Am Ende so manchen langen Tages fragt man sich als Doktorand: warum tu ich mir das eigentlich an? In der akademischen Nahrungskette relativ weit unten und abhängig vom good will des Doktorvaters, fristet man sein Dasein und lebt so. Neulich bin ich über eine Internetseite gestolpert, die die 10 wichtigsten Merkmale einer Sekte beschreibt und ich dachte mir: Moment! Da bin ich doch drin. Deshalb tu ich mir das an.
1. Die Sekte ist die Wahrheit. Die Einsicht, die von der Sektenleitung oder einem hierarchisch höher gestellten Mitglied verwaltet wird, ist heilig oder erhaben, oft in Form einer Offenbarung. Peer-Review sichert die Originalität, Brisanz und den Wert der Wahrheit.
2. Das Wissen der Sekte ist hierarchisch. Anfänger erhalten nicht Zugang zu jeder Kenntnis und Information. Das spezifische Wissen muss man sich erarbeiten und verdienen. Es nimmt proportional mit der Position in der Hierachie zu.
3. Die Sekte entwickelt eine eigene Sprache, die zu einem geschlossenen Universum wird. Die Sprache bezieht sich auf sich selbst in einem geschlossenen logischen Kreis. Wer’s versteht, ist drin. Wer nicht – nicht.
4. Mitglieder ändern nach dem Eintritt ihre Identität. Sie bekommen neue Titel, gerne auch Ketten mehrerer Titel. Die alten Verbindungen bezüglich Ökonomie, Familie, Arbeit und Freundschaft werden radikal geändert.
5. Die Sekte übernimmt die soziale Kontrolle. Was man in seiner „Freizeit“ tut, findet größtenteils im Sektengebäude statt und führt das Mitglied mit anderen Mitgliedern der Hierarchie zusammen, um die Kunst der Administration, Sitzung und Diskussion zu erlernen und auszuüben.
6. Der Sektenleiter hat die Macht. Es gibt normalerweise einen Leiter und die Organisation ist wie eine Pyramide um ihn herum aufgebaut. Er rekrutiert neue Mitglieder, die ihn zitieren und in seine Fußstapfen treten. Diese wiederum müssen weitere Anfänger (Hilfskräfte, Doktoranden) rekrutieren, um zitiert zu werden und Arbeit zu delegieren.
7. Die Sekte hat starke und einfache Feindbilder. Der äußere Feind und das Böse sind außerhalb der Sekte, die Guten sind innerhalb.
8. Die Sekte hält einen inneren Feind am Leben. Wusst ich’s doch.
9. Der Zweck heiligt die Mittel. Das Mitglied muss sich überlegen, was ihm wichtiger ist: Qualität oder Quantität der Publikationen.
10. Die Sekte zu verlassen wird mit Sanktionen versehen. Der Weg nach oben involviert ein gewisses „Freizeitprogramm“ (siehe Punkt 5). Das Verlassen der Sekte hinterlässt ein tiefes Loch und viel zu viel Zeit.


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Kommentare (9)
und ich naiver Idiot dachte ich bin atheist!
Ich hatte mein Promotions-Trauma fast schon verdrängt
Ich empfehle das Buch Promo-Viren
willkommen bei scien(ce)tology!
ach göttchen – heul doch!!
dieses schicksal ist ja wohl selbst gewählt (soll mir keiner sagen, er habe nicht vorher gewusst, worauf er sich bei einer promotion einlässt!) und im übrigen sieht’s in einem angestelltenverhältnis im richtigen leben auch nicht viel anders aus.
Zum Kommentar des Skeptikers:
Hast ja grundsätzlich recht! Nur das Angestelltenverhältnis ist ja wirklich frei gewählt und es geht dabei primär um die Kohle, die ich dafür erhalte. Als Doktorand habe ich auf jeden Fall idealistischere Ziele verfolgt – nicht um die paar Kröten abzufassen.
Warum tat ich mir das an?
Gute Frage!!! Mehr Geld habe ich nicht davon, höchstens höhere Ansprüche von Anderen an mich.
Eigentlich tat ich mir das an, um mir (und allen Anderen) zu zeigen, dass ich das schaffe. Und für das eigene ICH.
[...] VidW, frei nach F. [...]
danke für die witzige Ermahnung
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