“Amerikanische Verhältnisse” werden oft beschworen, wenn es um die aktuellen Hochschulreformen in Deutschland geht – sei es als leuchtendes Vorbild für Spitzenforschung und internationale Wettbewerbsfähigkeit oder als abschreckendes Beispiel für gnadenlose Konkurrenz, hohe Studiengebühren und die Diktatur des Marktes. Wie die US-Hochschulwelt jedoch wirklich aussieht, interessiert die Wenigsten: Wie so oft, wenn es um Amerika geht, genügen Halbwahrheiten und Unterstellungen, um in hochschulpolitischen Diskussionen zu punkten. Für alle, die genauer hinschauen möchten, liegt seit kurzem erstmals eine deutschsprachige Monografie vor, die die bunt schillernde US-Hochschulwelt umfassend und mit großer Sachkenntnis beleuchtet.
Traumfabrik Harvard: Warum amerikanische Hochschulen so anders sind (2008) bietet keine Belehrungen oder Patentrezepte für das perfekte Hochschulsystem, sondern möchte das “Gesamtkunstwerk der amerikanischen Hochschulen” aus dem spezifischen kulturellen Gepräge der amerikanischen Gesellschaft heraus erklären und zeigen, dass sich hinter den ikonischen Eliteuniversitäten eine ungeheuer vielfältige und dynamische Hochschullandschaft mit sehr verschiedenen Einrichtungen verbirgt, von der in Deutschland kaum die Rede ist. Der Autor, Ulrich Schreiterer, ist Soziologe am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und arbeitete zuvor fünf Jahre an der Yale University.
Dass Schreiterer ausgiebig über den Tellerrand seines Ivy-League-Universums geblickt hat, wird allein daran deutlich, dass er auf einen weiteren Lobgesang auf die traumhaften Arbeitsbedingungen und üppigen Gehälter, die so viele renommierte Wissenschaftler in die USA locken, verzichtet. Auch als Ratgeber für eine wissenschaftliche Karriere an einer amerikanischen Top-Uni ist das Buch nicht gedacht. Vielmehr geht es neben einem etwas zähen historischen Abriss der Entwicklung vom Colonial College zur Spitzenforschung vor allem darum, den Leitmotiven und Regularien nachzuspüren, die die extrem zersplitterte amerikanische Hochschulwelt zusammenhalten.
Wie unübersichtlich und unabhängig von staatlicher Aufsicht diese Welt tatsächlich ist, können deutsche Beobachter, die an ein ordentliches, staatlich reguliertes und finanziertes Hochschulsystem gewöhnt sind, nur schwer in vollem Ausmaß erfassen. Doch gerade aus diesem losen institutionellen Arrangement ergeben sich die große Elastizität und die hohe Dynamik, die das amerikanische Hochschulwesen so leistungsstark machen. Dass das freie Spiel gesellschaftlicher Kräfte, sozialer Interessen und kultureller Strömungen auch Schattenseiten hat, die sich am deutlichsten in den explodierenden Studienkosten und dem privilegierten Zugang der Studienbewerber aus höheren sozialen Schichten manifestieren, wird im Buch genauso diskutiert wie die Strategien, die man in den USA zur Linderung dieser Schieflagen ins Auge fasst.
Kenntnisreich stellt Schreiterer eine Auswahl von Hochschultypen vor, für die es in anderen Ländern kaum eine Entsprechung gibt, z.B. private Forschungsuniversitäten, Liberal Arts Colleges oder Community Colleges. Mit Blick auf die deutsche Exzellenzinitiative erläutert er, was nach amerikanischen Maßstäben eine Einrichtung zur Eliteuniversität macht: Mit Vermögen, Größe und überragenden Forschungsleistungen hat dieses Prädikat jenseits des Atlantiks überraschenderweise wenig zu tun, sondern in erster Linie mit einer hohen Selektivität bei der Zulassung zum Bachelorstudium und einem breit gefächerten Studienangebot, das die Studierenden explizit nicht auf bestimmte berufliche Tätigkeiten vorbereitet. Auch dem sagenhaften Reichtum der US-Universitäten und dem vermeintlich hohen Einfluss privater Sponsoren ist ein ausführliches Kapitel gewidmet.
Der besondere Verdienst von Traumfabrik Harvard besteht vor allem darin, den kulturellen Kontext sichtbar zu machen, in den Hochschulbildung in den USA eingebettet ist. Völlig zu Recht weist Schreiterer darauf hin, dass die in internationalen Vergleichen üblichen statistischen Daten nur einen geringen Erkenntnisgewinn bieten, wenn nicht gleichzeitig die politischen, historischen, sozialen und kulturellen Gründe für die messbaren Unterschiede mitgedacht werden. Im meritokratischen Begründungszusammenhang der US-Gesellschaft nimmt education demnach eine “Schlüsselrolle im Drehbuch des American dream” ein und wird von einer mit Erwartungen, Hoffnungen und Versprechungen aufgeladenen Semantik eingerahmt, die Europäern weitestgehend fremd ist. Going to college wird somit gerade für Angehörige unterer sozialer Schichten zum Mantra für gesellschaftlichen Aufstieg und ein erfülltes Leben.
Stichwort College: Wie fremdartig, ja exotisch die US-Hochschulwelt im Vergleich zur deutschen ist, tritt am Beispiel des American College am deutlichsten zu Tage. Das College – also entweder eine unabhängige Hochschule oder der Teil einer Universität, der für die Bachelorausbildung zuständig ist -ist das “Herzstück und die Ikone der amerikanischen Hochschule”, so der treffende Titel des Kapitels, das sich mit dieser weltweit einmaligen Institution beschäftigt. Denn das Bachelorstudium in den USA hat mit dem Fachstudium, wie es überall sonst praktiziert wird, nur wenig zu tun. Charakterbildung, Erziehung zum bürgerschaftlichen Engagement und Gemeinsinn sind dabei mindestens genauso wichtig wie Wissensvermittlung und der Erwerb kognitiver Kompetenzen, während das bei uns derzeit so wichtige Kriterium der “Berufsbefähigung” nur eine untergeordnete Rolle spielt.
Eine unvoreingenommene und umfassende Darstellung des amerikanischen Hochschulwesens in deutscher Sprache hat angesichts der Prominenz, die Harvard & Co. als Projektionsfläche für Hoffnungen und Befürchtungen deutscher Hochschulreformer in der öffentlichen Debatte einnehmen, lange gefehlt. Wer will, kann nun mehr wissen als die gängigen Stereotype von Spitzenforschung, Spitzenverdiensten und Spitzenprofessoren oder dem großen Qualitätsgefälle zwischen Elite und Massenbetrieb. Und dass die Transplantation einzelner charakteristischer Merkmale des US-Hochschulwesens in das deutsche nicht klappen kann, ohne den kulturellen Kontext zu beachten, in dem diese dort funktionieren, dürfte nach der Lektüre von Traumfabrik Harvard auch dem und der Letzten klar sein.
Ulrich Schreiterer, Traumfabrik Harvard. Warum amerikanische Hochschulen so anders sind (Campus Verlag, Frankfurt/Main 2008. 266 Seiten, 24,90 Euro)
PS: Ich bin mit dem Autor weder verwandt noch verschwägert und erziele auch keinen finanziellen Gewinn aus dem Verkauf dieses Buches. Angesichts der internationalen Ausrichtung des Academics-Blogs erscheint es mir inhaltlich sinnvoll, das Buch an dieser Stelle vorzustellen.


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Kommentare (3)
Ich bin in Ungarn geboren, 35 Jahre alt, und bin mit meiner Familie vor zwei Jahren nach Deutschland umgezogen, um mein Masterstudium hier zu machen.
Meinen ersten Hochschulabschluss (Bachelor of Fine Arts/Studio Art–Sculpture) habe ich im 2008 an der University of Houston mit Magna Cum Laude bestanden. Ich habe mich für den Masterstudiengang Edelstein- und Schmuckdesign an der FH Trier beworben, wo ich zur Formulierung einer Projektskizze als Grundlage für meinen Masterstudium gebeten und auf deren Grundlage zum Studium zugelassen wurde.
Meine Masterarbeit ist die Anfertigung von 16 Schmuckstücken als Beispielstücke, welche – aufbauend auf einer kunstgeschichtliche Forschungsarbeit – Kulturgebiete, und angewandte Herstellungsmethoden demonstrieren sollten. Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit sollten als Grundlage bei der Erstellung von einem Syllabi & Teaching Guide sein, ein Lehrbuch & Lernveranstaltungskonzept für ein University Standard Advanced Coursework von 16 Wochen 3 SCH (= 3 ECTS), nach dessen modus operandi Studio Art Kompetenzen in kunstgeschichtliche Kenntnisse eingebettet vermittelt werden sollten.
In Idar-Oberstein waren alle drei betreuende Professoren Künstler ohne erkennbare wissenschaftliche und/oder kunstgeschichtliche Fachkompetenz. Die sahen die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen & kunstgeschichtlichen Betreuung nicht. Meine schriftliche oder mündliche Fragen wurden von Anfang an nicht beantwortet, die von mir erstellte Dokumentation wurde nicht angesehen oder kommentiert, und auf die eingereichte schriftliche Berichte kam kein Antwort.
Im Wintersemester 2008/2009 wurde von der Professorenrunde meine über 200 Seiten dokumentierte Arbeit – ohne deren Inhalt überhaupt anzusehen, geschweige zu lesen – mit der Note 5,0 bewertet. Meine schriftliche Frage, auf welche Grundlage, nach welchen Maßstäben und mit welchen Erwartungen an einem zu 100% erfüllten Leistunsprofil meine Semesterarbeit bewertet wurde, bekam ich auch keinen Antwort.
Als ich um Formulierung der konkreten Erwartungen gebeten habe, was muß ich aufgrund meiner Projektskizze erreichen, um mit den besten Noten bewertet zu sein, hatte ich auch keinen Antwort erhalten.
Ich halte diese Vorgehensweise unethisch und unprofessional. Da ich auch nicht bereit bin, diese Beleidigung meiner Arbeit zu akzeptieren, habe ich den Akkreditierungsrat informiert und um Hilfe gebeten.
Welche Auswirkungen hat eine solche verantwortungslose Handlung auf die noch nicht erworbene Reputation dieses Masterstudienganges? Dürfen in Deutschland Professoren so vorgehen? Ist die FH Trier an der Erfüllung internationaler Bildungsstandards nicht gebunden?
Hauptgruende fuer die unterschiedlich bewertende sichtweise sind als solche grundsaetzlich zwei.
Ohne wertung ueber akademische standarts zu setzen haben populaere Amerikanische Colleges/Universitaeten oftmals die Moeglichkeit, aus einem grossen Spektrum von Bewerbern eine “passende” Auswahl zu treffen. Auf diesem wege wird ein wesentlich effizienteres LErnumfeld geschaffen. Zudem sind besonders soziale NEtzwerke fuer den spaeteren BErufserfolg von Bedeutung, besonders in den Bereichen der Wirtschaftlichen Ausbildungen. Beispiele sind besonders die MBA programme and der HBS Harvard, Columbia, Wharton School und Babson College.
Studenten dieser Einrichtungen, egal zu welchem Bildungsfach Bezug genimmen wird, unterstuetzen die Universitaeten noch Jahre nach der Graduation.
Aehnliche Auswahl haben die Universitaeten an Professoren und Lektoren (hoffe die Uebersetzung stimmt, Deutsch ist nicht meine Muttersprache) Faktoren die hier Einfluss nehmen sind hier: Reputation, an einer dieser Schulen unterichtet zu haben, Finanziel hoehere Resourcen fuer Forschung und auch, Gehaelter. Zuletzt die direkte Kooperation mit anderen Akademikern.
Ein gutes Beispiel ist Thomas Mann, vernachlaessigt man hintergruende der Imigration war seine Entscheidung in Yale zu unterrichten von einigen dieser Punkten stark gepraegt, obwohl mann, und ich bitte diesen Punkt nicht ausser acht zu lassen, er sehr bewusst die Pressezugaenglichkeit und Popularitaet der yale genutzt hat, um seine Ansichten zu publizieren.
“Warum amerikanische Universitäten so anders sind” – ich kann dies alles nur bestätigen. Ich habe selbst ein Doppel BA m.c.l. an der USC in Los Angeles erhalten, 14 Jahre in den USA gelebt, empirisch geforscht und gearbeitet. Mein Sohn ist dort aufgewachsen und hat alle Schulsysteme durchlaufen – bis zum MD.
Nach meiner Rückkehr in Deutschland habe ich das ganze Spektrum der sogenannten wissenschaftlichen Halbwahrheiten erfahren. Meinen MSc habe ich schließlich in England gemacht.
Ich suche immer noch einen Job, denn meine Qualifikationen werden ständig fasch eingereiht – das nur nebenbei.
Zu meinen universitären Erfahrungen – hoch interessante Lehrer aus aller Welt. Anspruchsvoller breitgefächerter interdisziplinärer Austausch.
Dies findet natürlich nicht in jedem Studiengang statt – das Medizinstudium ist z. b. sehr früh hochspezialisiert.
Grüße und – schön so ein Blog zu lesen.
Hanni Boberg
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