dagegen bleiben immerhin manchmal schlaue Fußnoten. Und in dem Artikel mit Rogazow ging es nicht um Spinner, sondern um Wissenschaftler, die die Welt durch ihr Courage weitergebracht haben. Dagegen ist das hier ja wohl wirklich eine Lappalie und eine schlaflose Nacht sicher nichts, worüber man sich beklagen dürfte, oder?

Kommentare (2)

  • 08.02.2012 um 23:54 Uhr von Boris Schmidt

    … wenn ich die Logik der Blogbeiträge aus dieser Serie richtig entschlüsselt habe, dann fehlen die Buchstaben I bis Y, zumindest wird über diese nicht berichtet…

    Was geschah in der Zwischenzeit? Ein Wunder? Oder fehlten etwa all diese wunderschönen Dinge zwischen I und Y? Inspiration, Jubel (z.B. wegen eines Etappensieges über das Textverarbeitungsprogramm), Katastrophe (z.B. wenn sich eben dieses Programm wenig später durch eigenmächtige “Formatierungsunterstützungen” rächt), Langeweile (in der Bibliothek), Mut, Nachdenken, Organisieren, Panik (“Ob’s für mehr als ‘rite’ reichen wird?”), Querverweise, Risiko (“Wird doch keiner merken, dass dieser eine kleine Gedanke in Kapitel 7 eigentlich doch nicht von mir ist?”), Selbstjustiz (“Und selbst wenn es keiner merkt: So geht das nicht! Dieses ganze Kapitel lösche ich jetzt sofort und schreibe es dann nochmal komplett neu, Plagiieren sollen die anderen, ich tu’s nicht!”), Trancezustände (“Oh, schon wieder hell?”), Ungewissheit, Vollständigkeitswahn, Wissbegierde, Xzellenzfantasien und… Y… Y… Was war denn da noch? War da nicht etwas? Mit Achsen oder Gleichungen oder so etwas in der Art? Y…. komischer Buchstabe. Auf jeden Fall kurz vor Z.

    Wo sind sie alle geblieben? Ob wir es je erfahren werden?

  • 09.02.2012 um 19:47 Uhr von Jens

    …es gibt ja eigentlich nur drei Möglichkeiten:

    1. Der sowjetische Arzt Leonid Rogazow entfernte eigenhändig I bis Y oder wandelte sie in kyrillische Buchstaben um.

    2. Gegenstand der sprachwissenschaftlichen Doktorarbeit des Autors ist die Entwicklung eines ökonomischen alphabetischen Systems, das mit knapp einem Drittel der Buchstaben des herkömmlichen lateinischen Alphabets auskommt.

    3. Ausgerechnet der Doktorand, dem immer nachgesagt wird, er könne keine Prioritäten setzen, hat hier überraschenderweise den Großteil der ihm zu Gebote stehenden Buchstaben in seine Doktorarbeit gesteckt.

    4. Der Autor kann nicht bis drei zählen und kennt auch das Alphabet gar nicht.

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Über den Autor

Jens Gerdes ist Sprachwissenschaftler und fühlt sich als solcher Theorie und Praxis gleichermaßen verpflichtet: 2012 hat er an der Universität Trier über ein grammatiktheoretisches Thema promoviert.