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Zehn Jahre Bologna – zehnmal “Wozu das Ganze?”

von Boris Schmidt | Kommentare: 4

Zehn Jahre nach ihrem Auftakt ist die Bologna-Dis­kussion in Deutschland endlich an ihrer Kern­frage an­­­gekommen: Wozu das Ganze? Warum und mit welchen Zielen sollen Hoch­schulen und ihre Lehrenden Studiengänge umstellen, neu gestalten, weiter entwickeln?

Dass diese Fragen immer noch offen sind, zeigt sich in der Praxis. Bunt gemischte Kom­mis­sio­nen sit­zen da zusammen, starten mit Elan oder auch mit Wider­willen, stürzen sich in Inhalte, ver­­hed­dern sich in Details, wundern sich, streiten mit­­einander – und landen immer wieder bei Grund­­satzdiskussionen, in denen völlig un­ter­­schied­­liche Auffassungen ungebremst auf­ein­an­der pral­len. Sie kommen „trotzdem“ oft zu guten Ergeb­nissen, manchmal auch nicht, und das meiste wird ohnehin mit der Zeit nach­gebessert. Aber in welche Richtung? Was ist denn hier gut, und was ist schlecht?

Zehn verschiedene Antworten auf dieselbe Ausgangsfrage

Eine organisationstheoretische Analyse ist dieser Unter­schiedlichkeit auf den Grund ge­gan­gen.  Heraus kamen zehn „Meta­modelle“ über die Vor­­stel­­­lun­gen, was hochschulische Ver­än­de­rungs­­­projekte wie Bologna sollen. Meta­mo­del­le be­schreiben, von welchen Vorannahmen die Ak­teure (z.B. Ministerien, Lehrende, Studierende) ausgehen, an welchen Werten sich für sie der Erfolg der Veränderung bemisst. Meta­modelle sind häufig implizit und den Akteuren nicht einmal bewusst – erst wenn unterschiedliche von ihnen auf­ein­ander treffen, wird es brisant. So wie bei Bologna.

metamodell2

Grafik: Metamodelle bei hochschulischen Reform- und Entwicklungs­projekten (Quelle: Schmidt, B., 2007. Personalentwicklung an der Hochschule: Zehn Wege in ein unentdecktes Land. die hochschule: journal für wissenschaft und bildung, 16 (2), 125-153.)

Individuen zwischen Effektivität, Wachstum und Selbstbestimmung

Drei Metamodelle stellen die Individuen in den Fokus, zum Beispiel die Studierenden bei der Ent­wicklung eines Bologna-konformen Master-Studiengangs:
(1) Nach dem Job-Person-Fit-Ansatz soll der Studiengang die individuelle Ef­fek­tivität sicherstellen, den Studierenden helfen, ein vorab definiertes Kompetenzprofil in an­ge­mes­sener Zeit zu erreichen. Gut ist alles, was messbar zum Erwerb diesen Kompetenzen beiträgt.
(2) Das Grenzüberschreitungsmodell sieht demgenüber das Studium als Impuls zum persönlichen Wachstum. Hier ist vieles nicht messbar. Gut ist, was den Studierenden hilft, eine neue geistige, intellektuelle oder emotionale Ebene zu erreichen, über sich selbst hinaus­zuwachsen.
(3) Beim Selbstorganisa­tions­modell stehen Freiheit und Selbst­bestimmung im Vordergrund. Gut ist das, was die Stu­dierenden darin unterstützt, eigene Schwer­punkte und Lernziele zu definieren und jeweils dazu passende Lernangebote auszuwählen.

Hochschulen zwischen Logik, Investition, Verant­wortung und Kohärenz

Vier Modelle sehen die Bologna-Reform als Aufgabe der Hochschule als Organisation: (4) Im Modell der rationalen Problem­lö­sung soll die Hochschule den Bildungsbedarf ihrer Stu­die­ren­den ermitteln und nach den Gesetzen der Logik und der Vernunft dazu passende Lern­an­ge­­bote bereitstellen. Gut ist alles, was syste­ma­tisch entwickelt wurde, von der Bedarfserhebung bis zur Alumni-Befragung.
(5) Der Kontingenz­an­satz sieht die Hochschule als Teil des Gesell­schafts­systems: Dessen Anforderungen an die Hoch­schulausbildung haben sich verändert, also müssen sich auch deren Lehrangebote ändern. Gut ist alles, womit Hochschulen der ver­än­der­ten gesellschaftlichen, kulturellen und wirt­schaft­lichen Realität verantwortungsvoll Rechnung tragen.
(6) Im Investitionsmodell sollen Auf­wand und Ertrag in ein optimales Verhältnis ge­bracht werden – Hochschulen sind quasi „Pro­duk­­tions­betriebe“ für Absolventen/innen und deren Wissen. Besser ist, was bei gleichem Nutzen weniger Geld kostet oder was bei gleichen Kosten mehr Ergebnis bringt, die knappe Ressource „Lehrende“ optimal einsetzen hilft.
(7) Der systemische Ansatz blickt über die Grenzen des einzelnen Studiengang hinaus und ar­beitet darauf hin, dass die Hochschule ins­ge­samt ein kohärentes Lehrangebot abliefert. Gut ist, was das Gesamtsystem (z.B. Lehre, For­schung und Hochschulmanagement) im Blick behält und das Profil der Hochschule schärft, idealerweise auch das Vorher (z.B. Schule) und das Nachher (z.B. Beruf) berücksichtigt.

Bologna als symbolische Politik, Evolution oder Forschungsprojekt?

Schließlich beziehen sich drei Metamodelle auf den Reformprozess an sich: (8) Im Evo­lu­tions­modell herrscht das Vertrauen, dass Zeit, Eigen­verant­wortung und die Selbstheilungskräfte der Hoch­schule schon irgendwie dafür sorgen wer­den, dass sich irgendwann die richtigen Studien­gänge herausbilden. Gut ist, was diesen kreativen Entwicklungsprozess unterstützt und ihn nicht behindert.
(9) Bei der symbolischen Politik sind die Studiengänge selbst nicht der ent­scheidende Punkt: Die Welt, die Politik und das Ministerium fordern Akkreditierungen und Gütesiegel – also liefern wir ihnen welche. Gut ist hier, was den formalen Anforderungen genügt und die Legitimität sichern hilft.
(10) Die Be­trachtungsweise der Reform als Wissenschaft schließ­lich sieht den Bologna-Prozess als riesigen Feldversuch mit der historischen Chance, endlich mehr über die Hochschule zu verstehen. Gut ist alles, was das Wissen um Lehr-Lern-Prozesse, um die Organisation der Hochschule und über Erfolg und Misserfolg von Reform­prozessen erweitert.

Über Grundannahmen und Zielvorstellungen verständigen

All diese unterschiedlichen Haltungen und Wertvorstellungen treffen ungebeten und ungebremst aufeinander. Kein Wunder, dass Bo­logna wie auch all die anderen hoch­schuli­schen Reformprojekte (z.B. Promotions­pha­se, leistungsorientierte Vergütung, Hoch­schul­­autonomie) sehr dynamische Prozesse sind, die bis­weilen zu Streitigkeiten führen und manch­mal Ergebnisse zutage fördern, die Beteiligte, Betroffene und die Umwelt gleicher­maßen in Erstaunen versetzen. Spätestens, wenn die Akteure gänzlich Unter­schied­liches „gut“ finden, sind Sie an einen  Punkt gelangt, wo unterschiedliche Meta­modelle auf­einander treffen. Wenn Sie vom völlig neben-sächlichen Thema geradewegs zur Grundsatz-diskussion gelangen, sitzen vermutlich Anhänger verschiedener Metamodelle an einem Tisch.

Was tun? Versuchen Sie, sich frühzeitig (zum Beispiel: zum 10-jährigen Jubiläum der Reform) darüber auszutauschen, warum Sie das Ganze eigentlich tun. Was versprechen Sie persönlich sich davon? Von welchen Grund­an­nah­men gehen Sie eigentlich aus? Möchten Sie in Ihrer Hochschule symbolische Politik betreiben, vertrauen Sie auf das Evolutions­modell, glauben Sie an Grenzüberschreitungen oder möchten Sie gerne Ihr „Reform­problem“ rational lösen? Es wird Ihnen nicht gelingen, dass alle sich auf dasselbe Metamodell verständigen, es sei denn, Sie machen Ihre Reform alleine – und selbst dann könnte es sein, dass Sie sich in mehreren Metamodellen zu Hause fühlen.

Aber es hilft Ihnen für Ihre Zusammenarbeit, die Annahmen und Zielvorstellungen der anderen kennen zu lernen. Manch Vorschlag oder Einwand, der Ihnen sonst höchst befremdlich vorkäme, wird dann verständlicher, die Schärfe aus der Diskussion herausgenommen. Schuld­zu­weisun­gen verlieren an Bedeutung, Lösungsideen werden greifbar. Denn die Chance auf einen von allen getragenen oder zumindest nachvollzogenen Weg steigen, wenn Sie sich spätestens jetzt darauf verständigen, in welche Richtung und auf welches Ziel hin Sie eigentlich gehen möchten. Also noch einmal: Wozu das Ganze?

…diese Nachricht als PDF

Die nächste Nachricht aus Schmidts kleiner Elfenbeinwelt erscheint voraussichtlich am 15. Januar 2010 zum Thema “ungesteuerte Kooperation”.

Kommentare (4)

  • 18.12.2009 um 15:11 Uhr von Prof. Dr. Lothar Spieß - Ilmenau

    Wenn der Bologna-Prozeß nicht von solch zum Teil sinnlosen Akreditierungsanforderungen (maximale Modulleistungspunkte (nicht größer 15), nicht über 3 Semester ein Modul (Mathematikausbildung musste wegen 3 Semestern in zwei Module aufgeteilt werden, starre 30 Leistungspunkteregelung pro Semester, Begrenzung SWS auf <26h/Woche, jeder Leistungspunkt muss prüfungsrelevant erworben sein, zweisemestrige Lehrveranstaltungen müssen nach jedem Semester mit einer prüfungsrevanten Leistung abgeschlossen) geprägt wäre, wären viele derzeitigen in meinen Augen völlig berechtigten Forderungen der Studenten gar nicht aufgekommen.

    Es müssen auch Leistungen während des Studiums einfacher als Abschlüsse mit einfließen können, eine zwei oder mehrsemestrige Vorlesung werden nur mit einer Prüfung abgeschlossen und dann erst die Leistungspunkte insgesamt vergeben. Ebenso sollte es nur Pflicht sein, in einem Semester zwischen 20 – 40 Leistungspunkte zu erwerben, das Stundenkorsett muss leichter sich aufschnüren lassen. Warum musste eine Diskussion über Leistungspunkt nicht gleich Stundenumfang geführt werden – 1 SWS-Stunde Lehre (egal Vorlesung, Seminar, Praktikum) ist ein Leistungspunkt, BA-MA-Projektarbeiten ausgenommen- da gibt es spezielle Zahl von Punkten). Wenn es eine Studiengangskommission gibt, dann beschließt die kleinere Änderungen im Studienablauf und nicht erst die ganzen Hochschulgremien. Es gibt eine einzige bundesweit gültige allgemeine Studien- und Prüfungsordnung, die Curricula-Pläne einzelner Studiengänge sind die Anhänge dieser Ordnungen.

    Wichtiger ist aber noch, wenn man eingestehen würde, dass der Bachelor im Ingenieurwesen (gleichwohl FH oder Uni) eben nur ein "Schmalstspuringenieur" ohne vertiefendes Wissen ist, der die Grundlagen beherrscht (ein Techniker mit dem ersten akademischen Grad) ist und dass man an einer FH oder Universität auch vom Bachelor-Studium in den Master ohne Bachelorarbeit, mit z.B. 165 Leistungspunkten (bei 6 semestrigen BA-Studium) wechseln kann, wenn man nur den Master anstrebt – damit überträgt man aber auch das Risiko eines Scheiterns mehr auf den Studenten, ist aber dann vergleichbar mit den sehr wohl durchdachten früheren Diplomstudiengängen.

    Mit solch ein paar wenigen Änderungen können wesentliche Erleichterungen erreicht, und die Überfrachtung mit Lehrinhalten entspannt sich. Der direkte oder auch der zweistufige Master wird mit einer Doppelurkunde – Master-Diplom bescheinigt. Warum musste Deutschland den guten Ruf des deutschen Diplomingenieurs aufgeben.

  • 25.12.2009 um 00:09 Uhr von alexa Grübel

    Wo bleibt die Bildung – des Hirns und des Herzens?

  • 26.12.2009 um 14:59 Uhr von Boris Schmidt

    Bildung von Herz und Hirn, das entspricht in etwa dem “Grenzüberschreitungsmodell”.

    Der im vorangehenden Kommentar kritisierte Versuch, den Bologna-Prozess durch möglichst klare und allgemeingültige Regelungen umzusetzen (so und so viele LP, BA mit so und so vielen Semestern, jeden Kompetenzerwerb durch Prüfung abdecken etc.), wäre dem Modell der “rationalen Problemlösung” zuzuordnen – die Kritik daran und das Plädoyer für die Qualität der “traditionellen” Studiengänge hingegen orientieren sich möglicherweise am “Job-Person-Fit”-Ansatz.

    Der Stifterverband (www.stifterverband.de, Bereich “Meinung & Debatte”) hat zu diesem Thema ebenfalls einige lesenswerte Kommentierungen verfasst.

  • 12.03.2010 um 02:16 Uhr von Zwangsjacke

    Bravo! Ein Hoch auf den Aktionismus! Die hoffnungslos verspätete Bilanzierung des Bologna Irrsinns nicht mehr rechtzeitig. In ihrer unerschöpflichen Unbedachtheit haben die Verantwortlichen in Deutschland ein Bildungsmodell zerstört, statt es zu modernisieren. Das Humboldtmodell hatte etwas zutiefst Pragmatisches und ein erzieherisches Element in sich vereinigt.
    Was früher mal Selbstverwaltung, Eigenständigkeit und Disziplin hieß, ist heute anscheinend unzumutbar mehr. Es wurde nur noch vom herumgammelnden Langzeitstudenten gesprochen! (Komischerweise von der Generation, die die meisten “Gammelstudenten” gestellt hat!)

    Jetzt wird nur noch verstärkt der Einheitsbrei in die ohnehin zu leeren Köpfe getrichtert und man wundert sich warum nichts bemerkenswertes am Ende herauskommt. Und das wahrlich Traurige und Ironische an der Sache ist noch, dass das angelsächsiche Vorbild sich schon länger von dem ursprünglichen Bildungsplan – der hier fleißig abgekupfert wird – distanziert und langsam verabschiedet. Da muss uns erst im Ausland wieder vorgemacht werden wie man eine deutsche Bildungsidee modernisiert und fruchtbar umsetzt.
    Weitermachen!

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