Ich will es gleich ehrlich sagen: Heute schreibe ich von etwas, von dem ich nicht weiß, was es ist. Beruhigen tut mich einzig, dass ich häufig den Eindruck habe, dass auch die, die es praktizieren, oftmals nicht so ganz genau wissen, was sie da eigentlich tun. Ich denke, sie wissen eher, was sie nicht tun wollen. Mir liegt auf der Zunge zu fragen: Womöglich différance? Aber nein, nichts läge ferner. Die Rede ist von dem, was man landläufig als „analytische Ethnologie“ bezeichnet. Aber auch von dem einen und anderen sonst.
“Analytisch”, das klingt ja erstmal toll, so klug, so rational, da hat man ja was in der Hand! Leider ist es auch (fast) so gemeint. Und irgendwas hat man dann auch in der Hand, aber die Frage ist, ob es vielleicht bloß ein Jodeldiplom ist.
Dabei klingt alles, was die analytische Ethnologie will, zunächst mal ganz vernünftig. Ich will versuchen, das Ganze mal anhand eines einführenden Beitrags aufzurollen, dem Aufsatz „Analytische Ethnologie“ von Thomas Schweizer aus dem Handbuch der Ethnologie von 1993. Auch wenn der Aufsatz schon ein bisschen älter ist und auf die Gefahr hin, dass mir jetzt alle an die Gurgel wollen: Vom Prinzip her hat sich seitdem nicht viel getan in Sachen analytischer Ethnologie. Damit meine ich nicht, dass sie sich nicht allerlei neue Raffinessen hat einfallen lassen, ich meine: Der Ansatz ist, was er ist. Und darum soll’s ja gehen.
Bei Schweizer heißt es da, die analytischen Ethnologen „betonen […] die Erfordernis intersubjektiv nachprüfbare Ethnographien […], sie wollen durch präzisere Erhebungsverfahren die Qualität ethnographischer Daten verbessern […]; gegenüber dem Verstehen einzelner Kulturen verweisen sie […] auf die Notwendigkeit des Kulturvergleichs und allgemeiner Kulturtheorien […].“ (Schweizer 1993: 82)
Prima. Wer wollte dem denn nicht zustimmen? Zwar ist es nicht so, als würde dieses Programm dem interpretativen Ansatz unversöhnlich gegenübergestellt – zumindest Schweizer schreibt, dass beides einander ergänzend eingesetzt werden könne –, in der Praxis erweist sich das aber nicht selten als Lippenbekenntnis. Nicht, weil die entsprechenden Personen lügen, sondern weil sie so vernarrt sind in ihren eigenen Weg, dass Kreuzungen im Höllentempo überfahren werden, ohne auf Querverkehr zu achten, geschweige denn auf Fußgänger am Wegesrand, die ihren Daumen zaghaft in die Höhe halten. weiter ›