Wissenschaft mal anders

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge X,3: Die zwei Hälften der Kugel)

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„Shiva und Parvati, Teil zwei“, verkündete Nermin, geradezu wie ein professioneller Geschichtenerzähler. Amanda musste die ganze Zeit schon ein bisschen an Salman Rushdies „Luka and the Fire of Life“ denken – der Vater in dem Roman war doch auch so eine Art Geschichtenerzähler. Bei einer Verfilmung würde sie ihn mit Nermin besetzen.

„Ich versuche es kurz zu machen. Shiva meditierte und meditierte und meditierte nach dem Verlust seiner Frau Sati. Parvati natürlich war die Reinkarnation von Sati, doch weder sie noch Shiva wussten es. Parvati hatte, zum Amusement vieler, von Kindheit auf an nur den einen Wunsch: eines Tages Gott Shiva zu heiraten. Ihr Vater führte sie schließlich zu dem meditierenden Shiva und bat darum, dass seine Tochter ihn unterstützen und ihm zur Hand gehen dürfe – Shiva stimmte zu. Doch so sehr sie sich bemühte, die schöne und kluge Parvati konnte Shivas Aufmerksamkeit nicht erregen. Da die Götter – an anderen Gründen, die ich gestern schon erzählte, die aber nicht so wichtig sind – unbedingt ein Interesse daran hatten, dass Shivas Meditation endlich ein Ende findet, überredeten sie Kamadeva, den Gott der Liebe, einen Pfeil auf Shiva zu schießen, damit dieser endlich die Schönheit Parvatis erkenne. Tatsächlich – so kam es auch; doch Shiva wurde wütend, da er sich auf keinen Fall durch Kamadevas List von seiner Meditation abbringen lassen wollte. So öffnete er sein drittes Auge und verbrannte Kamadeva, dessen Frau nun wiederum untröstlich war. Parvati, wie man sich vorstellen kann, war ebenfalls todunglücklich. Unwahrscheinlicher denn je war es nun, dass sie Shivas Aufmerksamkeit erregen konnte, wenn schon Kamadeva nichts auszurichten vermochte…! Schließlich berichtete ihr ein Weiser, wie sie Shiva für sich einnehmen würde können – allein durch Ergebenheit, durch vollständige Hingabe würde dies geschehen können. Und Parvati begann als ebenfalls zu meditieren – sie meditierte und meditierte und meditierte, und erkannte schließlich auch, dass sie die Reinkarnation Satis war. Bei der Meditation der armen Parvati aber schließlich entstand so viel Hitze – die immer bei Meditation entsteht – dass den Göttern im Himmel unerträglich heiß wurde; so heiß, dass schließlich Brahma und Vishnu losgingen, um Shiva zu sagen, dass er dafür sorgen müsse, dass Parvatis Meditation ein Ende findet, wenn nicht der ganze Götterhimmel abbrennen soll. Shiva ließ sich schließlich erweichen: Er sah nun, dass Parvati etwas ganz Besonderes war – aber war sie auch seine Sati? Er beschloss, sie zu testen, und erschien ihr als junger Asket, der lästerliche Reden über Shiva führte. Parvati war so empört und sprach von Shiva mit so viel Stolz und Liebe, dass auch Shiva endlich begriff, dass Parvati eigentlich seine Sati war; und sie sahen einander an und erkannten einander – und dann heiraten sie, Kamadeva wird wieder zum Leben erweckt und so weiter…“

„Hattest Du nicht neulich gesagt, Nermin sei ein toller Geschichtenerzähler, Mandy“, fragte Katie verträumt, das Kinn in die Hände gestützt. „Du hast recht… Nermin, Du musst das professionell machen!“

Nermin lachte. „Mein ganzes Leben besteht aus Geschichten, was heißt da noch die Rede von professionell…! Aber jedenfalls: Das ist, so grosso modo, der Mythos.“

„Schön“, sagte Amanda. „So schön. Es geht nicht um die äußere Schönheit, sondern darum, dass sich beide Teile zueinanderfügen… und wie sie durch die Meditation sich selbst erkennt – und damit vielleicht sogar ja auch erst eigentlich würdig wird. Keine Ahnung, ob das so gemeint ist, so könnte man es aber zumindest lesen.“

„Also“, warf Katie ein, „ich will ja nicht der Spielverderber sein, aber ich finde das ziemlich sexistisch. Sie muss sich da erstmal wer weiß wie erniedrigen und dienen, damit er dann mal richtig hinguckt.“

„Du redest von Sexismus? Du deren größte Sorge ist, dass sie als Brautjungfer und nicht als Braut auf einer Hochzeit steht? Du unterwirft Dich doch ständig irgendwas! Und viel niedrigeren Dingen als Deiner großen Liebe, nämlich eigentlich bloß dem Diktat der Normen der Gesellschaft und ziemlich altbackenen Rollenmodellen… ich gebe zu, dass das alles ein bißchen kitschig und idealistisch gedacht ist. Aber schlussendlich: wenn wir uns das nicht mal mehr für die Liebe aufheben dürfen, wofür denn dann!“

Katie dachte einen Moment nach. „Ja“, sagte sie schließlich. „Eigentlich hast Du recht. Und vor allem, wie bescheuert ich war, mit dieser Hochzeit. Ist doch eigentlich scheißegal. Weißt Du bei Licht besehen weiß ich manchmal nicht, ob ich das denke, weil ich das denke, oder ob ich das denke, weil ich denke, dass andere denken, dass ich das denken sollte. – Verstehst Du irgendwie, was ich meine…?“

Nun war es an Amanda nachzudenken. „Ja… ja, doch, ich denke, ich weiß, was Du meinst. Man nimmt manchmal Gedanken an, von denen man glaubt, dass sie von einem erwartet würden. Und am Ende kann man diese vielfach gebrochenen Besitzzustände an den Gedanken so wenig nachvollziehen, dass man nicht mehr weiß: Denk‘ das jetzt ich? Bin das jetzt ich?“

„Das kenne ich auch“, sagte Kevin. „Aus einem ganz anderen Zusammenhang, aber trotzdem: Mein Vater wollte ja partout, dass ich studiere – und ich hatte da nie Lust zu. Ich wollte immer so gerne was Technisches, Praktisches machen, aber er fand BWL war eine tolle Idee. Ich hätte mich darauf vielleicht nicht eingelassen, aber als er dann starb und mir da quasi auf dem Totenbett das Versprechen abgenommen hat, das zu studieren –“

Katie schüttelte angewidert den Kopf. „Oh Gott, wie grausam. Wie kann man das bloß seinem Kind antun… Das hast Du ja noch nie erzählt.“

„Nein“, erwiderte Kevin. „Weil ich das selbst irgendwann gar nicht mehr geschnallt habe. Ich habe irgendwann angefangen, selbst daran zu glauben, dass das alles richtig so ist – und eigentlich weiß ich momentan gar nicht mehr, ob ich das will oder nicht oder was ich will. Aber dass da so eine Verwechslung von eigenen und fremden Gedanken stattfindet, das kann ich da irgendwie total nachvollziehen…“

„Jaaa…“, seufzte Nermin. „Das kenne ich auch.“

„Aus der Zeit, als Du mit 29 das Leiden der Welt erblicktest“, fragte Amanda spöttisch. Und zu Katie und Kevin gewandt: „Er hat mir nämlich neulich die Legende von Buddhas Leben als seine eigene Lebensgeschichte verkauft. Man wundert sich nur, dass Du noch nicht unterm Bodhi-Baum sitzt…“

Aber“, widersprach Nermin lachend, „das mit dem Geschichtenerzählen ist auch wie mit den eigenen und den fremden Gedanken, ja, eigentlich ist es manchmal sogar dasselbe: Man kann am Ende meist Geschichte und Realität gar nicht mehr trennen. Aber was tut das auch zur Sache…! Amanda, wenn Du mir jetzt erzählst, was wir gestern abend getan haben, kommt doch eine ganz andere Geschichte heraus, als wenn ich es erzähle, auch wenn wir beide einfach bei den so genannten Fakten bleiben…!“

„Ja“, gab Amanda zu, „Objektiv ist da freilich nichts.“

Eben!“, fuhr Nermin emphatisch fort. „Und also kann es in allem, was man sagt und tut, nie um die bloßen Fakten gehen, nicht um so genannte Wahrheit, sondern eher um… Wahrhaftigkeit!“

„Du meinst also“, versuchte Kevin zusammenzufassen, „Wenn Du Amanda die Buddhalegende erzählst, als sei sie dein eigenes Leben, ist das nicht geschwindelt, es ist ‚wahrhaftig‘?! Was ist dann bei dir gelogen oder nicht wahrhaftig…?“

„Wenn ich versuche, mein Leben als das von Napoleon zu erzählen, zum Beispiel. Da gibt es keine maßgeblichen Überschneidungen zu meiner Erlebnis- und Empfindungswelt.“

Katie seufzte tief. „Also, irgendwie ist das ja schon alles ganz spannend, aber mir wird das jetzt auch schon mal wieder ein bisschen zu philosophisch… können wir vielleicht doch mal zum Text zurückkommen?“

„Tja….also, eigentlich haben wir es ja schon gelöst“, meinte Kevin abschließend. „Es geht hier um Liebe, und wir haben diese beiden Mythen, die zusammengeführt werden… und einander ja auch eigentlich ganz gut ergänzen. Es geht da um Liebe, die auf Erkenntnis einer urpsrünglichen Einheit beruht.“ Kevin blickte unruhig auf die Uhr. Er hatte eine Verabredung, die er keinesfalls versäumen durfte. So entging ihm Amandas erstaunter Blick, die sich über die für Kevin ungewöhnlich treffsichere Formulierung zur „ursprünglichen Einheit“ wunderte. „Schade, dass wir hier aufhören müssen! Leider muss ich um 11 Uhr bei einem bekannten sein, und das ist ‘ne Ecke von hier… Aber wir können doch einfach gleich morgen weitermachen, oder? Dann wieder am vortrefflichsten aller Orte, dem Ausgangspunkt aller großen Abenteuer?“ Und so wurde es also beschlossen.

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge X,2: Die zwei Hälften der Kugel)

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Von unten hörte man undeutliche Stimmen, die aus dem hellerleuchteten Fenster drangen, das auf Kipp stand. Dann, ganz klar in die Nacht hinaus, Katies glockenhelles Lachen.

„Das mit dem Kugelwesenmythos“, sagte Amanda, „ist eigentlich ganz lustig: Allen denken immer, Platon hätte da so hübsch über die Liebe gedacht, dabei war das gar nicht seine Meinung. Zuallererst mal ist das eben ein Mythos, und der wird hier Aristophanes, dem Komödiendichter in den Mund gelegt, über den sich der Dialog eigentlich eher lustig macht.“

„Also, dass das Platons Meinung war, ist eher zu bezweifeln?“, fragte Nermin.

„Jupp.“ Amanda nahm einen Schluck Cola und biss von einem Börek ab.

„Schade“, meinte Katie. „Ich find‘ die Geschichte schön. Platon hatte eben keine Ahnung.“

Amanda und Nermin lachten. „Genau, so muss es sein!“, rief Amanda. „Aber was ist denn das andere alles, das mit dem dritten Auge? Da steht bei mir jemand auf der Leitung, glaube ich – ich habe überhaupt keine Idee.“

„Na, frag‘ mich mal“, meine Katie. „Aber bei mir ist das normal. Jetzt hast Du eine Idee, wie ich mich fühle. Addiere, dass jemand daneben sitzt, der Amanda heißt und grundsätzlich so gut wie fast alles weiß. Wie fühlt sich das an?“

„Beschissen, zugegebenermaßen“, grinste Amanda.

„Danke. Darauf sollten wir anstoßen.“ Sie erhob ihr Glas und stieß mit Amandas Cola an.

„Also ich kenne die Geschichte“, sagte Nermin, „Zugegebenermaßen kommt man aber nicht drauf, wenn man die Symbole nicht kennt.“

Katie setzte ihr Glas ab, blickte Nermin an und seufzte. „Na, das ist jetzt aber auch nichts Neues, das ist ja bei jedem Text so.“

„Das allerdings“, pflichtete ihr Amanda bei, „stimmt. Ich glaube aber, Nermin wollte nur die großer Überleitung zur Narration seines Wissens finden, und uns nicht die Struktur symbolischer Kommunikation eröffnen.“ Nermin lachte.

„Hä?“, machte Katie.

„Ich meine: Das waren nur so Füllwörter, mit denen Nermin einleiten wollte, was ihm so Tolles eingefallen ist“, wiederholte Amanda mit anderen Worten.

„Ach so.“

„Dann also, Nermin: medias in res!“

„Die schönste Liebesgeschichte der Welt“, sagte Nermin entschieden, „ist ohne Zweifel die Geschichte, wie Shiva Parvati heiratet.“

Amanda zog die Augenbrauen hoch und grinste in sich hinein. „Das, in der Tat, war nun medias in res. Vielleicht machst Du doch eine kurze, sachbezogene Einleitung, Nermin?“

„Danke, Mandy. Sonst hängt ihr mich nämlich schon beim ersten Satz ab. Weißt Du wovon er redet?“, fragte Katie

„Also, Shiva, das sagt mir natürlich was“, meinte Amanda, „aber die Geschichte kenne ich nicht. Ich nehme an, das ein drittes Auge und eine, die von den Bergen kommt, darin eine Rolle spielen?“

„Das hast du jetzt aber messerscharf geschlossen…!“ Nermin klopfte ihr im Spaß auf die Schulter.

„Danke. Ich weiß das Lob zu schätzen.“

„Aus der Hindu-Mythologie stammt die Geschichte, kennt ihr die tatsächlich nicht?“, fragte Nermin. Als die beiden den Kopf schüttelten, schenkte Nermin ihnen allen Cola nach und begann zu erzählen.

„Also. Shiva hatte eine Ehefrau, Sati“, begann Nermin zu erzählen, während sie sich vom Esstisch erhoben und zur Sitzgruppe hinübergingen, wo sich Katie und Amanda auf das Sofa setzten, und Nermin es sich auf dem Sessel bequem machte. Er war gerade an der Stelle von Parvatis Geburt, als es an der Tür klingelte. „Nanu“, fragte sich Katie laut. „Viertel vor eins, wer kommt den so spät?!“ Sie stand auf und ging zur Tür. Nach einigen Minuten kam sie zurück, einen durchgefrorenen Kevin im Schlepptau.

Kevin war zwei Stunden ziellos durch die Stadt gelaufen, zunächst darüber, dass seine Freunde, ihn so gemein behandelt hatten, dann darüber, dass niemand seinen Plan befolgt hatte, dann darüber, dass er sich überhaupt je auf diese blöden Texte eingelassen hatte, dann darüber, dass er so einen dämlichen Plan ausgearbeitet hatte, und schließlich darüber, dass er seine Freunde so gemein behandelt hatte. Und so stand er schließlich vor Katies Tür, weil Katie immer noch diejenige der drei war, mit der er am besten reden konnte, aber Katie war offensichtlich nicht alleine. Und so hatte er eine weitere Stunde im Dunkeln dem Stimmengewirr in Katies hell erleuchtetem Fenster gelauscht, bis er sich schließlich ein Herz gefasst und geklingelt hatte. Nun sah er also den Quell der Heiterkeit: keine Unbekannten, sondern Nermin und Amanda saßen dort – mit ihnen also hatte sich Katie so prächtig amüsiert. Kevin schnüffelte. Alles roch noch nach türkischen Essen. „Ist noch was zu essen da?“, fragte er ein wenig kleinlaut. Das war vielleicht nicht die beste Frage, um das Gespräch zu eröffnen, aber etwas Besseres fiel ihm nicht ein.

„Klar! Leg‘ doch erstmal ab, ich mach‘ Dir was warm“, sagte Katie. Kevin nickte. Es war nach zwei Stunden in der irgendwie dunklen Stadt so angenehm hell – und vor allem warm. „Wir waren gerade bei dem dritten Auge“, rief Katie aus der Küche. „Nermin erzählt gerade, woher die Geschichte kommt.“

„Ihr habt weitergemacht?“, fragte Kevin, der noch immer unschlüssig im Raum herumstand. „Warum? Ihr hattet doch keinen Grund.“

Katie kam mit etwas zu essen auf einem Teller wieder, den sie auf den Couchtisch stellte. Sie zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung, wir hatten grad ‘n Flow“, lachte sie. „Setz‘ Dich doch.

Kevin nahm endlich auf dem zweiten Sessel Platz. „Hallo“, sagte er, überflüssigerweise, zu Nermin und Amanda. „Warum habt ihr weitergemacht?“, wiederholte er. „Ich verstehe das nicht. Ihr habt doch nichts davon.“

„Naja“, meinte Amanda, „es soll ja doch fertig werden. Du willst es doch noch abgeben, oder?“

Sie haben tatsächlich trotzdem weitergemacht, nur für mich, dachte Kevin. Und ich Idiot… „Es tut mir leid“, sagte er.

„Macht nichts“, sagte Amanda. „Wir haben uns nur gefragt, was in Dich gefahren ist.“

Kevin antwortete nicht, sondern fragte stattdessen: „Wieso seid ihr mit dem Ganzen weitergekommen? Wieso ging gestern und vorhin nichts so richtig?“

„Weil“, sagte Nermin, „Dinge zu uns kommen, wenn sie zu uns kommen sollen. Wenn wir sie erzwingen wollen, passiert das Gegenteil.“

„Das klingt esoterisch“, erwiderte Kevin skeptisch.

Nermin lächelte und hob die Arme, wie um anzuzeigen, dass es Kevin überlassen sei, es zu glauben oder nicht. „Es ist so. Das gilt in der Freundschaft, das gilt in der Liebe – wo wir gerade bei dem Thema sind –, das gilt aber auch von Erkenntnissen: Wenn wir es forcieren, wird es uns verweigert. Und manchmal kommt es schließlich doch zu uns, wenn wir es schon aufgegeben hatten. Und so sollten wir auch Deine Texte lesen. Und war herauskommt, kommt heraus, was nicht, das nicht.“

„Hm-mmm“, machte Kevin. „Vielleicht. Was habt Ihr denn bis jetzt?“

Katie rekapitulierte noch einmal, was sie bislang zum Kugelmythos herausgefunden hatten und wo Nermin bei Shiva und Parvati stehengeblieben war. „Also, ich finde, wir machen Schluss für den Moment. Morgen machen wir weiter – vielleicht können wir einfach hier übernachten und den Rest beim Frühstück bereden? Sieh‘ mal, Kevin! Du hast unsere Langsamkeit beklagt, aber wenn wir so weitermachen, haben wir am Mittwoch schon alles wieder aufgeholt!“

„Du hast recht“, seufzte Kevin, „Und es war schon ziemlich scheiße von mir, mich darüber zu beklagen, dass Du krank warst, wo Du so viel für mich getan hast. Und es ja abgesehen von allem auch total viel Spaß macht.“

„Ach was“, sagte Amanda mit energischen Handbewegung und stand schnell auf, um ins Badezimmer zu verschwinden.

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge X,1: Die zwei Hälften der Kugel)

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„Gibt’s eigentlich Familienfotos.“ Amandas Worte waren eher eine beiläufige Bemerkung als eine echte Frage. Sie sog mit Kraft geräuschvoll den letzten Schluck Kaffee zwischen den Eiswürfeln ihres Iced Caffè Latte heraus.

„Familienfotos?“, fragte Nermin entgeistert.

„Ja, von Deiner Frau und Deinen Töchtern.“

„Ach so! Ja, aber ich musste alles zurücklassen.“

„Als Du mit 29 Deine Familie zurückließest?“

„Genau.“

„Hm-m…“ Amanda kaute auf ihrem Strohhalm herum und blickte, über ihr nur noch Eiswürfel enthaltendes Glas gebeugt zu Nermin hoch, ihn verschmitzt anblinzelnd. „Weil ein Buddha das eben so macht, Siddharta?“, fragte sie.

Nermin grinste. „Du hast es erkannt!“

„Im doppelten Sinne des Wortes?“, fragte Amanda herausfordernd zurück.

„Ein bisschen vielleicht tatsächlich auch im doppelten Sinne des Wortes, ja…“ Nermin zwinkerte ihr fröhlich zu. „Aber vor allem: Du hast die Geschichte erkannt – das meinte ich. Ich dachte, die Geschichte könnte Dir gefallen.“

Amanda lachte. Sie mochte gute Geschichtenerzähler.

 

„Was wird denn hier so fröhlich gelacht?“, fragte Katie und setzte ihre Tasche auf dem Tisch ab, um sich die Jacke auszuziehen.

„Ach, nichts“, erwiderte Amanda, immer noch lachend, „ich habe nur gerade Nermins hohe Kunst des Geschichtenerzählens entdecken dürfen.“

Katie deutete vielsagend mit dem Finger auf Nermin. „Neulich hat er schon gezeigt, wie begabt er im Vortragen von Gedichten ist“, sagte sie, nur halb scherzhaft, „Du gehörst auf die Bühne, da gibt’s nichts. – Kevin noch nicht da?“

Amanda seufzte. „Nein, aber ich kann auch drauf verzichten. Eigentlich wollte ich gar nicht kommen. Wenn der sich heute nochmal sowas leistet, gehe ich!“

Katie schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich weiß auch nicht, was den geritten hat… hm. Hoffentlich kein Dauerzustand.“ Sie zog, wie als abschließenden Kommentar, die Augenbrauen hoch.

„Ich weiß es auch nicht“, sagte Nermin. „Vielleicht ist es der Stress, weil er doch schon bald mit den Ergebnissen zu Herrn Ludwig muss. Auf der anderen Seite: Er bewegt sich auch ganz anders, ist auf einmal so dynamisch – als wäre da mehr Veränderung vor sich gegangen… da kommt er übrigens.“

Kevin hatte sein i-Pad und einen Stapel Notizen schon in der Hand, als er die Treppe hinaufkam. Katie nahm endlich ihre Tasche vom Tisch, auf den Kevin nun seine Unterlagen legte. Er stellte die Tasche ab, zog die Jacke aus, und setzte sich schließlich hin, ohne die Freunde auch nur eines Blickes gewürdigt zu haben; stattdessen began er augenblicklich, auf seinem iPad herumzutippen. Nach etwa zwei Minuten der Stille am Tisch, während der die Runde mit Faszination den offenbar vollständig transformierten Kevin beobachtete. Dieser erhob schließlich lasch eine Hand, um anzuzeigen, dass es noch dauern würde. „Ich bin gleich bei euch.“

Amanda verdrehte die Augen. Katie biss sich auf die Lippen und unterdrückte ein Grinsen. Nermin schaute ihn mit weitgeöffneten kugelrunden Augen an, wie man eine besonders seltsame Spezies bestaunt.

 

„So!“ Kevin war offenbar fertig mit was auch immer er getan hatte, und blickte nun mit geschäftsmäßigem Blick in die Runde. „Wir können beginnen. Wie ich das letzte Mal ankündigte, würde ich gerne heute weiterkommen und eine Doppelsitzung einlegen. Ich habe mir gedacht, wir kürzen das Gerede mal ab und verlesen einfach den nächsten Text. Wir hatten ja letztes Mal schon festgehalten, dass es da um Freundschaft ging, das sollte ja also genügen. Amanda, Du hattest schon längst angekündigt, dass Du uns eine Übersicht machst, ist die fertig?“

Amanda klappte vor Empörung die Kinnlade runter, und sie brauchte einige Bruchteile von Sekunden, um sich zu sammeln. „Sie ist in Arbeit“, sagte sie scharf. „Und übrigens hielte ich eine Diskussion insbesondere um die niederste Form der Freundschaft und ob sie als eine solche überhaupt zu bezeichnen ist für Dich doch nach wie vor für sehr lehrreich.“

Kevin ignorierte Amandas Worte und fuhr fort: „Ich denke, es geht hier um meine Sache, also sollte ich auch bestimmen, worüber zu reden ist.“

Nermin riss die Augen auf und kniff den Mund skeptisch zusammen. „Es sind hier aber durchaus noch andere Menschen mit am Tisch“, sagte er schließlich. „Menschen, die das alles übrigens freiwillig tun, aus Sympathie, aus Geselligkeit, aus Freundschaft eben. Und ich glaube nicht, dass alles, was wir über die Texte und um die behandelten Themen herum reden so wertlos ist…“

„Ja, ja“, sagte Kevin ungeduldig. „Aber vom Labern werden wir eben auch nicht fertig. Also, wer liest vor?“ Als sich keiner zu Wort meldete, fuhr er fort: „Gut, dann mache ich es eben selber. ‚Die zwei Hälften der Kugel. - Überschrift, jetzt Text: Die aus den Bergen Kommende war an Schönheit und Gelehrtheit vollkommen – doch alle Vollkommenheit reichte nicht, um den mit dem dritten Auge für sich zu gewinnen. Sie war doch für ihn bestimmt, für ihn allein! Nicht den Grund kennend, wusste sie doch zumindest so viel. Ein Weiser schließlich wies ihr den Weg: nur die Hitze konnte ihr den mit dem dritten Auge gewinnen. Die edle Hitze, nicht die der Schönheit und der Leidenschaft, brachte ihr Erkenntnis. Doch nur dank der unter der Hitze Leidenden konnte auch der mit dem dritten Auge zur Erkenntnis geführt werden: die aus den Bergen Kommende und er selbst, sie zusammen waren wie die Hälften einer Kugel mit vier Armen und vier Beinen.‘ Anmerkungen und Ideen dazu jemand?“

Amanda schüttelte stumm den Kopf, nicht weil ihr zu dem Text nichts einfiel, sondern weil sie weder fassen konnte, wie man einen solchen Text mit so wenig Emotion herunterleiern konnte, noch was hier überhaupt gerade mit Kevin vor sich ging. Sie kannte Kevin schon seit fast fünf Jahren, und so war er noch nie gewesen.

„Da geht es um Platon – den Mythos mit den Kugelwesen, aus dem ‚Gastmahl‘“, erklärte Katie strahlend. Wenigstens ihr Wissen wollte sie anbringen, wo sie schon mal gerade welches hatte – das passte irgendwie auch dazu, dass heute eh alles so verquer lief, dachte sie.

Amanda starrte sie mit offenem Mund an. „Woher kennst Du das?“, fragte sie schließlich verblüfft. Sollte Katie doch verborgene intellektuelle Neigungen haben? Manchmal wusste sie ja tatsächlich mehr, als sie zugeben wollte…

„Tja, da biste platt, was?“ Katie lachte. „Das war jetzt kein Kunststück. Als meine Freundin Samantha letztes Jahr geheiratet hat, wurde das verlesen. Das ist wohl so’n ganz beliebtes Ding bei Hochzeiten, bei Freien Trauungen jedenfalls.“

„Ach so“, sagte Amanda und schluckte. Warum war sie eigentlich enttäuscht, fragte sie sich selbst – musste Katie unbedingt etwas Intellektuelles an sich haben, damit sie einen Wert für sie hatte? Amanda schimpfte sich im Stillen für ihre Arroganz. Aber auch das hatte irgendwie etwas mit Arten der Freundschaft zu tun…

 

„So!“, verkündete Kevin unvermittelt, „Das Café schließt zwar erst in einer Stunde, aber ich habe mir überlegt, dass man doch hier nicht so konzentriert arbeiten kann – wir sollten jetzt also aufbrechen.“

„Zu mir jetzt etwa tatsächlich…?“, fragte Katie Amanda leise.

Amanda zuckte mit den Achseln. „Also, ich muss jetzt auch dringend ins Bett, insofern kommt es mir sehr zupass, wenn wir heute schon früher aufbrechen“, sagte sie und erhob sich. Kevin starrte sie mit offenem Mund an. „Du willst sicher auch nach Hause, oder, Katie?“, fragte Amanda und sammelte schnell ihre Sache zusammen.

Katie verstand den Wink und erwiderte: „Ja, ich möchte heute abend auf jeden Fall noch meine Bewerbung fertigmachen, mir ist das auch mehr als recht, wenn wir schon Schluss machen.“ Sie griff ihre Handtasche und warf sich die Jacke über den Unterarm. „Sollen wir?“

Kevin schluckte und sagte gar nichts. Nermin erhob sich als letzter der drei, streckte demonstrativ die Arme in den Höhe und gähnte. „Ich bin auch ziemlich müde. Wir sehen uns also morgen?“

„Klar“, erwiderten die beiden Frauen demonstrativ freundlich und winkten, als sie die Treppe hinunter verschwanden. „Also, die Lektion musste er jetzt mal bekommen“, sagte Amanda, als sie außer Sichtweite waren. Katie nickte lachend.

„Schreibst Du übrigens wirklich eine Bewerbung?“, fragte Amanda.

„Hm. Ja, nicht so richtig. Ich überlege noch…“, sagte Katie zögerlich. Amanda überlegte kurz, beschloss dann aber, dass es besser sei, jetzt nicht nachzufragen.

 

Das achte Buch (pdf-Version)

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Liebe LeserInnen,

hier die pdf-Version der 9. Folge: Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 9

Beste Grüße

Ann-Kristin Iwersen

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge IX,3: Das achte Buch)

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Amanda zog eine Augenbraue hoch und lächelte, klappte dann ihr Notebook zu. Dieser Schlingel, dachte sie. Bei etwas an Nermins Geschichte hatte es bei ihr geklingelt – nun wusste sie auch, wieso. Sie grinste immer noch still vor sich hin, als sie auf dem Flur vorm Spiegel noch einmal durch ihre Haare fuhr, die Handtasche griff und sich auf den Weg ins Café Cupola machte.

 

„Also“, sagte Kevin streng, „gestern haben wir so gut wie nichts geschafft, nachdem Katie und ich den Schlüssel zum Text geliefert haben. Das geht auf keinen Fall so weiter – wir haben schließlich etwas aufzuholen. Ich erwarte, dass wir heute mindestens diese Geschichte effizient zu Ende bearbeiten, um uns dann morgen schon dem nächsten zu widmen.“

„Hm…! Er entwickelt langsam doch Managementkompetenzen – unglaublich. Vielleicht war das der Zweck dieser komischen Texte“, murmelte Katie, zu Amanda herübergebeugt.

Amanda nickte, die Augenbrauen zusammengezogen. „Mh-m. Und ist dir auch schon aufgefallen, dass er sich jetzt bestimmt dreimal so schnell bewegt wie früher…?“

Am besten in einer Doppelsitzung“, fuhr Kevin fort, der so sehr mit seinem Generalplan beschäftigt war, dass er das Nebengespräch der beiden Freundinnen gar nicht wahrnahm. „Da Katie mal großmütig ihr Heim zur Verfügung gestellt hat, würde ich vorschlagen, dass wir uns hier treffen, und falls wir bis Ladenschluss nicht weit genug kommen sollten, gehen wir dann zu Katie und machen da weiter. Geht das?“

„Zu Befehl, Sir!“, sagte Katie und lachte. Als sie merkte, dass Kevin nicht wusste, was er von ihrem Lachen zu halten hatte, fügte sie hinzu: „Nee, nee, ist schon in Ordnung. Man kennt bloß den Ton nicht so von Dir, das ist es.“

„Ach so“, entgegnete Kevin steif. Es war seine erste Übung im Sich-Autorität verschaffen – mit den Ergebnissen wusste er noch nicht recht etwas anzufangen.

„Dann“, ergriff Nermin, der bisher mit einem gleichmütig wohlmeinenden Lächeln auf den Lippen geschwiegen hatte, das Wort, „sollten wir doch gleich medias in res gehen, wie du vorgeschlagen hast, Kevin. Aristoteles und die Freundschaft. Ihr hattet ja den Schlüssel geliefert, wir müssen also nur noch ausbuchstabieren und dann weiter überlegen, was man damit anfangen kann.“

„Genau“, fuhr Amanda fort und griff nach ihren Notizen. „Aristoteles‘ Nikomachische Ethik. Es ist so, dass Aristoteles…“ Amanda berichtete einiges zu Aristoteles, seinen ethischen Schriften und speziell zur Nikomachischen Ethik, doch Kevin war zu sehr damit beschäftigt, wie er binnen Bruchteilen von Sekunden vom Aspiranten auf den Generalsposten zum Gefreiten degradiert worden war. Oder hatte sein Plan einfach nur wunderbar funktioniert und wurde gerade eins zu eins umgesetzt? Ganz sicher war er sich da nicht. Führung war doch irgendwie eine unangenehm anstrengende und komplizierte Sache.

„…unterscheidet er drei Arten von Freundschaften, und genau die werden uns hier vorgeführt – Kevin? Hörst Du noch zu?“

„Wie? Was? Ja, klar.“

Amanda bedachte ihn mit einem abschätzigen Blick. „Du hast nicht zugehört.“

„Unterscheidet drei Arten von Freundschaften, und genau die werden uns hier vorgeführt, doch, doch, hab‘ schon zugehört.“

Amanda verzog skeptisch das Gesicht. „Hm. Gut, ich mach‘ einfach da weiter. Eigentlich gehen die Betrachtungen über die Freundschaft noch in Buch neun weiter, es gibt also zwei Bücher über die Freundschaft in der NE, acht und neun. Warum der Text nur nach dem achten Buch benannt ist, keine Ahnung. Vielleicht hätte es nicht so gut geklungen: ‚Das achte und neunte Buch‘. Andererseits ist es auch so, dass die wesentliche Unterscheidung, die hier verwendet wird, schon im achten Buch getroffen wird, insofern… hat es auch wieder seine Berechtigung. Wie schon in einigen der anderen Texte, habe ich auch hier das Gefühl, dass da nur ein eher oberflächlicher Gedanke von einem Autoren, also hier Aristoteles entliehen wird – da wird jetzt nicht in der Tiefe auf Freundschaft als Teil der Ethik eingegangen und so weiter. Nur die drei Freundschaftstypen in ihrer Hierarchisierung in ein irgendwie literatisches Textchen übertragen, sozusagen.“

„Kommst Du dann bitte zum Punkt?“, sagte Kevin nachdrücklich.

Amanda schaute ihn völlig perplex an; vor lauter Irritation verlor sie sogar ihre sonst so zuverlässige Schlagfertigkeit. Der neue Kevin wirkte auf sie wie grünes Kryptonit auf Superman. „Äh, ja…“, fuhr sie irritiert fort. „Drei Arten der Freundschaft: basierend auf Nutzen, Lust und Tugend. Vollkommen ist nur die Freundschaft, die zwischen guten und sich an Tugend ähnlichen Menschen besteht – die ist beständig, weil sie nicht bloß Mittel zum Zweck ist. So in a nutshell. Was ist bloß los mit Dir, Kevin?!“ Sie ließ ihre Zettel in den Schoß sinken.

„Was soll schon mit mir los sein? Ich denke, wir müssen zügig vorankommen.“

„Er übt“, erklärte Katie wohlwollend. „Für Ludwig.“

„Ich übe nicht, das geht hier um meine Sache, und da wir jetzt dank Dir so viel Zeit verloren haben, Mandy, sorge ich dafür, dass das aufgeholt wird.“

Amanda klappte die Kinnlade herunter, Katie verbarg ihre Augen mit der rechten Hand. „Ich korrigiere: Er müsste üben“, konstatierte sie resigniert. „Für Ludwig. Eine Menge.“

„Ich weiß wirklich nicht, was ihr habt“, setzte Kevin an, „Ich –“

„…denke, wir sollten ganz in deinem Sinne zur Sache zurückkommen“, sagte Nermin in dem ihm eigenen, sachlich-warmen Ton, „Es sind also die drei Typen von Freundschaft, die hier in diesem Text vorgestellt werden: Der erste Teil – Wirt und Schneider – ist die Freundschaft, die auf Nutzen beruht und mit dem Vorhandensein des Nutzens endet. Der zweite Teil – mit der Frau – ist die Freundschaft, die auf Lust beruht: in dem Moment, wo die Freundin nicht mehr unterhaltsam ist, ist auch die Freundschaft zu Ende. Der dritte Teil dann, ganz klar, ist die Freundschaft, die auf Tugend beruht. Sie wollen einander nur das Beste – eindeutig ein moralisch konnotierter Begriff – und darum besteht die Freundschaft dann auch ewig.“

„Das macht irgendwie total Sinn“, meinte Katie.

„Ja“, sagte Nermin, „das wäre jetzt halt für uns die Frage: Was fangen wir damit an?“

Das“, erwiderte Amanda, die gerade im Geiste den Einflussbereich des Kryptonits verließ, scharf, dabei Kevin fixierend „das ist allerdings nicht so schwer. Ich kann Katie da im ersten Zugriff nur zustimmen: Es macht Sinn. Ein sehr gutes Beispiel für den Typus der Freundschaft auf Basis des wechselseitigen Nutzens ist die zwischen Kevin und mir: Sobald sein Nutzen endet, bin ich auch nicht mehr viel wert. Mir stellt sich dann bei genauerem Nachdenken allerdings auch die Frage, ob das dann den Namen Freundschaft eigentlich verdient – da also müssten wir noch einmal genauer in die Begriffsklärung einsteigen…!“

„Und leider muss ich ergänzen“, fügte Katie mit einem leichten, spöttischen Lachen hinzu, „in diesem speziellen Fall frag‘ ich mich dann auch, ob da eigentlich von wechselseitigem Nutzen die Rede sein kann…“

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge IX,2: Das achte Buch)

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„Und…?“, fragte Amanda schließlich vorsichtig, als Nermin nicht aufhören wollte, unablässig die schon blanke Glasplatte des Tresens zu putzen.

„Und was?“, fragte Nermin zurück, ohne von seinem Tresen abzulassen.

„Und was treibt Dich um, dass Du – jetzt lass‘ doch endlich den blöden Tresen, das Glas ist gleich weggeputzt!“ Nermin unterbrach sein Wischen und blickte endlich zu Amanda auf, dann wieder auf den Tresen, zurück zu Amanda und wieder auf den Tresen. „Oh.“ Er warf das Tusch in ein Waschbecken hinter der Theke.

„Nun…?“

„Was denn? Alles wie immer.“

„Nichts wie immer. Nicht nur, dass du wie ein Idiot an deinem Tresen herumputzt, Du warst gestern so…“ Amanda suchte nach einem Wort, das irgendwie den Kern traf, aber nicht unangemessen ins Private eindrang. ‚Traurig‘, ‚düster‘ – das hätte es vielleicht am ehesten umschrieben, aber sie fand, dass das die Grenze dessen überschritt, was sie zu Nermin sagen konnte. „…so schlecht gelaunt“, schloss sie schließlich. Das war neutral.

„Hm, ja“, machte Nermin und rieb mit dem Daumen auf einem Wasserhahn herum. „Das ist alles gerade so unerquicklich.“

„Soll ich fragen, was unerquicklich ist?“, fragte Amanda.

„Nein“, sagte Nermin und grinste Amanda schräg an. „Ach! Wie soll ich das erklären: Kellnern hier ist nun auf Dauer wirklich kein Traum.“

„Das glaube ich gerne. Du hast ja auch mal gesagt, Du hast mal was anderes gemacht.“

„Ja, ich war Architekt.“

„In Bosnien?“

„Nein, ich habe einen bosnischen Namen, aber, ob Du es glaubst oder nicht: Ich bin eigentlich in Singapur geboren und aufgewachsen. Frag‘ jetzt nicht, wie meine Familie dahin kam. Mein Vater jedenfalls hatte ein großes Architekturbüro dort, mein Onkel war Bauingenieur. Ich bin dann auch Architekt geworden. Nicht, dass ich das nicht auch wollte – ich fand das einen sehr schönen Beruf.“

„Aber?“

„Wir waren enorm erfolgreich und auch enorm reich.“

„Für die meisten Menschen wäre das jetzt nicht unbedingt Grund zur Klage.“

Nermin lachte auf. „Ja! So ist das. Ich denke, es ist egal, ob man mit Glück oder Pech gesegnet ist, der Mensch beschwert sich immer.“

„Wohl wahr“, erwiderte Amanda, und lächelte still in sich hinein. „Wenn man eine schlechte Kindheit hat, beneidet man alle um ihre gute; hatte man die schönste Kindheit, die man sich vorstellen konnte, kann man darüber nur lachen: Denn während für die anderen alles nur bergauf gehen kann, geht es für einen selbst immer nur bergab – wie man es dreht und wendet, alles ist Verfall und Verlust.“

„Ja, alle Existenz ist an sich leidvoll“, nickte Nermin. Sie schwiegen eine Weile.

„Nun, aber – ihr wart reich und unglücklich – und dann?“, fragte Amanda schließlich weiter.

„Alles war wunderbar – als Kind meine ich. Ich habe in diesem Palast von einem Haus gelebt, hatte Privatlehrer, nur die beste Ausbildung… man hatte mir schon eine große Karriere prophezeit, entweder als Politiker oder als großer Gelehrter, stell‘ dir vor. Naja, ich habe dann einfach irgendwann eine Frau geheiratet und wir hatten sogar Kinder, zwei Mädchen, übrigens. Ich weiß auch nicht – ich habe ja auch studiert, aber… immer völlig abseits der wirklichen Welt. Ich war irgendwie „da draußen“, aber mitbekommen habe ich gar nichts. Man ist ja immer so in seiner Glocke… aber dann irgendwann, mit 29, da dachte ich: Du musst doch mal sehen, was da draußen eigentlich vor sich geht! Du kannst doch nicht dein Leben damit verbringen, auf einem Planeten zu leben, von dem du nichts, aber auch gar nichts weißt! Du musst doch wissen, worüber all diese Bücher, die du geschrieben hast, sprechen! Naja, und dann bin ich einfach gegangen, um mich umzuschauen, sozusagen. Überall Leid: Alter, Krankheit und Siechtum, Tod. Das war ein Schock, sage ich Dir.“

„Hm-m. Für mich klingt das zwar irgendwie ziemlich normal – aber ich verstehe es irgendwie schon. Die plötzliche Erkenntnis der Vergänglichkeit, des Todes, das ist… grausam.“ Sie dachte daran, wie sie als Kind den toten Johann gefunden hatte. 29 fand sie zwar ein spätes Alter für eine solche Erkenntnis, aber nun gut. Sie kannte ja die genaueren Umstände von Nermins Leben auch nicht. „Und dann?“

„Dachte ich, ich müsste mehr erfahren. Und eigentlich endet da die Geschichte, denn seitdem habe ich immer mehr erfahren, und gerade denke ich, ich habe genug erfahren.“

„Verstehe. Und nun ist die Frage: Was nun.“

„Genau. – Ach, da kommen unsere Beiden!“ Katie und Kevin kamen gerade durch die Glastür, beide freudestrahlend.

„Nanu – ihr strahlt ja so…!“, sagte Amanda, die beiden neugierig musternd.

„Ja!“, sagte Katie zufrieden. „Kevin und ich haben herausgefunden, worum’s in der Geschichte geht!“

„So ist es“, ergänzte Kevin. „Wir dachten, da muss es irgendwie um Freundschaft gehen, weil die da alle von Freunden reden. Zuerst habe ich dann ‚Buch 8 Freunde‘ gegoogelt, da kam nur Müll. Dann habe ich ‚Buch 8 Freundschaft‘ probiert, und –“

„– da kam primär erstmal: ‚Connie & Co. Band 8: Conni, Paul und die Sache mit der Freundschaft‘.“

„Da dachten wir: Das kann’s nicht sein.“

„Genau.“

„Aber dann war da auch so ein unattraktives graues Buch als Thumbnail abgebildet –“

„Da hab‘ ich gleich zu Kevin gesagt: Das ist ein Fachbuch, das könnte was sein.“

„Also hab‘ ich’s angeklickt, und das war dann so’n Buch aus dem GRIN-Verlag mit dem Titel: ‚Der Begriff der Freundschaft im VIII. und IX. Buch der Nikomachischen Ethik unter dem Aspekt der “Gemeinschaft” als Grundwert der Aristotelischen Ethik‘…“

„…und da waren wir uns schon fast sicher: Das ist so abgefahren, darum muss es gehen –“

„…und haben dann also mal nach der Niko- …Niko-maaa-mach-machischen Ethik gesucht, und siehe da: Buch 8 behandelt die Freundschaft, und offenbar gibt’s da auch verschiedene Arten von Freundschaft.“

„Drei Stück nämlich“, fügte Katie hinzu.

„Genau“, schloss Kevin, und die beiden schauten einander zufrieden an, um dann, wie auf Bestätigung wartend, Amanda und Nermin erwartungsvoll zu fixieren, die angesichts des Tempos und des eigenwilligen Erzählduktus‘ noch wie im Bann still zurückstarrten, als warteten sie ab, ob nicht doch noch weitere Kanonenschüsse fielen.

„Also, da war dann auch Ende der Fahnenstange der Erkenntnis“, setzte Katie hinzu. „Aber wir waren ganz zufrieden, ne, Kevin?!“ Kevin nickte und grinste breit.

„Ja“, sagte Nermin ruhig und lächelte ein bißchen in sich hinein, den Wasserhahn mit den Fingern malträtierend. „Dann müssen wir uns jetzt wohl um die Freundschaft kümmern“, sagte er, mit einem plötzlich ganz offenen Grinsen aufblickend. „Gehen wir nach oben?“

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge IX,1: Das achte Buch)

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„Anderthalb Wochen“, stöhnte Kevin, „anderthalb Wochen haben wir verloren! Ich habe keine Ahnung, wie wir das je aufholen sollen.“

„Ganz einfach“, antwortete Amanda, die sich die noch immer ziemlich rote Nase putzte, „Wir arbeiten länger und treffen und häufiger.“

„Warum musstest Du aber auch gerade jetzt krankwerden“, jammerte Kevin.

„Es tut mir leid. Aber irgendwie… ist es jetzt auch nicht so, dass ihr nicht ohne mich hättet weitermachen können!“ Amanda sortierte ihre Papiere auf dem Tisch.

„Wir haben uns ja auch bemüht“, sagte Katie, „aber ohne dich… flutschte das einfach nicht. Uns sind einfach keine Ideen gekommen, alles war irgendwie so fad…“ Kevin nickte zustimmend.

‚Kann es sein, dass sie mich einfach vermisst haben‘, dachte Amanda, verwarf dann aber den Gedanken wieder. Sicher war es ihnen nur darauf angekommen, schneller voranzukommen. „Keine Sorge, Kevin, wir bekommen das schon hin. Wir müssen einfach öfter und länger arbeiten“, wiederholte sie.

„Länger…?“, fragte Kevin entgeistert. „Wir arbeiten jedes Mal den ganzen Nachmittag bis das Café uns rausschmeißt. Wie willst Du da bitte noch länger arbeiten?“

„Wir könnten danach einfach bei mir weitermachen“, schlug Katie vor, die sich eigentlich immer freute, wenn sie Gäste hatte. Kevin bedachte sie mit einem strafenden Blick, der Amanda nicht entging.

„Also, wolltest Du nun bis 30. April alles fertig haben oder wir?!“

„Genau“, sagte Katie, und trat Kevin gegen das Schienbein. „Stell‘ Dich nicht so an, wir machen das ja hauptsächlich für Dich, da kannst Du jetzt auch mal ein bisschen Einsatz zeigen! Insbesondere, wenn Du Dir Mandy anschaust.“ Sie deutete auf Amanda, die gerade mit einem Anfall von Fließschnupfen kämpfte. „Nicht, dass Du uns noch ansteckst…!“

„Ich bin schon fast gesund“, kam es dumpf aus dem Taschentuch zurück. Katie zog zweifelnd eine Augenbraue hoch. „Gut, ich versuch‘ schon mal, den Anschluss zum letzten Mal wiederzufinden. Wir waren ja gerade beim Neid. Und dass uns der Text sagt, dass der Neid irgendwie schlimmer ist, als alle anderen Sünden, und die anderen aber durchwirkt. Da waren wir uns nicht einig, ob das stimmt – Nermin, nimm‘ Platz.“ Katie nahm ihre Jacke von dem vierten Sessel, damit sich Nermin hinsetzen konnte. Er sah müde aus. Die Arbeit im Café begann ihn mehr und mehr zu langweilen. Er war froh, dass es endlich wieder weiterging mit den Treffen – die letzten anderthalb Wochen waren entsetzlich öde gewesen.

„Genau“, sprang er in das Gespräch hinein, dessen Reste er, noch auf der Treppe, mitgehört hatte. „Ich hatte gemeint, dass zum Beispiel bei der Wollust eigentlich nicht die Rede davon sein kann, dass da der Neid ‚unterschlüpft‘ – ich finde, so im ersten Zugriff ist da kein innerer Zusammenhang, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass der Neid irgendwie in Form von Wollust auftritt. Nur als ein Beispiel, es lassen sich sicher auch noch andere finden.“

„Ich bin da ganz deiner Meinung“, erwiderte Amanda, „sagte ich ja auch schon letztes Mal. Ich habe aber – weil ich die letzten anderthalb Wochen viel Zeit zum Nachdenken hatte – mal überlegt, wie das eigentlich in diesen ganzen Rätseln so ist: In aller Regel haben wir da doch sehr konkrete Positionen zu den Themen bekommen, um die es ging: dass Streben nach Status und nach Geld immer ins Unglück führen; dass das Streben nach materiellen Güter mit ideellem Wert ins Unglück führt; dass Normalität und Wahnsinn relativ sind; dass man aber auch nicht Anderssein zum Grundprinzip erheben kann, weil es sich dann selbst ad absurdum führt; und jetzt, dass der Neid eine so starke Emotion ist, dass sie dem Schlechten auf der Welt zum Sieg über das Gute verhelfen kann, dass aber das Gute ja auch irgendwie sehr stark ist…“ Amanda machte eine kurze Pause, bevor sie weitersprach. „Also, wenn ich mir das so rekapituliere, merke ich, dass ich mir mit dieser letzten Geschichte wirklich noch nicht so ganz schlüssig bin – aber das wollte ich jetzt erstmal gar nicht sagen. Ich wollte darauf hinaus, dass diese ganzen Geschichten ja alle eine ziemlich klare Aussage haben – über die wir dann aber auch manchmal kontrovers diskutiert haben. Die entscheidende Frage für mich ist, ob diese Aussagen sich am Schluss zu einer Gesamtaussage fügen sollen oder nicht. Ob sie wirklich innerlich zusammengehören, aufeinander aufbauen. Da war Katies Hinweis neulich wichtig: Stammen die eigentlich alle vom selben Verfasser? Und ich hatte ja schon mal angerissen: Vielleicht sind es auch einfach nur Diskussionsgrundlagen, an denen man sich irgendwie ‚reiben‘ soll? Darum bin ich gerade dabei, mal eine Übersicht zu gestalten, was wir zu welcher Geschichte diskutiert haben, wo wir gelandet sind, und wie die einzelnen Geschichten zusammenhängen. Ich hoffe, dass ich sie nächstes Mal, spätestens übernächstes Mal zusammen habe. Das wäre auch für Dich dann eine Grundlage, die Du mitnehmen kannst – … Kevin?“ Kevin schaute verträumt in die Landschaft der Kuppel – seine Gedanken waren bei seinem Passat, der inzwischen bereits wieder autoähnliche Gestalt angenommen hatte. Noch nicht ganz einsatzbereit, aber bald, bald würde er damit durch die Landschaften fahren, mit seinem Grashüpfer. Gerade gestern hatte er in der Stadt – zum ersten Mal seit Jahren – ein baugleiches Modell gesehen; ein wenig verrostet, aber… smooth… „Kevin?!“ „Wie?“ Kevin schrak aus seinen Gedanken hoch. „Was hast Du gesagt? Ach so, ja, Liste, sehr gut, sehr gut.“

Amanda warf ihm einen missbilligenden Blick zu. „Wo bist Du bloß immer mit Deinen Gedanken in letzter Zeit?“

In letzter Zeit? Wir sehen uns heute das erste Mal seit zehn Tagen!“

„Stimmt; aber vorhin warst Du auch schon so abwesend.“

„Man muss ja auch nicht immer so sein, wie die Welt von einem verlangt.“

„…und also nicht Zuhören?“, fragte Amanda, verwirrt, weil sie den Zusammenhang nicht verstand.

„Nein, ach… vergiss‘ es“, erwiderte Kevin, der von etwas ganz anderem gesprochen hatte.

„Oh Gott, er redet in Zungen“, sagte Katie.

„Nein“, sagte Nermin mit einem leichten Lachen zu Katie, „er redet in Schafen.“

„In Schafen?“ Katie verstand nicht.

„Er meint“, erklärte Amanda, „Dass er mit anderen Dingen beschäftigt sind, die das Äquivalent dessen darstellen, was für mich die Schafe sind.“

„Ach so, er denkt an sein Auto, sag‘ das doch gleich…!“ Warum, fragte sich Katie, mussten nur alle immer in so seltsamen Wortwolken sprechen, die kein Menschen verstand?

„Eigentlich…“, setzte Nermin an, zögerte aber, fortzufahren.

„Eigentlich was?“, fragte Katie.

„Eigentlich“, ergänzte Amanda Nermins Satz, „geht es nicht um das Auto oder das Schaf. Es geht um die ganze Welt, die da dran hängt.“

„Hm“, machte Katie, und versuchte sich vorzustellen, was damit gemeint sein könnte. Schafe und Autos waren für sie gleichermaßen in und an sich selbst zu Ende. Schaf, Auto – eben das nicht mehr, nicht weniger. Vielleicht musste sie nach ihrem eigenen Schaf suchen. Sie überlegte, fand aber nichts. In ihrem Kopf stiegen nur Bilder von einem Schaf und einem Auto auf, an die jeweils hinten mit einem Seil eine wie ein Ballon schwebende Weltkugel angebunden war. Katie musste über dieses selten dämliche Bild lachen. Das war wohl kaum gemeint…!

„Zu diesem letzten Text“, sagte Amanda. „Was mir da Schwierigkeiten bereitet, ist diese Geschichte mit der Mitte und dem Extremismus.“

„Für die Mitte hatten wir uns auf die Aristotelische Mesotes geeinigt“, erinnerte sie Nermin. „aber weiter waren wir damit nicht gekommen.“

„Genau… ich finde das auch immer noch rätselhaft. So im Prinzips scheint es mir so zu sein: Die Allegorien der Todsünden sagen, das Gute – die weißen Flecken, auch ein komisches Bild, aber egal –“

„Find‘ ich nicht“, widersprach Nermin. „Das hat was damit zu tun, dass die Damen ja Territorium erobern wollen – und im Zuge der Entdeckungsfahrten ist es ja die Rede von weißen Flecken auf der Karte ziemlich gewöhnlich. Ich finde das eigentlich ganz passend und gelungen, dass dem ‚weiß‘ hier eine zusätzliche moralische Qualität verliehen wird und das mit den territorialen Eroberungen verbunden wird.“

„Naja, gelungen… eigentlich finde ich das ziemlich platt. Aber du hast recht, so ist das natürlich zu verstehen – also die bösen Frauen sagen, das Gute seien selbst auch Extremisten, obwohl sie sich doch die bösen Damen so schimpfen – also in ihrem Extremismus gleichen sie sich. Das stimmt ja auch, das ist ja irgendwie die Idee von Gut und Böse.“

„Da steckt aber vielleicht auch eine gewisse Ironie oder ein Sarkasmus dahinter: Die Guten denken immer von sich, dass sie ganz moderat sind, obwohl sie doch eigentlich regelrechte Extremisten sind“, meinte Nermin. „Irgendwie hat das ja auch was.“

„Und gleichzeitig kann man es auf einer anderen Ebene lesen: Im Aristotelischen Sinne verkörpert das Gute dann ja eben auch das Optimum, darin würden sich Extremismus und Mitte ja irgendwie treffen. Ja. So muss es sein… danke, Nermin. Irgendwie hatte ich das zwar schon so gesehen, aber in seinem Zusammenhang war mir das noch nicht klar.“

„Dann sollten wir jetzt vielleicht mit dem nächsten Text beginnen?“, schlug Nermin vor.

Das achte Buch.“, las Amanda. „Interessant, die siebte Extremistin und nun das achte Buch? Ob das ein Zufall ist?“ Sie sinnierte kurz, rief sich dann jedoch zur Ordnung. Es musste schnell und effizient gedacht werden, sie hatten schon genug Zeit verloren. „Naja, lesen wir erstmal weiter! – Ach, vielleicht kann doch jemand anders lesen? Meine Stimme versagt bald.“

„Kein Problem“, sagte Katie, „mach‘ ich gern. ‚Das achte Buch. ‚Er sagte, er sei mein Freund‘, klagte der Wirt, ,jahrelang hat er seine Kunden zum Warten auf einen Kaffee zu mir herübergeschickt, und wenn Kunden eine Empfehlung für einen Schneider brauchten, habe ich sie zu ihm geschickt. Aber nun plötzlich muss er selbst einen Kaffeeausschank aufmachen – aus ist’s mit der Freundschaft!‘ Absatz. ‚Früher‘, sagte die Frau missmutig, ‚was haben wir da gelacht! Was haben wir da für einen Blödsinn getrieben! Wie lustig war sie damals, und wie konnte ich sie umgekehrt zum Lachen bringen! Aber heute – ist mit ihr rein gar nichts mehr anzufangen, seitdem sie nur noch deprimiert zuhause herumsitzt. Wie schade, dass doch Freundschaften immer so enden müssen…‘ Absatz. ‚Unsere Freundschaft‘, sagte der Mann, ‚ist ewig. Wo auch immer er ist, was auch immer er tut – ich muss es nicht immer wissen, um zu wissen, dass er der Mensch bleibt, der er war. Und sehen wir uns wieder, wird immer alles so sein, wie es einst war. Denn auch ich wandle mich nicht in dem, was einzig wichtig ist. Auf ein ganzes Leben werden wir uns nie etwas anderes wollen als allein das Beste.‘ …hm. Da kommt ja nichts von Büchern vor“, nörgelte Katie, „Was soll denn dann der Titel?!“

„Also, mir ist das völlig klar“, erwiderte Amanda.

„Mir auch“, sagte Nermin.

„Mir nicht“, sagte Kevin. „Wollen wir jetzt ernsthaft noch weitermachen? Also hier ist gleich Feierabend, und wir werden rausgeschmissen. Und ich hätte eigentlich auch gerne Feierabend. Können wir uns nicht lieber einfach direkt morgen treffen und gegebenenfalls am Wochenende eine doppelte Schicht einlegen?“

„Ich bin auch irgendwie müde“, meinte Nermin. „Es war alles so anstrengend die letzte Woche und irgendwie…“ Er führte den Gedanken nicht zu Ende, sondern schob, wie in düstere Gedanken versinkend, sein Kinn nach vorne, während sein finsterer Blick den Brunnen an der Kuppelwand fixierte.

„Okay“, sagte Amanda, die Nermin genau beobachtete, aber nichts dazu sagen wollte. „Dann einfach morgen.“

 

Die siebte Extremistin (pdf-Version)

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Liebe LeserInnen,

da habe ich es doch glatt am Freitag vergessen… hier die pdf-Version: Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 8

Aus gesundheitlichen Gründen folgt Folge 9 mit zeitlicher Verzögerung.

Ihre

Ann-Kristin Iwersen

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge VIII,3: Die siebte Extremistin)

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„Also, mir erschließt sich das nicht“, sagte Kevin missmutig. „Ich habe überlegt und überlegt, aber ich bekomme immer weniger einen Gesamtsinn in diesen Text – und in die Reihe übrigens auch nicht. Aber egal – was soll das jetzt wieder mit den Frauen? Okay, ich hab‘ schon verstanden, die sieben Frauen sind die sieben Todsünden, die giftgrüne ist der Neid. Zugegebenermaßen war das auch eigentlich wirklich nicht so schwer.“

„Wenn man auf die Idee gekommen ist“, merkte Katie an. Sie fand es meistens nicht besonders schwer, etwas nachzuvollziehen, was ihr Amanda und Nermin erläuterten – das Problem war eher, von selber auf die abstrusen Ideen zu kommen.

„Gut.“ Amanda verschränkte die Arme vor der Brust und blickte konzentriert auf ihr Blatt mit Notizen. „Fangen wir mit der Kleidung an: Wie Du, Kevin, ganz richtig gesagt hast, das giftgrüne Kleid sagt uns, die Frau ist Invidia, der Neid. Wie wir eben sagen: grün vor Neid und so weiter. Aber was bedeutet jetzt das Ganze mit der Verkleidung. Die anderen Frauen beschweren sich ja über ihr ‚Outfit‘, aber sie hat ja ein Gegenargument. Habt ihr das verstanden?“

„Nein“, sagte Katie. „Ich habe zum Beispiel nicht verstanden, was es heißen soll, dass sie unter fremde Röcke schlüpft. Ich denke, dass die anderen sich verkleiden soll heißen, sie kommen so harmlos daher oder verbergen sich hinter Schönerem. Zum Beispiel Habgier. Das kann man ja auch ganz gut verbergen und sich einfach so geben, als wäre man eben so ganz erfolgreich im Leben oder so. Wollust kann man jetzt auch positiv umdefinieren. Nur Neid, der kommt immer so daher, da kann man nix schönreden. Nur kapier‘ ich dann nicht, warum es heißt, dass sich die mit dem grünen Kleid unter den Rockschößen der anderen versteckt.“

„Im Prinzip denke ich, hast Du die Grundidee doch schon raus, Katie – und das mit den Röcken –“

„Würd‘ ich jetzt so verstehen“, sagte Kevin plötzlich, als wäre ihm jetzt gerade ein Geistesblitz gekommen, „dass der Neid all die anderen Sünden irgendwie geradezu durchdringt, in sie hineinwirkt. Das ist ja doch auch oft so. Zum Beispiel bei der Habgier.“

„Ich denke auch, dass das so gemeint sein muss“, bemerkte Nermin mit einem Stirnrunzeln, „aber ob das so stimmt… ich weiß nicht. Wo in der Wollst zum Beispiel soll den der Neid auftreten?“

Amanda schüttelte den Kopf. „Finde ich auch seltsam. Aber so oder so ähnlich muss das wohl gedacht werden, dass quasi der Neid die schlimmste aller Todsünden sind. Es gibt dazu übrigens auch ein Buch, ein Essay, von Joseph Epstein. ‚Der Neid. Die böseste Todsünde.‘ Wenn ich mich recht erinnere, argumentiert er darin so ähnlich: dass die Todsünden einander durchwirkten. Aber das heißt ja nicht, dass das auch stimmt. Aber unser Text sagt ja auch, dass der Neid sich auch in Kleidern ganz anderer versteckt, und das hat ja schon wieder was. Denn Neid kommt ja tatsächlich in nicht immer als Neid daher, sondern tarnt sich oft. Ich weiß nur nicht, ob immer im GewandeEgal, jedenfalls ist es so, dass unser Text ja weitergeht mit der ‚Enttarnung‘ der Invidia: ‚ Und enttarnt man mich, so sei’s drum; meine hässliche Fratze kann ich freilich dann nicht mehr verbergen, doch mein Gift hat längst seine Wirkung getan.‘ Und das heißt dann wohl: Wenn man gemerkt hat, dass jemand aus Neid handelt, ist es eigentlich schon zu spät. Andere Meinungen?“

Die anderen schüttelten den Kopf. „Wobei man auch darüber trefflich streiten könnte“, meinte Nermin. „Mir ist das alles ein wenig zu apodiktisch, aber nun gut.“ Er legte nachdenklich den gekrümmten Zeigefinger über die Lippen und rieb ihn hin und her. „Das weiße Territorium, das ist wohl das Gute in der Welt, das sie mit vereinten Kräften vernichten wollen, oder? Und das Gute ist, finden sie, leider, leider, so stark, dass sie da alleine nicht gegen ankommen. Der Neid ist so mächtig, dass er mehr bewirkt als all die anderen Todsünden.“

Katie nickte. „Ja, das verstehe ich. Also, dass der Text das meint. Ob das stimmt, weiß ich auch nicht. Aber das ist hier halt so der Kampf von Gut und Böse, ne. Und übrigens, da ist der Zusammenhang zu dem, was wir vorher hatten, guckt mal: Die scheinbar so moderaten weißen Flecken schimpften sie Extremistinnen, Terroristinnen – doch war es nicht bloße Selbstverteidigung? Mussten sie nicht selbst ihre Vernichtung befürchten? Waren nicht die weißen Flecken wahrhafte Extremisten, ganz so wie sie selbst? Hier gab es keinen Mittelweg – nur Töten oder Sterben. Zum Teufel mit der Mitte!‘ – diese ganze Geschichte mit dem Extremismus und der Mitte spielt doch wieder auf Normalität und Unterschiede und so an.“

„Ach so…“, machte Kevin.

Amanda verzog nachdenklich ihr Gesicht. „Hm-m. Ja, auf jeden Fall. Ich glaube aber, Mitte hat hier noch eine andere Bedeutung. Es hat etwas mit der Mitte als Optimum, dem ‚Ort‘ des ethisch richtigen Handelns zu tun.“

„Aber Mitte ist doch irgendwie immer ein Kompromiss“, befand Katie abfällig. „Das kann doch nicht das moralisch Hochwertigste sein!“

„Naja“, erklärte Amanda, „Aristoteles war da anderer Meinung. In seiner Mesoteslehre geht es genau darum. Die mesotes – das heißt ‚Mitte‘ – ist das Ziel, der Orientierungspunkt, wenn man das moralische Optimum treffen will. Hatten wir da nicht auch schon mal drüber gesprochen? Hab‘ ich jetzt vergessen. Aber ich denke, das spielt hier auf jeden Fall auch eine Rolle.“

„Na schön“, seuftze Kevin und schaute auf sein Handy, um die Uhrzeit abzulesen. „Wir haben also wieder einen ganzen Nachmittag rumgebracht und in drei Sitzungen vermeintlich eine Geschichte gelöst, auch wenn mir natürlich mal wieder die Details alle unklar geblieben sind. Aber was haben wir denn jetzt wirklich? Ich sehe da immer noch keine gerade Linie. Warum zum Beispiel kommen hier jetzt plötzlich wieder Gefühle, wo wir doch gerade vorher bei so abstrakten Sachen wie Normalität und Differenz und Identität waren!?“

„Vielleicht“, warf Nermin ein, „sind ja Normalität und Differenz gar nicht so abstrakt? Das hat ja doch auch eine ganze Menge mit Neid zu tun – so als Beispiel?“

Kevin zuckte mit den Achseln. „Hm-m. Mag sein.“

„Ich weiß es ja auch nicht wirklich, Kevin“, erwiderte Amanda. „Aber irgendwie… habe ich doch das Gefühl, es geht irgendwie …vorwärts. Ich kann nicht so genau sagen, wohin, aber …das ist so eine gefühlte Vorwärtsbewegung!“

Kevin zog die Augenbrauen hoch. „Gefühlte Vorwärtsbewegung. So, so. Na, wenn du meinst, Mandy.“

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge VIII,2: Die siebte Extremistin)

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Es herrschte schon ein bisschen Ratlosigkeit in der Runde, nachdem keinem der Freunde eine zündende Idee zu Der siebten Extremistin gekommen war. Und da so niemandem recht etwas Kluges einfallen wollte, geschah, was an solchen Stellen immer geschah: Man spricht über alles Mögliche, nur nicht über das leidige Thema, das es zu bearbeiten gilt – wobei man sich meist jedoch umso prächtiger amüsiert.

Kevin hatte von seinem Passat-Abenteuer berichtet; er kam mit seiner Arbeit gut voran und war sehr zufrieden, dass das Auto nach all den Jahrzehnten noch so vergleichsweise gut in Schuss war, jedenfalls, was die Karosserie anbelangte. Ansonsten brachte er einen Großteil seiner Zeit damit zu, Ersatzteile zu besorgen, was nicht immer ganz einfach war. Auch kam er beim Basteln bisweilen ins Stocken. Zwar kannte er sich mit Autos und mit Motoren ziemlich gut aus, allerdings nur rein theoretisch. Er hatte eben noch nie wirklich ein Auto repariert, wenn es um größere Arbeit ging – geschweige denn einen Wagen komplett restauriert. Glücklicherweise hatte er über ein Internetforum schnell Hilfe bei einer Werkstatt gefunden, die sich auf die Restauration von Oldtimern spezialisiert hatten. Im Nu hatte sich Kevin mit dem Sohn des Besitzers angefreundet und einen Mitstreiter für sein Projekt gefunden, auch wenn dieser nicht wirklich verstand, warum man gerade einen alten VW Passat restaurieren musste – ebenso wenig wie Amanda.

„Einen 55er Thunderbird, ja…! Meinetwegen auch ein 1981er Lincoln Towncar. Alles okay. Aber einen VW Passat?! Der gehört ins Grab zu den stieseligen, urdeutschen Rentnern, die ihn fahren.“

„Das stimmt doch gar nicht – weißt Du, wieviele Leute VW fahren.“

„Ja: zu viele. Insbesondere diesen schrecklichen Passat – nur zu toppen durch Opel.“

„Den Golf finde ich ganz chic“, warf Katie ein, die zu dem Thema ansonsten wenig beizutragen hatte.

„Spießig. Entsetzlich.“

„Naja, das stimmt schon, irgendwie“, meinte Nermin, „Wer VWs – abgesehen von dem Beetle – ernsthaft für die Idealform des Automobils hält, ist wahrscheinlich schon ein bisschen zum Gähnen, menschlich gesehen. Man muss aber zugeben: VWs sind solide. Manch einer fährt ihn auch bloß, weil er sich nichts Neues oder Schöneres leisten kann und weil man sich ja doch irgendwie fortbewegen muss, über größere Distanzen…“ Er dachte, ein wenig verschämt, an den Golf II, der vor seiner Haustür stand.

„Ich für meinen Teil“, hielt Amanda fest, „kann überhaupt nicht begreifen, wie jemand auf die Idee kommt, eine VW Passat zu restaurieren!“

„Och“, meinte Kevin achselzuckend, „ich fand den schon als Kind so toll – die Form, die klaren Linien… und dieses Grün! Wenn man ihn auf Gras parkte, sah er wirklich aus wie ein Grashüpfer. Und wenn ich mit Oma und Opa darin gefahren bin, hat mir immer dieser Geruch des Kunstleders so gefallen – so ganz unbeschreiblich… ganz intensiv, wenn sich der Bezug im Sommer in der Sonne tüchtig aufheizte. Ich glaube, das fand niemand toll, außer mir.“

„Das glaube ich gern“, sagte Amanda verächtlich. „Das stinkt doch wie die Pest.“

„Es ist sein Schaf“, sagte Nermin ruhig, und schaute Amanda direkt in die Augen. Sie wich dem Blick aus, indem sie nach unten schaute, und sagte nichts mehr. Sie ärgerte sich über Nermin, weil er sie ertappt hatte, und nachdem dieser Ärger verflogen war, ärgerte sie sich über sich selbst. Wieso war sie nur manchmal so ungerecht? Sie war ja auch nicht besser als alle anderen! Vielleicht, dachte sie, weil ich mir nicht vorstellen will, dass jemand anderes auch Schafe in seiner Erinnerung hütet.

Da die Stimmung plötzlich sehr betreten war, beschloss Nermin, dass es an der Zeit war, das Thema zu wechseln. „Ich habe gerade Wilhelm Busch entdeckt“, verkündete er stolz.

„Max und Moritz?“, fragte Katie, weil es das einzige Buch von Busch war, das sie kannte.

„Nein, nein“, entgegnete Nermin und zog einen Band aus der Tasche. Amanda griff nach dem Buch und drehte es in Nermins Hand so, dass sie den Titel lesen konnte. Kritik des Herzens, stand auf dem Deckel.

„Davon habe ich nie gehört“, sagte Amanda. „Aber eigentlich kenne ich mich auch nicht so gut aus mit Busch. Mein Vater zitiert immer gerne, im übertragenden Sinne, „die dadurch entstandne Leere/ füllt er an der Regenröhre“, das ist aus Abenteuer eines Junggesellen, und da geht es eigentlich um Weinpanscherei. Ansonsten kenne ich auch noch die Fromme Helene, aber gelesen habe ich die nie; aber sie steht bei mir im Regal – vielleicht sollte ich mal…“ Sie unterbrach sich, und war in Gedanken offenbar beim Entlangstreifen an den Regalmetern, auf der Suche nach ungelesenen, nun aber dringend auf die Leseagenda gehörenden Exemplaren.

„Dies hier“, Nermin klopfte mit der flachen Hand auf den Buchdeckel, „ist eines von Buschs am meisten unterschätzten Werken. Kam bei den Zeitgenossen nicht gut an, unter anderem, weil es ziemlich explizit und obszön zugeht. Aber das ist wirklich ein Fundus! Hört Euch das mal an“ – er schlug das Buch an einer Stelle auf, die mit einem abgerissenen Stück kariertem Papier markiert war – „Es geht um Neid. Also, das ist wirklich genial erzählt, ich lese das jetzt mal vor:

‚Mein kleinster Fehler ist der Neid.

Aufrichtigkeit, Bescheidenheit,

Dienstfertigkeit und Frömmigkeit,

Obschon es herrlich schöne Gaben,

Die gönn’ ich allen, die sie haben.

Nur wenn ich sehe, daß der Schlechte

Das kriegt, was ich gern selber möchte;

Nur wenn ich leider in der Nähe

So viele böse Menschen sehe

Und wenn ich dann so oft bemerke,

Wie sie durch sittenlose Werke

Den lasterhaften Leib ergötzen,

Das freilich tut mich tief verletzen.

Sonst, wie gesagt, bin ich hienieden,

Gott Lob und Dank, so recht zufrieden.‘

 

Und? Gut?“

Das Lachen und der kleine Applaus für seine Lesung gaben seinem Urteil recht. „Das Gedicht ist schon nicht schlecht“, sagte Katie, „aber vor allem bist Du ein genialer Vortragender. Du solltest das professionell machen.“

„Finde ich auch“, sagte Amanda. „Und du hast auch so viel erlebt und weißt so vieles, das solltest du den Menschen mitgeben!“

„Ach“, machte Nermin und zuckte mit den Achseln. „Ich weiß nicht. Die heutigen Generationen erfreuen sich doch an allzu Weltlichem. Es ist doch gerade für solche Menschen schwer, die Wahrheit zu erkennen, die Bedingungen, die Abhängigkeiten, dass man alle diese Abhängigkeiten gehen lassen muss, um Freiheit zu erlangen… Wenn ich meine ‚Lehren‘ verbreiten wollte, würden mich andere nicht verstehen, und das wäre ermüdend und lästig für mich. Wozu soll ich mich damit beschweren…“

Katie und Kevin schauten einander verdutzt an, und schauten dann auf Amanda, als würden sie dort eine Erläuterung erwarten. „Also, ich versteh‘ gar nicht, wovon Du jetzt redest“, sagte Kevin langsam und schüttelte den Kopf, noch immer Amanda fixierend.

Nermin lächelte und schaute auf die gespreizten Finger seiner Hände, die er auf seinen Oberschenkeln abgelegt hatte, wie er es gerne tat.

„Ich verstehe das schon, denke ich“, sagte Amanda, etwas zögerlich. „Und ich denke… schlußendlich wirst Du es doch tun, nicht wahr? Irgendwann?“

Nermin schaute Amanda an und grinst breit. „Vielleicht, ja!“, lachte er. Er erhob sich. „Ich hole noch einen Kaffee, bin gleich wieder da.“ Als er fort war, beugte sich Katie zu Amanda vor: „Wovon zum Teufel hat der jetzt gerade gesprochen? Oder hast Du das kapiert, Kevin?“ Kevin schüttelte lachend den Kopf. „Nä! Beim besten Willen nicht!“

Amanda lehnte sich zurück. „Ja, das wundert mich nicht“, sagte sie.

„Schön. Wir erweisen uns wieder einmal als omni-inkompetent. Okay. Aber verrätst Du uns jetzt auch, worum’s gerade ging?!“

„Buddha“, sagte Amanda nüchtern.

„Buddha?“

„Buddha. Er hat ziemlich frei aus dem Mahavagga, einer Schrift aus dem Pali-Kanon, zitiert. Darin erklärt Buddha, warum er seine Lehre eigentlich lieber nicht verbreiten will. Nämlich weil er fürchtet, dass es doch ziemlich ungemütlich ist, wenn man dabei nicht verstanden wird, was er für wahrscheinlich hält. Recht hat er.“

„Das hat Buddha gesagt?!“, fragte Katie ungläubig.

„So sagt es uns das Mahavagga aus dem Pali-Kanon“, wiederholte Amanda, genüsslich sich an ihrer Dozententätigkeit labend. „Und der Pali-Kanon“, fügte sie hinzu, „ist auch kein mehrstimmiges Musikstück, sondern eine mittelindische Sammlung von Buddhas Lehrreden, verfasst auf Pali, einer mittelindischen Sprache, daher der Name.“

„Aaaah“, machten Katie und Kevin zeitgleich, wobei schwer auszumachen war, ob es ein interessiertes Aaaah war oder bloß ein Interesse vorgebendes. Nermin kam mit dem Kaffee zurück, und setzte das Gespräch dort fort, wo er in seinem Busch-Fluss unterbrochen worden war, das Buch von Wilhelm Busch zu Amanda hinüberschiebend. „Ich finde es wirklich ganz toll, wie hier der Neid quasi vorgeführt wird“, sagte er und begann seine Interpretation vorzutragen. Nach zwei Sätzen hatten alle abgeschaltet, Katie und Kevin, weil es sie ohnehin eher um der kurzen Belustigung denn um einer tiefergehenden Analyse willen interessierte, und Amanda, weil ihr Blick von etwas gefesselt war: Das Buch lag auf dem aktuellen Text, sie schob es ein Stück zur Seite und sich blickte beständig vom einen Text zum anderen.

„…hier der Neid geradezu performativ, als ein Spiel, ein Spiel des Neides im Vollzug!“, beschloss Nermin seine Interpretation auf dem Zenit ihrer sprachlichen Vakuumierung. Katie und Kevin nickten brav. „Amanda?“, fragte Nermin. „Amanda?“ „Was?“ Amanda schreckte hoch. „Oh. Ja. Jaja… – ich hab’s!  Ich verstehe gar nicht, dass ich nicht vorher drauf gekommen bin, sondern erst durch das Gedicht… das giftgrüne Kleid! Die sieben Frauen! Fällt Euch da nichts auf? Da waren wir doch schon mal bei!“

Invidia“, sagte Nermin mit tonloser Stimme. „Natürlich.“

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge VIII,1: Die siebte Extremistin)

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„Ich verstehe nicht, was Du nicht verstehst“, sagte Amanda halsstarrig. „Es ist doch alles sonnenklar.“

„So.“ Kevin verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir labern und labern und labern, Woche um Woche. Am Anfang haben wir gesagt: Das sind Rätsel, die gelöst werden müssen. Aber lösen tun wir gar nichts. Wir labern bloß.“

Katie nickte beifällig. „Ich seh‘ auch kein Fortschritt. Ich bin noch so klug wie zuvor. So dumm, meine ich.“

„Danke. Ich wollt‘ schon gerade sagen“, bemerkte Amanda trocken. „Aber ich habe euch doch schon am Anfang gesagt, ein Ergebnis muss doch nicht heißen, dass wir einen Lösungssatz rausfinden oder so. Es ist ja kein Kreuzworträtsel! Vielleicht…“

„…müssen wir uns dem auch annähern, jaja, hast du tausendmal gesagt. Aber wir nähern uns nicht an, wir produzieren nur noch mehr Chaos. Wir haben wirklich über tausend Dinge gesprochen, und alles ist bei mir durcheinander, alles ist so…“

„Komplex“, vervollständigte Amanda Katies Satz. „Ja, natürlich ist es komplex, es geht um die Sphäre des Menschlichen – die ist nun mal komplex.“

„Die Sphäre des Menschlichen“, stöhnte Kevin, „wie das schon klingt. Fakt ist: Was soll ich dem Ludwig erzählen, wenn ich hingehe: Wir haben uns wochenlang bestens unterhalten?“

„Naja, bestens…?“, bemerkte Katie zweifelnd.

„Na, du weißt, was ich meine.“

„Schade, dass Nermin erst später dazu kommt, er hätte jetzt sicher etwas Kluges sagen können… – Ich weiß eigentlich nicht, wie ich euch noch erklären soll, dass das schon alles Sinn macht, was wir hier veranstalten.“ Amanda dachte an Johann und die Schafe – ja, es machte Sinn, dass sie hier seit Wochen mit diesen beiden traurigen Gestalten herumsaß. Sie dachte an Nermin, mit dem sie sonst vermutlich kaum je ein Wort jenseits der Bestellung und Bezahlung eines Kaffees gewechselt hatte. Ja, sogar wenn Kevin den Job nicht bekam, wenn sie überhaupt nie den Sinn, Zweck und Ursprung dieses rätselhaften Textes herausfänden: Sie hatte ihre Zeit nicht vergeudet, nicht im Entferntesten. „Ich weiß nicht, ob es irgendwie noch eine ‚Lösung‘ gibt, wie ihr sie euch vorstellt – ich weiß es einfach nicht! Wir können nicht mehr tun, als dass wir sammeln. Und wenn wir nicht mehr finden als das, gut, gehst Du halt hin, Kevin, und sagst: Ich habe mich mit zwei Freunden hingesetzt und mir die Texte angeschaut, wir sind der Meinung, in dem ersten Text geht es um… und das hängt so und so zusammen… blabla.“

„Und was soll das bringen?“

„Was, wenn er genau das hören will?“

„Hmmm… kann ich mir nicht vorstellen, der Typ ist ja ziemlich – straight. Also, auf Gelaber steht der nicht so, denk‘ ich mal.“

Amanda seufzte. „Okay, aber ich widerhole mich: Fällt dir was Besseres ein?“

Kevin verzog den Mund. „Nein“, gab er schließlich kleinlaut zu. „Aber dann lass‘ uns wenigstens nochmal sagen, was wir jetzt herausgefunden haben. Was würdest Du ihm jetzt erzählen?“

Amanda holte tief Luft und griff dann zu ihren Aufzeichnungen, die sie noch einmal kursorisch durchsah.

„Ich würde sagen: Am Anfang wird das Thema kulturelle Differenz und kulturelle Universalien entfaltet, das weist auf den Stellenwert hin, wenn es gleich am Anfang exponiert wird. Und tatsächlich: Immer wieder gibt es Hinweise auf andere kulturelle Kontexte und so weiter. Darum scheint es dem Verfasser irgendwie – auch – zu gehen.“

„Woher wissen wir eigentlich“, fragte Katie sinnierend, „dass es ein Verfasser ist? Und nicht eine Verfasserin? Oder vielleicht mehrere Verfasser?“

Amanda hielt kurz inne und zog die Augenbrauen zusammen. „Stimmt“, gab sie zu, „strenggenommen wissen wir das nicht! Ich denke, ob Mann oder Frau ist ziemlich wurscht. Ob es mehrere, verschiedene Verfasser sein könnten…? Hm. Die Texte sind natürlich ziemlich heterogen. Aber sie sind irgendwie sinnvoll geordnet und passen zueinander – behaupte ich. Es könnte natürlich auch sein, dass es einfach nur einen Kompilator gegeben hat, der das irgendwie sinnig zusammengestellt hat. – Nein, die Frage können wir wohl tatsächlich nicht beantworten. Kann ich trotzdem weitermachen?“

„Gerne“, erwiderte Katie und machte eine fahrige Handbewegung. „War sowieso nur so’n komischer Gedanke.“

„Naja…“, begann Amanda, und tat sich schwer, ihren Gedanken auszusprechen. „Aber kein dummer Gedanke“, murmelte sie schließlich, bevor sie laut und klar fortfuhr: „Gut, das vielleicht so als Rahmen. Dann würde ich im Durchgang die Geschichten und ihre Themen kurz vorstellen: Das wir zunächst über Habgier nach materiellen Gütern in seinen verschiedenen Formen gelesen haben; da schien die Schlussforgerung zu lauten: Streben nach materiellem Besitz führt immer ins Unglück – mal platt gesagt – und auch, wenn wir an materiellen Dinge aus ideellen Gründen hängen, kann das noch verdammt verhängnisvoll sein. Dann ging es um den Themenkomplex Wahnsinn – Normalität – Durchschnitt – Identität; die Quintessenz dieses ganzen Blocks scheint mir zu sein: Da gibt es keine festen Grenzen – was wahnsinnig und was gesund, wird definiert über die kulturell determinierten Ansprüche an das Individuum, dessen Übereinstimmung mit dem ‚Kodex‘ seiner Kultur. Dabei ist es eigentlich so, dass jeder Mensch ganz individuell ist und nur als Individuum betrachtet werden kann, er ist an und für sich aber nie normal oder annormal. Trotzdem gibt es irgendwie so einen Anspruch der Gesellschaft, oder von Teilen der Gesellschaft, dass alle gleich sein sollen. Das kann man nur erreichen, indem man sie zwangsweise ‚gleichmacht‘, das ist ein gewaltsamer Akt, nach unseren Texten, und nicht positiv konnotiert. Trotzdem sagen die Texte auch: Man kann nicht bloß einfach Devianz kultivieren: Man wird darin irgendwie auch wieder zur Masse. Und schlussendlich – Identität ist nie etwas Fixes, es ist immer im Fluss. – Son ungefähr würde ich es erzählen.“

Katie schaute sie staunend an, und ihre staunenden Augen wanderten dann weiter zu Nermin, der gerade die Treppe heraufgekommen war, die Schürze ablegte und Katies staunenden Blick mit einem fröhlichen Lächeln beantwortete.

„Hier muss es ja sehr Erstaunliches zu hören geben“, sagte er, während er sich einen vierten Sessel heranzog und sich dann setzte.

„Ich hab‘ gerade so gedacht, als du das erzählt hast, Mandy“, erklärte Katie, ein wenig verlegen, ihren Gesichtsausdruck, „dass ich das nie so hätte sagen können. Ich habe nie gemerkt, dass es darum ging. Also – jedenfalls nicht so. Haben wir das echt so rausgefunden?“, wandte sie sich zweifelnd an Kevin. Nermin lachte.

Kevin zuckte mit den Achseln. „Ich denke. Also: wahrscheinlich ist das so. Schon weil Mandy immer recht hat. Aber ich hätt’s halt auch nicht so formulieren können… Und was“, fragte er nun Amanda, „denkst Du, soll das so insgesamt werden?“

„Naja“, meinte Amanda nachdenklich. „Ich weiß es auch noch nicht so recht, aber wie ich schon vorhin kurz sagte, mir scheint es einfach um die Sphäre des Menschlichen zu gehen. So eine Art Rundumschlag durch die wichtigsten Aspekte des Lebens… aber schauen wir mal. Soll ich mal den nächsten Text vorlesen?“

Als sich kein Widerspruch erhob, griff Amanda zum nächsten Blatt Papier in ihren Kopiensammlung und begann zu lesen: „Titel: ‚Die siebte Extremistin.‘ Achtung, es geht los – ‚Sieben Extremistinnen – und sie waren allesamt wahrhaft schlechte Frauen – trafen sich auf einem weiten Feld. Sechs von ihnen kamen in schönem Kleid, nur eine gab sich keine Mühe mit ihrem Äußeren und erschien in giftgrün gefärbten Sackleinen. ‚Wie kannst Du nur so durch unsere Welt laufen‘, fragte die anderen sechs. ‚Es ist‘, sprach sie, ‚nicht nötig, dass ich mich nach Eurem Vorbilde verkleide; wenn ich handele, werde ich unter fremde Röcke schlüpfen, unter eure oder die anderer Leute. Und enttarnt man mich, so sei’s drum; meine hässliche Fratze kann ich freilich dann nicht mehr verbergen, doch mein Gift hat längst seine Wirkung getan.‘ Die anderen Damen schwiegen, denn sie wussten wohl, dass ihre Kameradin recht hatte. Ohne sie, freilich, würden sie nie den Sieg erringen, dieses weite Territorium, auf dem sie standen, endgültig beherrschen, die vielen weißen Flecken darauf beseitigen. Weiße Flecken waren wie schwarze Löcher: Alle ihre Energien verschwanden in ihnen, keine von ihnen wusste, wohin. Die Frau in dem grünen Sackkleid jedoch, sie hatte Kräfte, die oft mehr als sie alle zusammen der weißen Flecken Herr werden konnte. Die scheinbar so moderaten weißen Flecken schimpften sie Extremistinnen, Terroristinnen – doch war es nicht bloße Selbstverteidigung? Mussten sie nicht selbst ihre Vernichtung befürchten? Waren nicht die weißen Flecken wahrhafte Extremisten, ganz so wie sie selbst? Hier gab es keinen Mittelweg – nur Töten oder Sterben. Zum Teufel mit der Mitte!‘“

 

Amanda legte das Blatt Papier nieder und blickte in die Runde. Katie und Kevin sahen einander verzweifelt an, sogar Nermins schwarze Augen waren kugelrund. Er blies einen langen Strom Luft durch den Mund und sah dabei ein bisschen aus wie ein Maskaron am Pont-Neuf. „Kryptisch“, befand er.

Lektüren im Buch der Welt (pdf-Version)

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Liebe LeserInnen,

hier Folge VII als pdf-Version: Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 7

 

Beste Grüße:

Ihre Ann-Kristin Iwersen

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge VII,3: Lektüren im Buch der Welt)

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Katie schwieg schon die ganze Zeit verstockt, weigerte sich sogar, überhaupt auch nur einen Kaffee zu trinken, nachdem sie tags zuvor mit ihrer Interpretation der Dinge gescheitert war. Hatte sie denn nicht ein Anrecht auf ihre ganz eigene Interpretation? Was sagte denn, dass es nur eine richtige Sichtweise geben könnte? Sie erinnerte sich sogar sehr deutlich, dass ihr Amanda vor einiger Zeit einmal einen sehr langen Vortrag darüber gehalten hatte, dass sich die Qualität literarischer Texte vor allem daran messen ließ, ob sie sich auf verschiedenen Ebenen lesen ließen. Dabei schnitt dann ein Salman Rushdie – behauptete Amanda – deutlich besser ab als irgendwelches „Bridget Jones“-Geschreibsel. Und nun verweigerte sich ebendiese weise Person, die immer alles, vor allem aber alles besser wusste, schlicht und ergreifend Katies ganz eigener Interpretation. Was blieb ihr da, als in den Hungerstreik zu treten?

Kevin war die vergleichsweise leichte Aufgabe zugefallen, herauszufinden, ob die Toglog tatsächlich irgendwo auf der Welt existierten, oder ob es sich um ein Phantasievolk handelte. Trotz eines irgendwie – wie ihm Nermin versicherte – nach Papua Neuguinea klingenden Namens hatte Kevin keine Anhaltspunkte für die Existenz eines Volkes diesen Namens finden können. Diese Information hatte er dann umgehend weitergeleitet an Amanda, die sich daraufhin an die Recherche nach möglichen Analogien gemacht hatte: Gab es womöglich einen Forscher, der hier als Vorbild gedient hatte und also einen Anhaltpunkt dafür, was genau mit der Geschichte gemeint war? Das knappe Ergebnis ihrer langen Suche verkündete sie nun der Gruppe: „Nichts. Absolut nichts. Es scheint kein direktes Vorbild dafür zu geben, weder für das Werk, noch für den Verfasser, noch für das Volk.“

„Hmmm“, machte Nermin nachdenklich und legte den Zeigefinger auf die Lippen.

„Dann bedeutet das aber auch“, schaltete sich Katie nun doch in das Gespräch ein, „dass meine Interpretation nicht ganz abwegig war. Es ist auch eine mögliche Lesart.“

Amanda hatte bei Gott keine Lust, dasselbe Spektakel noch einmal durchzuexerzieren und gab sich versöhnlich – zumindest dachte sie das. „Nun, es ist natürlich nicht auszuschließen, dass es auch eine Kritik an der Ethnologie ist.“

„Wie herablassend du das wieder sagst…!“

Amanda seufzte. Was auch immer sie sagte, es führte einmal im Kreis wieder an den Ausgangspunkt zurück: Katie und ihr ethnologisches Trauma – und die Nicht-Akzeptanz aller für ihre Interpretation. Was im Endeffekt auf dasselbe hinauslief; denn eines der Hauptprobleme Katies in ihrem Studium war gewesen, dass sie grundsätzlich gemeint hatte, die Lehrenden würden ihre alternative Interpretation oder Darstellung schlicht nicht gelten lassen. Das mochte hier und da auch zugetroffen haben, sicherlich aber nicht immer.

„Gut, also ich stelle jetzt einfach mal meine Lesart vor, und dann können ja alle nach Kräften ergänzen“, sagte Amanda schließlich, da sie nicht wusste, wie sie anders Herr über das Problem Katie werden sollte als durch Ignoranz.

„Sehr gut“, befand Nermin. „Schieß‘ los.“

„Ich denke, es geht – das sagte ich gestern ja auch schon – um die Idee von dem ‚Wesen‘. Der Disput zwischen den Indigenen und dem Ethnologen geht ja darum, dass er ihr Wesen ergründen will, und sie alle sagen: Was willst Du eigentlich? Sowas gibt’s doch gar nicht. – Darauf komme ich vom Ende des Textes her: ‚…egal wie wir uns gemüht haben, ihn zur Erkenntnis zu bringen: Er wollte einfach nicht begreifen, dass es nicht bloß darum geht, was anders ist, und dass das, was wir sind und nicht sind, sowieso immer flüchtig ist.‘ Das will wohl sagen: Sie haben etwas erkannt, was er nicht verstanden hat. Und: Dieses Etwas ist, dass es nicht um Differenz geht und Identität, weil das gar nichts Festes ist, sondern sich sowieso immer ändert. Also sehr modern eigentlich, ihre Gedanken, ganz im Sinne einer konstruktivistischen Identitätstheorie.“

„Und das ist was?“, fragten Katie und Kevin beinahe gleichzeitig.

„Also, dass Du das nicht weißt, Kevin, das ist mir klar, aber Katie…? Das ist doch ethnologisches Kernland.“

„Ich habe mal einen Lektürekurs zu Argonauts of the Western Pacific gemacht. Da beginnt und endet es.“

„Okay, also hast Du wenigstens einen Klassiker gelesen, das ist ja schon was“, meinte Amanda, ein wenig resigniert. Dabei wusste sie doch eigentlich, wie Katie studiert hatte. Wieso war sie da trotzdem immer noch überrascht über die Abgründe, die sich ihr da auftaten?

„Das habe ich nicht gesagt“, korrigierte Katie. „Ich sagte, ich habe einen Lektürekurs besucht. Das ist ein fundamentaler Unterschied.“

„Verstehe“, seufzte Amanda. „Nun denn. Konstruktivistische Identitätstheorie. Das bedeutet, man geht davon aus das Identität nichts Festes ist, das einfach ‚ist‘, sondern etwas was im fortlaufenden Prozess sich ständig erst konstituiert. So sehr grob gesagt. Klar.“

„Nein“, sagten Katie und Kevin. „Mach‘ einfach weiter“, setzte Kevin hinzu.

„Ja. Gut. Ähm – also die Indigenen vertreten quasi eine ganz moderne Identitätstheorie. ich finde das ein bisschen merkwürdig, weil das vielleicht so nicht unbedingt irgendwelchen indigenen Völkern unterstellt werden kann, das klingt einfach schon zu ‚westlich‘ in seiner Formulierung für meine Ohren, oder was meinst Du, Katie? – Ach, was frag‘ ich. – Ich vermute aber mal, das zielt darauf ab, zum einen zu sagen: die westlich-wissenschaftliche Position ist nicht unanfechtbar, und zum anderen: es verweist auch darauf, dass ja bei vielen indigenen Völkern gar keine solchen Vorstellungen von personaler Identität vorherrschen wie bei uns – oder auch von Individualität. Vielleicht spielt das hier auch mit rein. Da bin ich etwas unschlüssig.“ Amanda biss sich auf die Unterlippe. „Uhm… der Dialog vorne im Text sagt eigentlich – denke ich – dasselbe mit mehr Worten: Er veranschaulicht, wie die Gesprächspartner den Identitätsfragen immer wieder ausweichen, damit nichts anzufangen wissen beziehungsweise, wie wir hinterher aus dem gerade zitierten Satz sehen, sogar absichtlich so antworten, um den Ethnologen oder den Forscher auf eine Erkenntnis zu stoßen. Vergeblich allerdings. – Erst versucht er zu sagen, dass Eigennamen keine Rolle spielen. Er ist „sowas wie Peter“, also entweder, er ist ihm so gleich, dass die Namensdifferenz keine Rolle spielt… oder jeder ist singulär; in jedem Fall ist die Benennung, das Auf-den-Begriff-Bringen offenkundig irrelevant.“

Amanda schaute kurz irritiert von ihren Notizen auf, als sie keine Reaktionen vernahm, als wolle sie sich versichern, dass ihr Publikum noch vorhanden war. Sie blickte in Nermins ruhiges, interessiertes Gesicht und zwei weit aufgerissene Augenpaare. „Bin ich zu schnell?“, fragte sie.

„Nee, nee“, meinte Katie. „Mach’ ruhig.“ Eigentlich war es ihr relativ egal. Amanda würde schon etwas Sinnvolles gefunden haben, wen interessierte es dann schon, ob auch sie verstanden hatte, worum es ging. Eigentlich hatte sie es aber auch verstanden; sie wäre nur nie dahin gekommen, es selbst in dieser Präzision zu formulieren. Nachvollziehbar war es aber durchaus. Aber das musste sie nun Amanda ja nicht unbedingt auf die Nase binden.

„Okay. Mit dem Ausweichen geht es dann eben weiter, der Toglog-Gesprächspartner zieht sich immer aus der Schlinge einer konkreten Antwort, wenn es um das Benennen von Identitäten und Differenzen geht. Das passt dann eben zu dem, was ich eingangs sagte, mit deren anderem Verständnis von Identität. Und bedauerlicherweise ist der Forscher so verbohrt, dass er natürlich nach Hause fährt und den Toglog unterstellt, sie seien unwissend und sogar geisteskrank. Da schließt sich der Kreis zu den vorangehenden Geschichten.“

„Hat das dann nicht was mit Postkolonialismus zu tun“, warf Katie ein.

Amanda schaute sie erstaunt an. „Ja, das wäre schon möglich, dass das hier auch zum Tragen kommt…“ Sie wollte hinzufügen, wie überrascht sie über diese Bemerkung war, besann sich aber eines Besseren und schluckte die Bemerkung herunter.

Katie war zufrieden. Amanda war offenkundig beeindruckt, dass sie mit dem Begriff „Postkolonialismus“ hantieren konnte. Tatsächlich wusste sie nicht wirklich, was das konkret bedeutete und was sich an Debatten darum rankte; sie hätte nicht einmal sagen können, dass es da Debatten gab. Sie wusste nur, dass, wenn es darum ging, wie westliche Wissenschaftler indigenes Wissen abwertend behandeln, der Begriff „Postkolonialismus“ fallen muss, wenn man Engagement und Betroffenheit signalisieren wollte. Katie war von sensationeller Begabung, was das Auflesen von Stichwörtern dieser Art anging. Sie nannte es „Survivalinstinkt einer Anti-Intellektuellen“, ihr Vater nannte sie eine „Blenderin“. Es lief vermutlich tatsächlich auf dasselbe hinaus.

„Was ich ganz interessant finde“, sagte Nermin, „ist, dass ja nicht nur der Ethnologe nach Hause fährt und in ‚postkolonialem Machtgefälle‘, wenn wir hier schon den Postkolonialismus einführen wollen, buchstäblich ‚festschreibt‘, wie die Toglog sind, nämlich unter anderem unwissend und geisteskrank, sondern umgekehrt auch die Toglog!“

„Stimmt“, sagte Kevin. „Die sagen ja auch: Wenn alle bei ihm so sind, muss das ein sehr krankes Volk sein. Und das heißt nun…?“

„Ich denke, es heißt: Das ist eine kulturelle Universalie, dass Menschen immer denken, die anderen seien verrückt, wenn sie anders denken, eine andere Sicht auf die Welt haben. Umgekehrt heißt das auch: Wie Menschen ihre Identitäten bestimmen, und welchen Stellenwert sie ihnen beimessen, was sie inhaltlich ausmacht, ist different. Das ist doch ein Spiel mit Identität und Differenz auf – mindestens – zwei Ebenen…“

Amanda nickte, konzentriert auf den Text vor ihr schauend. „Du hast völlig recht, das war mir gar nicht aufgefallen. Das gibt dem Ganzen doch nochmal einen interessanten Twist: Das heißt ja vielleicht auch, dass das Verhalten der ‚kolonialen‘ Wissenschaft nicht verwerflich, sondern ziemlich normal ist.“

„… was natürlich schon ein hochbrisanter Gedanke ist.“

„In der Tat. Ich denke auch, das stimmt nur partiell. Schließlich hat die Gegenseite schlicht nicht die Macht gehabt, mit ihrer Sicht auf die Dinge irgendetwas zu ändern. Das ist der entscheidende Knackpunkt.“

„Sehe ich ähnlich“, pflichtete Nermin Amanda bei. „Nichtsdestotrotz: Kein uninteressanter Gedanke.“

„Die Frage am Ende“, sagte Kevin, „die mir immer noch bleibt, auch wenn ich euren postkolonialen Gedankenaustausch nur ungern unterbreche, ist: Was soll uns das jetzt konkret sagen? Und wie steht das jetzt in Zusammenhang mit den anderen Geschichten, die wir bis jetzt gelesen haben? Vielleicht könnten wir da – na, heut‘ ist schon ein bisschen spät, also vielleicht besser Sonntag – nochmal drauf eingehen? Denn Leute: ehrlich gesagt, ich mach‘ mir langsam doch ein wenig Sorgen… die Zeit rennt und rennt und rennt, und ich hab‘ immer noch keine Ahnung, worauf das hier hinauslaufen soll – und wir haben nur noch fünf Wochen…!“

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge VII,2: Lektüren im Buch der Welt)

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Es war natürlich typisch für Nermin und Amanda, dachte Kevin, dass sie an einem eigentlich recht schönen Wochenende doch nichts anderes zu tun hatten, als in eine weitentfernte Stadt zu fahren, um dort dasselbe zu tun wie daheim: Bücher gucken. Gut: bunte Kostüme von der Manga Convention gucken gehen, das hatte was, dafür hätte er aber auch kein Wochenendtrip auf sich genommen. Kevin hingegen hatte etwas Sinnvolles getan: Er war zu seiner Mutter aufs Land gefahren und hatte den alten Passat, Baujahr 1974, in Augenschein genommen: das Auto seiner Großeltern. Nachdem der Wagen ausgemustert worden war, war man übereingekommen, dass er einstweilen in der Garage gut aufgehoben war – und ebendort war er einfach stehengeblieben und hatte irgendwann aufgehört, sich von seiner Umgebung abzuheben; er war quasi zu Teil der Bausubstanz geworden. Kevin hatte zunächst einige Mühe, zu ihm vorzudringen. Dann konnte er im dumpfen Licht des Holzschuppens, der als Garage fungierte, nicht recht etwas sehen. Er legte mühsam den Zugang nach vorne frei – im Laufe der Jahrzehnte hatte sich einiges an nicht mehr Gebrauchtem vor dem Auto und auf dem Auto aufgetürmt – und wollte den Wagen hinausschieben, was sich als unmöglich erwies. Er musste ihn mithilfe des Autos seiner Mutter hinausziehen. Nachdem er mit einem Gartenschlauch den groben Dreck entfernt hatte, kam das Grashüpfergrün der Lackierung wieder zum Vorschein und das verdreckte und zugemüllte Etwas begann wieder etwas von der Würde eines Autos zurückzugewinnen. Kevin öffnete die Fahrertür und setzte sich hinter das Steuer. Er befühlte das klebrige, beige Leder der Sitze und schnupperte daran. Es roch noch genauso wie vor zwanzig Jahren. Und plötzlich erinnerte er sich an Amanda; vielleicht schnupperte einfach nur jeder an seiner eigenen Art Schaf, dachte er. Vielleicht war sie am Ende doch kein bisschen verrückter, weniger normal als er selbst. Nur einfach gänzlich anders. Er stieg wieder aus, untersuchte das Fahrzeug genauer und trat schließlich einen Schritt zurück. Auf dem frischen, vom Waschen noch nassen Grün des kleinen Wagens brachen sich die Sonnenstrahlen dieses ersten, wirklichen Frühlingstags. Er tätschelte liebevoll das Dach des Passat. „Ich krieg‘ dich schon wieder hin“, versprach er ihm.

 

Unter der idyllischen Kuppel des Cafés traf die Gruppe nun schon am Donnerstag wieder zusammen, um die verlorene Sitzung nachzuholen. Grund genug für Katie, einen Kakao zu bestellen und dazu Senfeier, das Tagesgericht an diesem Donnerstag – geradezu, als erforderte das Treffen außerhalb der gewohnten Reihe auch eine ganz andere Speise – als rituelle Abgrenzung, sozusagen. Sie konnte es nicht ertragen, zwei Tage hintereinander dasselbe zu essen oder zu trinken. Alle anderen waren bei Cappuccino und Madeleines geblieben. Amanda liebte es hingegen, im krassen Gegensatz zu Katie, jeden Tag dasselbe zu essen. Sie konnte das wochenlang tagein, tagaus praktizieren, bis es ihr eines Tages zu dumm wurde. Zu großen Überraschung ihrer Umwelt fand dann ein spontaner Menüwechsel statt, wobei sich dieser neue Plan dann wiederum über Wochen hielt. Nichts war ihr so verhasst wie Interferenzen in ihrem Speiseplan, etwa in der Form von Einladungen, die unerwartete Mahlzeiten beinhalten konnten. Manch einer fand das neurotisch, für Amanda war es schlicht eine Konsequenz ihres sonst so unsteten Charakters: Wenn schon alles täglich wechselt und sich ändert – wenigstens das Essen sollte dasselbe bleiben.

„Du musst uns jetzt aber doch nochmal erklären“, sagte Kevin, „da wir da gestern nicht mehr weitergekommen sind: Warum fandest Du den Text jetzt so witzig, Katie?“

„Fandest Du ihn nicht witzig?“, fragte Katie zurück.

„Keine Ahnung, aber das war ja jetzt auch keine Antwort.“

„Naja, ich fand ihn witzig, weil das natürlich die ultimative Parodie auf ethnologische Feldforschung ist. Der sitzt da rum, kriegt natürlich original gar nichts raus, spinnt sich dann was in seinem eigenen Kopf zusammen und wird auch noch berühmt damit. So absurd…!“ Katie schlug ihre Hand an ihre Stirn, um die Geistesverfassung anzudeuten, in der sich nach ihrer Ansicht der durchschnittliche Ethnologe bewegt.

„Aber so können die nicht wirklich arbeiten, Katie. Das ist doch reine Phantasie… ein fiktiver Text eben. Das wäre ja gar keine Wissenschaft“, gab Nermin zu bedenken.

„Sag‘ ich ja immer!“, rief Katie aus. „Das ist keine Wissenschaft, das ist dummes Geschwätz.“

„Na gut“, versuchte Amanda das Gespräch in sachlichere Bahnen zurückzulenken, „aber ein wenig übertrieben wird es schon sein.”

„Nä!“, entgegnete Katie, die sich partout nicht von ihrem vernichtenden Rundumschlag gegen die Ethnologen dieser Welt abbringen lassen wollte. „Das ist noch eine Untertreibung. Der Buchtitel lautet nämlich falsch. Bei echten Ethnologen hätte der gehießen: Psyche und Kultur, Untertitel: Das Beispiel der Toglog. Und auf Seite zwei oder drei könntest Du dann lesen – ‚…Untersuchung auf Basis meiner Feldforschung im Sommer 2003 unter männlichen Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren im Dorf Humpeldumpel‘, und wenn Du dann Humpeldumpel googelst, wirst Du herausfinden, dass die Gesamtpopulation des Dorfes irgendwo bei fünfzig liegt.“

„Naja, aber heute macht man das doch nicht mehr so“, meinte Amanda. “Früher vielleicht, aber…”

„Nein…! Heute werten wir dasselbe mit irgendwelchen Programmen aus, basteln Statistiken, Torten und so weiter, um den Eindruck zu erwecken: Krass, da wird Wissenschaft gemacht!“

„Das ist doch –“, setzte Amanda an, doch Nermin fiel ihr ins Wort.

„Also, Katie, dann denkst du also, der Text ist primär eine Persiflage auf ethnologische Forschung?“

„Na klar, was denn sonst?!“

„Ich denke, du schaust vielleicht etwas zu sehr aus deinem, ähm, ganz privaten Blickwinkel.“

„Hm.“ Katie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich denke auch“, sagte Amanda, Nermin unterstützend. „Entscheidend ist vielleicht, was der Mann eigentlich von den Toglog will: Sie in ihrem Wesen erfassen. Das muss der Schlüssel zum Thema sein.“

Katie winkte ab. „Das ist bloß ein Zeichen dafür, dass ich da schon ganz richtig liege. Monographien sollten doch eigentlich immer das Wesen des Volkes erfassen, jedenfalls früher so, und das klingt ja schon so, dass das irgendwann früher spielt. Das hat weiter nix zu sagen.“

„Und du denkst, das Thema ‚Ethnologie ist keine Wissenschaft‘ passt wunderbar in die Reihe von Themen, die wir bis jetzt für die Texte herausgefunden haben?“, fragte nun auch Kevin zweifelnd.

Katie schwieg. Sie hatte eigentlich, sehr zu ihrem Leidwesen, kein Gegenargument. Sie hätte einfach nur gerne gehabt, dass einer der Text endlich mal ihr aus der Seele sprach, wo sie doch bislang eher für die Nermins und Amandas dieser Welt geschrieben schienen.

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge VII,1: Lektüren im Buch der Welt)

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„Auch wenn‘s jetzt schon ein paar Tage her ist – was ich jetzt immer noch nicht begriffen habe“, sagte Kevin, „ist, warum das Ding jetzt eigentlich ‚Stürmische Höhen‘ hieß?“

Die Freunde hatten sich am vergangenen Sonntag nicht getroffen, da Amanda und Nermin unbedingt zur Leipziger Buchmesse fahren wollten, zweifelhaftes Vergnügen, das sich Katie und Kevin gerne entgehen ließen. Nicht ohne Schadenfreude hatten Nermin und Amanda hinterher außerordentlich viel Zeit darauf verwendet, das bunte Treiben von der Manga Convention zu schildern, obgleich sie sich beide nicht wirklich dafür interessiert hatten. Hübsch bunt war es aber dennoch gewesen, und mit wohl kaum etwas konnte man gerade Katie so leicht neidisch machen wie damit, dass etwas besonders Buntes und Kurioses ihrem Auge entgangen war. So sehr sie sich nämlich in Theorie und Praxis dem Normalen verpflichtet fühlte, so sehr liebte sie doch das Bestaunen des Kuriosen, so wie ein Zoobesucher den Nasenbär begafft, ohne ihn meinst jedoch ästhetisch zu finden oder gar wie einer aussehen zu wollen. Tatsächlich hatte Amanda die meiste Zeit bei den Ständen der kleinen Verlage und der Druckgrafik-Aussteller verbracht; Nermin hingegen hatte sich am Stand aserbaidschanischer Literatur festgequatscht und war nicht recht durch die Hallen gekommen. In jedem Falle hatte man auf die literarischen Bedürfnisse der Hälfte der Gruppe insofern Rücksicht genommen, als man sich von Sonntag auf Mittwoch vertagt hatte und dafür am Donnerstag eine Extra-Sitzung einschieben würde.

„Hm“, sagte Nermin. „Eigentlich ist das eine gute Frage: Warum ‚stürmische Höhen‘? Also ich denke, es hieß so, weil der Mann am Schreibtisch ja in einer Machtposition ist – also irgendwie ‚oben‘, in den Höhen – und weil er darin aber gewissen Gefahren ausgesetzt ist, wegen des ‚Sturms‘ durch die Massen unten.“

„Ach so“, sagte Kevin und fügte nach einer Pause hinzu: „Also: Gibt’s da einen Bezug zu dem Roman von der Brontё?“

„Ich denke nicht“, sagte Amanda, einen Schluck Kaffee nehmend. „Schlussendlich heißt er ja auch – zumindest auf Deutsch – anders. Ich denke, das ist vielleicht Zufall.“

„Oder Du hast was übersehen“, gab Katie zu Bedenken, winkte dann aber gleich ab. „Nein. Dummer Gedanke.“

„Was wir aber noch nicht getan haben“, fuhr Amanda fort, ohne auf Katies Bemerkung einzugehen, „ist das Thema zu benennen. Ich denke, es geht um Normalität, kann man das vielleicht so sagen? Durchschnittlichkeit im Bereich des Menschlichen. Oder hat jemand Einwände?“

Alle schüttelten einmütig den Kopf. „Das ist ein so spannendes Thema“, meinte Nermin. „Gerade in Zusammenhang mit dem vorher, wo es um Geisteskrankheit ging. Ich meine, das liegt ja wirklich so nahe beieinander – der vermeintlich kranke Abweichler.“

„Ja“, bestätigte Amanda, „da hatten wir ja in dem Zusammenhang auch schon drüber gesprochen. Vor allem finde ich ja“ – sie hatte keine Ahnung, wie so sie sich ausgerechnet jetzt an diese Geschichte erinnern musste – „immer besonders diese Leute bizarr, die selbst so wenig durchschnittlich sind, aber partout durchschnittlich sein wollen. Oder es nicht merken, wie ‚abweichlerisch‘ sie manchmal selbst sind.“

„Das sind die Schlimmsten“, pflichtete ihr Nermin bei. „Ich habe den Verdacht, es sind immer Leute, die eigentlich schon erkennen, dass sie selbst der Norm nicht genügen, damit aber nicht umgehen können. Darum versuchen sie mit fünffacher Kraft, diese Normen anderen überzustülpen und deren Individualität zu unterdrücken.“

„Ist das nicht irgendwie geisteskrank?“, fragte Amanda mit einem Lachen. „Gut, ich weiß: Was legitimiert uns jetzt schon zu dieser Zuschreibung. Aber ich mache das jetzt wie alle anderen: Ich tue einfach so, als wäre ich der Maßstab aller Dinge, folglich ist alles Abweichende krank. Und so ein Verhalten besonders. Das ist eigentlich sogar Hochverrat!“

„Ich weiß nicht“, murmelte Kevin, „warum ihr immer alles Normale so verdammen müsst. Normal ist doch irgendwie gut… und so…“

„Normal“, vervollständigte Katie. „Ich finde das auch scheiße. Ich komme mir schon vor wie eine bedrohte Art.“

„Naja“, lenkte Amanda ein, „Normale darf es schon auch geben. Toleranz muss sein. Aber irgendwie… müssen sie sich auch mal zurückhalten.“

„Was heißt denn das konkret, ‚sich zurückhalten‘“, fragte Katie.

„In ihren Urteilen. In ihrer Überpräsenz, in…“

„Mit anderen Worten: Das Normale stört deine Kreise.“

„Ja“, gab Amanda zu und nicht bekräftigend.

„Ich finde das total gestört, was ihr da sagt“, sagte Kevin, ziemlich entgeistert ob dieser letzten Bemerkungen von Amanda. „Ihr habt was gegen normale Menschen, weil die euch in eurer Anormalität stören, weil sie intolerant sind und wer weiß was, aber ihr steht doch zu denen genauso. Ihr würdet sie doch auch am liebsten auf dem Scheiterhaufen verbrennen.“

„Und dann wäre die Welt frei von Sorge“, schwelgte Amanda einige Sekunden in dieser von Kevin gezeichneten Utopie, sich der realen Konsequenzen sehr wohl bewusst seiend, die Nermin nun seufzend auf dem Punkt brachte: „Ja, und dann entsteht eine neue Gauß’sche Normalverteilung in der Welt der Anormalen. Es gibt kein Entrinnen!“

„Naja, die Welt würde wahrscheinlich doch zunehmend verwahnsinnigen“, bemerkte Katie. „Aber wollen wir nicht langsam mal an den nächsten Text? Ich bin mal gespannt, ob der da noch weitermacht, oder ob schon was ganz Neues kommt.“

„Ich bin auch neugierig“, sagte Amanda. „Kevin, liest Du vor?“

Kevin griff zu dem Blatt Papier und räusperte sich. „Lektüren im Buch der Welt“, las er die Überschrift vor. „Schon seit Wochen war der Herr unterwegs und machte Interviews, um die Toglog in ihrem Wesen zu erfassen. Wer waren sie, was zeichnete sie aus, was waren sie nicht? Die Toglog erwiesen sich als gesprächig, aber dabei nicht besonders auskunftsfreudig. Den dreiundzwanzigsten Tag in Folge erhielt er heute bereits die beinahe immer ähnlichen Antworten auf seine Fragen.

‚Ich bin Peter, und Du bist…?’

‘Sowas wie Peter.’

‘Was ist Dein Name?’

‘Warum ist das wichtig? Ich bin, Du bist, wir sind.’

‘Gut, lassen wir das. Du bist ein Toglog.’

‘Du bist…?’

‘Ein Deutscher. Was macht einen Toglog aus? Was denkst Du, ist wichtig daran ein Toglog zu sein?’

‘Alles oder nichts. Es kommt darauf an.’

‘Woraus kommt es an?’

‘Wie man es sieht.’

‘Wie kann man es sehen?’

‘So oder so.’

‘Beschreibe das genauer.’

‘Das geht nicht. Wir sind. Das reicht. Es ist nicht wichtig.’

‘Aber ein Toglog ist doch kein Deutscher. Du kennst mich ein wenig. Was unterscheidet uns?’

‘Mal dies, mal das. Mal alles, mal nichts.’

Und so fort. Zurück in seinem Zelt stützte der Herr verzweifelt den Kopf in die Hände. Daraus würde er niemals eine Monographie über die Toglog zustande bekommen! Sie wussten schlicht nichts über sich und ihre Lebenswelt zu berichten, hatten keine Vorstellung von sich selbst als Individuen oder ihrer Kultur – sie wussten schlicht nicht, wer sie sind! Wie diese Menschen im Westen, die ständig auf der Suche nach sich selbst sind! Vollkommen hoffnungslos. Er schlug sein Journal auf. ‘Auch bei den Toglog‘, schrieb er hinein, ‚ist eine gewisse Form der gestörten Wahrnehmung des Ich zu bemerken, wie wir sie auch in unseren zivilisierten Kreisen immer wieder feststellen können und bereits erfolgreich therapieren.’ Diese Zeilen legten den Keim für seine Studie über ‘Ich, der andere und die Welt. Psychische Störungen bei den Toglog’, die später Weltruhm erlangen sollte.

Derweil schüttelten noch Jahre später die Toglog die Köpfe über ihren seltsamen Gast und erzählten die Geschichten von diesen merkwürdigen Begebenheiten ihren Kindern als abschreckendes Beispiel. ‘Wochenlang saß er herum, tat eigentlich nichts und hat und gefragt, gefragt, gefragt; und egal wie wir uns gemüht haben, ihn zur Erkenntnis zu bringen: Er wollte einfach nicht begreifen, dass es nicht bloß darum geht, was anders ist, und dass das, was wir sind und nicht sind, sowieso immer flüchtig ist. Wenn alle bei ihm so sind, muss das ein sehr krankes Volk sein.’“

„Das ist ja mal richtig witzig“, bemerkte Katie, laut lachend. „Das geschieht den Ethnologen recht.“

Stürmische Höhen (pdf-Version)

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Liebe LeserInnen,

hier wie immer freitags: die pdf-version!

Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 6

Beste Grüße:

Ihre Ann-Kristin Iwersen

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge VI,3: Stürmische Höhen)

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Amanda hatte wieder einmal schlecht geschlafen in der Nacht nach dem letzten Treffen. Weniger, weil es schlussendlich zu einer Selbstdarstellungsveranstaltung für Kevin ausgeartet war, in der der sonst zwar leicht blasiert, aber auch ziemlich schlapsig wirkende Kevin zu Höchstform aufgelaufen war und ihnen allen die Gauß’sche Normalverteilung in extenso erläutert und um weitere Informationen Gauß und sein Schaffen betreffend bereichert hatte, nur leider ohne dabei auf den eigentlichen Rätseltext einzugehen. Vermutlich, dachte Amanda, weil er zwar in dem Geschnipsel die Gauß’sche Normalverteilung erkannt hatte, weil es seinen Neigungen und seinem Fachwissen relativ nahelag, aber nicht den Sinn – irgendeinen Sinn – des Textes. Wie eigenartig doch das menschliche Bewusstsein funktionierte…! Man nahm ja doch in aller Regel das war, was einem sowieso bekannt war – und je nachdem, wie weit der eigene Horizont gesteckt war, wie vielleicht auch der eigene Charakter geartet war, schaffte man den Sprung über den Grenzgraben des bisherigen Geistesterritoriums in ein Neuland oder eben nicht.

Die Nacht hindurch hatte sie wachgelegen und gegrübelt, und wieder waren ihr die Erinnerungen an Johann, diesen alten Nachbarn aus Kinderzeiten. Sie hatte ihre ganzen Nachmittage, ja überhaupt jede freie Minute, dort verbracht, sehr zum Leidwesen ihrer Familie, denn dass die Tochter dieser Leute lieber mit dem verrückten alten Mann ihre Zeit verbrachte als mit ihren Kindern fanden die Familien ihres Heimatörtchens wenig berückend, was wiederum Amandas Familie und somit Amanda arg in Bedrängnis brachte. In der Konsequenz hatte sich eine Spirale des sozialen Drucks aufgebaut, die in der letzten Konsequenz vor allem dazu führte, dass Amanda umso mehr das Bedürfnis hatte, sich bei Johann vor den Augen der verständnislosen Welt zu verbergen.

Johann hatte einen Hof außerhalb des Dorfes, wo er überwiegend als Selbstversorger wirtschaftete. Das eine oder andere verkaufte er auch, Gemüse oder Eier. Ob er sonst von etwas lebte, wusste niemand so recht. Feststand lediglich, dass Johann von allen nur „der Gartenbesteller“ genannt wurde, da er auf jede Frage, die er nicht beantworten konnte oder vielleicht auch einfach nicht wollte, und auf jeden Anspruch, den man an ihn erhob, antwortete: „Wir müssen unseren Garten bestellen.“

Das er verheiratet gewesen war, wusste Amanda auch sicher. Er hatte ab und an von „seiner Irene“ gesprochen – nie im Guten – und dann hinzugefügt, dass zwischen Irene und Sirene eben nur ein vernachlässigbarer Buchstabe lag. Die Leute aus dem Dorf betonten in diesem Zusammenhang stets, dass Irene keineswegs zu unnötigen Streitereien geneigt habe, ja, eine sogar sehr nette und liebende Gattin gewesen sei, die das Trinken Johanns zuerst nach Kräften zu tolerieren, dann zu bekämpfen und schließlich zu ignorieren versucht, es aber letztlich nicht ausgehalten hatte. Deshalb war sie irgendwann zu ihrer Schwester nach Friedrichsstadt gezogen und nie wieder gesehen worden. Ob das so stimmte oder nur der Phantasie der Dorfbevölkerung entsprungen war, die für alles Abweichende einen zureichenden Grund finden müssen – Amanda wusste es nicht, sie wusste nur, dass Johann nie mit Bedauern über den Fortgang von Irene gesprochen hatte. Im Gegenteil: Wenn sie heute darüber nachdachte, glaubte sie beinahe, er habe vielleicht überhaupt nur deswegen so zu trinken angefangen, damit Irene endlich ginge – weil er, konfliktscheu, wie er war, lieber sich selbst in den Ruin trieb, damit jemand anderes den Schlussstrich zog, als dass er ihn selbst zöge. Das alles war freilich Spekulation. Als Amanda ihn kennenlernte, war er schlicht ein Alkoholiker, was ihr allerdings als Kind nicht einmal aufgefallen war. Er war vermutlich das, was man einen Spiegeltrinker nannte: Er konsumierte ständig Alkohol und in beträchtlichen Mengen, was man ihm jedoch kaum anmerkte.

Amanda war – natürlich auch erst viel später – klargeworden, dass Johann mit Sirene nicht die gemeint hatte, die Samstagmittag ertönte, und dass er mit dem Verweis auf das Bestellen des Gartens keineswegs seiner Faszination für die Landwirtschaft Ausdruck hatte verleihen wollen. Er hatte schlicht die griechische Mythologie parat und seinen Voltaire gelesen.

Zu dem seltsamen kleinen Mädchen mit den schwarzen Kringellocken hatte Johann, der sich ansonsten von allen Menschen fernhielt, obgleich er nie unhöflich oder grimmig gegen irgendwen war, sofort eine Zuneigung empfunden. Er hatte mit ihr die Schafe gefüttert, Radieschen und Wurzeln gesät und geerntet, zu Ostern einen Strauß Kätzchen aus dem Knick geschnitten – und eigentlich alles getan, was ein guter Großvater mit seinem Lieblingsenkel tut. Vor allem hatte er Geschichten erzählt, Geschichten aus seinem Leben vor allem, manchmal auch ausgedachte. Der Charme an seinen Geschichten war, dass Amanda ihnen sofort ihren fiktiven Charakter angemerkt hatte, und doch schaffte er es immer wieder, sie so zu verpacken, dass sie zu seinem Leben passten, indem er realistische Details einwob. Er hatte erzählt, wie er, aus gutem Hause kommend und bei einem sehr belesenen Hauslehrer die Philosophie kennengelernt habend – insbesondere die der Aufklärung – aus dem Haus geworfen worden war, da er unglücklicherweise mit einer schönen jungen Dame, ebenfalls aus den besten Kreisen, in flagranti erwischt worden war. So war er eine Zeit zu einem Weltenbummler geworden. Dabei hatte er die größten Abenteuer bestanden – unter anderem hatte er einen Flugzeugabsturz in Malaysia und ein Erdbeben in San Francisco überstanden. Diese Geschichten hörte Amanda besonders gerne, und Johann musste sie wieder und wieder erzählen. Insbesondere faszinierte sie die abenteuerliche Verquickung all dieser Geschichten. Denn mitten in den Wirren des Erdbebens traf er niemand anderen wieder als diese junge Dame, die damals die Verkettung unglücklicher Umstände in Gang gesetzt hatte: Irene, die sich inzwischen unglücklicherweise als schon etwas abgetakelte Prostituierte verdingte – Johann hatte dies allerdings vor dem Kind in hübschere Worte zu kleiden vermocht und pflegte an dieser Stelle seiner abenteuerlichen Vita einzufügen: „Und ich habe mich freiwillig festbinden lassen an allem Möglichen, aber das Unglück wollte, dass ich an meiner Irene doch nicht vorüber kam und mich, in völligem Widerspruch zu meinem eigenen Willen, sofort wieder losriss.“ Gemeinsam mit noch einem anderen Bekannten waren er, Irene und ein weiterer Begleiter nun schließlich nach Südamerika gereist, um einstweilen in einer Missionsstation unterzukommen, in der Irenes Bruder wirkte. Dieser war über die Verbindung zwischen seiner Schwester und Johann allerdings wenig glücklich und versuchte, letzteren mit einem Holzkruzifix zu erschlagen, was dergestalt allerdings misslang, dass es zu einem Gerangel kam, im Zuge dessen der Mörder in spe die Treppe zur Krypta hinunterpurzelte und dort tot liegen blieb. Johann musste erneut fliehen und fand, gemeinsam mit seinem Freund, nun Unterschlupf bei einem reichen Plantagenbesitzer, der ihnen, Gott weiß, warum, Asyl gewährt hatte, so dass sie etwa einen Monat in Saus und Braus lebten, bis Johann beschloss, dass dieses materielle Wohlergehen nichts war ohne Irene – und er zog weiter, sie zu suchen. In Konstantinopel fand er sie schließlich, nachdem er auf der Überfahrt einen klugen Philosophen kennengelernt hatte, der ihm, der so beseelt war vom Glauben und Vertrauen daran, das am Ende alles gut würde und dass, wenn es nicht gut ist, es auch nicht das Ende sein kann, einen tiefen Pessimismus eingeimpft hatte. Nichts wendete sich notwendig zum Guten – es war einfach, wie es war. Und so nahm er dann auch gleichmütig hin, dass er, wieder in Europa, Irene in einem ziemlich desolaten Zustand vorfand und ebenso seinen Lehrer, der ihm damals die Aufklärungsphilosophie nahegebracht und dabei allzu viel Zeit auf die Lehren Leibnizens verschwendet hatte. Er pflegte beide gesund, heiratete Irene – und kaufte den besagten Hof. Wo nun, nach allen Abenteuern, der Alltag einkehrte, die elende Langeweile… dann der Tod des Lehrers, und nur noch Irene, die nun in ihrer unsäglichen Durchschnittlichkeit eine geradezu penetrante Präsenz pflegte, indem sie Kaffeekränzchen daheim und Adventsfeiern im Gemeindehaus organisierte und sich für den Erhalt der Rabatte am Ortseingang engagierte. „Und irgendwann ist sie dann ja gegangen“, schloss Johann seine Geschichte an dieser Stelle immer ab, „und nun“ – er zupfte Amanda liebevoll an ihrem schwarzen Pferdeschwanz – „wollen wir man zusehen, dass wir unseren Garten bestellt kriegen.“

Natürlich was das alles irgendwie erfunden. Aber so vieles davon erinnerte nicht bloß an das das literarische Werk, das für Johanns Vita augenscheinlich Modell gestanden hatte, sondern – so dachte Amanda jetzt – auch an die letzten Rätseltexte, die sie gelesen hatten: Hatte nicht Johann beschlossen, nach Irene zu suchen, weil ihm das materielle Gut nicht ausreichte? Weil Liebe das einzig Erstrebenswerte war? Und schlussendlich war ihm doch ein Freund geblieben. Waren nicht das die eigentlichen Triebkräfte des Daseins, Freundschaft und Liebe? Dann aber: Wie unglücklich war dies alles ausgegangen! Der Freund war früh gestorben, die Liebe hatte sich als Trugbild erwiesen. Das konnte es ja auch nicht sein – vielleicht musste man tatsächlich besser seinen Garten bestellen. Vor allem: allein.

Amanda pausierte ein bisschen von diesen schweren Gedanken der letzten Nacht, die sie gerade noch einmal rekapitulierte, und legte den Kopf in den Nacken, um sich im Blau des Himmels zu verlieren. Doch unweigerlich kam die schwarze Wolke, drohend und mächtig. Der Tag, an dem sie Johann fand – tot. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, der Todesursache genauer nachzuforschen. Es war sich jeder sicher, dass er direkt oder indirekt an den Folgen seiner Sauferei zugrundegegangen war, und selbst wenn es anders gewesen wäre, so hätte es niemanden interessiert. Außer dem seltsamen Mädchen mit den schwarzen Locken, dass sich noch Jahre später nicht vom Schock des Anblicks des toten Freundes erholt hatte. Völlig verstört, hatte sie nicht begreifen können, dass ihr Johann, ihr einziger Verbündeter, von einem Tag auf den anderen einfach fort sein könnte. Er musste ermordet worden sein, ja, so war es! Alle hatten sich gegen ihn verschworen und ihn schlussendlich aus dem Weg geräumt! Fieberhaft hatte sie – denn sie kannte Johanns Schlüsselversteck – in seinem Haus nach Beweisen für das Mordkomplott gesucht.

Die hatte sie zwar nicht gefunden, dafür einen Ausweis, der ihr verriet, das Johann bedeutend jünger war, als sie angenommen hatte, und vor allem: einen Brief und drei alte Bordkarten für einen Flug von San Francisco nach Buenos Aires. Sie waren auf die Namen Johann Krinkenhagen, Irene van Bastrup und einen dritten, den die kleine Amanda nicht kannte, ausgestellt. Der Brief – eigentlich nur ein kurzer Schrieb – war an Irene gerichtet. Meine liebe Irene, wie ich gehört habe, bist Du in arge Schwierigkeiten geraten. Du weißt, Du kannst Dich immer auf mich verlassen. In meiner Mission kannst Du zeitweilig problemlos unterkommen, bis wir etwas Besseres gefunden haben. Wenn Du Geld brauchst, schreib‘ mir nur, ich schicke es Dir. Dein Bruder Christian. Veinticinco de Mayo, 20. Mai 1989. Es folgte eine Adresse in besagtem Ort Veinticinco de Mayo. Die Tickets waren auf den 18. Oktober 1989 ausgestellt. Amanda hatte daheim sofort nachgeschaut. Es war der Tag nach dem großen Loma-Prieta-Erdbeben. Er war vielleicht ein Geschichtenerzähler – ein Lügner aber war Johann nicht. Wahrscheinlich war seine Geschichte schlicht eine stark angereicherte Wirklichkeit.

Bis auf den heutigen Tage quälte sie die Frage: Hätte sie nicht etwas für ihren großen Freund tun können? Hätte sie nicht irgendetwas tun müssen? Eigentlich kannte sie die Antwort. Sie war so jung, als er starb. Nein, sie hätte nichts tun können, selbst wenn sie damals schon die Dimensionen des Geschehens hätte erfassen können. Sie dachte wieder an Someplace far away und die Frage, die Nermin ihr gestellt hatte. Hätte Johann einfach rechtzeitig gehen sollen, bevor er dem Suff verfiel? Hatte das eine mit dem anderen überhaupt zu tun? Im Grunde wusste sie es nicht und würde es nie ergründen können – sie war ein Kind gewesen, und nun war nichts mehr herauszufinden und noch weniger zu ändern. Trotzdem: Sie konnte nicht anders, als sich schuldig zu fühlen. Und alles, was ihr blieb, war diese scheinbare Schud und die schmerzliche Erinnerung an dieses unbeschreibliche Gefühl von Glück und Freiheit, dass sie in Johanns Gesellschaft empfunden hatte – und die Gewissheit, dass dieses Glück nie wiederkommen würde. Es gab keinen zweiten Johann. Johann war ein „Deviant mit Kopf“ gewesen, und als solcher – schlechthin einzigartig. Und sie, sie war allein, und ihr war als würde sie nur noch wie ein Zombie durch dieses Leben geistern, noch immer gefangen, in diesem Leben, an dem doch alles sonst schon gestorben war als allein dieser Körper… Die große schwarze Wolke am Himmel begann, sich abzuregnen.

 

„Was ist denn los…?“, fragte Katie bestürzt, als sie Amanda im Sessel vorfand, den Kopf auf der Lehne abgelegt, den Himmel anheulend. Ein Schreck fuhr durch Amandas Glieder und im Bruchteil einer Sekunde hatte sie sich in eine aufrechte Sitzposition gebracht und sich mit beiden Handrücken schnell die Tränen abwischend. „Nichts“, sagte sie schniefend, aber fest. Wenn sie sich nur selbst davon überzeugen könnte, wäre es auch bei den anderen leichter.

„Hm-m, das sehe ich“, machte Katie, die Augenbrauchen zusammengezogen. „Hast Du Liebeskummer?“

Katie hatte manchmal eine Gabe für richtige Stichwörter. Oder andersherum: Sie hatte eine Gabe für Stichwörter, die so falsch waren, dass sie Amanda sofort zum Lachen brachten und ihre Gedanken vom eigentlichen Problem zumindest temporär abzogen. „Nein“, lachte sie, „nein, ich habe keine Liebeskummer. Hast Du welchen, oder wieso kommst Du drauf?“ Katie ließ sich in dem zweiten Sessel fallen. „Ja, wahrscheinlich deshalb… Du glaubst nicht, was mir passiert ist…“ Und Katie begann eine lange Geschichte von irgendeinem Mann, mit dem sie sich getroffen hatte, Geschichte, deren Pointe Amanda entging. Dass eigentlich Amandas Unglück Auslöser für die Erzählung gewesen war, hatte Katie darüber jedoch schnell vergessen – worüber Amanda im Grunde ganz dankbar war. Noch dankbarer war sie, als das Erscheinen von Nermin und Kevin dann auch der weitschweifigen Geschichte Katies ein jähes Ende bereiteten. „…gewollt! Ach – da sein ihr ja!“ Katie unterbrach sich und begrüsste die beiden Herren der Runde, Amanda tat es ihr gleich. Bevor Katie noch ihren Faden wiederfinden konnte und die Sitzung wieder so ineffizient enden würde wie beim letzten Mal, begann Amanda sofort das fachliche Gespräch, nachdem alle wieder Platz genommen hatten und einen ersten Schluck Kaffee genommen.

„So, wir haben nun letztes Mal ausführlich über die Gauß’sche Normalverteilung gehört, trotzdem wissen wir jetzt eigentlich noch nichts über deren Bezug zum Text. Dazu direkt jemand?“

„Naja, also irgendwie ist das mit der Abweichung von der Norm halt auf die Gesellschaft bezogen, ne. Und der Typ da am Schreibtisch, der will die alle gleichmachen, schnallt aber so schnell nicht, wie das geht. Und dann weiß er, wenn er den allen die Köpfe abschneidet – also wahrscheinlich das Denken nimmt oder die Freiheit zum Denken oder so – dann klappt‘s, bis auf so’n paar Unverwertbare.“ Katie lehnte sich wieder zurück und nahm einen weiteren Schluck Kaffee, sich die Hände am Becher wärmend.

„Jaaa…“, ergänzte Nermin, „genau. Es widerstrebt der Ästhetik dieses Mannes, dass es da Unterschiede gibt, er will alles gleich haben im Sinne eines irgendwie gearteten Schönheitssinns.“

„Und dann“, fuhr Kevin fort „stellt er aber erstmal fest, bevor er drauf kommt, die Köpfe abzuschneiden, dass er nicht die Mitte schöner machen kann, indem er die Enden wegschneidet, weil die Mitte unschön bleibt, und er dann immer nur noch mehr einzelne, völlig unterschiedliche Streifen in der Hand hält. Nix mit Normmaß.“

Aber“, ergänzte Nermin, den Zeigefinger erhebend, „es gibt immer ein Pendant zu jedem Streifen.“

„Das ist logisch“, hielt Kevin nüchtern fest. „Es wäre nicht die Gauß’sche Normalverteilung, wenn’s nicht rechts und links von der Mitte identisch aussähe.“

Amanda schlug die Hände vors Gesicht. „Ja! Aber symbolisch wird damit doch angedeutet, dass es immer einen Menschen gibt, der zu uns passt, ein alter ego.“

„Hm“, machte Kevin. „Na, wenn ihr meint.“

„Vertrau‘ uns“, sagte nun auch Katie. In solchen Fragen war sie nie besonders schwer von Begriff. „Das soll heißen, es gibt irgendwie ein alter ego in der Welt, Liebe, Freundschaft, egal, irgendwie sowas – tiefe, innere Verbundenheit. So wie bei mir und Thomas. Wir mögen beide Filme mit Hugh Grant und essen unsere Spaghetti gerne matschig. Wo gibt’s schon solche Übereinstimmungen?“

Amanda räusperte sich. „Nun, offenkundig ist auch Seelenverwandtschaft ein dehnbarer Begriff.“

„Wer ist Thomas?“, fragte Nermin Amanda leise.

„Ihr neuer Freund. Sie sind seelenverwandt, aber …irgendwas war da. Sie hat’s mir gerade erzählt und wird’s dir sicher bei Gelegenheit gerne ausführen“, flüsterte Amanda und wandte sich dann wieder an alle: „Also, wir haben festgestellt, sein Problem ist, wenn er die ideale Masse sucht, findet er leider nur Individuen, die sich, abgesehen von ihrer Gedoppeltheit, in nichts ähneln. Das ist sein Problem. Schlussendlich löst er es, indem er die Köpfe abschneidet, da bin ich ganz bei dir, Katie, dass das sowas bedeutet wie: ihnen die Freiheit, das Denken, vor allem aber eben die Individualität zu nehmen. Das ist augenscheinlich ein Gewaltakt – wie trefflich das hier dargestellt wird…! – Naja. Weiter. Was ich spannend finde, ist nun die Geschichte mit der Menge da unten. Erinnert das wen an was?“

„Nö“, sagten Katie und Kevin wie aus einem Munde.

„Der Sturm auf die Bastille vielleicht, oder die französische Revolution, so allgemein. Allein schon durch dieses französisierte Parole Vive la déviance!, das klingt doch wie ‚France‘…“

„Ich glaube auch“, nickte Amanda. „Und ich denke, dass soll uns die Machtposition des Menschen am Schreibtisch deutlich machen. Ich finde nur etwas unbefriedigend, dass wir eigentlich nicht mehr über ihn in Erfahrung bringen. Wer genau ist das, der diese Macht hat?“

„Vielleicht hat es aber auch seinen Sinn, dass wir das nicht erfahren? Vielleicht ist es einfach ein beliebiger Mensch? Weil es im Prinzip jeder von uns sein könnte?“, schlug Nermin vor.

„Das ist eine gute Idee“, sagte Amanda, „eine sehr gute sogar! Und was mir jetzt noch gerade auffällt: Die Verbindung zu denen ‚da unten‘, die Revolte machen, scheint ja zu sein, dass sie diese ‚Devianten‘ sind. Denn als er den Papierdevianten – hier kommen wir zurück zum Zauberei: das ist ein Analogiezauber, Gleiches wirkt auf Gleiches! – die Köpfe abschneidet, sind die da unten auf der Straße augenblicklich verschwunden, seine Machtposition ist wieder gesichert. Und witzigerweise werden durch die Revolte da unten die Devianten zur Masse, während, der Individuierte irgendwie auch Masse ist…“

Nermin lächelte versonnen. „Ja, stimmt. Interessant. Auch das mit dem Analogiezauber. Ich habe das Gefühl, wir hätten das doch nicht gewusst, wenn wir die anderen Texte vorher nicht gehabt hätten. Da ist doch schon eine irgendwie aufsteigende Bewegung und eine gewisse Kontinuität drin…“

„Ja“, sagte Amanda. „Und dann dieser vernichtende Schluss: Er schneidet mit maliziösem Lächeln die Köpfe ab, vernichtet sie – und dann …bleibt nichts als finstere Nacht.“ Sie seufzte und blickte deprimiert zu Nermin. „Und so ist es ja auch.“ Nermin nickte, das Kinn in die Hände gestützt.

Katie und Kevin blickten einander an. Katie zog die Stirn kraus. Kevin grinste und zuckte mit den Achseln. Beide trauten sich nicht recht, Einspruch zu erheben. „Also, ich… kapier’s jetzt nicht so richtig“, gab Katie kleinlaut zu. „Ich habe jetzt irgendwie verstanden, was die Aussage ist, aber ich finde das alles so… übertrieben. Das hat doch mit unserer richtigen Welt hier auf dem Planeten Erde nix zu tun…“

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge VI,2: Stürmische Höhen)

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„Nun sagst du mir aber endlich, was du von dem Lied hälst, oder, Amanda?“, sagte Nermin, „Jetzt, wo wir noch ungestört sind.“

„Och… muss das sein? Es ist so furchtbar traurig, und mich hat der andere Text schon so mitgenommen, da mag ich jetzt nicht mehr recht über dieses Lied reden…“

Nermin lächelte und zuckte mit den Achseln. „Wie du meinst. Dann später mal.“

Amanda seufzte. Sie hatte es ja versprochen. Und eigentlich wollte sie auch gerne sagen, was ihr zu dem Lied durch den Kopf ging, aber momentan fühlte sich sich mit der Vielfalt der Traurigkeiten, die sich in ihrem Innersten auffächerte, irgendwie überfordert. Nun aber hatte sie sowieso bereits wieder begonnen, an Someplace Far Away, das Lied von Hal Ketchum, das Nermin ihr auf CD gebrannt hatte, zu denken. Also konnte sie auch genauso gut jetzt mit ihm darüber sprechen.

„Ich habe wirklich selten ein so schön erzähltes Lied gehört“, sagte sie schließlich. „Wie am Anfang der Vater beschrieben wird, wie er am Tisch sitzt und so unendlich begeistert ist davon, als Goldsucher loszuziehen… ich sehe das förmlich vor mir, wie er da am Tisch sitzt, davongetragen von seinem Enthusiasmus – und erzählt und erzählt, was man kaufen und verkaufen müsste… und schweigend daneben dieses unsägliche Weibsbild von einer Ehefrau. Seems like daddy’s wagonload of dreams had long since passed her by. Die sich schon da sicher denkt: Na, lass’ den sich mal austoben, dann legt sich das von selbst. Und wie meistenteils… sind Männer eben so: Sie geben immer nach.“

Nermin blickte nachdenklich gen Kuppelhimmel. Zogen die Wolken auf oder ab? Er atmete tief und schaute Amanda dann ein wenig düster an. „Das heißt, Du denkst, er hätte gehen sollen?“

„Natürlich! Man muss doch seinen Träumen folgen. Das ist natürlich nur meine Meinung, ich weiß, dass das so einfach nicht ist. Und wenn wir jetzt noch mal unterstellen, dass das ja in einer ganz anderen Zeit und unter ganz anderen sozialen Bedingungen spielt als heute… ist es natürlich nochmal was ganz anderes. Aber so im Prinzip… ich bin wirklich aus tiefstem Herzen davon überzeugt: Man darf nie für andere die eigenen Träume aufgeben. Das macht einen krank. Und selbst jemand, der – also, das kommt in dem Lied gar nicht vor, nur mal so angenommen – jemand der auch nur einfach bloß einen machen lässt, ohne daran echten Anteil zu nehmen, das kann doch auch nichts Rechtes sein. Man dümpelt dann halt so vor sich hin… mag man sich dabei auf tausendfache Weise selbst betrügen: man bleibt im Kern dabei doch immer allein mit sich, ja – einsam, möchte ich sagen. Das tut einem nicht gut.“ Amanda hatte sich so recht in Rage geredet, und hatte darüber wenigstens ihre eigentliche Traurigkeit vergessen. Das Thema lag ihr am Herzen. Sie hatte viel zu hart dafür gekämpft, für eine Freiheit, zu sein, um tolerieren zu können, dass irgendwer ihr diese Freiheit wieder nahm. Und in jedem Menschen – und sei es nur eine Figur aus einem ausgedachten Lied -, der dem Stutz- und Ordnungswahn der Massen zum Opfer zu fallen drohte, sah sie für sich jenen Bündnisfall eintreten, der zum sofortigen Kriegseintritt gegen alles Durchschnittliche zwang – Zwang zum Beistand, dem sie sich jederzeit gerne mit ihrem ganzen Ich hingab. Zugleich reifte irgendwo in der Dunkelkammer ihres Bewusstseins ein Gedanke wie ein Bild zu immer deutlicher werdenden Schemen heran, bis er endlich ganz klar vor ihrem geistigen Auge stand: An ihrem Tun war Mitleid und Hilfsbereitschaft, ja, und viel davon; vor allem aber fühlte sie sich weniger allein darin. Sie hatte wahrscheinlich nie so sehr das Gefühl, mit der Welt, mit den anderen Menschen verbunden zu sein als allein in dem Moment, wo sie für andere um ihre eigene Sache kämpfte.

Sie ahnte, dass Nermin das spürte und ihr deshalb dieses Lied gegeben hatte, in dem ein Familienvater aus der Zeitung des Vortags ein Foto mitbringt, das eine Wagenkolonne zeigt – Goldsucher auf dem Weg zum großen Glück. Begeistert will der Vater alles verkaufen und ebenfalls losziehen, doch die Mutter hat für solche Träumereien keinen Sinn – und setzt sich schließlich durch. Nur warum Nermin diese Geschichte, dieses Problem so sehr bewegte, das hatte sie noch nicht ergründet. Doch er würde es erzählen – irgendwann. Vielleicht.

„Du denkst also“, fragte Nermin nach einer langen Pause, „dass das Lied das sagen will? Dass der Mann hätte gehen sollen?“

Amanda verzog nachdenklich den Mund. „Hm… Wenn nicht, warum diese entsetzlich traurige dritte Strophe? Ich habe geweint, als ich das gehört habe. Und eigentlich weine ich gar nicht so schnell.“ Amanda rekapitulierte im Geiste die Strophe noch einmal: I got up as soon as the first light came/ to start the mornin’ fire,/ wonderin’ if my Momma’s will/ had cooled that man’s desire. Und dann, als sie sich der letzten Zeilen erinnerte, kamen ihr unwillkürlich erneut die Tränen: And inside that stove upon the coals/ an ashen paper lay./ It was a ghostly line of wagons/ movin’ someplace far away… Amanda wischte sich die Tränen ab und sagte schließlich, mit erstickter Stimme: „Was könnte das denn anderes heißen, als dass es eben falsch war, nicht zu gehen…!“

Nermin schluckte. Seine Miene war noch finsterer geworden. „Ja… aber da ist auch der Refrain, und da heißt es: But the dream that makes a sparrow fly/ can make an eagle fall/ the one that makes the rich man money,/ it ain’t no dream at all/ it’s a crying shame to wake up/ just to find it’s all been broke in two/careful what you’re dreamin’/ ’cause it someday may come true. – Heißt dass dann nicht: Sein Traum war wertlos, weil er nach Geld strebt? Dass dies der Traum ist, der den Spatz fliegen lässt, dass aber die Ehe der Adler ist, den dieser nach materiellem Gewinn strebende Traum zu Fall bringt? Dass man daher aufpassen muss, was man träumt, weil man damit das höherwertige Gut, in diesem Fall die Ehe, zerstört?“

Amanda verzog das Gesicht. „Das will ich gar nicht hören.“ Sie musste ein wenig über sich selbst lachen. „Na, du hast schon recht, so kann man es vielleicht lesen. Ich weiß nicht. Aber ist nicht das häusliche Idyll der Traum, der den Spatz-gleich-Ehefrau zum Fliegen bringt, der aber den Mann-gleich-Adler zu Fall bringt? Ist das mit dem ‚it ain’t no dream at all‘ und dem ‚careful what you’re dreamin‘‘ nicht eher ironisch gemeint, nach dem Motto: Uuuuh… Träume sind was Feines, aber pass‘ bloß auf, wenn sie mal wahr werden – dann kriegst du aber Manschetten! – Oder so ähnlich?“ Und als sie plötzlich ein Gedanke durchzuckte, fügte sie hinzu: „Und überhaupt ist es vielleicht kein Zufall, dass es um Goldsuche geht. Vielleicht geht das hier gar nicht um Streben nach materiellen Gütern, wie wir das in Adis Traum hatten. Vielleicht ist Gold einfach nur das Symbol für eine glänzende Zukunft, eine Hoffnung, ein Streben – für einen echten Traum eben. Den eines Individualisten, oder…“ Amanda hielt inne, da sie merkte, dass sie sich vom Gegenstand des Liedes entfernte und sich eigentlich schon in den Gefilden ihrer eigenen Lebenswelt befand.

Nermin starrte missmutig auf die Tischplatte. „Ich hoffe, Du hast recht.“

„Ich auch“, sagte Amanda, und schaute ebenso missmutig. Als sich ihre Blicke trafen, mussten beide lachen.

„Ich fürchte“, sagte Amanda, „die Frage ist nicht entscheidbar. Es kann einfach beides bedeuten.“ Sie seufzte. „Naja, wahrscheinlich soll es uns sagen: ‚Seht her, es ist alles nicht so einfach.‘ Und so ist es ja auch. Strenggenommen ist es ein Qualitätsmerkmal des Liedes, dass es diese Zweideutigkeit aufrechtzuerhalten versteht.“ Sie hatte sich tief in ihren Sessel verkrümelt und schaute nachdenklich durch die Streben der Brüstung nach unten, ohne dass ihr Blick etwas Konkretes fixierte. Ja, dachte sie plötzlich, das ist die wahre Perspektive des Menschen.

Nermin blickte, den Kopf zurückgelehnt, wieder in den Himmel. Noch immer ungeklärte Wetterlage hoch oben unter dem Dach, dachte er.

„Ich hätte es trotzdem lieber eindeutiger“, konstatierte Amanda nach einer Weile mit ruhiger Stimme.

„Ich auch“, sagte Nermin leise, das Gesicht verschlossen. Er tastete mit der rechten Hand die Umrisse des Fotos in der linken Brusttasche ab. Die inflexible Form der Fotografie fiel ihm mit einem Mal als störend auf. Laute Schritte und ein helles Geschnatter unterbrachen seine Gedanken. Katie und Kevin kamen, wie fast immer, gemeinsam die Treppe hinauf.

 

„Ich verstehe immer noch nicht, warum dich der letzte Text so mitgenommen hat“, sagte Katie ungewohnt nachdenklich, nachdem sie und Kevin Platz genommen hatten. Es hatte sie schon ein wenig beunruhigt, dass Amanda bei ihrem letzten Treffen, nachdem Katie den Text vorgelesen hatte, zunächst Tränen in den Augen gehabt hatte, dann bleich geworden war und schließlich einfach wortlos gegangen.

„Das kommt“, erklärte Amanda, „weil Du ihn nicht verstanden hast.“ Doch schon während sie es sagte, bemerkte sie ihren Irrtum. Katie könnte den Text auch verstehen, er würde sie nicht mitnehmen. Sie könnte sich niemals hinreichend mit dem Inhalt identifizieren. Ganze Universen der Empfindung und der Reflexion fehlten ihr dazu.

„Soll das heißen“, fragte Katie langsam, „du hast auf Anhieb verstanden, wovon der Text handelt?“

Amanda nickte. Nermin, der sich auch außerhalb seiner Dienstzeit wieder einmal als Kellner der Truppe betätigte, brachte Kaffee und zur Abwechslung einmal Muffins, die von Vortag übriggeblieben waren und eigentlich hätten entsorgt werden sollen, die Nermin aber bei seinem Kollegen in der Küche für die Freunde noch hatte abstauben können.

Ich“, begann nun Kevin betont langsam und mit stolzgeschwellter Brust, „habe es auch sofort verstanden.“ Und mit nur scheinbarer Bescheidenheit fügte er hinzu: „Es war aber auch wirklich richtig billig diesmal, das konnte man ja eigentlich nicht missverstehen…“

Amanda warf Nermin einen ironischen Blick zu. Katie schaute ein wenig überrascht, aber durchaus beeindruckt. „Aha…okay… dann sag‘ mal“, sagte sie und lieferte Kevin damit das heißersehnte grüne Licht zur Darstellung seiner außerordentlichen Erkenntnis.

„Es ist doch ganz klar“ – er machte eine Kunstpause, um den Effekt zu steigern und die Spannung bis aufs Äußerste zu erhöhen, bevor er die erlösende Erklärung lieferte – „es geht um die Gauß‘sche Normalverteilung.“

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Über die Autorin

Dr. Ann-Kristin Iwersen studierte Philosophie und Ethnologie an der Universität Hamburg und promovierte dort 2011 im Fach Ethnologie zur Aushandlung kultureller Identitäten und ihrem situativen Switching in der neueren amerikanischen Countrymusik und ihrer Fankultur. Ihre Forschungsinteressen liegen vor allem in den Bereichen Identitätsforschung, Inter- und Transkulturalität sowie vergleichende Ethik.