Weil man uns die Bildung klaut!
Tübingen ist klein. So konnte ich gestern auf dem Weg von der Uni nachhause hören, wie der genannte Slogan lautstark von einer Horde Studierender skandiert wurde.
Eigentlich denke ich: recht so. Als Nicht-mehr-Studierende und inzwischen Dozierende an der Uni sind mir einige Dinge aufgefallen, die im Zuge der Bologna-Reformen nicht ideal umgesetzt worden sind und die eine Neubetrachtung der möglichen Alternativen rechtfertigen oder sogar verlangen. Beispielsweise, dass – zumindest in machen Fachbereichen – in puncto Anwesenheitspflicht nicht mehr zwischen Vorlesungen und Seminaren unterschieden wird. Wenn ich als Student in jeder Vorlesung meine Zeit absitzen muss, um die nächste 30-Stunden-Einheit zu ergattern, dann passt das nicht mehr mit einem genuin (universitäts-)studentischen Lebensentwurf zusammen, der mir als Subjekt meiner Bildung (die ich mir ja selbst erwerben muss und dazu darf ich das Angebot der Universität nutzen) zugesteht, eigenverantwortlich das geforderte Wissen und die angestrebten Kompetenzen zu erwerben. Eine Vorlesung als Lehrveranstaltung ist so angelegt, dass einer darüber redet, was er kann und denkt und die Anwesenden im Hörsaal zuhören, mitschreiben und inspiriert werden. Dieses Modell funktioniert unabhängig davon, wer da ist und wie viele da sind. Und dass „keiner“ (in Worten: null) kommt, wird – seien wir ehrlich – nicht passieren. Die 30-Stunden-Einheit (ECTS- oder Leistungspunkt) „Anwesenheit in der Vorlesung“ war früher ein Stück studentischer Freiheit, selbst verantwortete Zeit, die entweder mit der Vorlesung an sich oder mit anderem gefüllt wurde. Ob das „andere“ nun studienrelevant war oder nicht, tut nichts zur Sache, solange ein Studium nicht als Ausbildung, sondern als Bildung und individueller Kompetenzerwerb verstanden wird. Wenn man sich als Professor oder Dozierender, der eine Vorlesung hält, ein bisschen weniger wichtig nimmt und eine Vorlesung sein lässt, was sie ist, nämlich ein einseitiges Angebot, aber keine Pflichtveranstaltung, dann kann man sich darüber freuen, dass die Hörsäle nicht mehr zum Bersten überfüllt sind, Studierende sich vielleicht abwechseln mit hingehen und mitschreiben und sich danach dann darüber austauschen, was gelaufen ist. Studierende könnten sich ihre knappe Zeit wenigstens ein bisschen mehr selbst einteilen, der Druck, über jeden zeitlichen (und dadurch nicht automatisch auch inhaltlichen!) Baustein des Studiums Rechenschaft ablegen zu müssen, wäre enorm reduziert. Denken könnte endlich wieder über die 30-Stunden-Schritte hinaus wachsen.
Also denke ich auch, andererseits, wenn ich höre, dass „man ihnen die Bildung klaut“: wofür kämpft ihr eigentlich? Braucht es in der Tat Reformen auf politischer Ebene? Vielleicht wäre ein guter erster Schritt, auf der Fakultäts- oder Hochschulebene darüber zu verhandeln, ob man innerhalb des ECTS-Universums nicht auch Grauzonen zulassen kann wie etwa die Anwesenheit in Vorlesungen. Im Gegensatz zu Seminaren, deren Charakter davon lebt, dass die Teilnehmer regelmäßig anwesend sind, zählt in der Vorlesung am Ende doch, dass das abgefragte und verlangte Wissen da ist und gezeigt wird. Aber kommt es wirklich darauf an, woher die Studierenden dieses Wissen haben? Wohl nicht. Und: auch eine 100%ige Anwesenheitsquote sagt noch nichts darüber aus, dass gute Klausurergebnisse damit zusammenhängen, was alles gelehrt und verstanden wurde. Es gibt eine Welt außerhalb des Hörsaals – und die wirkt auf ihre Weise, ohne modulare Struktur.


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Kommentare (3)
Amen!
Der Bologna-Prozess mag seine Macken haben, und die Umsetzung ist sicherlich in vieler Hinsicht suboptimal.
Dafür aber kann Bologna nichts: denn WIE und mit WELCHEN MITTELN das Ziel des europavereinheitlichten Bildungsraums zu erreichen ist, das steht da so im Detail nicht drin.
Sechs Semester? Muss gar nicht sein, könnten auch sieben oder acht sein.
Modulstruktur? Anwesenheitspflicht im Hörsaal? Klausur als bestmögliche Prüfungsform? Haben sich – mit Verlaub – die Profs doch selbst ausgedacht. Und zwar genau DIE Profs, die vor 12 Jahren (als ICH in Tübingen gestreikt habe…) noch dachten, sie könnten die Reform aussitzen. Oder ignorieren. Und die dann nachgemacht haben, was andere vormachten, Formalanforderungen änderten ohne zuerst über Inhalte nachzudenken (was soll ein Bachelor können im Vergleich/Gegensatz zum Master) und daher viel unnützes als “Das ist halt Bologna” mitentschieden haben. Isses aber nicht. Muss es zumindest nicht sein.
Und da sitzen wir nun, alle Beteiligten sind einhellig mit der Gesamtsituation unzufrieden, und keiner will’s gewesen sein. Und damals wie heute drücken sie mit links den Studies total solidarisch die Plakate in die Hand, während sie mit rechts die Malus-Punkte notieren. Statt eine ORDENTLICHE Reform zu machen.
Tja. Ich hatte das Glück, mir soviel Zeit nehmen zu können, wie ich wollte, Uninteressantes zu meiden und mich mit Interessantem intensiver beschäftigen zu dürfen. Zum Glück hat das Interessante überwogen. Und: Es dauert seine Zeit, bis Uni-Wissen sich soweit entfalten kann, dass es das Denken interessant macht. Mein Eindruck von der Uni heute (als eher liberaler Dozent): Das hier funktioniert nicht mehr: “…solange ein Studium nicht als Ausbildung, sondern als Bildung und individueller Kompetenzerwerb verstanden wird.”
Die Verantwortung für den eigenen Kopf wird gerade systematisch eliminiert. Das Studium ist so straff organisiert, dass zum Nachdenken kaum noch jemand kommt. Einzelaspekte zu liberalisieren (”Grauzonen zu schaffen”) sorgt ganz bestimmt nicht für eine sukzessive Rückgewinnung der eigenen Souveränität, solange der Wurm so gründlich drin ist!
An dieser Stelle ein großes Lob an die protestierenden Studenten in Tübingen: die Idee, “Tübingens längste Vorlesung” — 72 Stunden, 72 Vorlesungen am Stück — im besetzten Hörsaal zu organisieren, ist grandios. Es kommen die unterschiedlichsten Redner zum Zug und damit sehr viele verschiedene Themen. Ich bin gespannt und werde um Mitternacht mal hingehen — Thema: Von Stanford nach Bologna. Wie die deutsche Politik Exzellenz verhindert. Mal sehen!
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