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Warum promovieren?

von Jens Gerdes | Kommentar: 1

Warum Promotion? Die Frage stelle ich mir seit mindestens zwei Jahren. Heute könnte die pragmatisch verkürzte Antwort darauf lauten: Weil ich ja jetzt genau dafür Geld bekomme. Stimmt schon, greift aber natürlich ein wenig zu kurz – das Stipendium erklärt ja nicht, wie es selber überhaupt zustande gekommen ist. Denn dafür muss man ja irgendwann mal eine irgendwie überzeugende Antwort darauf gegeben haben, warum man promovieren will.

Also: Ich wollte und will zur Grammatiktheorie promovieren. Weil ich mir noch nie etwas Spannenderes vorstellen konnte, als Grammatiktheorie? Schön wär’s. Tatsächlich kann ich mir so einiges vorstellen, was genau so spannend ist, mindestens. Leider. Vielleicht aber auch: Zum Glück.

Zum Glück aus zwei Gründen. Der eine Grund liegt im Fach und seinen Grundlagen selber: Es gibt wohl kaum ein kulturelles Phänomen, dass nicht irgendwie mit Sprache verknüpft ist. Ein wesentlicher Teil meines Zugangs zur Welt vermittelt sich über meine Beschäftigung mit Sprache. Nicht immer sprachwissenschaftlich, aber das schließt sich als Spezialisierung dann an. Deshalb finde ich die Sprachwissenschaft in ihrer gesamten Vielfalt tatsächlich faszinierend wie kaum etwas anderes. Glück gehabt.

Um aber in der (Sprach-)Wissenschaft reüssieren zu können, muss man Wissen auf einem sehr spezialisierten Spezialgebiet unter Beweis stellen. Im Idealfall beweisen, dass man in der Lage ist, die Forschung über alles hinauszubringen, was es bisher gegeben hat. Das ist dann die Promotion. Mit dieser Spezialisierung erkauft man sich also die Teilnahmeberechtigung für den Rest. Und das ist in der Tat eine zwar nur mittelbare, aber dennoch recht zugkräftige Motivation, finde ich.

Der andere Grund, weshalb es ein Glück ist, dass die Grammatiktheorie nicht alles in meinem Leben ist: Ich kann Feierabend machen. Wenn ich beschließe, es sei genug (idealerweise abends nach einem sehr, sehr grammatiktheorieerfüllten Tag), dann kann ich abschalten. Ich bin schnell bei den unzähligen anderen Dingen, die auch wichtig, schön und bereichernd sind. Also: Promovieren als reine Selbstverwirklichung? Als Möglichkeit, sich den ganzen Tag nur mit dem zu beschäftigen, was sowieso einen wesentlichen Teil der eigenen Leidenschaften ausmacht? Für mich nicht. Das Schreiben der Doktorarbeit ist irgendwie doch in erster Linie mein Job. Einer, der Höhepunkte hat und Tiefschläge bringt, der hier mal Erfüllung und dort mal Anlass für tiefe Zweifel bietet. Ein Job ohne Chef, der einen ständig beaufsichtigt, ein Job mit unzähligen Möglichkeiten, faul (oder schlimmer: halbfaul) zu sein, ohne dass es auffällt, mit der ständigen Gefahr, stehen zu bleiben, sich zu verrennen, falsch abzubiegen, sich zu verfransen – zu scheitern. Vor allem aber ein Job, den ich mir selbst ausgesucht habe. Der oft Spaß macht, und das ist schön. Der aber auch oft keinen Spaß macht, was nicht weiter schlimm ist. Welcher Job macht schon immer Spaß? Ich muss da dann irgendwie dranbleiben. Denn eigentlich will ich ja genau das: Wissenschaftlich arbeiten

Kommentare (1)

  • 17.10.2009 um 16:28 Uhr von Harry Apfelmus

    Wer eine gute Grundausbildung hat ein Studium absolviert hat und weiter neugirig und offen durchs Leben geht, für den kann es durchaus sinnvoll sein zu promovieren. Ich selber habe Jahre nach meinem Studium mit der Hilfe von Wet-Promotionshilfe promoviert. West-Promotionshilfe hat mir einen sehr guten Doktorvater gefunden und ist mir bei der Themenwahl zur Seite gestanden. Aber vorsicht, es wird nichts geschenkt, die Doktorarbeit musste ich dann doch selber schreiben… und das ist auch gut so…

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