Wissenschaft mal anders

Der weitere Weg (pdf-Version)

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…und Folge 11 als pdf-Dokument: Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 11

“Nachdem Frühstück mussten sich die Freunde trennen: Katie ging zur Arbeit, Kevin wollte zu seinem „Bekannten“, über den man Näheres allerdings nicht erfuhr, außer, dass es wichtig sein musste, wenn ; Amanda war sich noch etwas unschlüssig, ob sie nach Hause gehen sollte, und beschloss schließlich, Nermin ein Stück zu begleiten, der den längsten Weg von allen hatte.

„Was ich mich immer noch frage“, sagte Amanda, als die Vier unten auf der Straße standen und sich auf den Weg machten, „ist, was uns das jetzt so sagen soll, mit der Liebe. Dass das so ist? Dass das so sein soll?“…”

Die zwei Hälften der Kugel (pdf-Version)

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Liebe LeserInnen,

hier das pdf-Dokument zu Folge 10: Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 10

Beste Grüße

Ann-Kristin Iwersen

“„Gibt’s eigentlich Familienfotos.“ Amandas Worte waren eher eine beiläufige Bemerkung als eine echte Frage. Sie sog mit Kraft geräuschvoll den letzten Schluck Kaffee zwischen den Eiswürfeln ihres Iced Caffè Latte heraus. „Familienfotos?“, fragte Nermin entgeistert…”

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge XII,1: Fräulein F., von und zu)

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Es hupte dreimal kurz, hell und zart, und Nermin, Katie und Amanda liefen zum Fenster, um zu schauen, ob es endlich Kevin war, der da eintraf. Als sie den auffälligen, grünen Passat vor der Tür sahen, gingen sie nach draußen, um das Gefährt aus der Nähe zu begutachten.

 

Kevin hatte in den vergangenen Tagen fast ununterbrochen an dem Auto gearbeitet, ja, zum Teil musste er zugeben: Er hatte darüber sogar das Nachdenken über die Texte und die Stelle bei Ludwig etwas vernachlässigt. Aber irgendwie auch nicht: denn obwohl er es versäumt hatte, sich – jenseits von einem Alibiblick – intensiv mit dem aktuellen Text auseinanderzusetzen, waren ihm beim Arbeiten immer wieder Fragmente der vielen Gespräche im Café Cupola durch den Kopf gegangen. Insbesondere die gelben Raupen hatten ihn beeindruckt… wie blödsinnig es doch war, wie man sich manchmal an Dinge klammerte!

Eigentlich nicht bloß an materielle Dinge, dachte Kevin. Wie idiotisch hatte er sich an dieses Versprechen, das er seinem Vater gegeben hatte, geklammert, als könnte der ihm aus dem Jenseits quasi noch übelnehmen, dass er nicht Wort gehalten hatte. Nein, das hatte mit Übelnehmen nichts zu tun; es hatte mit dem Gewicht eines gegebenen Versprechens zu tun, eines Versprechens, dass er halbherzig dem Dahinsiechenden gegeben hatte, der selbst natürlich keinen Gedanken daran verschwendet hatte, ob es richtig und verantwortbar ist, seinem Sohn so ein Wort abzunötigen! So ein Unfug, dachte Kevin. Hätte ich mir mal die ganzen Jahre gespart.

Und dann dachte er an die mysteriösen Texte und Herrn Ludwigs irgendwie doch ziemlich irrsinnige Prüfung, und er fragte sich, warum um Himmels Willen er sich eigentlich für diesen Job so dermaßen anstrengte, wo ihn eigentlich noch nicht mal die Aufgabe lockte, die er da zu erfüllen hatte. Warum hatte er sich eigentlich überhaupt beworben? Ach ja, weil sein Studium vorbei war, und er folglich nun irgendwie würde arbeiten müssen… und irgendwie war ihm das alles so wichtig und richtig erschienen, Geld, Status. Tja, wäre aber Herr Ludwig nicht gekommen, dann hätte er auch nie gewusst, dass er eines Tages enden würde, wie ein Eingeborener namens Adi, wenn er so weitermachte wie bisher! Nur was sollte jetzt mit der Stelle werden? Er musste doch hin, jetzt, wo alle sich so für ihn angestrengt hatten – mindestens hingehen musste er und schauen, was Ludwig zu ihren Lösungen sagte, das war er ihnen doch schuldig. Oder nicht? War das nur eine weitere Fessel, die er sich da umband?

Er setzte sich auf den Kantstein, zündete sich eine Zigarette an und schaute gedankenverloren in die Ferne. Auf der anderen Straßenseite begannen die ausgedehnten Felder des einzig verbliebenen Großbauern in diesem Ort, dem Nachbardorf seines Heimatorts, wo er die Autowerkstatt nutzte. Ganz in der Ferne entdeckte er einige weißliche Punkte. Er lächelte, als ihm klarwurde, dass es die Schafherde war, die der Bauer am Tag zuvor auf die Koppel gebrachte hatte. Man musste ja auch nicht alle Entscheidungen auf einmal treffen, beschloss er schließlich.

 

„Sieht super aus“, sagte Amanda anerkennend, als Kevin strahlend aus seinem Auto sprang und auf das Dach des Fahrzeugs klopfte. Bei Licht besehen musste sie zugeben, dass der Passat eigentlich wirklich ganz niedlich aussah. So aus der zeitlichen Distanz betrachtet verlor er irgendwie seine Spießigkeit.

„War auch eine Heidenarbeit“, sagte Kevin und begann die einzelnen Arbeitsschritte zu erläutern. Nermin und Amanda lauschten andächtig. Katie versuchte es, hielt es aber keine fünf Minuten durch, bevor sie unruhig mit den Zotteln an ihrer Handtasche herumzuspielen begann. Nach weiteren fünf Minuten pustete sie laut, was Kevin nicht im Mindesten irritierte. Schließlich ertrug sie es nicht mehr: „Also, entschuldige, aber ich finde wirklich, du verlierst dich etwas zu sehr in den Details…? Sollten wir dann nicht mal reingehen und weitermachen, mit dem letzten Text?“

Kevin starrte sie mit offenem Mund an, als wisse er nicht, was tun, wo sein Redefluss so unvermittelt unterbrochen worden war. „Oh…“, meinte er schließlich. „Ja, ich wollte nur noch kurz den Kofferraum…“

„Gut“, unterbrach Katie, „ich geh‘ schon mal rein und order‘ den Kaffee!“ Und sie verschwand nach drinnen, wo sie in ihrem Optimismus bei Nermins Kollegen die Bestellung von vier Cappuccini und vier Madeleines aufgab. Als die anderen drei schließlich unter die Kuppel an ihren Stammplatz kamen, fanden sie eine gelangweilte, Tetris auf dem Smartphone spielende Katie und kalten Cappuccino vor.

„Wieso spielst du Tetris?“, fragte Kevin entsetzt.

Katie zuckte die Achseln. „Ich hab‘ mich gelangweilt, und auf meinem Handy ist sonst nix?“

„Das kann nicht sein.“

„Doch! Außer so Kartenspiele, und die kapier‘ ich nicht.“

„Warum lädst du dir nicht mal was Cooles runter?“

„Weil ich nie spiele, wenn nicht gerade aus Verzweiflung, weil irgendein Kumpel zehn Jahre lang die Details seiner Autorenovierung erklärt…?!“

„Restauration“, warf Amanda ein. „Es heißt Restauration, nicht Renovierung. Beim Auto, mein‘ ich.“

„Ja, mir gleich…!“, sagte Katie ungehalten. „Machen wir jetzt weiter? Ich lese sonst einfach mal den nächsten Text vor.“

„Nee“, meinte Kevin, „ich mach‘ das schon. Tut mir leid, du hast ja recht, ich hab‘ mich da ein bisschen hinreißen lassen und bin ins Schwafeln gekommen.“ Er griff nach dem Blatt mit der zwöften Geschichte, dem letzten Blatt. „‘Fräulein F., von und zu‘ heißt die Geschichte. „Man sagt, Gnädigste“, sprach ein Herr in makellosem Anzug, „Sie seien von feinstem Adel?“ „Man sagt es zu recht“, entgegnete das Fräulein F. „Darf ich also fragen: Sind eine von oder eine zu?“, fragte der Herr weiter. „Ich bin“, sprach das Fräulein F., „beides. Von der einen Seite eine von, nach der andern eine zu.“ „Und welches“, fragte der Mann, „ist das edlere der beiden Geschlechter?“ „Ach“, seufzte das Fräulein, „da fragen Sie aber was! Den meisten freilich erscheint das ‚von‘ erstrebenswerter als das ‚zu‘, doch wenn Sie mich fragen: Die Seite des ‚zu‘ ist von edlerem Geschlecht; doch erst das ‚von und zu‘ gemeinsam machen die Vortrefflichkeit meines Adels aus!“

 

„Es ist der letzte Text!“, rief Katie und klatschte freudig in die Hände, obgleich sich in ihr eine gewisse Wehmut breitzumachen begann, die sie nicht recht einsortieren konnte.

„Ja“, sagte Amanda langsam und ruhig, „der letzte und der schönste…“

Nermin nickte, lächelnd.

„Ich nehme an“, sagte Kevin, „dass ihr wie üblich Katie und mir einen riesen Schritt voraus seid und längst wisst, worum es hier geht.“

Das“, sagte Amanda mit der ihr eigenen Mischung aus Verblüffung und Abfälligkeit im Ton, die sie so, wie sie bei den anderen ankam, eigentlich nie meinte, „ist doch nun wirklich klar wie Kloßbrühe.“

„Ach ja“, seufzte Katie, „wie schön, dass sich manche Dinge eben doch nie ändern…!“ Und im Nachsatz fügte sie hinzu: „Wenigstens das eine hab‘ ich in diesen letzten zwölf Wochen gelernt: dass einem manche Dinge unerträglich erscheinen – und das einzige, was noch unerträglicher wäre, wäre wenn sie plötzlich fehlen würden.“

„Es ist also doch alles zum Besten in der besten aller möglichen Welten?“, fragte Nermin augenzwinkernd.

„Naja… sagen wir mal, es ist immer noch Raum für Verbesserung und Optimierung, so alles in allem“, lachte Katie und zwinkerte zurück.

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge XI,3: Der weitere Weg)

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Amandas Wiedereintreffen war nicht zu überhören – mit fliegenden Fahnen kam sie die Treppe hinauf gestürmt. „Hört Euch das an!“, rief sie, noch ein wenig außer Atem. Sie warf geräuschvoll ein Buch auf den Tisch, das sich als Dünndruckausgabe der gesammelten Romane und Erzählungen Voltaires entpuppte. „Hier“ – sie schlug das Buch auf – „Seite 106: ‚Er ließ von dem besten Gießer der Stadt aus sämtlichen Metallen, allen Erden und den kostbarsten und wertlosesten Steinen eine kleine Statue anfertigen und brachte diese zu Ituriel. »Würdet Ihr diese hübsche Statue zerschlagen, nur weil sie nicht aus lauter Gold und Diamanten besteht?« fragte er. Ituriel verstand sogleich den Sinn seiner Worte und beschloß, wohl an eine Besserung von Persepolis zu denken, ansonsten aber der Welt ihren Lauf zu lassen. »Denn«, so sprach er, »ist auch nicht alles gut, so ist doch alles erträglich.«‘ Das ist aus ‚Der Lauf der Welt‘ von Voltaire.“ Strahlend schaute sie in die Runde, die überwiegend fragend zurückschaute. Amandas Strahlen wich einem Ausdruck der Irritation. „Ihr seht doch, dass das hier die Quelle gewesen sein muss“, sagte sie nachdrücklich. „Die Ähnlichkeit ist doch verblüffend.“

„Ja“, sagte Nermin, „Den Zusammenhang sehe ich auch ganz klar. Aber – mir ist leider der Zusammenhang zwischen den Geschichten ganz und gar nicht klar…“

„Ich denke“, sagte Amanda mit einiger Anstrengung, „der Zusammenhang ist ungefähr der: Man muss alles gehen lassen, sich dem Lauf der Welt übereignen, weil darin nichts gut oder schlecht ist, sondern alles, so wie es eben ist, schon sehr schön. Oder so ähnlich.“

„Das ist aber schon eine eigenartige Philosophie“, meinte Nermin. „Sie passt nicht zu Voltaire, weil Voltaire nicht meinte, dass sich das Gute und das Böse im Endergebnis zum Schönsten vereinen, wie unser Text das will – für ihn war es eben erträglich, und am Ende lautet die Quintessenz aus dem Candide: Wir müssen unseren Garten bestellen, was ja eine der berühmtesten Antworten auf das Theodizee-Problem ist –“ Nermin unterbrach sich, als er die fragenden Gesichter von Kevin und Katie sah. „Die Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen in der Welt. Theodizee. Wie kann es einen allmächtigen, gütigen Gott geben, wo doch so viel Leid ist in der Welt.“ Er nahm seinen Faden wieder auf. „Wir müssen unseren Garten bestellen, also: Nicht über Gott spekulieren, den wir eh nicht ergründen können, sondern uns an unsere eigene Welt halten und darin tätig wirken. Das aber sagt unser Text ja gerade nicht! Wenn es da heißt, das Gute und Böse vereine sich in ihr zum Schönsten, dann ist das eigentlich eher eine Leibnizische Position!“

„Das war kein Keksfabrikant, sondern Voltaires ‚Counterpart‘, sozusagen. Er meinte, es sei alles zum Besten und wir leben in der besten aller möglichen Welten“, erklärte Amanda für Katie und Kevin. „Du hast völlig recht, Nermin.“

„Und“, fuhr Nermin fort, der gerade zu Höchstform aufzulaufen schien, „Das mit dem Nicht-Klammern, dem Loslassen. Das klingt doch hier irgendwie schon ein bisschen buddhistisch. Wir können wohl auch davon ausgehen, dass ein Verfasser, der die Hindu-Mythologie so gut kennt, auch so viel vom Buddhismus versteht, dass er die Ideen da her hat. Eigentlich ist das doch irgendwie alles ein langer Pfad zur Erleuchtung, der uns hier ausgelegt wird. Aber: Der Mann hier, der da immer weiterläuft, der verhält sich ja völlig entgegen diesem Grundgedanken – er klammert sich ja so an sein Leid, dass er immer weiterrennt.“

„Hm-m… das müssen wir noch alles genauer diskutieren, würde ich sagen“, meinte Amanda. „In Grundsatz stimme ich dir in vielem zu, aber muss da auch einiges zu bedenken geben: Erstens – wir wissen noch gar nicht, dass alles vom selben Verfasser ist; zweitens – vielleicht hat das was von Erleuchtung, dieser Weg, aber vielleicht ist die Lehre gerade: Suche dir einen undogmatischen Weg? Weshalb sich der oder die Verfasser da auch einfach überall ein wenig bedienen. Das könnte eine Konkretisierung dessen sein, was ich immer meinte mit: Vielleicht soll das Ganze nur zum Diskutieren anregen…“

Katie stöhnte. „Also, es freut mich, dass ihr euch des Pudels Kern annähert, aber mir ging das alles viel zu schnell.“

„Mir auch“, pflichtete ihr Kevin bei, „obwohl mir da einiges mit dem Weg und diesem Ding mit der ‚Erleuchtung‘ oder was auch immer doch recht plausibel erscheint. Ich habe es nur nicht so ganz erfasst.“

„Tröste Dich“, sagte Amanda trocken. „An ‚dem Ding mit der Erleuchtung‘ meditieren andere jahrzehntelang und kommen doch nie hin.“

„Na gut“, seufzte Katie, „aber mal angenommen, wir werden jetzt alle ganz reichlich erleuchtet durch die ganzen Texte und meinetwegen auch unkonventionell erleuchtet – was haben wir dann davon?“

„Freiheit“, antworteten Amanda und Nermin wie aus einem Munde.

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge XI,2: Der weitere Weg)

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Amanda seufzte. „Also, im Prinzip scheint es irgendwie ein verbindendes Element zu vielem Vorhergehenden zu sein, oder? Das Ganze mit dem Klammern am Zurückgelassenen, dem überflüssigen Gepäck, das erinnert doch an die Adi-Geschichten und das mit den gelben Raupen.“ Amanda hielt kurz inne und legte nachdenklich den Zeigefinger auf die Lippen. „Irgendwas an dieser Geschichte mit der Skulptur kommt mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht erinnern, woher…“

„Und was soll das mit dem Mädchen mit den geflochtenen Schnecken? Warum spielt der Typ Gitarre? Warum muss er weiter? Fragen über Fragen…“, warf Katie ein, ziemlich ratlos in ihrem Kaffee herumrührend.

„Die Rahmengeschichte kenne ich – oder sagen wir: Ich denke, ich kenne die Quelle“, sagte Nermin. „Hört ihr Chanson? Wahrscheinlich nicht, das war ja auch vor eurer Zeit…“

Amanda zog die Augenbrauen zusammen. „Chanson gibt es ja wohl immer noch!“

Nermin nickte und winkte mit der Hand ab. „Ja, ja, natürlich. Aber das ist ein Chanson von Edith Piaf, das war nun wirklich vor eurer Zeit.“

Amandas Augen weiteten sich. „Edith Piaf starb 1963. Da hast Du vielleicht gerade mal das Licht der Welt erblickt, aber bestimmt kann nicht davon die Rede sein, dass es Deine Zeit sei! Also verschone uns mit diesen Vorurteilen. Welches Chanson? Ich komme nicht drauf.“

„Ein unbekannteres, Un étranger aus dem Jahre 1958. Was mich darauf bringt, ist dieser Satz des Mädchens, ‚Weil Du Dich dafür rächen willst, überall bloß ein Fremder zu sein‘. Am Ende des Liedes heißt es nämlich:

‚On t’aime, on te méprise

Quoi que l’on dise

Tu n’entends pas

Pourquoi veux-tu poursuivre

Ton droit de vivre

Si loin de moi

Peut-être pour te venger

De n’être qu’un étranger…’”

 

„Faszinierend“, bemerkte Kevin. „Leider kann ich kein Französisch. Ich nehme an, Katie auch nicht…?“ Katie schüttelte bedauernd den Kopf. „Nö. Müsstest Du schon mal übersetzen.“

„Das ist doch eigentlich ganz einfach“, fiel Amanda dazwischen: „Man liebt dich, man hasst dich/Was auch immer man sagt,/du hörst nicht/Warum willst du dein… naja, dein Recht zu Leben, oder so/ so weit von mir entfernt ausüben?/Vielleicht, um dich dafür zu rächen, nur ein Fremder zu sein?“

„Ach so, okay…“ Katie dachte nach. „Und das mit dem Mädchen mit den Schnecken und dem Mann mit der Gitarre, kommt das da auch drin vor?“

„So direkt nicht“, erwiderte Nermin. „es geht um einen Mann, der – salopp gesagt – so durch die Lande zieht, den irgendwas quält, dem die Herzen aller Frauen zufliegen, die er aber immer zurücklässt, weil er immer weiterzieht – und der, eben fälschlicherweise, den Anschein erweckt, ein wildromantisches Leben wie im Buch oder im Chanson zu führen. Und übrigens heißt es darin auch ‚il a pris le chemin qui va toujours plus loin‘, was zu unserem Titel passt.“

„Okay…“ Kevin schaute wenig überzeugt. „Und was sagt mir das alles jetzt?“

„Ich verstehe auch nicht, was das jetzt mit dem Sich-Rächen-Wollen auf sich hat – und überhaupt, ich verstehe nur Bahnhof.“

„Das mit der Rache finde ich sehr plausibel – und übrigens wunderschön, in dem Chanson“, meint Amanda. „Gemeint ist, denke ich, dass derjenige, der anders ist als alle anderen, den, wie etwa in diesem Fall – im Lied meine ich, nicht in unserem Text –, ein besonderes Leid kennzeichnet, nirgends zuhause ist, und darum beständig in Bewegung bleiben muss, weil er so überall ein Fremder bleibt. Und damit ist er ganz normal: Sein Anderssein fällt weniger auf, weil er prinzipiell schon ein Fremder ist und eben kein Mitglied der Gemeinschaft. Das Mädchen in unserem Text beziehungsweise das lyrische Ich im Chanson meint nun, er wolle sich dafür rächen, dass er nirgends daheim ist, in dem er von denen fortzieht, die ihn dennoch lieben.“

„Das ist absurd“, sagte Kevin.

„Findest Du?“, fragte Amanda. „Ich kann mich da total einfühlen. Wenn man in weit entfernten Ländern unterwegs ist, dann gehört man halt nicht dazu, man ist Fremder. Das ist eben normal. Dann fühlt man sich nicht so unwohl, wie wenn man zuhause ist, und alle den Anspruch haben, das man sein sollte wie alle. Ob man sich dann rächen will, indem man fortgeht… na, ich habe das noch  nicht getan und könnte es vielleicht nicht, aber den Wunsch könnte ich tatsächlich nachvollziehen.“

„Aha“, sagte Katie und machte damit deutlich, dass sie dieser Gedankenkette so gar nichts abgewinnen konnte.

„Was mir aber auch gerade auffällt“, fuhr Amanda fort, „ist, dass da auch dieser ganze Normalitäts- und Differenzkomplex drinsteckt, den wir bei unseren mittleren Texten behandelt haben.“

„Und mittelbar“, fügte Kevin hinzu, „vielleicht auch dieser ganze Sündenkram. Irgendwie geht’s hier zumindest mal um Hass – und so am Ende wird’s ja auch noch mal allgemeiner, da geht’s dann ja um Gut und Böse und so.“

„Ja…“, überlegte Amanda. „Das hat was. Mir scheint, hier läuft jetzt endlich mal so alles Mögliche zusammen.“

„Wobei mir immer noch nicht klar ist, was den ersten Teil mit dem zweiten verbindet. Also: Wie kommen wir von immer weiteren Weg und dem Ballast jetzt zu Gut und Böse?“, fragte Nermin.

Amanda schüttelte den Kopf. „Ist mir auch noch nicht klar. Aber ich hab‘ da so ‘ne Idee… lasst mich mal nachgucken. Ich komme nachher wieder“, sagte sie, sprang auf, rannte los und ließ ihre verdutzten Freunde unter der Kuppel sitzen.

„Versteht das jetzt jemand?“, fragte Katie.

„Ich denke, ihr ist wahrscheinlich eingefallen, woher ihr die Geschichte mit der Skulptur bekannt vorkommt, aber das ist jetzt auch mehr eine Mutmaßung“, lachte Nermin. „Sie ist halt manchmal von einer bemerkenswerten Spontanität.“

„Ja, wahrscheinlich, weil sie sich nicht vorstellen kann, dass sich die Gedanken in ihrem Kopf nicht automatisch nach außen projizieren und dass andere von selbst nicht auf dieselben Ideen kommen“, meinte Kevin. Ihn beschäftigte aber noch etwas anderes. „Was mir aufgefallen ist“, sagte er, „ist dass man ‚der weitere Weg‘ auf mindestens zwei verschiedene Weisen lesen kann: als den Weg, der weiter ist – als ein anderer – oder als den Weg, wie er weitergeht, als der ‚Weg ab jetzt‘, sozusagen.“

„Stiiiiimmt“, sagte Katie, als fiele es ihr wie Schuppen vor den Augen. „Das kann tatsächlich beides heißen… passt auch beides zum Text: Einmal, weil der Weg ja immer weitergeht, so dass man sich fragen kann, wie der dann aussieht, und auch, weil der Weg ja auch Umwege macht, weshalb man ganz viel Ballast ablegen soll.“

„Das ist auch das sinnvollste Prinzip, quasi die Verinnerlichung der Lehren, die wir aus den vorhergehenden Texten schließen konnten. Hänge dein Herz nicht an materielle Güter und Status, hänge es auch nicht an Symbole für Immaterielles; sei du selbst und frage nicht, ob das die Normalität ist – weil auch Außenseitertum kultiviert wieder nur eine neue Konformität erzeugt. Lass‘, sozusagen, alles einfach seinen Gang gehen“, resümierte Nermin.

„Hat ja auch irgendwie was“, meinte Kevin.

„Wenn man es denn umsetzen könnte…!“, fügte Katie skeptisch hinzu.

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge XI,1: Der weitere Weg)

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Nachdem Frühstück mussten sich die Freunde trennen: Katie ging zur Arbeit, Kevin wollte zu seinem „Bekannten“, über den man Näheres allerdings nicht erfuhr, außer, dass es wichtig sein musste, wenn ; Amanda war sich noch etwas unschlüssig, ob sie nach Hause gehen sollte, und beschloss schließlich, Nermin ein Stück zu begleiten, der den längsten Weg von allen hatte.

„Was ich mich immer noch frage“, sagte Amanda, als die Vier unten auf der Straße standen und sich auf den Weg machten, „ist, was uns das jetzt so sagen soll, mit der Liebe. Dass das so ist? Dass das so sein soll?“

„Dass das so ist wird es wohl nicht heißen, es sei denn der Verfasser ist grenzdebil. Alle Erfahrung spricht dagegen“, bemerkte Katie trocken.

„Spricht da die ewige Brautjungfer?“, fragte Kevin spitz, was Katie mit einem vernichtenden Blick quittierte.

„Katie hat recht“, seufzte Nermin.

„Spricht da jetzt der Buddha?“, fragte Amanda mit einem spöttischen Lächeln. Nermin lächelte vor sich hin, die Hände in den Taschen die Straße hinunterschlendernd.

„Ich denke, es sollte uns einen Denkanstoß geben“, sagte Kevin, „So wie du es ja auch schon mal meintest. Und was als nächstes kommt, ist, denke ich auch ganz zentral. Wenn wir alle Geschichten haben, sehen wir dann vielleicht klarer.“

„Hm-m“, machte Amanda, in Gedanken versunken. An der nächsten Kreuzung trennten sich Katie und Kevin von Amanda und Nermin.

„Wirst Du mir je verraten, was an der Buddha-Geschichte wahrhaftig war und was ihre lebensweltlichen Entsprechung war oder ist?“, fragte Amanda nach einer Weile, beim Gehen die Bewegung ihrer Schuhspitzen beobachtend.

Nermin zuckte die Achseln. „Vielleicht“, meinte er schließlich. Schweigend gingen den Rest des Weges bis zum Café Cupola.

„Und? Wo willst Du nun hin?“, fragte Nermin Amanda, die unschlüssig von einem Fuß auf den anderen trat und die Straße bald in diese, bald in jene Richtung hinunterblickte.

„Ich denke, ich bleibe einfach hier“, meinte sie schließlich und war im Begriff, die Tür aufzustoßen. „Auch hier kann man nicht bleiben, weißt Du“, sagte Nermin unvermittelt.

Irritiert ließ Amanda den Türgriff los. „Wie meinst Du das?“

Nermins Blick glitt die Straße hinab. „Ach, nichts weiter. Aber der schöne Schein trügt, das meine ich. Auch der beste aller Orte ist nur ein weiterer Ort, an den man sich ganz unmerklich festkettet; gerade noch wähnt man sich frei und glücklich, doch schon liegt man überall in Ketten.“

„Das klingt ein bisschen nach Rousseau.“

„Ja, ist aber anders gemeint. Ich meine einfach die geistigen Fesseln. So wie bei den ‚Gelben Raupen‘.“

„Hm-m. Also, wohin soll ich deiner Meinung nach nun gehen, wenn ich hier nicht bleiben darf?“, fragte Amanda herausfordernd.

Nermin lachte laut. „Na, meinetwegen darfst Du schon bleiben! Ich warne dich nur vor den Konsequenzen!“

Amanda lachte mit, folgte Nermin dann aber nicht ins Café, sondern beschloss, ein wenig durch die Stadt zu laufen, ohne Plan, ohne Richtung und ohne Armbanduhr, deren Batterie kürzlich den Geist aufgegeben hatte. Erstaunlicherweise schaffte sie es, mit Intuition und Kirchtürmen, dennoch pünktlich zur Nachmittagssitzung wieder im Café unter der Kuppel zu sitzen.

Der weitere Weg.“ Kevin, der die Sitzungsleitung übernommen hatte und nun den Text der Woche verlas, räusperte sich. „Er spielte den letzten Akkord und senkte die Gitarre. „Ich muss weiter“, sagte er. „Wohin?“, fragte das Mädchen mit den geflochtenen Schnecken. „Weiter“, erklärte er, „fort und immer weiter.“ „Warum?“, fragte das Mädchen. „Weil der Weg immer weiter führt“, erklärte er. ‚Weil Du Dich dafür rächen willst, überall bloß ein Fremder zu sein‘, dacht das Mädchen, sagte aber nichts und ließ ihn gehen, und er ließ sie zurück. Denn weil der Weg immer weiter führt und unerwartete Umwege macht, darf man zu keiner Zeit überflüssiges Gepäck, materiell oder bloß im Geiste, bei sich führen. Doch wie! Ist das Leben also gefangen zwischen der Not loszulassen und dem Klammern am Zurückgelassenen? Ist die Welt gut oder schlecht? Wie eine Skulptur aus den kostbarsten und wertlosesten Kristallen und allen Erden dieser Welt an Schönheit jedes Kunstwerk aus reinstem Gold übertreffen kann, ist nicht so auch diese Welt derart eingerichtet, dass sich in ihr Gutes und Schlechtes gerade zu dem Schönsten vereinen?“

„Gott sei Dank“, sagte Katie, „dass es jetzt die vorletzte Geschichte ist, wenn das noch komplexer wird, steige ich ganz aus.“

Kevin schaute sie mit einem skeptischen Blick von der Seite an.

„Gut“, gab Katie zu, „zusammen haben wir’s ja immer noch hingekriegt.“

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge X,3: Die zwei Hälften der Kugel)

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„Shiva und Parvati, Teil zwei“, verkündete Nermin, geradezu wie ein professioneller Geschichtenerzähler. Amanda musste die ganze Zeit schon ein bisschen an Salman Rushdies „Luka and the Fire of Life“ denken – der Vater in dem Roman war doch auch so eine Art Geschichtenerzähler. Bei einer Verfilmung würde sie ihn mit Nermin besetzen.

„Ich versuche es kurz zu machen. Shiva meditierte und meditierte und meditierte nach dem Verlust seiner Frau Sati. Parvati natürlich war die Reinkarnation von Sati, doch weder sie noch Shiva wussten es. Parvati hatte, zum Amusement vieler, von Kindheit auf an nur den einen Wunsch: eines Tages Gott Shiva zu heiraten. Ihr Vater führte sie schließlich zu dem meditierenden Shiva und bat darum, dass seine Tochter ihn unterstützen und ihm zur Hand gehen dürfe – Shiva stimmte zu. Doch so sehr sie sich bemühte, die schöne und kluge Parvati konnte Shivas Aufmerksamkeit nicht erregen. Da die Götter – an anderen Gründen, die ich gestern schon erzählte, die aber nicht so wichtig sind – unbedingt ein Interesse daran hatten, dass Shivas Meditation endlich ein Ende findet, überredeten sie Kamadeva, den Gott der Liebe, einen Pfeil auf Shiva zu schießen, damit dieser endlich die Schönheit Parvatis erkenne. Tatsächlich – so kam es auch; doch Shiva wurde wütend, da er sich auf keinen Fall durch Kamadevas List von seiner Meditation abbringen lassen wollte. So öffnete er sein drittes Auge und verbrannte Kamadeva, dessen Frau nun wiederum untröstlich war. Parvati, wie man sich vorstellen kann, war ebenfalls todunglücklich. Unwahrscheinlicher denn je war es nun, dass sie Shivas Aufmerksamkeit erregen konnte, wenn schon Kamadeva nichts auszurichten vermochte…! Schließlich berichtete ihr ein Weiser, wie sie Shiva für sich einnehmen würde können – allein durch Ergebenheit, durch vollständige Hingabe würde dies geschehen können. Und Parvati begann als ebenfalls zu meditieren – sie meditierte und meditierte und meditierte, und erkannte schließlich auch, dass sie die Reinkarnation Satis war. Bei der Meditation der armen Parvati aber schließlich entstand so viel Hitze – die immer bei Meditation entsteht – dass den Göttern im Himmel unerträglich heiß wurde; so heiß, dass schließlich Brahma und Vishnu losgingen, um Shiva zu sagen, dass er dafür sorgen müsse, dass Parvatis Meditation ein Ende findet, wenn nicht der ganze Götterhimmel abbrennen soll. Shiva ließ sich schließlich erweichen: Er sah nun, dass Parvati etwas ganz Besonderes war – aber war sie auch seine Sati? Er beschloss, sie zu testen, und erschien ihr als junger Asket, der lästerliche Reden über Shiva führte. Parvati war so empört und sprach von Shiva mit so viel Stolz und Liebe, dass auch Shiva endlich begriff, dass Parvati eigentlich seine Sati war; und sie sahen einander an und erkannten einander – und dann heiraten sie, Kamadeva wird wieder zum Leben erweckt und so weiter…“

„Hattest Du nicht neulich gesagt, Nermin sei ein toller Geschichtenerzähler, Mandy“, fragte Katie verträumt, das Kinn in die Hände gestützt. „Du hast recht… Nermin, Du musst das professionell machen!“

Nermin lachte. „Mein ganzes Leben besteht aus Geschichten, was heißt da noch die Rede von professionell…! Aber jedenfalls: Das ist, so grosso modo, der Mythos.“

„Schön“, sagte Amanda. „So schön. Es geht nicht um die äußere Schönheit, sondern darum, dass sich beide Teile zueinanderfügen… und wie sie durch die Meditation sich selbst erkennt – und damit vielleicht sogar ja auch erst eigentlich würdig wird. Keine Ahnung, ob das so gemeint ist, so könnte man es aber zumindest lesen.“

„Also“, warf Katie ein, „ich will ja nicht der Spielverderber sein, aber ich finde das ziemlich sexistisch. Sie muss sich da erstmal wer weiß wie erniedrigen und dienen, damit er dann mal richtig hinguckt.“

„Du redest von Sexismus? Du deren größte Sorge ist, dass sie als Brautjungfer und nicht als Braut auf einer Hochzeit steht? Du unterwirft Dich doch ständig irgendwas! Und viel niedrigeren Dingen als Deiner großen Liebe, nämlich eigentlich bloß dem Diktat der Normen der Gesellschaft und ziemlich altbackenen Rollenmodellen… ich gebe zu, dass das alles ein bißchen kitschig und idealistisch gedacht ist. Aber schlussendlich: wenn wir uns das nicht mal mehr für die Liebe aufheben dürfen, wofür denn dann!“

Katie dachte einen Moment nach. „Ja“, sagte sie schließlich. „Eigentlich hast Du recht. Und vor allem, wie bescheuert ich war, mit dieser Hochzeit. Ist doch eigentlich scheißegal. Weißt Du bei Licht besehen weiß ich manchmal nicht, ob ich das denke, weil ich das denke, oder ob ich das denke, weil ich denke, dass andere denken, dass ich das denken sollte. – Verstehst Du irgendwie, was ich meine…?“

Nun war es an Amanda nachzudenken. „Ja… ja, doch, ich denke, ich weiß, was Du meinst. Man nimmt manchmal Gedanken an, von denen man glaubt, dass sie von einem erwartet würden. Und am Ende kann man diese vielfach gebrochenen Besitzzustände an den Gedanken so wenig nachvollziehen, dass man nicht mehr weiß: Denk‘ das jetzt ich? Bin das jetzt ich?“

„Das kenne ich auch“, sagte Kevin. „Aus einem ganz anderen Zusammenhang, aber trotzdem: Mein Vater wollte ja partout, dass ich studiere – und ich hatte da nie Lust zu. Ich wollte immer so gerne was Technisches, Praktisches machen, aber er fand BWL war eine tolle Idee. Ich hätte mich darauf vielleicht nicht eingelassen, aber als er dann starb und mir da quasi auf dem Totenbett das Versprechen abgenommen hat, das zu studieren –“

Katie schüttelte angewidert den Kopf. „Oh Gott, wie grausam. Wie kann man das bloß seinem Kind antun… Das hast Du ja noch nie erzählt.“

„Nein“, erwiderte Kevin. „Weil ich das selbst irgendwann gar nicht mehr geschnallt habe. Ich habe irgendwann angefangen, selbst daran zu glauben, dass das alles richtig so ist – und eigentlich weiß ich momentan gar nicht mehr, ob ich das will oder nicht oder was ich will. Aber dass da so eine Verwechslung von eigenen und fremden Gedanken stattfindet, das kann ich da irgendwie total nachvollziehen…“

„Jaaa…“, seufzte Nermin. „Das kenne ich auch.“

„Aus der Zeit, als Du mit 29 das Leiden der Welt erblicktest“, fragte Amanda spöttisch. Und zu Katie und Kevin gewandt: „Er hat mir nämlich neulich die Legende von Buddhas Leben als seine eigene Lebensgeschichte verkauft. Man wundert sich nur, dass Du noch nicht unterm Bodhi-Baum sitzt…“

Aber“, widersprach Nermin lachend, „das mit dem Geschichtenerzählen ist auch wie mit den eigenen und den fremden Gedanken, ja, eigentlich ist es manchmal sogar dasselbe: Man kann am Ende meist Geschichte und Realität gar nicht mehr trennen. Aber was tut das auch zur Sache…! Amanda, wenn Du mir jetzt erzählst, was wir gestern abend getan haben, kommt doch eine ganz andere Geschichte heraus, als wenn ich es erzähle, auch wenn wir beide einfach bei den so genannten Fakten bleiben…!“

„Ja“, gab Amanda zu, „Objektiv ist da freilich nichts.“

Eben!“, fuhr Nermin emphatisch fort. „Und also kann es in allem, was man sagt und tut, nie um die bloßen Fakten gehen, nicht um so genannte Wahrheit, sondern eher um… Wahrhaftigkeit!“

„Du meinst also“, versuchte Kevin zusammenzufassen, „Wenn Du Amanda die Buddhalegende erzählst, als sei sie dein eigenes Leben, ist das nicht geschwindelt, es ist ‚wahrhaftig‘?! Was ist dann bei dir gelogen oder nicht wahrhaftig…?“

„Wenn ich versuche, mein Leben als das von Napoleon zu erzählen, zum Beispiel. Da gibt es keine maßgeblichen Überschneidungen zu meiner Erlebnis- und Empfindungswelt.“

Katie seufzte tief. „Also, irgendwie ist das ja schon alles ganz spannend, aber mir wird das jetzt auch schon mal wieder ein bisschen zu philosophisch… können wir vielleicht doch mal zum Text zurückkommen?“

„Tja….also, eigentlich haben wir es ja schon gelöst“, meinte Kevin abschließend. „Es geht hier um Liebe, und wir haben diese beiden Mythen, die zusammengeführt werden… und einander ja auch eigentlich ganz gut ergänzen. Es geht da um Liebe, die auf Erkenntnis einer urpsrünglichen Einheit beruht.“ Kevin blickte unruhig auf die Uhr. Er hatte eine Verabredung, die er keinesfalls versäumen durfte. So entging ihm Amandas erstaunter Blick, die sich über die für Kevin ungewöhnlich treffsichere Formulierung zur „ursprünglichen Einheit“ wunderte. „Schade, dass wir hier aufhören müssen! Leider muss ich um 11 Uhr bei einem bekannten sein, und das ist ‘ne Ecke von hier… Aber wir können doch einfach gleich morgen weitermachen, oder? Dann wieder am vortrefflichsten aller Orte, dem Ausgangspunkt aller großen Abenteuer?“ Und so wurde es also beschlossen.

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge X,2: Die zwei Hälften der Kugel)

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Von unten hörte man undeutliche Stimmen, die aus dem hellerleuchteten Fenster drangen, das auf Kipp stand. Dann, ganz klar in die Nacht hinaus, Katies glockenhelles Lachen.

„Das mit dem Kugelwesenmythos“, sagte Amanda, „ist eigentlich ganz lustig: Allen denken immer, Platon hätte da so hübsch über die Liebe gedacht, dabei war das gar nicht seine Meinung. Zuallererst mal ist das eben ein Mythos, und der wird hier Aristophanes, dem Komödiendichter in den Mund gelegt, über den sich der Dialog eigentlich eher lustig macht.“

„Also, dass das Platons Meinung war, ist eher zu bezweifeln?“, fragte Nermin.

„Jupp.“ Amanda nahm einen Schluck Cola und biss von einem Börek ab.

„Schade“, meinte Katie. „Ich find‘ die Geschichte schön. Platon hatte eben keine Ahnung.“

Amanda und Nermin lachten. „Genau, so muss es sein!“, rief Amanda. „Aber was ist denn das andere alles, das mit dem dritten Auge? Da steht bei mir jemand auf der Leitung, glaube ich – ich habe überhaupt keine Idee.“

„Na, frag‘ mich mal“, meine Katie. „Aber bei mir ist das normal. Jetzt hast Du eine Idee, wie ich mich fühle. Addiere, dass jemand daneben sitzt, der Amanda heißt und grundsätzlich so gut wie fast alles weiß. Wie fühlt sich das an?“

„Beschissen, zugegebenermaßen“, grinste Amanda.

„Danke. Darauf sollten wir anstoßen.“ Sie erhob ihr Glas und stieß mit Amandas Cola an.

„Also ich kenne die Geschichte“, sagte Nermin, „Zugegebenermaßen kommt man aber nicht drauf, wenn man die Symbole nicht kennt.“

Katie setzte ihr Glas ab, blickte Nermin an und seufzte. „Na, das ist jetzt aber auch nichts Neues, das ist ja bei jedem Text so.“

„Das allerdings“, pflichtete ihr Amanda bei, „stimmt. Ich glaube aber, Nermin wollte nur die großer Überleitung zur Narration seines Wissens finden, und uns nicht die Struktur symbolischer Kommunikation eröffnen.“ Nermin lachte.

„Hä?“, machte Katie.

„Ich meine: Das waren nur so Füllwörter, mit denen Nermin einleiten wollte, was ihm so Tolles eingefallen ist“, wiederholte Amanda mit anderen Worten.

„Ach so.“

„Dann also, Nermin: medias in res!“

„Die schönste Liebesgeschichte der Welt“, sagte Nermin entschieden, „ist ohne Zweifel die Geschichte, wie Shiva Parvati heiratet.“

Amanda zog die Augenbrauen hoch und grinste in sich hinein. „Das, in der Tat, war nun medias in res. Vielleicht machst Du doch eine kurze, sachbezogene Einleitung, Nermin?“

„Danke, Mandy. Sonst hängt ihr mich nämlich schon beim ersten Satz ab. Weißt Du wovon er redet?“, fragte Katie

„Also, Shiva, das sagt mir natürlich was“, meinte Amanda, „aber die Geschichte kenne ich nicht. Ich nehme an, das ein drittes Auge und eine, die von den Bergen kommt, darin eine Rolle spielen?“

„Das hast du jetzt aber messerscharf geschlossen…!“ Nermin klopfte ihr im Spaß auf die Schulter.

„Danke. Ich weiß das Lob zu schätzen.“

„Aus der Hindu-Mythologie stammt die Geschichte, kennt ihr die tatsächlich nicht?“, fragte Nermin. Als die beiden den Kopf schüttelten, schenkte Nermin ihnen allen Cola nach und begann zu erzählen.

„Also. Shiva hatte eine Ehefrau, Sati“, begann Nermin zu erzählen, während sie sich vom Esstisch erhoben und zur Sitzgruppe hinübergingen, wo sich Katie und Amanda auf das Sofa setzten, und Nermin es sich auf dem Sessel bequem machte. Er war gerade an der Stelle von Parvatis Geburt, als es an der Tür klingelte. „Nanu“, fragte sich Katie laut. „Viertel vor eins, wer kommt den so spät?!“ Sie stand auf und ging zur Tür. Nach einigen Minuten kam sie zurück, einen durchgefrorenen Kevin im Schlepptau.

Kevin war zwei Stunden ziellos durch die Stadt gelaufen, zunächst darüber, dass seine Freunde, ihn so gemein behandelt hatten, dann darüber, dass niemand seinen Plan befolgt hatte, dann darüber, dass er sich überhaupt je auf diese blöden Texte eingelassen hatte, dann darüber, dass er so einen dämlichen Plan ausgearbeitet hatte, und schließlich darüber, dass er seine Freunde so gemein behandelt hatte. Und so stand er schließlich vor Katies Tür, weil Katie immer noch diejenige der drei war, mit der er am besten reden konnte, aber Katie war offensichtlich nicht alleine. Und so hatte er eine weitere Stunde im Dunkeln dem Stimmengewirr in Katies hell erleuchtetem Fenster gelauscht, bis er sich schließlich ein Herz gefasst und geklingelt hatte. Nun sah er also den Quell der Heiterkeit: keine Unbekannten, sondern Nermin und Amanda saßen dort – mit ihnen also hatte sich Katie so prächtig amüsiert. Kevin schnüffelte. Alles roch noch nach türkischen Essen. „Ist noch was zu essen da?“, fragte er ein wenig kleinlaut. Das war vielleicht nicht die beste Frage, um das Gespräch zu eröffnen, aber etwas Besseres fiel ihm nicht ein.

„Klar! Leg‘ doch erstmal ab, ich mach‘ Dir was warm“, sagte Katie. Kevin nickte. Es war nach zwei Stunden in der irgendwie dunklen Stadt so angenehm hell – und vor allem warm. „Wir waren gerade bei dem dritten Auge“, rief Katie aus der Küche. „Nermin erzählt gerade, woher die Geschichte kommt.“

„Ihr habt weitergemacht?“, fragte Kevin, der noch immer unschlüssig im Raum herumstand. „Warum? Ihr hattet doch keinen Grund.“

Katie kam mit etwas zu essen auf einem Teller wieder, den sie auf den Couchtisch stellte. Sie zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung, wir hatten grad ‘n Flow“, lachte sie. „Setz‘ Dich doch.

Kevin nahm endlich auf dem zweiten Sessel Platz. „Hallo“, sagte er, überflüssigerweise, zu Nermin und Amanda. „Warum habt ihr weitergemacht?“, wiederholte er. „Ich verstehe das nicht. Ihr habt doch nichts davon.“

„Naja“, meinte Amanda, „es soll ja doch fertig werden. Du willst es doch noch abgeben, oder?“

Sie haben tatsächlich trotzdem weitergemacht, nur für mich, dachte Kevin. Und ich Idiot… „Es tut mir leid“, sagte er.

„Macht nichts“, sagte Amanda. „Wir haben uns nur gefragt, was in Dich gefahren ist.“

Kevin antwortete nicht, sondern fragte stattdessen: „Wieso seid ihr mit dem Ganzen weitergekommen? Wieso ging gestern und vorhin nichts so richtig?“

„Weil“, sagte Nermin, „Dinge zu uns kommen, wenn sie zu uns kommen sollen. Wenn wir sie erzwingen wollen, passiert das Gegenteil.“

„Das klingt esoterisch“, erwiderte Kevin skeptisch.

Nermin lächelte und hob die Arme, wie um anzuzeigen, dass es Kevin überlassen sei, es zu glauben oder nicht. „Es ist so. Das gilt in der Freundschaft, das gilt in der Liebe – wo wir gerade bei dem Thema sind –, das gilt aber auch von Erkenntnissen: Wenn wir es forcieren, wird es uns verweigert. Und manchmal kommt es schließlich doch zu uns, wenn wir es schon aufgegeben hatten. Und so sollten wir auch Deine Texte lesen. Und war herauskommt, kommt heraus, was nicht, das nicht.“

„Hm-mmm“, machte Kevin. „Vielleicht. Was habt Ihr denn bis jetzt?“

Katie rekapitulierte noch einmal, was sie bislang zum Kugelmythos herausgefunden hatten und wo Nermin bei Shiva und Parvati stehengeblieben war. „Also, ich finde, wir machen Schluss für den Moment. Morgen machen wir weiter – vielleicht können wir einfach hier übernachten und den Rest beim Frühstück bereden? Sieh‘ mal, Kevin! Du hast unsere Langsamkeit beklagt, aber wenn wir so weitermachen, haben wir am Mittwoch schon alles wieder aufgeholt!“

„Du hast recht“, seufzte Kevin, „Und es war schon ziemlich scheiße von mir, mich darüber zu beklagen, dass Du krank warst, wo Du so viel für mich getan hast. Und es ja abgesehen von allem auch total viel Spaß macht.“

„Ach was“, sagte Amanda mit energischen Handbewegung und stand schnell auf, um ins Badezimmer zu verschwinden.

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge X,1: Die zwei Hälften der Kugel)

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„Gibt’s eigentlich Familienfotos.“ Amandas Worte waren eher eine beiläufige Bemerkung als eine echte Frage. Sie sog mit Kraft geräuschvoll den letzten Schluck Kaffee zwischen den Eiswürfeln ihres Iced Caffè Latte heraus.

„Familienfotos?“, fragte Nermin entgeistert.

„Ja, von Deiner Frau und Deinen Töchtern.“

„Ach so! Ja, aber ich musste alles zurücklassen.“

„Als Du mit 29 Deine Familie zurückließest?“

„Genau.“

„Hm-m…“ Amanda kaute auf ihrem Strohhalm herum und blickte, über ihr nur noch Eiswürfel enthaltendes Glas gebeugt zu Nermin hoch, ihn verschmitzt anblinzelnd. „Weil ein Buddha das eben so macht, Siddharta?“, fragte sie.

Nermin grinste. „Du hast es erkannt!“

„Im doppelten Sinne des Wortes?“, fragte Amanda herausfordernd zurück.

„Ein bisschen vielleicht tatsächlich auch im doppelten Sinne des Wortes, ja…“ Nermin zwinkerte ihr fröhlich zu. „Aber vor allem: Du hast die Geschichte erkannt – das meinte ich. Ich dachte, die Geschichte könnte Dir gefallen.“

Amanda lachte. Sie mochte gute Geschichtenerzähler.

 

„Was wird denn hier so fröhlich gelacht?“, fragte Katie und setzte ihre Tasche auf dem Tisch ab, um sich die Jacke auszuziehen.

„Ach, nichts“, erwiderte Amanda, immer noch lachend, „ich habe nur gerade Nermins hohe Kunst des Geschichtenerzählens entdecken dürfen.“

Katie deutete vielsagend mit dem Finger auf Nermin. „Neulich hat er schon gezeigt, wie begabt er im Vortragen von Gedichten ist“, sagte sie, nur halb scherzhaft, „Du gehörst auf die Bühne, da gibt’s nichts. – Kevin noch nicht da?“

Amanda seufzte. „Nein, aber ich kann auch drauf verzichten. Eigentlich wollte ich gar nicht kommen. Wenn der sich heute nochmal sowas leistet, gehe ich!“

Katie schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich weiß auch nicht, was den geritten hat… hm. Hoffentlich kein Dauerzustand.“ Sie zog, wie als abschließenden Kommentar, die Augenbrauen hoch.

„Ich weiß es auch nicht“, sagte Nermin. „Vielleicht ist es der Stress, weil er doch schon bald mit den Ergebnissen zu Herrn Ludwig muss. Auf der anderen Seite: Er bewegt sich auch ganz anders, ist auf einmal so dynamisch – als wäre da mehr Veränderung vor sich gegangen… da kommt er übrigens.“

Kevin hatte sein i-Pad und einen Stapel Notizen schon in der Hand, als er die Treppe hinaufkam. Katie nahm endlich ihre Tasche vom Tisch, auf den Kevin nun seine Unterlagen legte. Er stellte die Tasche ab, zog die Jacke aus, und setzte sich schließlich hin, ohne die Freunde auch nur eines Blickes gewürdigt zu haben; stattdessen began er augenblicklich, auf seinem iPad herumzutippen. Nach etwa zwei Minuten der Stille am Tisch, während der die Runde mit Faszination den offenbar vollständig transformierten Kevin beobachtete. Dieser erhob schließlich lasch eine Hand, um anzuzeigen, dass es noch dauern würde. „Ich bin gleich bei euch.“

Amanda verdrehte die Augen. Katie biss sich auf die Lippen und unterdrückte ein Grinsen. Nermin schaute ihn mit weitgeöffneten kugelrunden Augen an, wie man eine besonders seltsame Spezies bestaunt.

 

„So!“ Kevin war offenbar fertig mit was auch immer er getan hatte, und blickte nun mit geschäftsmäßigem Blick in die Runde. „Wir können beginnen. Wie ich das letzte Mal ankündigte, würde ich gerne heute weiterkommen und eine Doppelsitzung einlegen. Ich habe mir gedacht, wir kürzen das Gerede mal ab und verlesen einfach den nächsten Text. Wir hatten ja letztes Mal schon festgehalten, dass es da um Freundschaft ging, das sollte ja also genügen. Amanda, Du hattest schon längst angekündigt, dass Du uns eine Übersicht machst, ist die fertig?“

Amanda klappte vor Empörung die Kinnlade runter, und sie brauchte einige Bruchteile von Sekunden, um sich zu sammeln. „Sie ist in Arbeit“, sagte sie scharf. „Und übrigens hielte ich eine Diskussion insbesondere um die niederste Form der Freundschaft und ob sie als eine solche überhaupt zu bezeichnen ist für Dich doch nach wie vor für sehr lehrreich.“

Kevin ignorierte Amandas Worte und fuhr fort: „Ich denke, es geht hier um meine Sache, also sollte ich auch bestimmen, worüber zu reden ist.“

Nermin riss die Augen auf und kniff den Mund skeptisch zusammen. „Es sind hier aber durchaus noch andere Menschen mit am Tisch“, sagte er schließlich. „Menschen, die das alles übrigens freiwillig tun, aus Sympathie, aus Geselligkeit, aus Freundschaft eben. Und ich glaube nicht, dass alles, was wir über die Texte und um die behandelten Themen herum reden so wertlos ist…“

„Ja, ja“, sagte Kevin ungeduldig. „Aber vom Labern werden wir eben auch nicht fertig. Also, wer liest vor?“ Als sich keiner zu Wort meldete, fuhr er fort: „Gut, dann mache ich es eben selber. ‚Die zwei Hälften der Kugel. - Überschrift, jetzt Text: Die aus den Bergen Kommende war an Schönheit und Gelehrtheit vollkommen – doch alle Vollkommenheit reichte nicht, um den mit dem dritten Auge für sich zu gewinnen. Sie war doch für ihn bestimmt, für ihn allein! Nicht den Grund kennend, wusste sie doch zumindest so viel. Ein Weiser schließlich wies ihr den Weg: nur die Hitze konnte ihr den mit dem dritten Auge gewinnen. Die edle Hitze, nicht die der Schönheit und der Leidenschaft, brachte ihr Erkenntnis. Doch nur dank der unter der Hitze Leidenden konnte auch der mit dem dritten Auge zur Erkenntnis geführt werden: die aus den Bergen Kommende und er selbst, sie zusammen waren wie die Hälften einer Kugel mit vier Armen und vier Beinen.‘ Anmerkungen und Ideen dazu jemand?“

Amanda schüttelte stumm den Kopf, nicht weil ihr zu dem Text nichts einfiel, sondern weil sie weder fassen konnte, wie man einen solchen Text mit so wenig Emotion herunterleiern konnte, noch was hier überhaupt gerade mit Kevin vor sich ging. Sie kannte Kevin schon seit fast fünf Jahren, und so war er noch nie gewesen.

„Da geht es um Platon – den Mythos mit den Kugelwesen, aus dem ‚Gastmahl‘“, erklärte Katie strahlend. Wenigstens ihr Wissen wollte sie anbringen, wo sie schon mal gerade welches hatte – das passte irgendwie auch dazu, dass heute eh alles so verquer lief, dachte sie.

Amanda starrte sie mit offenem Mund an. „Woher kennst Du das?“, fragte sie schließlich verblüfft. Sollte Katie doch verborgene intellektuelle Neigungen haben? Manchmal wusste sie ja tatsächlich mehr, als sie zugeben wollte…

„Tja, da biste platt, was?“ Katie lachte. „Das war jetzt kein Kunststück. Als meine Freundin Samantha letztes Jahr geheiratet hat, wurde das verlesen. Das ist wohl so’n ganz beliebtes Ding bei Hochzeiten, bei Freien Trauungen jedenfalls.“

„Ach so“, sagte Amanda und schluckte. Warum war sie eigentlich enttäuscht, fragte sie sich selbst – musste Katie unbedingt etwas Intellektuelles an sich haben, damit sie einen Wert für sie hatte? Amanda schimpfte sich im Stillen für ihre Arroganz. Aber auch das hatte irgendwie etwas mit Arten der Freundschaft zu tun…

 

„So!“, verkündete Kevin unvermittelt, „Das Café schließt zwar erst in einer Stunde, aber ich habe mir überlegt, dass man doch hier nicht so konzentriert arbeiten kann – wir sollten jetzt also aufbrechen.“

„Zu mir jetzt etwa tatsächlich…?“, fragte Katie Amanda leise.

Amanda zuckte mit den Achseln. „Also, ich muss jetzt auch dringend ins Bett, insofern kommt es mir sehr zupass, wenn wir heute schon früher aufbrechen“, sagte sie und erhob sich. Kevin starrte sie mit offenem Mund an. „Du willst sicher auch nach Hause, oder, Katie?“, fragte Amanda und sammelte schnell ihre Sache zusammen.

Katie verstand den Wink und erwiderte: „Ja, ich möchte heute abend auf jeden Fall noch meine Bewerbung fertigmachen, mir ist das auch mehr als recht, wenn wir schon Schluss machen.“ Sie griff ihre Handtasche und warf sich die Jacke über den Unterarm. „Sollen wir?“

Kevin schluckte und sagte gar nichts. Nermin erhob sich als letzter der drei, streckte demonstrativ die Arme in den Höhe und gähnte. „Ich bin auch ziemlich müde. Wir sehen uns also morgen?“

„Klar“, erwiderten die beiden Frauen demonstrativ freundlich und winkten, als sie die Treppe hinunter verschwanden. „Also, die Lektion musste er jetzt mal bekommen“, sagte Amanda, als sie außer Sichtweite waren. Katie nickte lachend.

„Schreibst Du übrigens wirklich eine Bewerbung?“, fragte Amanda.

„Hm. Ja, nicht so richtig. Ich überlege noch…“, sagte Katie zögerlich. Amanda überlegte kurz, beschloss dann aber, dass es besser sei, jetzt nicht nachzufragen.

 

Das achte Buch (pdf-Version)

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Liebe LeserInnen,

hier die pdf-Version der 9. Folge: Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 9

Beste Grüße

Ann-Kristin Iwersen

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge IX,3: Das achte Buch)

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Amanda zog eine Augenbraue hoch und lächelte, klappte dann ihr Notebook zu. Dieser Schlingel, dachte sie. Bei etwas an Nermins Geschichte hatte es bei ihr geklingelt – nun wusste sie auch, wieso. Sie grinste immer noch still vor sich hin, als sie auf dem Flur vorm Spiegel noch einmal durch ihre Haare fuhr, die Handtasche griff und sich auf den Weg ins Café Cupola machte.

 

„Also“, sagte Kevin streng, „gestern haben wir so gut wie nichts geschafft, nachdem Katie und ich den Schlüssel zum Text geliefert haben. Das geht auf keinen Fall so weiter – wir haben schließlich etwas aufzuholen. Ich erwarte, dass wir heute mindestens diese Geschichte effizient zu Ende bearbeiten, um uns dann morgen schon dem nächsten zu widmen.“

„Hm…! Er entwickelt langsam doch Managementkompetenzen – unglaublich. Vielleicht war das der Zweck dieser komischen Texte“, murmelte Katie, zu Amanda herübergebeugt.

Amanda nickte, die Augenbrauen zusammengezogen. „Mh-m. Und ist dir auch schon aufgefallen, dass er sich jetzt bestimmt dreimal so schnell bewegt wie früher…?“

Am besten in einer Doppelsitzung“, fuhr Kevin fort, der so sehr mit seinem Generalplan beschäftigt war, dass er das Nebengespräch der beiden Freundinnen gar nicht wahrnahm. „Da Katie mal großmütig ihr Heim zur Verfügung gestellt hat, würde ich vorschlagen, dass wir uns hier treffen, und falls wir bis Ladenschluss nicht weit genug kommen sollten, gehen wir dann zu Katie und machen da weiter. Geht das?“

„Zu Befehl, Sir!“, sagte Katie und lachte. Als sie merkte, dass Kevin nicht wusste, was er von ihrem Lachen zu halten hatte, fügte sie hinzu: „Nee, nee, ist schon in Ordnung. Man kennt bloß den Ton nicht so von Dir, das ist es.“

„Ach so“, entgegnete Kevin steif. Es war seine erste Übung im Sich-Autorität verschaffen – mit den Ergebnissen wusste er noch nicht recht etwas anzufangen.

„Dann“, ergriff Nermin, der bisher mit einem gleichmütig wohlmeinenden Lächeln auf den Lippen geschwiegen hatte, das Wort, „sollten wir doch gleich medias in res gehen, wie du vorgeschlagen hast, Kevin. Aristoteles und die Freundschaft. Ihr hattet ja den Schlüssel geliefert, wir müssen also nur noch ausbuchstabieren und dann weiter überlegen, was man damit anfangen kann.“

„Genau“, fuhr Amanda fort und griff nach ihren Notizen. „Aristoteles‘ Nikomachische Ethik. Es ist so, dass Aristoteles…“ Amanda berichtete einiges zu Aristoteles, seinen ethischen Schriften und speziell zur Nikomachischen Ethik, doch Kevin war zu sehr damit beschäftigt, wie er binnen Bruchteilen von Sekunden vom Aspiranten auf den Generalsposten zum Gefreiten degradiert worden war. Oder hatte sein Plan einfach nur wunderbar funktioniert und wurde gerade eins zu eins umgesetzt? Ganz sicher war er sich da nicht. Führung war doch irgendwie eine unangenehm anstrengende und komplizierte Sache.

„…unterscheidet er drei Arten von Freundschaften, und genau die werden uns hier vorgeführt – Kevin? Hörst Du noch zu?“

„Wie? Was? Ja, klar.“

Amanda bedachte ihn mit einem abschätzigen Blick. „Du hast nicht zugehört.“

„Unterscheidet drei Arten von Freundschaften, und genau die werden uns hier vorgeführt, doch, doch, hab‘ schon zugehört.“

Amanda verzog skeptisch das Gesicht. „Hm. Gut, ich mach‘ einfach da weiter. Eigentlich gehen die Betrachtungen über die Freundschaft noch in Buch neun weiter, es gibt also zwei Bücher über die Freundschaft in der NE, acht und neun. Warum der Text nur nach dem achten Buch benannt ist, keine Ahnung. Vielleicht hätte es nicht so gut geklungen: ‚Das achte und neunte Buch‘. Andererseits ist es auch so, dass die wesentliche Unterscheidung, die hier verwendet wird, schon im achten Buch getroffen wird, insofern… hat es auch wieder seine Berechtigung. Wie schon in einigen der anderen Texte, habe ich auch hier das Gefühl, dass da nur ein eher oberflächlicher Gedanke von einem Autoren, also hier Aristoteles entliehen wird – da wird jetzt nicht in der Tiefe auf Freundschaft als Teil der Ethik eingegangen und so weiter. Nur die drei Freundschaftstypen in ihrer Hierarchisierung in ein irgendwie literatisches Textchen übertragen, sozusagen.“

„Kommst Du dann bitte zum Punkt?“, sagte Kevin nachdrücklich.

Amanda schaute ihn völlig perplex an; vor lauter Irritation verlor sie sogar ihre sonst so zuverlässige Schlagfertigkeit. Der neue Kevin wirkte auf sie wie grünes Kryptonit auf Superman. „Äh, ja…“, fuhr sie irritiert fort. „Drei Arten der Freundschaft: basierend auf Nutzen, Lust und Tugend. Vollkommen ist nur die Freundschaft, die zwischen guten und sich an Tugend ähnlichen Menschen besteht – die ist beständig, weil sie nicht bloß Mittel zum Zweck ist. So in a nutshell. Was ist bloß los mit Dir, Kevin?!“ Sie ließ ihre Zettel in den Schoß sinken.

„Was soll schon mit mir los sein? Ich denke, wir müssen zügig vorankommen.“

„Er übt“, erklärte Katie wohlwollend. „Für Ludwig.“

„Ich übe nicht, das geht hier um meine Sache, und da wir jetzt dank Dir so viel Zeit verloren haben, Mandy, sorge ich dafür, dass das aufgeholt wird.“

Amanda klappte die Kinnlade herunter, Katie verbarg ihre Augen mit der rechten Hand. „Ich korrigiere: Er müsste üben“, konstatierte sie resigniert. „Für Ludwig. Eine Menge.“

„Ich weiß wirklich nicht, was ihr habt“, setzte Kevin an, „Ich –“

„…denke, wir sollten ganz in deinem Sinne zur Sache zurückkommen“, sagte Nermin in dem ihm eigenen, sachlich-warmen Ton, „Es sind also die drei Typen von Freundschaft, die hier in diesem Text vorgestellt werden: Der erste Teil – Wirt und Schneider – ist die Freundschaft, die auf Nutzen beruht und mit dem Vorhandensein des Nutzens endet. Der zweite Teil – mit der Frau – ist die Freundschaft, die auf Lust beruht: in dem Moment, wo die Freundin nicht mehr unterhaltsam ist, ist auch die Freundschaft zu Ende. Der dritte Teil dann, ganz klar, ist die Freundschaft, die auf Tugend beruht. Sie wollen einander nur das Beste – eindeutig ein moralisch konnotierter Begriff – und darum besteht die Freundschaft dann auch ewig.“

„Das macht irgendwie total Sinn“, meinte Katie.

„Ja“, sagte Nermin, „das wäre jetzt halt für uns die Frage: Was fangen wir damit an?“

Das“, erwiderte Amanda, die gerade im Geiste den Einflussbereich des Kryptonits verließ, scharf, dabei Kevin fixierend „das ist allerdings nicht so schwer. Ich kann Katie da im ersten Zugriff nur zustimmen: Es macht Sinn. Ein sehr gutes Beispiel für den Typus der Freundschaft auf Basis des wechselseitigen Nutzens ist die zwischen Kevin und mir: Sobald sein Nutzen endet, bin ich auch nicht mehr viel wert. Mir stellt sich dann bei genauerem Nachdenken allerdings auch die Frage, ob das dann den Namen Freundschaft eigentlich verdient – da also müssten wir noch einmal genauer in die Begriffsklärung einsteigen…!“

„Und leider muss ich ergänzen“, fügte Katie mit einem leichten, spöttischen Lachen hinzu, „in diesem speziellen Fall frag‘ ich mich dann auch, ob da eigentlich von wechselseitigem Nutzen die Rede sein kann…“

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge IX,2: Das achte Buch)

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„Und…?“, fragte Amanda schließlich vorsichtig, als Nermin nicht aufhören wollte, unablässig die schon blanke Glasplatte des Tresens zu putzen.

„Und was?“, fragte Nermin zurück, ohne von seinem Tresen abzulassen.

„Und was treibt Dich um, dass Du – jetzt lass‘ doch endlich den blöden Tresen, das Glas ist gleich weggeputzt!“ Nermin unterbrach sein Wischen und blickte endlich zu Amanda auf, dann wieder auf den Tresen, zurück zu Amanda und wieder auf den Tresen. „Oh.“ Er warf das Tusch in ein Waschbecken hinter der Theke.

„Nun…?“

„Was denn? Alles wie immer.“

„Nichts wie immer. Nicht nur, dass du wie ein Idiot an deinem Tresen herumputzt, Du warst gestern so…“ Amanda suchte nach einem Wort, das irgendwie den Kern traf, aber nicht unangemessen ins Private eindrang. ‚Traurig‘, ‚düster‘ – das hätte es vielleicht am ehesten umschrieben, aber sie fand, dass das die Grenze dessen überschritt, was sie zu Nermin sagen konnte. „…so schlecht gelaunt“, schloss sie schließlich. Das war neutral.

„Hm, ja“, machte Nermin und rieb mit dem Daumen auf einem Wasserhahn herum. „Das ist alles gerade so unerquicklich.“

„Soll ich fragen, was unerquicklich ist?“, fragte Amanda.

„Nein“, sagte Nermin und grinste Amanda schräg an. „Ach! Wie soll ich das erklären: Kellnern hier ist nun auf Dauer wirklich kein Traum.“

„Das glaube ich gerne. Du hast ja auch mal gesagt, Du hast mal was anderes gemacht.“

„Ja, ich war Architekt.“

„In Bosnien?“

„Nein, ich habe einen bosnischen Namen, aber, ob Du es glaubst oder nicht: Ich bin eigentlich in Singapur geboren und aufgewachsen. Frag‘ jetzt nicht, wie meine Familie dahin kam. Mein Vater jedenfalls hatte ein großes Architekturbüro dort, mein Onkel war Bauingenieur. Ich bin dann auch Architekt geworden. Nicht, dass ich das nicht auch wollte – ich fand das einen sehr schönen Beruf.“

„Aber?“

„Wir waren enorm erfolgreich und auch enorm reich.“

„Für die meisten Menschen wäre das jetzt nicht unbedingt Grund zur Klage.“

Nermin lachte auf. „Ja! So ist das. Ich denke, es ist egal, ob man mit Glück oder Pech gesegnet ist, der Mensch beschwert sich immer.“

„Wohl wahr“, erwiderte Amanda, und lächelte still in sich hinein. „Wenn man eine schlechte Kindheit hat, beneidet man alle um ihre gute; hatte man die schönste Kindheit, die man sich vorstellen konnte, kann man darüber nur lachen: Denn während für die anderen alles nur bergauf gehen kann, geht es für einen selbst immer nur bergab – wie man es dreht und wendet, alles ist Verfall und Verlust.“

„Ja, alle Existenz ist an sich leidvoll“, nickte Nermin. Sie schwiegen eine Weile.

„Nun, aber – ihr wart reich und unglücklich – und dann?“, fragte Amanda schließlich weiter.

„Alles war wunderbar – als Kind meine ich. Ich habe in diesem Palast von einem Haus gelebt, hatte Privatlehrer, nur die beste Ausbildung… man hatte mir schon eine große Karriere prophezeit, entweder als Politiker oder als großer Gelehrter, stell‘ dir vor. Naja, ich habe dann einfach irgendwann eine Frau geheiratet und wir hatten sogar Kinder, zwei Mädchen, übrigens. Ich weiß auch nicht – ich habe ja auch studiert, aber… immer völlig abseits der wirklichen Welt. Ich war irgendwie „da draußen“, aber mitbekommen habe ich gar nichts. Man ist ja immer so in seiner Glocke… aber dann irgendwann, mit 29, da dachte ich: Du musst doch mal sehen, was da draußen eigentlich vor sich geht! Du kannst doch nicht dein Leben damit verbringen, auf einem Planeten zu leben, von dem du nichts, aber auch gar nichts weißt! Du musst doch wissen, worüber all diese Bücher, die du geschrieben hast, sprechen! Naja, und dann bin ich einfach gegangen, um mich umzuschauen, sozusagen. Überall Leid: Alter, Krankheit und Siechtum, Tod. Das war ein Schock, sage ich Dir.“

„Hm-m. Für mich klingt das zwar irgendwie ziemlich normal – aber ich verstehe es irgendwie schon. Die plötzliche Erkenntnis der Vergänglichkeit, des Todes, das ist… grausam.“ Sie dachte daran, wie sie als Kind den toten Johann gefunden hatte. 29 fand sie zwar ein spätes Alter für eine solche Erkenntnis, aber nun gut. Sie kannte ja die genaueren Umstände von Nermins Leben auch nicht. „Und dann?“

„Dachte ich, ich müsste mehr erfahren. Und eigentlich endet da die Geschichte, denn seitdem habe ich immer mehr erfahren, und gerade denke ich, ich habe genug erfahren.“

„Verstehe. Und nun ist die Frage: Was nun.“

„Genau. – Ach, da kommen unsere Beiden!“ Katie und Kevin kamen gerade durch die Glastür, beide freudestrahlend.

„Nanu – ihr strahlt ja so…!“, sagte Amanda, die beiden neugierig musternd.

„Ja!“, sagte Katie zufrieden. „Kevin und ich haben herausgefunden, worum’s in der Geschichte geht!“

„So ist es“, ergänzte Kevin. „Wir dachten, da muss es irgendwie um Freundschaft gehen, weil die da alle von Freunden reden. Zuerst habe ich dann ‚Buch 8 Freunde‘ gegoogelt, da kam nur Müll. Dann habe ich ‚Buch 8 Freundschaft‘ probiert, und –“

„– da kam primär erstmal: ‚Connie & Co. Band 8: Conni, Paul und die Sache mit der Freundschaft‘.“

„Da dachten wir: Das kann’s nicht sein.“

„Genau.“

„Aber dann war da auch so ein unattraktives graues Buch als Thumbnail abgebildet –“

„Da hab‘ ich gleich zu Kevin gesagt: Das ist ein Fachbuch, das könnte was sein.“

„Also hab‘ ich’s angeklickt, und das war dann so’n Buch aus dem GRIN-Verlag mit dem Titel: ‚Der Begriff der Freundschaft im VIII. und IX. Buch der Nikomachischen Ethik unter dem Aspekt der “Gemeinschaft” als Grundwert der Aristotelischen Ethik‘…“

„…und da waren wir uns schon fast sicher: Das ist so abgefahren, darum muss es gehen –“

„…und haben dann also mal nach der Niko- …Niko-maaa-mach-machischen Ethik gesucht, und siehe da: Buch 8 behandelt die Freundschaft, und offenbar gibt’s da auch verschiedene Arten von Freundschaft.“

„Drei Stück nämlich“, fügte Katie hinzu.

„Genau“, schloss Kevin, und die beiden schauten einander zufrieden an, um dann, wie auf Bestätigung wartend, Amanda und Nermin erwartungsvoll zu fixieren, die angesichts des Tempos und des eigenwilligen Erzählduktus‘ noch wie im Bann still zurückstarrten, als warteten sie ab, ob nicht doch noch weitere Kanonenschüsse fielen.

„Also, da war dann auch Ende der Fahnenstange der Erkenntnis“, setzte Katie hinzu. „Aber wir waren ganz zufrieden, ne, Kevin?!“ Kevin nickte und grinste breit.

„Ja“, sagte Nermin ruhig und lächelte ein bißchen in sich hinein, den Wasserhahn mit den Fingern malträtierend. „Dann müssen wir uns jetzt wohl um die Freundschaft kümmern“, sagte er, mit einem plötzlich ganz offenen Grinsen aufblickend. „Gehen wir nach oben?“

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge IX,1: Das achte Buch)

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„Anderthalb Wochen“, stöhnte Kevin, „anderthalb Wochen haben wir verloren! Ich habe keine Ahnung, wie wir das je aufholen sollen.“

„Ganz einfach“, antwortete Amanda, die sich die noch immer ziemlich rote Nase putzte, „Wir arbeiten länger und treffen und häufiger.“

„Warum musstest Du aber auch gerade jetzt krankwerden“, jammerte Kevin.

„Es tut mir leid. Aber irgendwie… ist es jetzt auch nicht so, dass ihr nicht ohne mich hättet weitermachen können!“ Amanda sortierte ihre Papiere auf dem Tisch.

„Wir haben uns ja auch bemüht“, sagte Katie, „aber ohne dich… flutschte das einfach nicht. Uns sind einfach keine Ideen gekommen, alles war irgendwie so fad…“ Kevin nickte zustimmend.

‚Kann es sein, dass sie mich einfach vermisst haben‘, dachte Amanda, verwarf dann aber den Gedanken wieder. Sicher war es ihnen nur darauf angekommen, schneller voranzukommen. „Keine Sorge, Kevin, wir bekommen das schon hin. Wir müssen einfach öfter und länger arbeiten“, wiederholte sie.

„Länger…?“, fragte Kevin entgeistert. „Wir arbeiten jedes Mal den ganzen Nachmittag bis das Café uns rausschmeißt. Wie willst Du da bitte noch länger arbeiten?“

„Wir könnten danach einfach bei mir weitermachen“, schlug Katie vor, die sich eigentlich immer freute, wenn sie Gäste hatte. Kevin bedachte sie mit einem strafenden Blick, der Amanda nicht entging.

„Also, wolltest Du nun bis 30. April alles fertig haben oder wir?!“

„Genau“, sagte Katie, und trat Kevin gegen das Schienbein. „Stell‘ Dich nicht so an, wir machen das ja hauptsächlich für Dich, da kannst Du jetzt auch mal ein bisschen Einsatz zeigen! Insbesondere, wenn Du Dir Mandy anschaust.“ Sie deutete auf Amanda, die gerade mit einem Anfall von Fließschnupfen kämpfte. „Nicht, dass Du uns noch ansteckst…!“

„Ich bin schon fast gesund“, kam es dumpf aus dem Taschentuch zurück. Katie zog zweifelnd eine Augenbraue hoch. „Gut, ich versuch‘ schon mal, den Anschluss zum letzten Mal wiederzufinden. Wir waren ja gerade beim Neid. Und dass uns der Text sagt, dass der Neid irgendwie schlimmer ist, als alle anderen Sünden, und die anderen aber durchwirkt. Da waren wir uns nicht einig, ob das stimmt – Nermin, nimm‘ Platz.“ Katie nahm ihre Jacke von dem vierten Sessel, damit sich Nermin hinsetzen konnte. Er sah müde aus. Die Arbeit im Café begann ihn mehr und mehr zu langweilen. Er war froh, dass es endlich wieder weiterging mit den Treffen – die letzten anderthalb Wochen waren entsetzlich öde gewesen.

„Genau“, sprang er in das Gespräch hinein, dessen Reste er, noch auf der Treppe, mitgehört hatte. „Ich hatte gemeint, dass zum Beispiel bei der Wollust eigentlich nicht die Rede davon sein kann, dass da der Neid ‚unterschlüpft‘ – ich finde, so im ersten Zugriff ist da kein innerer Zusammenhang, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass der Neid irgendwie in Form von Wollust auftritt. Nur als ein Beispiel, es lassen sich sicher auch noch andere finden.“

„Ich bin da ganz deiner Meinung“, erwiderte Amanda, „sagte ich ja auch schon letztes Mal. Ich habe aber – weil ich die letzten anderthalb Wochen viel Zeit zum Nachdenken hatte – mal überlegt, wie das eigentlich in diesen ganzen Rätseln so ist: In aller Regel haben wir da doch sehr konkrete Positionen zu den Themen bekommen, um die es ging: dass Streben nach Status und nach Geld immer ins Unglück führen; dass das Streben nach materiellen Güter mit ideellem Wert ins Unglück führt; dass Normalität und Wahnsinn relativ sind; dass man aber auch nicht Anderssein zum Grundprinzip erheben kann, weil es sich dann selbst ad absurdum führt; und jetzt, dass der Neid eine so starke Emotion ist, dass sie dem Schlechten auf der Welt zum Sieg über das Gute verhelfen kann, dass aber das Gute ja auch irgendwie sehr stark ist…“ Amanda machte eine kurze Pause, bevor sie weitersprach. „Also, wenn ich mir das so rekapituliere, merke ich, dass ich mir mit dieser letzten Geschichte wirklich noch nicht so ganz schlüssig bin – aber das wollte ich jetzt erstmal gar nicht sagen. Ich wollte darauf hinaus, dass diese ganzen Geschichten ja alle eine ziemlich klare Aussage haben – über die wir dann aber auch manchmal kontrovers diskutiert haben. Die entscheidende Frage für mich ist, ob diese Aussagen sich am Schluss zu einer Gesamtaussage fügen sollen oder nicht. Ob sie wirklich innerlich zusammengehören, aufeinander aufbauen. Da war Katies Hinweis neulich wichtig: Stammen die eigentlich alle vom selben Verfasser? Und ich hatte ja schon mal angerissen: Vielleicht sind es auch einfach nur Diskussionsgrundlagen, an denen man sich irgendwie ‚reiben‘ soll? Darum bin ich gerade dabei, mal eine Übersicht zu gestalten, was wir zu welcher Geschichte diskutiert haben, wo wir gelandet sind, und wie die einzelnen Geschichten zusammenhängen. Ich hoffe, dass ich sie nächstes Mal, spätestens übernächstes Mal zusammen habe. Das wäre auch für Dich dann eine Grundlage, die Du mitnehmen kannst – … Kevin?“ Kevin schaute verträumt in die Landschaft der Kuppel – seine Gedanken waren bei seinem Passat, der inzwischen bereits wieder autoähnliche Gestalt angenommen hatte. Noch nicht ganz einsatzbereit, aber bald, bald würde er damit durch die Landschaften fahren, mit seinem Grashüpfer. Gerade gestern hatte er in der Stadt – zum ersten Mal seit Jahren – ein baugleiches Modell gesehen; ein wenig verrostet, aber… smooth… „Kevin?!“ „Wie?“ Kevin schrak aus seinen Gedanken hoch. „Was hast Du gesagt? Ach so, ja, Liste, sehr gut, sehr gut.“

Amanda warf ihm einen missbilligenden Blick zu. „Wo bist Du bloß immer mit Deinen Gedanken in letzter Zeit?“

In letzter Zeit? Wir sehen uns heute das erste Mal seit zehn Tagen!“

„Stimmt; aber vorhin warst Du auch schon so abwesend.“

„Man muss ja auch nicht immer so sein, wie die Welt von einem verlangt.“

„…und also nicht Zuhören?“, fragte Amanda, verwirrt, weil sie den Zusammenhang nicht verstand.

„Nein, ach… vergiss‘ es“, erwiderte Kevin, der von etwas ganz anderem gesprochen hatte.

„Oh Gott, er redet in Zungen“, sagte Katie.

„Nein“, sagte Nermin mit einem leichten Lachen zu Katie, „er redet in Schafen.“

„In Schafen?“ Katie verstand nicht.

„Er meint“, erklärte Amanda, „Dass er mit anderen Dingen beschäftigt sind, die das Äquivalent dessen darstellen, was für mich die Schafe sind.“

„Ach so, er denkt an sein Auto, sag‘ das doch gleich…!“ Warum, fragte sich Katie, mussten nur alle immer in so seltsamen Wortwolken sprechen, die kein Menschen verstand?

„Eigentlich…“, setzte Nermin an, zögerte aber, fortzufahren.

„Eigentlich was?“, fragte Katie.

„Eigentlich“, ergänzte Amanda Nermins Satz, „geht es nicht um das Auto oder das Schaf. Es geht um die ganze Welt, die da dran hängt.“

„Hm“, machte Katie, und versuchte sich vorzustellen, was damit gemeint sein könnte. Schafe und Autos waren für sie gleichermaßen in und an sich selbst zu Ende. Schaf, Auto – eben das nicht mehr, nicht weniger. Vielleicht musste sie nach ihrem eigenen Schaf suchen. Sie überlegte, fand aber nichts. In ihrem Kopf stiegen nur Bilder von einem Schaf und einem Auto auf, an die jeweils hinten mit einem Seil eine wie ein Ballon schwebende Weltkugel angebunden war. Katie musste über dieses selten dämliche Bild lachen. Das war wohl kaum gemeint…!

„Zu diesem letzten Text“, sagte Amanda. „Was mir da Schwierigkeiten bereitet, ist diese Geschichte mit der Mitte und dem Extremismus.“

„Für die Mitte hatten wir uns auf die Aristotelische Mesotes geeinigt“, erinnerte sie Nermin. „aber weiter waren wir damit nicht gekommen.“

„Genau… ich finde das auch immer noch rätselhaft. So im Prinzips scheint es mir so zu sein: Die Allegorien der Todsünden sagen, das Gute – die weißen Flecken, auch ein komisches Bild, aber egal –“

„Find‘ ich nicht“, widersprach Nermin. „Das hat was damit zu tun, dass die Damen ja Territorium erobern wollen – und im Zuge der Entdeckungsfahrten ist es ja die Rede von weißen Flecken auf der Karte ziemlich gewöhnlich. Ich finde das eigentlich ganz passend und gelungen, dass dem ‚weiß‘ hier eine zusätzliche moralische Qualität verliehen wird und das mit den territorialen Eroberungen verbunden wird.“

„Naja, gelungen… eigentlich finde ich das ziemlich platt. Aber du hast recht, so ist das natürlich zu verstehen – also die bösen Frauen sagen, das Gute seien selbst auch Extremisten, obwohl sie sich doch die bösen Damen so schimpfen – also in ihrem Extremismus gleichen sie sich. Das stimmt ja auch, das ist ja irgendwie die Idee von Gut und Böse.“

„Da steckt aber vielleicht auch eine gewisse Ironie oder ein Sarkasmus dahinter: Die Guten denken immer von sich, dass sie ganz moderat sind, obwohl sie doch eigentlich regelrechte Extremisten sind“, meinte Nermin. „Irgendwie hat das ja auch was.“

„Und gleichzeitig kann man es auf einer anderen Ebene lesen: Im Aristotelischen Sinne verkörpert das Gute dann ja eben auch das Optimum, darin würden sich Extremismus und Mitte ja irgendwie treffen. Ja. So muss es sein… danke, Nermin. Irgendwie hatte ich das zwar schon so gesehen, aber in seinem Zusammenhang war mir das noch nicht klar.“

„Dann sollten wir jetzt vielleicht mit dem nächsten Text beginnen?“, schlug Nermin vor.

Das achte Buch.“, las Amanda. „Interessant, die siebte Extremistin und nun das achte Buch? Ob das ein Zufall ist?“ Sie sinnierte kurz, rief sich dann jedoch zur Ordnung. Es musste schnell und effizient gedacht werden, sie hatten schon genug Zeit verloren. „Naja, lesen wir erstmal weiter! – Ach, vielleicht kann doch jemand anders lesen? Meine Stimme versagt bald.“

„Kein Problem“, sagte Katie, „mach‘ ich gern. ‚Das achte Buch. ‚Er sagte, er sei mein Freund‘, klagte der Wirt, ,jahrelang hat er seine Kunden zum Warten auf einen Kaffee zu mir herübergeschickt, und wenn Kunden eine Empfehlung für einen Schneider brauchten, habe ich sie zu ihm geschickt. Aber nun plötzlich muss er selbst einen Kaffeeausschank aufmachen – aus ist’s mit der Freundschaft!‘ Absatz. ‚Früher‘, sagte die Frau missmutig, ‚was haben wir da gelacht! Was haben wir da für einen Blödsinn getrieben! Wie lustig war sie damals, und wie konnte ich sie umgekehrt zum Lachen bringen! Aber heute – ist mit ihr rein gar nichts mehr anzufangen, seitdem sie nur noch deprimiert zuhause herumsitzt. Wie schade, dass doch Freundschaften immer so enden müssen…‘ Absatz. ‚Unsere Freundschaft‘, sagte der Mann, ‚ist ewig. Wo auch immer er ist, was auch immer er tut – ich muss es nicht immer wissen, um zu wissen, dass er der Mensch bleibt, der er war. Und sehen wir uns wieder, wird immer alles so sein, wie es einst war. Denn auch ich wandle mich nicht in dem, was einzig wichtig ist. Auf ein ganzes Leben werden wir uns nie etwas anderes wollen als allein das Beste.‘ …hm. Da kommt ja nichts von Büchern vor“, nörgelte Katie, „Was soll denn dann der Titel?!“

„Also, mir ist das völlig klar“, erwiderte Amanda.

„Mir auch“, sagte Nermin.

„Mir nicht“, sagte Kevin. „Wollen wir jetzt ernsthaft noch weitermachen? Also hier ist gleich Feierabend, und wir werden rausgeschmissen. Und ich hätte eigentlich auch gerne Feierabend. Können wir uns nicht lieber einfach direkt morgen treffen und gegebenenfalls am Wochenende eine doppelte Schicht einlegen?“

„Ich bin auch irgendwie müde“, meinte Nermin. „Es war alles so anstrengend die letzte Woche und irgendwie…“ Er führte den Gedanken nicht zu Ende, sondern schob, wie in düstere Gedanken versinkend, sein Kinn nach vorne, während sein finsterer Blick den Brunnen an der Kuppelwand fixierte.

„Okay“, sagte Amanda, die Nermin genau beobachtete, aber nichts dazu sagen wollte. „Dann einfach morgen.“

 

Die siebte Extremistin (pdf-Version)

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Liebe LeserInnen,

da habe ich es doch glatt am Freitag vergessen… hier die pdf-Version: Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 8

Aus gesundheitlichen Gründen folgt Folge 9 mit zeitlicher Verzögerung.

Ihre

Ann-Kristin Iwersen

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge VIII,3: Die siebte Extremistin)

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„Also, mir erschließt sich das nicht“, sagte Kevin missmutig. „Ich habe überlegt und überlegt, aber ich bekomme immer weniger einen Gesamtsinn in diesen Text – und in die Reihe übrigens auch nicht. Aber egal – was soll das jetzt wieder mit den Frauen? Okay, ich hab‘ schon verstanden, die sieben Frauen sind die sieben Todsünden, die giftgrüne ist der Neid. Zugegebenermaßen war das auch eigentlich wirklich nicht so schwer.“

„Wenn man auf die Idee gekommen ist“, merkte Katie an. Sie fand es meistens nicht besonders schwer, etwas nachzuvollziehen, was ihr Amanda und Nermin erläuterten – das Problem war eher, von selber auf die abstrusen Ideen zu kommen.

„Gut.“ Amanda verschränkte die Arme vor der Brust und blickte konzentriert auf ihr Blatt mit Notizen. „Fangen wir mit der Kleidung an: Wie Du, Kevin, ganz richtig gesagt hast, das giftgrüne Kleid sagt uns, die Frau ist Invidia, der Neid. Wie wir eben sagen: grün vor Neid und so weiter. Aber was bedeutet jetzt das Ganze mit der Verkleidung. Die anderen Frauen beschweren sich ja über ihr ‚Outfit‘, aber sie hat ja ein Gegenargument. Habt ihr das verstanden?“

„Nein“, sagte Katie. „Ich habe zum Beispiel nicht verstanden, was es heißen soll, dass sie unter fremde Röcke schlüpft. Ich denke, dass die anderen sich verkleiden soll heißen, sie kommen so harmlos daher oder verbergen sich hinter Schönerem. Zum Beispiel Habgier. Das kann man ja auch ganz gut verbergen und sich einfach so geben, als wäre man eben so ganz erfolgreich im Leben oder so. Wollust kann man jetzt auch positiv umdefinieren. Nur Neid, der kommt immer so daher, da kann man nix schönreden. Nur kapier‘ ich dann nicht, warum es heißt, dass sich die mit dem grünen Kleid unter den Rockschößen der anderen versteckt.“

„Im Prinzip denke ich, hast Du die Grundidee doch schon raus, Katie – und das mit den Röcken –“

„Würd‘ ich jetzt so verstehen“, sagte Kevin plötzlich, als wäre ihm jetzt gerade ein Geistesblitz gekommen, „dass der Neid all die anderen Sünden irgendwie geradezu durchdringt, in sie hineinwirkt. Das ist ja doch auch oft so. Zum Beispiel bei der Habgier.“

„Ich denke auch, dass das so gemeint sein muss“, bemerkte Nermin mit einem Stirnrunzeln, „aber ob das so stimmt… ich weiß nicht. Wo in der Wollst zum Beispiel soll den der Neid auftreten?“

Amanda schüttelte den Kopf. „Finde ich auch seltsam. Aber so oder so ähnlich muss das wohl gedacht werden, dass quasi der Neid die schlimmste aller Todsünden sind. Es gibt dazu übrigens auch ein Buch, ein Essay, von Joseph Epstein. ‚Der Neid. Die böseste Todsünde.‘ Wenn ich mich recht erinnere, argumentiert er darin so ähnlich: dass die Todsünden einander durchwirkten. Aber das heißt ja nicht, dass das auch stimmt. Aber unser Text sagt ja auch, dass der Neid sich auch in Kleidern ganz anderer versteckt, und das hat ja schon wieder was. Denn Neid kommt ja tatsächlich in nicht immer als Neid daher, sondern tarnt sich oft. Ich weiß nur nicht, ob immer im GewandeEgal, jedenfalls ist es so, dass unser Text ja weitergeht mit der ‚Enttarnung‘ der Invidia: ‚ Und enttarnt man mich, so sei’s drum; meine hässliche Fratze kann ich freilich dann nicht mehr verbergen, doch mein Gift hat längst seine Wirkung getan.‘ Und das heißt dann wohl: Wenn man gemerkt hat, dass jemand aus Neid handelt, ist es eigentlich schon zu spät. Andere Meinungen?“

Die anderen schüttelten den Kopf. „Wobei man auch darüber trefflich streiten könnte“, meinte Nermin. „Mir ist das alles ein wenig zu apodiktisch, aber nun gut.“ Er legte nachdenklich den gekrümmten Zeigefinger über die Lippen und rieb ihn hin und her. „Das weiße Territorium, das ist wohl das Gute in der Welt, das sie mit vereinten Kräften vernichten wollen, oder? Und das Gute ist, finden sie, leider, leider, so stark, dass sie da alleine nicht gegen ankommen. Der Neid ist so mächtig, dass er mehr bewirkt als all die anderen Todsünden.“

Katie nickte. „Ja, das verstehe ich. Also, dass der Text das meint. Ob das stimmt, weiß ich auch nicht. Aber das ist hier halt so der Kampf von Gut und Böse, ne. Und übrigens, da ist der Zusammenhang zu dem, was wir vorher hatten, guckt mal: Die scheinbar so moderaten weißen Flecken schimpften sie Extremistinnen, Terroristinnen – doch war es nicht bloße Selbstverteidigung? Mussten sie nicht selbst ihre Vernichtung befürchten? Waren nicht die weißen Flecken wahrhafte Extremisten, ganz so wie sie selbst? Hier gab es keinen Mittelweg – nur Töten oder Sterben. Zum Teufel mit der Mitte!‘ – diese ganze Geschichte mit dem Extremismus und der Mitte spielt doch wieder auf Normalität und Unterschiede und so an.“

„Ach so…“, machte Kevin.

Amanda verzog nachdenklich ihr Gesicht. „Hm-m. Ja, auf jeden Fall. Ich glaube aber, Mitte hat hier noch eine andere Bedeutung. Es hat etwas mit der Mitte als Optimum, dem ‚Ort‘ des ethisch richtigen Handelns zu tun.“

„Aber Mitte ist doch irgendwie immer ein Kompromiss“, befand Katie abfällig. „Das kann doch nicht das moralisch Hochwertigste sein!“

„Naja“, erklärte Amanda, „Aristoteles war da anderer Meinung. In seiner Mesoteslehre geht es genau darum. Die mesotes – das heißt ‚Mitte‘ – ist das Ziel, der Orientierungspunkt, wenn man das moralische Optimum treffen will. Hatten wir da nicht auch schon mal drüber gesprochen? Hab‘ ich jetzt vergessen. Aber ich denke, das spielt hier auf jeden Fall auch eine Rolle.“

„Na schön“, seuftze Kevin und schaute auf sein Handy, um die Uhrzeit abzulesen. „Wir haben also wieder einen ganzen Nachmittag rumgebracht und in drei Sitzungen vermeintlich eine Geschichte gelöst, auch wenn mir natürlich mal wieder die Details alle unklar geblieben sind. Aber was haben wir denn jetzt wirklich? Ich sehe da immer noch keine gerade Linie. Warum zum Beispiel kommen hier jetzt plötzlich wieder Gefühle, wo wir doch gerade vorher bei so abstrakten Sachen wie Normalität und Differenz und Identität waren!?“

„Vielleicht“, warf Nermin ein, „sind ja Normalität und Differenz gar nicht so abstrakt? Das hat ja doch auch eine ganze Menge mit Neid zu tun – so als Beispiel?“

Kevin zuckte mit den Achseln. „Hm-m. Mag sein.“

„Ich weiß es ja auch nicht wirklich, Kevin“, erwiderte Amanda. „Aber irgendwie… habe ich doch das Gefühl, es geht irgendwie …vorwärts. Ich kann nicht so genau sagen, wohin, aber …das ist so eine gefühlte Vorwärtsbewegung!“

Kevin zog die Augenbrauen hoch. „Gefühlte Vorwärtsbewegung. So, so. Na, wenn du meinst, Mandy.“

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge VIII,2: Die siebte Extremistin)

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Es herrschte schon ein bisschen Ratlosigkeit in der Runde, nachdem keinem der Freunde eine zündende Idee zu Der siebten Extremistin gekommen war. Und da so niemandem recht etwas Kluges einfallen wollte, geschah, was an solchen Stellen immer geschah: Man spricht über alles Mögliche, nur nicht über das leidige Thema, das es zu bearbeiten gilt – wobei man sich meist jedoch umso prächtiger amüsiert.

Kevin hatte von seinem Passat-Abenteuer berichtet; er kam mit seiner Arbeit gut voran und war sehr zufrieden, dass das Auto nach all den Jahrzehnten noch so vergleichsweise gut in Schuss war, jedenfalls, was die Karosserie anbelangte. Ansonsten brachte er einen Großteil seiner Zeit damit zu, Ersatzteile zu besorgen, was nicht immer ganz einfach war. Auch kam er beim Basteln bisweilen ins Stocken. Zwar kannte er sich mit Autos und mit Motoren ziemlich gut aus, allerdings nur rein theoretisch. Er hatte eben noch nie wirklich ein Auto repariert, wenn es um größere Arbeit ging – geschweige denn einen Wagen komplett restauriert. Glücklicherweise hatte er über ein Internetforum schnell Hilfe bei einer Werkstatt gefunden, die sich auf die Restauration von Oldtimern spezialisiert hatten. Im Nu hatte sich Kevin mit dem Sohn des Besitzers angefreundet und einen Mitstreiter für sein Projekt gefunden, auch wenn dieser nicht wirklich verstand, warum man gerade einen alten VW Passat restaurieren musste – ebenso wenig wie Amanda.

„Einen 55er Thunderbird, ja…! Meinetwegen auch ein 1981er Lincoln Towncar. Alles okay. Aber einen VW Passat?! Der gehört ins Grab zu den stieseligen, urdeutschen Rentnern, die ihn fahren.“

„Das stimmt doch gar nicht – weißt Du, wieviele Leute VW fahren.“

„Ja: zu viele. Insbesondere diesen schrecklichen Passat – nur zu toppen durch Opel.“

„Den Golf finde ich ganz chic“, warf Katie ein, die zu dem Thema ansonsten wenig beizutragen hatte.

„Spießig. Entsetzlich.“

„Naja, das stimmt schon, irgendwie“, meinte Nermin, „Wer VWs – abgesehen von dem Beetle – ernsthaft für die Idealform des Automobils hält, ist wahrscheinlich schon ein bisschen zum Gähnen, menschlich gesehen. Man muss aber zugeben: VWs sind solide. Manch einer fährt ihn auch bloß, weil er sich nichts Neues oder Schöneres leisten kann und weil man sich ja doch irgendwie fortbewegen muss, über größere Distanzen…“ Er dachte, ein wenig verschämt, an den Golf II, der vor seiner Haustür stand.

„Ich für meinen Teil“, hielt Amanda fest, „kann überhaupt nicht begreifen, wie jemand auf die Idee kommt, eine VW Passat zu restaurieren!“

„Och“, meinte Kevin achselzuckend, „ich fand den schon als Kind so toll – die Form, die klaren Linien… und dieses Grün! Wenn man ihn auf Gras parkte, sah er wirklich aus wie ein Grashüpfer. Und wenn ich mit Oma und Opa darin gefahren bin, hat mir immer dieser Geruch des Kunstleders so gefallen – so ganz unbeschreiblich… ganz intensiv, wenn sich der Bezug im Sommer in der Sonne tüchtig aufheizte. Ich glaube, das fand niemand toll, außer mir.“

„Das glaube ich gern“, sagte Amanda verächtlich. „Das stinkt doch wie die Pest.“

„Es ist sein Schaf“, sagte Nermin ruhig, und schaute Amanda direkt in die Augen. Sie wich dem Blick aus, indem sie nach unten schaute, und sagte nichts mehr. Sie ärgerte sich über Nermin, weil er sie ertappt hatte, und nachdem dieser Ärger verflogen war, ärgerte sie sich über sich selbst. Wieso war sie nur manchmal so ungerecht? Sie war ja auch nicht besser als alle anderen! Vielleicht, dachte sie, weil ich mir nicht vorstellen will, dass jemand anderes auch Schafe in seiner Erinnerung hütet.

Da die Stimmung plötzlich sehr betreten war, beschloss Nermin, dass es an der Zeit war, das Thema zu wechseln. „Ich habe gerade Wilhelm Busch entdeckt“, verkündete er stolz.

„Max und Moritz?“, fragte Katie, weil es das einzige Buch von Busch war, das sie kannte.

„Nein, nein“, entgegnete Nermin und zog einen Band aus der Tasche. Amanda griff nach dem Buch und drehte es in Nermins Hand so, dass sie den Titel lesen konnte. Kritik des Herzens, stand auf dem Deckel.

„Davon habe ich nie gehört“, sagte Amanda. „Aber eigentlich kenne ich mich auch nicht so gut aus mit Busch. Mein Vater zitiert immer gerne, im übertragenden Sinne, „die dadurch entstandne Leere/ füllt er an der Regenröhre“, das ist aus Abenteuer eines Junggesellen, und da geht es eigentlich um Weinpanscherei. Ansonsten kenne ich auch noch die Fromme Helene, aber gelesen habe ich die nie; aber sie steht bei mir im Regal – vielleicht sollte ich mal…“ Sie unterbrach sich, und war in Gedanken offenbar beim Entlangstreifen an den Regalmetern, auf der Suche nach ungelesenen, nun aber dringend auf die Leseagenda gehörenden Exemplaren.

„Dies hier“, Nermin klopfte mit der flachen Hand auf den Buchdeckel, „ist eines von Buschs am meisten unterschätzten Werken. Kam bei den Zeitgenossen nicht gut an, unter anderem, weil es ziemlich explizit und obszön zugeht. Aber das ist wirklich ein Fundus! Hört Euch das mal an“ – er schlug das Buch an einer Stelle auf, die mit einem abgerissenen Stück kariertem Papier markiert war – „Es geht um Neid. Also, das ist wirklich genial erzählt, ich lese das jetzt mal vor:

‚Mein kleinster Fehler ist der Neid.

Aufrichtigkeit, Bescheidenheit,

Dienstfertigkeit und Frömmigkeit,

Obschon es herrlich schöne Gaben,

Die gönn’ ich allen, die sie haben.

Nur wenn ich sehe, daß der Schlechte

Das kriegt, was ich gern selber möchte;

Nur wenn ich leider in der Nähe

So viele böse Menschen sehe

Und wenn ich dann so oft bemerke,

Wie sie durch sittenlose Werke

Den lasterhaften Leib ergötzen,

Das freilich tut mich tief verletzen.

Sonst, wie gesagt, bin ich hienieden,

Gott Lob und Dank, so recht zufrieden.‘

 

Und? Gut?“

Das Lachen und der kleine Applaus für seine Lesung gaben seinem Urteil recht. „Das Gedicht ist schon nicht schlecht“, sagte Katie, „aber vor allem bist Du ein genialer Vortragender. Du solltest das professionell machen.“

„Finde ich auch“, sagte Amanda. „Und du hast auch so viel erlebt und weißt so vieles, das solltest du den Menschen mitgeben!“

„Ach“, machte Nermin und zuckte mit den Achseln. „Ich weiß nicht. Die heutigen Generationen erfreuen sich doch an allzu Weltlichem. Es ist doch gerade für solche Menschen schwer, die Wahrheit zu erkennen, die Bedingungen, die Abhängigkeiten, dass man alle diese Abhängigkeiten gehen lassen muss, um Freiheit zu erlangen… Wenn ich meine ‚Lehren‘ verbreiten wollte, würden mich andere nicht verstehen, und das wäre ermüdend und lästig für mich. Wozu soll ich mich damit beschweren…“

Katie und Kevin schauten einander verdutzt an, und schauten dann auf Amanda, als würden sie dort eine Erläuterung erwarten. „Also, ich versteh‘ gar nicht, wovon Du jetzt redest“, sagte Kevin langsam und schüttelte den Kopf, noch immer Amanda fixierend.

Nermin lächelte und schaute auf die gespreizten Finger seiner Hände, die er auf seinen Oberschenkeln abgelegt hatte, wie er es gerne tat.

„Ich verstehe das schon, denke ich“, sagte Amanda, etwas zögerlich. „Und ich denke… schlußendlich wirst Du es doch tun, nicht wahr? Irgendwann?“

Nermin schaute Amanda an und grinst breit. „Vielleicht, ja!“, lachte er. Er erhob sich. „Ich hole noch einen Kaffee, bin gleich wieder da.“ Als er fort war, beugte sich Katie zu Amanda vor: „Wovon zum Teufel hat der jetzt gerade gesprochen? Oder hast Du das kapiert, Kevin?“ Kevin schüttelte lachend den Kopf. „Nä! Beim besten Willen nicht!“

Amanda lehnte sich zurück. „Ja, das wundert mich nicht“, sagte sie.

„Schön. Wir erweisen uns wieder einmal als omni-inkompetent. Okay. Aber verrätst Du uns jetzt auch, worum’s gerade ging?!“

„Buddha“, sagte Amanda nüchtern.

„Buddha?“

„Buddha. Er hat ziemlich frei aus dem Mahavagga, einer Schrift aus dem Pali-Kanon, zitiert. Darin erklärt Buddha, warum er seine Lehre eigentlich lieber nicht verbreiten will. Nämlich weil er fürchtet, dass es doch ziemlich ungemütlich ist, wenn man dabei nicht verstanden wird, was er für wahrscheinlich hält. Recht hat er.“

„Das hat Buddha gesagt?!“, fragte Katie ungläubig.

„So sagt es uns das Mahavagga aus dem Pali-Kanon“, wiederholte Amanda, genüsslich sich an ihrer Dozententätigkeit labend. „Und der Pali-Kanon“, fügte sie hinzu, „ist auch kein mehrstimmiges Musikstück, sondern eine mittelindische Sammlung von Buddhas Lehrreden, verfasst auf Pali, einer mittelindischen Sprache, daher der Name.“

„Aaaah“, machten Katie und Kevin zeitgleich, wobei schwer auszumachen war, ob es ein interessiertes Aaaah war oder bloß ein Interesse vorgebendes. Nermin kam mit dem Kaffee zurück, und setzte das Gespräch dort fort, wo er in seinem Busch-Fluss unterbrochen worden war, das Buch von Wilhelm Busch zu Amanda hinüberschiebend. „Ich finde es wirklich ganz toll, wie hier der Neid quasi vorgeführt wird“, sagte er und begann seine Interpretation vorzutragen. Nach zwei Sätzen hatten alle abgeschaltet, Katie und Kevin, weil es sie ohnehin eher um der kurzen Belustigung denn um einer tiefergehenden Analyse willen interessierte, und Amanda, weil ihr Blick von etwas gefesselt war: Das Buch lag auf dem aktuellen Text, sie schob es ein Stück zur Seite und sich blickte beständig vom einen Text zum anderen.

„…hier der Neid geradezu performativ, als ein Spiel, ein Spiel des Neides im Vollzug!“, beschloss Nermin seine Interpretation auf dem Zenit ihrer sprachlichen Vakuumierung. Katie und Kevin nickten brav. „Amanda?“, fragte Nermin. „Amanda?“ „Was?“ Amanda schreckte hoch. „Oh. Ja. Jaja… – ich hab’s!  Ich verstehe gar nicht, dass ich nicht vorher drauf gekommen bin, sondern erst durch das Gedicht… das giftgrüne Kleid! Die sieben Frauen! Fällt Euch da nichts auf? Da waren wir doch schon mal bei!“

Invidia“, sagte Nermin mit tonloser Stimme. „Natürlich.“

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge VIII,1: Die siebte Extremistin)

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„Ich verstehe nicht, was Du nicht verstehst“, sagte Amanda halsstarrig. „Es ist doch alles sonnenklar.“

„So.“ Kevin verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir labern und labern und labern, Woche um Woche. Am Anfang haben wir gesagt: Das sind Rätsel, die gelöst werden müssen. Aber lösen tun wir gar nichts. Wir labern bloß.“

Katie nickte beifällig. „Ich seh‘ auch kein Fortschritt. Ich bin noch so klug wie zuvor. So dumm, meine ich.“

„Danke. Ich wollt‘ schon gerade sagen“, bemerkte Amanda trocken. „Aber ich habe euch doch schon am Anfang gesagt, ein Ergebnis muss doch nicht heißen, dass wir einen Lösungssatz rausfinden oder so. Es ist ja kein Kreuzworträtsel! Vielleicht…“

„…müssen wir uns dem auch annähern, jaja, hast du tausendmal gesagt. Aber wir nähern uns nicht an, wir produzieren nur noch mehr Chaos. Wir haben wirklich über tausend Dinge gesprochen, und alles ist bei mir durcheinander, alles ist so…“

„Komplex“, vervollständigte Amanda Katies Satz. „Ja, natürlich ist es komplex, es geht um die Sphäre des Menschlichen – die ist nun mal komplex.“

„Die Sphäre des Menschlichen“, stöhnte Kevin, „wie das schon klingt. Fakt ist: Was soll ich dem Ludwig erzählen, wenn ich hingehe: Wir haben uns wochenlang bestens unterhalten?“

„Naja, bestens…?“, bemerkte Katie zweifelnd.

„Na, du weißt, was ich meine.“

„Schade, dass Nermin erst später dazu kommt, er hätte jetzt sicher etwas Kluges sagen können… – Ich weiß eigentlich nicht, wie ich euch noch erklären soll, dass das schon alles Sinn macht, was wir hier veranstalten.“ Amanda dachte an Johann und die Schafe – ja, es machte Sinn, dass sie hier seit Wochen mit diesen beiden traurigen Gestalten herumsaß. Sie dachte an Nermin, mit dem sie sonst vermutlich kaum je ein Wort jenseits der Bestellung und Bezahlung eines Kaffees gewechselt hatte. Ja, sogar wenn Kevin den Job nicht bekam, wenn sie überhaupt nie den Sinn, Zweck und Ursprung dieses rätselhaften Textes herausfänden: Sie hatte ihre Zeit nicht vergeudet, nicht im Entferntesten. „Ich weiß nicht, ob es irgendwie noch eine ‚Lösung‘ gibt, wie ihr sie euch vorstellt – ich weiß es einfach nicht! Wir können nicht mehr tun, als dass wir sammeln. Und wenn wir nicht mehr finden als das, gut, gehst Du halt hin, Kevin, und sagst: Ich habe mich mit zwei Freunden hingesetzt und mir die Texte angeschaut, wir sind der Meinung, in dem ersten Text geht es um… und das hängt so und so zusammen… blabla.“

„Und was soll das bringen?“

„Was, wenn er genau das hören will?“

„Hmmm… kann ich mir nicht vorstellen, der Typ ist ja ziemlich – straight. Also, auf Gelaber steht der nicht so, denk‘ ich mal.“

Amanda seufzte. „Okay, aber ich widerhole mich: Fällt dir was Besseres ein?“

Kevin verzog den Mund. „Nein“, gab er schließlich kleinlaut zu. „Aber dann lass‘ uns wenigstens nochmal sagen, was wir jetzt herausgefunden haben. Was würdest Du ihm jetzt erzählen?“

Amanda holte tief Luft und griff dann zu ihren Aufzeichnungen, die sie noch einmal kursorisch durchsah.

„Ich würde sagen: Am Anfang wird das Thema kulturelle Differenz und kulturelle Universalien entfaltet, das weist auf den Stellenwert hin, wenn es gleich am Anfang exponiert wird. Und tatsächlich: Immer wieder gibt es Hinweise auf andere kulturelle Kontexte und so weiter. Darum scheint es dem Verfasser irgendwie – auch – zu gehen.“

„Woher wissen wir eigentlich“, fragte Katie sinnierend, „dass es ein Verfasser ist? Und nicht eine Verfasserin? Oder vielleicht mehrere Verfasser?“

Amanda hielt kurz inne und zog die Augenbrauen zusammen. „Stimmt“, gab sie zu, „strenggenommen wissen wir das nicht! Ich denke, ob Mann oder Frau ist ziemlich wurscht. Ob es mehrere, verschiedene Verfasser sein könnten…? Hm. Die Texte sind natürlich ziemlich heterogen. Aber sie sind irgendwie sinnvoll geordnet und passen zueinander – behaupte ich. Es könnte natürlich auch sein, dass es einfach nur einen Kompilator gegeben hat, der das irgendwie sinnig zusammengestellt hat. – Nein, die Frage können wir wohl tatsächlich nicht beantworten. Kann ich trotzdem weitermachen?“

„Gerne“, erwiderte Katie und machte eine fahrige Handbewegung. „War sowieso nur so’n komischer Gedanke.“

„Naja…“, begann Amanda, und tat sich schwer, ihren Gedanken auszusprechen. „Aber kein dummer Gedanke“, murmelte sie schließlich, bevor sie laut und klar fortfuhr: „Gut, das vielleicht so als Rahmen. Dann würde ich im Durchgang die Geschichten und ihre Themen kurz vorstellen: Das wir zunächst über Habgier nach materiellen Gütern in seinen verschiedenen Formen gelesen haben; da schien die Schlussforgerung zu lauten: Streben nach materiellem Besitz führt immer ins Unglück – mal platt gesagt – und auch, wenn wir an materiellen Dinge aus ideellen Gründen hängen, kann das noch verdammt verhängnisvoll sein. Dann ging es um den Themenkomplex Wahnsinn – Normalität – Durchschnitt – Identität; die Quintessenz dieses ganzen Blocks scheint mir zu sein: Da gibt es keine festen Grenzen – was wahnsinnig und was gesund, wird definiert über die kulturell determinierten Ansprüche an das Individuum, dessen Übereinstimmung mit dem ‚Kodex‘ seiner Kultur. Dabei ist es eigentlich so, dass jeder Mensch ganz individuell ist und nur als Individuum betrachtet werden kann, er ist an und für sich aber nie normal oder annormal. Trotzdem gibt es irgendwie so einen Anspruch der Gesellschaft, oder von Teilen der Gesellschaft, dass alle gleich sein sollen. Das kann man nur erreichen, indem man sie zwangsweise ‚gleichmacht‘, das ist ein gewaltsamer Akt, nach unseren Texten, und nicht positiv konnotiert. Trotzdem sagen die Texte auch: Man kann nicht bloß einfach Devianz kultivieren: Man wird darin irgendwie auch wieder zur Masse. Und schlussendlich – Identität ist nie etwas Fixes, es ist immer im Fluss. – Son ungefähr würde ich es erzählen.“

Katie schaute sie staunend an, und ihre staunenden Augen wanderten dann weiter zu Nermin, der gerade die Treppe heraufgekommen war, die Schürze ablegte und Katies staunenden Blick mit einem fröhlichen Lächeln beantwortete.

„Hier muss es ja sehr Erstaunliches zu hören geben“, sagte er, während er sich einen vierten Sessel heranzog und sich dann setzte.

„Ich hab‘ gerade so gedacht, als du das erzählt hast, Mandy“, erklärte Katie, ein wenig verlegen, ihren Gesichtsausdruck, „dass ich das nie so hätte sagen können. Ich habe nie gemerkt, dass es darum ging. Also – jedenfalls nicht so. Haben wir das echt so rausgefunden?“, wandte sie sich zweifelnd an Kevin. Nermin lachte.

Kevin zuckte mit den Achseln. „Ich denke. Also: wahrscheinlich ist das so. Schon weil Mandy immer recht hat. Aber ich hätt’s halt auch nicht so formulieren können… Und was“, fragte er nun Amanda, „denkst Du, soll das so insgesamt werden?“

„Naja“, meinte Amanda nachdenklich. „Ich weiß es auch noch nicht so recht, aber wie ich schon vorhin kurz sagte, mir scheint es einfach um die Sphäre des Menschlichen zu gehen. So eine Art Rundumschlag durch die wichtigsten Aspekte des Lebens… aber schauen wir mal. Soll ich mal den nächsten Text vorlesen?“

Als sich kein Widerspruch erhob, griff Amanda zum nächsten Blatt Papier in ihren Kopiensammlung und begann zu lesen: „Titel: ‚Die siebte Extremistin.‘ Achtung, es geht los – ‚Sieben Extremistinnen – und sie waren allesamt wahrhaft schlechte Frauen – trafen sich auf einem weiten Feld. Sechs von ihnen kamen in schönem Kleid, nur eine gab sich keine Mühe mit ihrem Äußeren und erschien in giftgrün gefärbten Sackleinen. ‚Wie kannst Du nur so durch unsere Welt laufen‘, fragte die anderen sechs. ‚Es ist‘, sprach sie, ‚nicht nötig, dass ich mich nach Eurem Vorbilde verkleide; wenn ich handele, werde ich unter fremde Röcke schlüpfen, unter eure oder die anderer Leute. Und enttarnt man mich, so sei’s drum; meine hässliche Fratze kann ich freilich dann nicht mehr verbergen, doch mein Gift hat längst seine Wirkung getan.‘ Die anderen Damen schwiegen, denn sie wussten wohl, dass ihre Kameradin recht hatte. Ohne sie, freilich, würden sie nie den Sieg erringen, dieses weite Territorium, auf dem sie standen, endgültig beherrschen, die vielen weißen Flecken darauf beseitigen. Weiße Flecken waren wie schwarze Löcher: Alle ihre Energien verschwanden in ihnen, keine von ihnen wusste, wohin. Die Frau in dem grünen Sackkleid jedoch, sie hatte Kräfte, die oft mehr als sie alle zusammen der weißen Flecken Herr werden konnte. Die scheinbar so moderaten weißen Flecken schimpften sie Extremistinnen, Terroristinnen – doch war es nicht bloße Selbstverteidigung? Mussten sie nicht selbst ihre Vernichtung befürchten? Waren nicht die weißen Flecken wahrhafte Extremisten, ganz so wie sie selbst? Hier gab es keinen Mittelweg – nur Töten oder Sterben. Zum Teufel mit der Mitte!‘“

 

Amanda legte das Blatt Papier nieder und blickte in die Runde. Katie und Kevin sahen einander verzweifelt an, sogar Nermins schwarze Augen waren kugelrund. Er blies einen langen Strom Luft durch den Mund und sah dabei ein bisschen aus wie ein Maskaron am Pont-Neuf. „Kryptisch“, befand er.

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hier Folge VII als pdf-Version: Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 7

 

Beste Grüße:

Ihre Ann-Kristin Iwersen

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Über die Autorin

Dr. Ann-Kristin Iwersen studierte Philosophie und Ethnologie an der Universität Hamburg und promovierte dort 2011 im Fach Ethnologie zur Aushandlung kultureller Identitäten und ihrem situativen Switching in der neueren amerikanischen Countrymusik und ihrer Fankultur. Ihre Forschungsinteressen liegen vor allem in den Bereichen Identitätsforschung, Inter- und Transkulturalität sowie vergleichende Ethik.