„Ach, wie gut du es doch hast, dass du in der Wissenschaft arbeiten kannst“, mailte mir neulich meine alte Freundin Zora. „Wieso?“, schrieb ich zurück, denn ich sortierte gerade das Stichwortverzeichnis für einen Tagungsband und befand mich nicht auf der üblichen Höhe meines Lebensgefühls. „Weil du forschen darfst. Tiefgründigen Fragen nachgehen – das ist doch großartig!“, behauptete sie kühn. Tiefgründige Fragen warfen sich mir tatsächlich soeben in den Weg, zum Beispiel diese: Sortiere ich das Stichwort „Wahlrechtsgleichheit“ unter „Wahl“, unter „Recht“ oder unter „Gleichheit“? Schlägt jemals ein Mensch gezielt den Terminus „Rechtsanwendungsinstrumentarium“ nach oder versucht er es eher unter „Recht“, unter „Anwendung“ oder unter „Instrumentarium“? Oder gar unter „Methode“, in der nicht ganz wasserdichten Annahme, so etwas gäbe es möglicherweise auch in den Rechtswissenschaften?
„Was ist Forschung?“, fragte ich Zora. „Forschung ist, wenn du dir eine wichtige Frage stellst und die Zeit hast, nach einer erschöpfenden Antwort zu suchen“, bekam ich von ihr zurück. Vielen Dank, ich habe eine wichtige Frage, und sie lautet: Wer soll das alles lesen?
Sollte es an den Universitäten nicht der ganz gewöhnliche Alltag sein, dass Wissenschaftler sich treffen und miteinander diskutieren? Muss aus jeder dieser Zusammenkünfte gleich ein Sammelband, eine Sonderausgabe einer Fakultätszeitschrift oder ein neuer Band in einer neuen Reihe eines (womöglich auch noch neuen) Universitätsverlages werden? Kein Mensch kann diese Veröffentlichungsflut noch sichten, geschweige denn auswerten. Und so wird es uns passieren, dass wir vor lauter Angst, die Nachwelt könnte einen unserer luziden Gedanken verpassen, nichts anderes erreichen, als dass eben diese Nachwelt unsere Druckwerke komplett und ungeprüft ins Altpapier wirft.
Aber Hand aufs Herz: Eigentlich kümmert uns die Nachwelt doch erheblich weniger als die Länge unseres persönlichen Publikationsverzeichnisses. Die nächsten Generationen werden sich schon ihre eigenen Gedanken machen. Wenn wir das Denken bis dahin nicht abgeschafft haben.


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Kommentare (1)
Dieser Beitrag spricht mir unglaublich aus dem Herzen. Bei manchen Themen ist es einfach unmöglich, sich auch nur ansatzweise einzuarbeiten, weil die Flut der Publikationen unerschöpflich ist. Man wünscht sich eine Kennzeichnung wie auf den Lebensmitteln in GB. Rot für “unbrauchbar”, gelb für “relativ brauchbar” und grün für “unverzichtbar”.
Ein ähnliches Thema wäre die Verpflichtung, die Diss. zu veröffentlichen, was manchmal nur dazu führt, dass ein junger Mensch viel Geld (Druckkostenzuschuss) für ein mittelmäßiges Buch aufwendet, das dann in Rezensionen zerrissen wird.
Hier bietet m.E. die E-publikation eine gute Alternative.
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