Wissenschaft mal anders

Der wiedergefundene Sinn (pdf-Version)

| | Keine Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 13 (Finale)

– mit dieser pdf-Version der allerletzten Folge, des “Finales”, sozusagen, möchte ich mich nun noch einmal ganz herzlich bei all denjenigen bedanken, die die Abenteuer unserer drei Protagonisten verfolgt haben. Vielleicht werden eines Tages ganz neue, andere Abenteuer auf sie warten – wer weiß? An dieser Stelle allerdings werden sie sich – und mit ihnen die Autorin – nun einstweilen verabschieden – und “Auf Wiedersehen”, aber nicht “Adieu” sagen!

Auf bald an dieser oder anderer Stelle:

Ihre Ann-Kristin Iwersen

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Der wiedergefundene Sinn II)

| | Keine Kommentare

Im Café Cupola hockte sich Nermin, nachdem er das Café ausgefegt hatte und die Lichter bereits gelöscht hatte, lange vor den Kamin, in dem noch ein schwaches Feuer loderte, das bald ausgehen würde. Aus der Innentasche seines Jacketts holte er eine Fotografie, die in Halbtotale eine schöne, elegant gekleidete, etwa fünfunddreißigjährigen Frau mit zwei kleinen Mädchen, die kindlich, aber dabei schon mit derselben gemessenen Eleganz in die Kamera lächelten wie die Mutter. Nermin schaute lange auf das Foto, bis das Feuer im Kamin so schwach war, dass er kaum noch etwas erkennen konnte. Dann nahm er ein Feuerzeug aus der Tasche und zündete eine Ecke des Fotos an, blies die Flamme wieder aus und warf es in den ausgehenden Kamin. Die Schatten des letzten Feuers tanzten auf Nermins Gesicht. Ein leichtes, zufriedenes Lächeln lag auf seinen Lippen, als er die geisterhaften Schemen der drei Frauen in der Glut liegen sah.

Beinahe zur selben Zeit lag Amanda in ihrem Bett und wälzte sich träumend im Schlafe, schweißgebadet. Sie stand auf dem grauen Sims eines Hochhauses, hinter ihr eine weiße Wand, vor ihr der gähnende schwarze Abgrund. Von unten aus der Dunkelheit drang dumpf eine weitentfernte Geräuschkulisse, und dann, aus dem Nirgendwo, ein Lied… Es war einer dieser seltsamen Momente, in denen man sich im Traum träumend weiß: Sie nahm wahr, wie sie angestrengt versuchte, das Lied, das sie spielen hörte, zu identifizieren und wie sie es schließlich den Text wiedererkannte: „The natural conclusion I’m about to realize/ this is the beginning or the end…“ Hinter ihr verwandelte sich die Mauer plötzlich in eine gleißendweiße Brüstung, wie die eines Hauses an der griechischen Küste. Ein Mann stand dahinter, und er schien die missliche Lage, in der sie sich gerade befand, gar nicht wahrzunehmen, denn fröhlich fragte er: „Genießen Sie auch die schöne Aussicht von hier oben?“ In diesem Moment fiel sie in die schwarze Tiefe und konnte nicht mehr antworten. Sie erwachte im Traum an einem Strand im warmen Sand, als plötzlich eine goldene Weltkugel auf sie zuschoss und vor ihr in Millionen Menschen zerplatzte, die an ihr, die plötzlich im Verhältnis zu den Menschen riesenhafte Ausmaße angenommen hatte, herumzerrten, bald hierhin, bald dorthin, ohne sie jedoch aus der Stelle bewegen zu können. „Ich will nicht“, dachte sie im Traum, „Ich will nicht.“ Plötzlich wurde alles warm um sie herum, und es dauerte einen Moment bevor sie, mit einem distanzierten Erstaunen, zur Kenntnis nahm, wie ihr Körper vom Feuer verzehrt wurde; mit einer gewissen Wehmut kam ihr der Gedanke, dass da eine Schönheit in diesem Text lag, die sich ihr früher nie erschlossen hatte, bevor sie in Bewusstlosigkeit versank.

 

Am nächsten Morgen stand Katie, ein bisschen aufgeregt von einem Fuß auf den anderen tretend, vor der Tür der Werkstatt 7. Schließlich atmete sie tief durch und ging hinein.

„Hi“, sagte die junge Frau mit dem Nasenring und den schwarzen, kurzen Haaren hinterm Tresen. „Du musst Katie sein. Ich bin Maria.“ Maria war ein fröhliches Wesen, sie führte Katie zunächst einmal durch die Räume und erzählte alles Mögliche über die Werkstatt 7, bevor sie Katie ins Büro führte. „Also, du siehst“, sagte Maria, „wie machen da echt so ganz verschiedene Sachen, und du musst einfach mal so rausfinden, worauf du dann langfristig so Bock hast, aber ich denk‘ wenn du erstmal mit der Betreuung dieser Kindergruppe anfängst, hast du da erstmal einen super Einstieg in die soziale Arbeit.“

„Also“, sagte Katie entschuldigend, „ich hab‘ zwar Ethnologie studiert, aber eigentlich weiß ich nicht, warum.“ Maria lachte. „Ja, ich auch! Und weiß ich auch nicht, warum. Willst Du noch ’n Kaffee?“

 

Kevin stand auf dem Gelände der Autowerkstatt und schaute sich eine Weile das Feld der angebotenen Wagen an, bevor er hineinging. Der Mann hinter dem Tresen war noch recht jung, vielleicht Mitte Dreißig. Er hieß Jens und hatte vor kurzem die Werkstatt von seinem Vater übernommen. Kevin hatte den Kontakt von einem der vielen Leute, die ihm bei seinen Passat-Restaurationsarbeiten geholfen hatten. Jens zufolge lief das Geschäft ganz gut, doch die Buchhaltung seines Vaters war eine Katastrophe – wie auch überhaupt seine wirtschaftlichen Kompetenzen hinter seinen mechanischen weit zurückgestanden hatten. „Also“, meinte Jens, „du würdest das echt machen? Ich mein‘ ich kann Dir halt jetzt nix Festes bieten oder so, aber wenn du das alles hinbekommst und der Laden läuft, dann können wir mal schauen, wie wir dich unterbringen, so auf Dauer, wär‘ das ok?“ „Klar“, strahlte Kevin. „Mach‘ Dir keine Sorgen wegen des Geldes. Wenn ich nicht Vollzeit hier sein muss – einen Job hab‘ ich erstmal, um mich zu finanzieren.“

 

Nermin faltete seine Schütze mit dem ineinander verschlungenen „CC“ sorgsam zusammen und hielt sie Kevin feierlich hin. „Voilà! Willkommen im Café Cupola!“ Kevin verneigte sich und nahm die Schürze ebenso feierlich entgegen. Katie lächelte ob des Zeremoniells. „Und dich“, fragte sie, während sie Kevin beim Umbinden der Schürze beobachtete, „sehen wir jetzt also so bald nicht wieder, Nermin?“

Nermin lächelte traurig. „Nein… wohl nicht. Ich habe jetzt eine weite Reise vor mir, die ich schon längst hätte zuendeführen sollen – leider bin ich an einem Zwischenhalt hängengeblieben, weil mich der Mut verließ.“

„Du meinst hier?“

„Ja, hier… es war dann alles so bequem, und da…“

„Aber irgendwie war’s doch auch schön, oder? Ich meine, wirst du uns nicht vermissen?“, fragte Katie traurig.

„Doch, natürlich.“ Nermin schaute verlegen auf den Boden. „Aber wenn man weiß, was das Richtige ist, muss man es auch tun.“

„Aber weißt Du denn so sicher, dass es das Richtige ist, wenn Du doch ein gegenteiliges Gefühl genauso spürst?“, fragte Katie.

„Doch, ja! Ich weiß, ich kann mich jetzt nicht wieder auf’s Bleiben einlassen.“

„Ja“, sagte Katie nachdenklich. „Weil Du sonst nie herausfinden wirst, wie es wäre, gegangen zu sein… Wo geht es überhaupt hin? Was ist das Ziel?“

„Du hast dich gerade angehört wie Amanda“, meinte Kevin, bevor Nermin antworten konnte.

„Tatsächlich?“, fragte Katie. „Wo ist sie überhaupt? Ich kann sie schon seit Tagen nicht erreichen.“

„Ich auch nicht“, sagte Kevin, plötzlich besorgt. „Ich habe ihr geschrieben, dass wir uns heute hier treffen, aber habe nichts gehört – Du, Nermin?“

„Nein, nichts… es wird doch wohl nichts passiert sein? Ich meine, weil…“

„…sie so komisch war letztes Mal, ne? Ach, Mandy doch nicht“, versuchte Katie den Gedanken schnell fortzuwischen, doch sie klang wenig überzeugt.

„Ich weiß nicht“, meinte Kevin, „so ist sie sonst aber nie. Wir sollten sie suchen. Kommst Du mit Nermin? Du hast doch den optimalen Draht…“

Nermin überlegte. Er sollte Amanda suchen, die beiden hatten vollkommen recht. Aber er hatte Amanda alles erzählt, seine Route, welche Bedeutungen daran hingen… sie, mehr als alle anderen würde verstehen, wenn er jetzt ginge! Nermin wusste nicht recht, warum, aber gerade dieses Argument motivierte ihn sehr zu seinem Missfallen mehr zum Suchen als zur Abreise.

„Nein“, sagte er bestimmt. „Ich muss gehen. In vier Stunden geht mein Flug. Grüßt sie von mir, wenn ihr sie gefunden habt. Ihr werdet mir fehlen, aber eines Tagen sehen wir uns ja wieder! Versprochen!“ Er griff seine Koffer, die neben dem Tresen standen und rannte davon, als müsste er das Flugzeug auf der Startbahn einholen.

„Hm“, meinte Katie. „Was war das jetzt?“

„Keine Ahnung. Ich mache uns einen Kaffee, dann überlegen wir, wo wir Mandy finden.“

Nermin stand auf der Aussichtsterrasse und beobachtete die Flugzeuge beim Starten und Landen – was für ein Schauspiel! So sehr verband sich in ihm das Beobachtete mit ihm selbst, dass er sich bei jedem Start ein wenig erhoben fühlte, bei jeder Landund ein wenig niedergedrückt. „Ach ja“, seufzte er und rieb sich die Augen mit der Hand. Das Gepäck war aufgegeben, er müsste nur noch durch die Sicherheitskontrolle und einsteigen. Aber wollte er nun, oder sollte er nicht besser die beste Freundin, die er je hatte, suchen gehen? Was würde sie tun? Würde sie wirklich verstehen, wenn er einfach so fuhr? Wartete sie womöglich darauf, dass er sie suchte – oder war es schon zu spät? Er zwang sich, die Kontrolle zu passieren und zum Gate zu gehen. Umkehren konnte er schließlich noch. „This is the final call for passenger Nermin Sma- Sm- Smajić, booked to Mumbai, please proceed to gate A15 immediately.” Nermin schlug die Hande über dem Kopf zusammen und seufzte. In der allerletzten Minute nahm er seine Jacke und betrat das Flugzeug. Es war sicher richtig so, dachte er und schloss einen Moment die Augen, auch wenn es sich in diesem Moment nicht unbedingt so anfühlte. Nermin streckte die Beine aus, denn er hatte eine ganze Fensterreihe für sich allein, und lehnte den Kopf an die Außenwand des Flugzeugs. Er schaute aus dem Fenster und beobachtete das Flugfeld, als das Flugzeug zur Startbahn rollte, und als es endlich abhob, spürte er nichts als die Erleichterung, dass alles unter ihm immer kleiner und kleiner wurde. Irgendwie spürte er, dass mit Amanda schon alles in Ordnung war… und fiel darüber ein einen sanften Schlaf, aus dem ihn auch der Ton der verloschenen Anschnallzeichen nicht weckte.

Erst als ihn jemand am Ärmel zupfte, schlug er die Augen auf. „Hello, stranger, how have you been?“, fragte Amanda mit einem leicht spöttischen Lächeln.

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Der wiedergefundene Sinn I)

| | Keine Kommentare

Mit den Ergebnissen einer langen Diskussion und Amandas konzisem Protokoll und ihrer Übersicht ausgerüstet, war Kevin um halb zwei aus dem Café Cupola aufgebrochen. Das Ende, das Ergebnis war zum Greifen nah – doch Freude wollte sich bei den verbliebenen drei Freunden nicht recht breit machen, ja, nicht einmal von Aufregung war besonders viel zu spüren. Schweigend kauten sie an ihren Madeleines herum und tranken Kaffee.

 

„Ich kann nicht glauben, dass es vorbei ist“, meinte Katie, niedergeschlagen.

„Ich auch nicht“, seufzten Amanda und Nermin wie aus einem Munde.

„Was machen wir bloß jetzt?“, fragte Katie. „Alles war irgendwie so auf dieses Rätsellösen eingestellt, alles so schön regelmäßig, und… ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber ich werde es vermissen.“

„Ich auch“, sagte Amanda. „Ich weiß auch gar nicht, wo es nun hingehen soll, es ist alles so… leer…“

Katie schaute sie argwöhnisch an. Schon den ganzen Vormittag war Amanda so seltsam gewesen, irgendwie traurig und abwesend, als würde sie etwas ganz besonders Schweres belasten. Alle Versuche, etwas aus ihr herauszubekommen, waren allerdings kläglich gescheitert.

„Ich bin auch traurig“, seufzte Nermin. „Ich glaube, ich hatte noch nie so lustige Gesellschaft, so einen Haufen völlig ungleicher Freunde.“

„Naja“, meinte Katie leise, „aber die Freundschaft muss ja nicht mit den Rätseln aufhören…“

Nermin schaute traurig in das Grün der Auen. „Nein“, meinte er schließlich. „Aber… ich werde vielleicht nicht mehr lange hier sein.“

„Du willst wirklich weg?“

„Habe schon gekündigt. Mittwoch ist mein letzter Tag.“

„Oh“, machten Amanda und Katie wie aus einem Munde. Amanda schluckte und schaute in den Kuppelhimmel, der heute voller dunkelgrauer Wolken hing. Ein Sturm zog auf, ganz sicher. Ein langsames Schlurfen auf der Treppe ließ sie in die Realität zurückkehren. Es war Kevin, der mit finsterer, undurchdringlicher Miene die Treppe hinaufkam.

Katie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, hatte dann aber Angst es könnte das Falsche sein. Die Drei folgten Kevin mit den Blicken und warteten, bis er abgelegt und sich gesetzt hatte.

„Na?“, fragte Katie schließlich vorsichtig. „Nicht gut gelaufen?“

Mehr als ein „mpf“ kam nicht. Katie atmete tief durch. „Okay, sag’s einfach, Du hast den Job nicht gekriegt. Die Lösungen waren alle falsch und-“

„Viel schlimmer!“, sagte Kevin erbost. „Viel schlimmer. Es war nichts richtig oder falsch, er hat mich sogar zuende reden lassen – und dann hat er angefangen zu lachen.“

„Warum…?“, fragte Amanda mit gerunzelter Stirn. „Haben andere es denn schneller geschafft oder besser oder…?“

„Nein. Keiner hat es geschafft. Keiner hat es überhaupt probiert. Ich war der einzige Trottel, der ernsthaft geglaubt hat, man solle die Rätsel lösen.“

„Äh…“, machte Amanda. „Und was sollte das sonst?“

„Es war ein Test – irgendwie. Jedenfalls sind die meisten nicht wiedergekommen und ein paar haben wohl gesagt, so einen Schwachsinn machen sie nicht, weil der Job das nicht erfordert. Also, sinngemäß haben sie wohl sowas bekommen. Und von denen hat’s einer halt bekommen.“

„Soll das heißen, der Job ist längst vergeben?!“, fragte Katie entgeistert.

„Das soll es heißen.“

„So ein Arschloch“, konstatierte Amanda.

„Es kommt noch besser! Er hat mir dann auch noch erzählt, ich könne ja wohl nicht ernsthaft glauben, dass ich für die Position geeignet sei, wenn ich ihm was von Freiheit erzähle und dem Sich-nicht-abhängig-Machen von materiellen Gütern und Status und so weiter…“

„So ein –“ Katie suchte nach einer Steigerung von ‚Arschloch‘, aber es fiel ihr keine ein. „Ach, nimm’s nicht so schwer, Kevin, wir hatten doch eine Menge Spaß!“ Komisch, dachte Katie, vor zwölf Wochen fand ich es völlig abwegig, dass Kevin diese Position ausfüllen könnte; aber heute… war Kevin irgendwie ein anderer.

Amanda seufzte. „Genau. Und sieh‘ mal, nun sitzen wir hier an diesem idealsten aller Orte – ich weiß, dass es keine Steigerung von ‚ideal‘ gibt, bevor jemand was sagt – von dem aus wir, ohne uns eigentlich je wegzubewegen, zwölf wunderbare Abenteuer bestanden haben – was will man denn mehr?“

Nermin lächelte und fuhr sich durch die Haare, den Ellenbogen auf der Brüstung abgestützt. „Ja. Nun müssen wir also unseren Garten bestellen.“

Amanda lächelte breit. „Was für ein schönes Schlusswort zur menschlichen Freiheit… auch so kann man den Candide lesen. Ja. Stimmt.“

Kevin seufzte. „Dann holt doch mal Schubkarre und Spaten. Wir machen das Land schon urbar…!“

 

Fräulein F., von und zu (pdf-Version)

| | Keine Kommentare

Liebe LeserInnen,

hier nun auch die pdf-Version der 12. Folge: Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 12

Kevin, Katie und Amanda haben es so gut wie geschafft – und damit ist auch bald diese Geschichte an einem (vielleicht nur vorläufigen) Ende angelangt. Ob und wie es weitergeht, erfahren Sie im Laufe des Mai natürlich hier.

Beste Grüße

Ann-Kristin Iwersen

 

 

 

 

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge XII,3: Fräulein F., von und zu)

| | Keine Kommentare

„Also, ich habe schon verstanden, dass Ihr meintet, dass das ‚F.‘ für Freiheit steht. Okay. Aber was zum Teufel soll das Ganze mit dem Adel und dem Namen und so weiter? Das erschließt sich mir jetzt nämlich absolut nicht.“ Kevin schaute ein bißchen verzweifelt. Man hatte ihm beim letzten Mal feierlich die Aufgabe zum Selbstlösen überlassen, nur ausgerüstet mit einigen, wie Kevin fand, ziemlich dürftigen Hinweisen. Er war keinen Schritt aus der Stelle gekommen.

„Aber wir haben Dir doch extra noch gesagt: Schau‘ mal nach der Unterscheidung von ‚Freiheit von‘ und ‚Freiheit zu‘ – damit ist doch alles gesagt!“, sagte Amanda, etwas ungehalten.

„Ja“, erwiderte Kevin, „ich hab’s ja auch nachgeguckt. Aber ich habe einfach die Geschichte damit nicht verstehen können. Freiheit von als negative Freiheit, Freiheit zu als positive Freiheit, das hab‘ ich schon kapiert. Aber das kann man ja wiederum auf so viele Weisen verstehen, also auf das Individuum bezogen, auf den Staat bezogen… ich weiß nicht, was das hier bedeuten soll!“

„Naja“, warf Katie ein, „ist das nicht eigentlich erstmal egal? Das Fräulein F. ist halt so die personifizierte Freiheit, ist ja erstmal egal, auf welche Ebene jetzt, oder? So generell halt.“

„Denke ich auch“, meinte Amanda und fragte, zu Nermin gewandt: „Was denkst Du?“

Nermin nickte. „Eigentlich keine Einwände. Ich habe jetzt aber zuerst an Kant gedacht: negative Freiheit ist die, wie Kant schreibt, Fähigkeit des Menschen ‚einen Zustand von selbst anzufangen‘. Sie ermöglich positive Freiheit erst, und diese ist dann sowas wie die Fähigkeit der Vernunft, autonom zu handeln, sich selbst ihre eigenen Gesetze zu geben.“

„Ja, hast recht, das ist naheliegend“, stimmte Amanda zu. „Das passt auch ganz gut dazu, dass nur beides zusammen den wahren Adel ausmacht… obwohl… eigentlich nicht, weil es ja das eine ohne das andere nach Kant nicht gäbe, und hier sind die ja völlig unabhängig voneinander gedacht.“

„Vielleicht werdet ihr auch einfach zu philosophisch“, meinte Katie. „Ich meine, wir haben doch schon oft gesagt, dass der Text gar nicht so konkret wird, so spezifisch, sondern dass er einfach etwas ansprechen will. Vielleicht ist hier einfach bloß gemeint, dass die ‚Freiheit von‘ so was ist wie Dinge, die man einfach loswerden will. Wie ich mein Ethnologiestudium, was leider illusorisch ist. Und ‚Freiheit zu‘ dann eben einfach alles, was man aus sich selbst heraus aktiv anfängt.“

„Das ist doch jetzt genauso philosophisch“, meinte Kevin.

„Naja… es ist jetzt schon eher Alltagsphilosophie, Kevin, sonst wäre ich dazu gar nicht fähig.“

„Naja, wenn Du meinst… und warum erscheint den meisten denn dann die ‚Freiheit von‘ erstrebenswerter?“

Katie riss verständnislos die Augen auf und schüttelte den Kopf. „Na! Weil’s naheliegender ist?!“

„Hm. Stimmt, ja. Und wer ist der Mann, der die Freiheit befragt?“

Katie verschränkte die Arme vor der Brust. „Keine Ahnung. Irgend’n Typ halt.“

„Ich weiß auch nicht, wer der Mann jetzt genau sein könnte, ehrlich gesagt.“

„Manches muss halt ungelöst bleiben“, seufzte Katie.

„Hm“, machte Kevin unzufrieden. „Finde ich nicht befriedigend. Und außerdem, wie ihr das jetzt so gesagt habt, finde ich das eigentlich alles ziemlich banal…“

„Du findest Freiheit banal?“, fragte Amanda ungläubig.

„Nein, so meine ich das nicht. Ich finde die Geschichte banal. Da hätte man doch mehr draus machen können.“

Katie gluckste vor Lachen. „Na, dann schreib‘ doch einfach die dreizehnte, wenn Du dann bei Ludwig arbeitest. Für deine Nachfolger oder so.“

„Also, banal finde ich das jetzt nicht“, schaltete sich Nermin ins Gespräch ein, „Natürlich: Wenn man einmal drauf gekommen ist, dass das Fräulein F. die Freiheit sein soll und das mit Freiheit von und zu begriffen hat, gibt es nicht mehr viel zu rätseln, aber es gibt auf jeden Fall Anlass zu viel Diskussion, finde ich!“

„Einmal das“, sagte Amanda, „und was ich ganz hübsch finde: Es ist ein Fräulein F. – das heißt, die Freiheit ist ungebunden…!“

„Stimmt ja, das ist mir gar nicht aufgefallen…!“, rief Katie. „Und ich finde auch, man kann da doch total viel zu sagen. Zum Beispiel müsste man doch jetzt mal schauen, was bedeutet eigentlich Freiheit zu etwas ganz konkret, wie erreicht man das? Sagen Philosophen eigentlich irgendwas dazu?“

„Naja…“, meinte Amanda zögerlich. „Nee, eigentlich nicht. Nicht so praktisch jedenfalls, wie du es jetzt meinst.“

„Dafür bietet aber wiederum“, erklärte Nermin, „etwa der Buddhismus viel mehr. Philosophisch ist dort vieles sicherlich sehr viel weniger abstrakt und präzise als in der europäischen Philosophie, aber man muss sagen: Nur dort findet sich die direkte Übertragung in die Praxis, nämlich durch Meditation; genau genommen ist Meditation nichts anderes als der Weg, die Lücke zwischen Theorie und Praxis des Guten zu überbrücken – also, unter anderem. Diese Praxis alleine garantiert quasi im Alltag den freien Willen, sichert ihm, wenn man so will das ‚freie Geleit‘.“

„Hm“, meinte Katie, „aber wohl auch eher in der Theorie, oder?!“

„Nein, nein“, widersprach Nermin, „die Wirksamkeit von Meditation ist neurologisch nachgewiesen!“

„Tatsächlich?“, fragte Kevin.

„Ja, ja, wirklich. Da sind in den letzten Jahren viele interessante Studien gelaufen. Da gibt es auch ein populärwissenschaftliches Buch, was nicht so schlecht ist, von Ulrich Ott, Meditation für Skeptiker. Falls es dich interessiert.“

„Mhmm“, machte Kevin, während sich Amanda den Titel notierte.

Katie klatschte sich mit den Handflächen auf die Oberschenkel. „Kinder – ich will ja nichts sagen, aber: Wir sind fertig! Wir haben alles gelöst, zumindest so ungefähr, und nun kannst Du damit losziehen!“

„Ich weiß nicht“, meinte Kevin. „Können wir uns nicht noch einmal treffen, dass ich nochmal alles zusammenstelle, was mir so einfällt und Amanda ihre Übersicht mitbringt – hattest du die eigentlich gemacht? – und dann gleichen wir nochmal ab? Ich weiß jetzt eigentlich überhaupt nichts Strukturiertes zu berichten, ehrlich gesagt…“

„Ich finde auch, das ist eine gute Idee“, sagte Amanda. „Am Montag treffen wir uns nochmal, und dann – sag‘ mal Kevin, hast Du eigentlich einen verbindlichen Termin für Mittwoch? Oder kannst Du irgendwann kommen, oder wie?“

„Nö, einen Termin hab‘ ich eigentlich nicht… er hat halt gesagt: bis zum 30. April muss es fertig sein.“

„Dann kannst du doch vielleicht anrufen und fragen, ob du schon Montag kommen kannst? Dann würden wir uns vorher kurz treffen, dich umfänglich briefen, und dann warten wir, bis du wieder da bist, wie wäre das?“

„Klingt super“, meinte Kevin. Er schaute auf die Uhr. „Hm, kurz vor Vier. Ich probiere mal, ob ich noch jemanden erreiche.“ Er wählte die Nummer, stand auf und ging langsam um das Geländer der Kuppel herum, verschwand dann die Treppe hinunter. Er war vor die Tür gegangen, um ungestört zu telefonieren, vermutlich weil der Lärm der Espressomaschinen von Tresen ein Geräusch verursachte, das jedes Telefongespräch unmöglich machte. Nach einer Minute kam er zurück.

„Hat geklappt“, vermeldete er. „14 Uhr hab‘ ich den Termin.“

„Super“, meinte Amanda. „Dann treffen wir uns doch um 11 Uhr hier. Ich habe die Übersicht auch fast fertig, übrigens. Bringe ich dann mit.“

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge XII,2: Fräulein F., von und zu)

| | Keine Kommentare

„Unglaublich“, sagte Nermin, das Kinn sinnierend in eine Handfläche gestützt, „zuerst waren wir den Texten immer hinterher, jetzt sogar vorweg. Ich denke, das muss der Sinn des Ganzen gewesen sein.“

„Dass man von selbst zu Erkenntnissen kommt, indem man so von hinten rum drauf gestoßen wird?“, fragte Amanda.

Nermin nickte. „Ich meine, es ist doch so: Tausend Leute können einem die tollsten Erkenntnisse präsentieren, man wird sie nie annehmen, weil Erkenntnis immer etwas von innen Generiertes ist, etwas, dass man von außen anstoßen, aber nicht bringen kann.“

„Mm-m. Das stimmt. Das ist – um bei den ‚weiteren Wegen‘ zu bleiben – wie wenn man einen Weg immer als Begleitperson fährt: Die Strecke kann man tausendmal gefahren sein, man kann sie alleine darum noch lange nicht fahren. Aber wenn man einmal den Weg selbst aktiv gefahren ist, findet man den Weg immer wieder.“

„Ja…! So ist das… und, was ist dein weiterer Weg, Amanda?“

Amandas Miene verfinsterte sich. „Ich weiß nicht“, antwortete sie langsam. „Ich habe vieles wiedergefunden, das ich schon beerdigt hatte. Jetzt stehe ich vor den Leichen aus meinem Keller und weiß nicht wohin damit.“

„Sind das denn überhaupt deine Leichen?“

„Nein. Ja. Man hat sie mir untergeschoben, aber was soll ich nun damit tun? Jetzt sind es nun mal meine. Jetzt lebe ich in der ständigen Angst, eine von ihnen wird lebendig oder zieht mich in die Tiefe…“

„Vielleicht nur Tantalusqualen.“

„Mag sein, aber es wären keine Tantalusqualen, wenn ich wüsste, dass es welche sind.“

„Stimmt“, gab Nermin zu.

„Das Schlimme ist: Es ist nicht in Worte zu fassen, was das eigentlich alles heißt. Für alle geht es da nur um stinkende Schafe und einen toten alten Mann, der absonderliche Geschichten erzählt hat. Aber für mich hängt da eine Welt drin, als würde man in den Marianengraben hinabgesogen, so fühlt es sich an. Aber da sind keine Worte, nur Bilder.“

„Es gibt sie eben doch“, sagte Nermin, „die nicht-sprachlichen Gedanken. Ich habe da immer dran geglaubt.“

Amanda lächelte. „Ja, ich auch. Auch bei Erkenntnissen ist das so. Man hat sie schon, man spürt sie schon, aber sie haben noch kein Wortkleid.“

Beide schwiegen eine Weile. „Deshalb habe ich wohl Sympathien für Menschen, die abenteuerliche Geschichten erzählen, bei denen die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verschwimmen. Ich kann darin die Wahrhaftigkeit spüren. Irgendwie ist das …interessant.“

„Natürlich. Weil deine gefühlte Wahrhaftigkeit das Wortkleid für die nicht-sprachlichen Gedanken des anderen sind. Hülle und Kern oder auch…“

„Yin und Yang. Oder auch: zwei Hälften einer Kugel.“

„Oder so.“

„Wahrscheinlich ist entscheidender für wahre Freundschaft, dass man gerade die passenden Kleider für die gefühlten Gedanken der anderen hat – nicht so sehr, dass sie sich in abstrusen Geschichten äußern. Deswegen spricht mich jetzt auch nicht per se jede absonderliche Geschichte an… schon spannend, oder?“

„Ja, sehr… und was willst Du nun damit machen, mit alldem?“

Amanda zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es nicht. Ich bin gerade so…hm. Und Du? Was wird nun mit deinem weiteren Weg, Buddha?“

„Ich habe schon gebucht. Am 30. April geht mein Flug, gekündigt habe ich schon.“

Amanda nickte, als hätte sie das schon erwartet. „Wohin? Sagst Du mir, warum?“

Nermin überlegte eine Weile bevor er antwortete. „Vielleicht.“

„Erzähl‘ doch einfach, ich suche das passende Wortkleid dazu.“

Und Nermin erzählte. Als er endete, fragte Amanda: „Vielleicht könntest Du mich mitnehmen? Die Reise klingt nicht übel.“

„Aber vielleicht ist deine Route nicht meine Route – du solltest deine eigene suchen, denkst du nicht?“

„Es ist doch meine freie Entscheidung – und ich kann jederzeit einen anderen Weg wählen! Ach, da sehe ich kein Problem!“

„Keine Unterwerfung ist so vollkommen wie die, die den Anschein der Freiheit wahrt. Damit lässt sich selbst der Wille gefangennehmen.“

„Rousseau.“

„Emile.“

„Genau. Und ja: stimmt. Trotzdem wirkt da doch mein freier Wille, wenn ich mitkomme.“

„Und was ist es, was deinen Willen bewegt?“

C’est peut-être pour me venger de n‘être qu’un étranger“, sagte Amanda bitter. „Und was bewegt deinen Willen? Ich sehe wohl den Weg, aber was ist das Prinzip, das ihn regiert? Wenn nicht die Rache für’s Fremdsein?“

„Erlösung…! Klingt das nicht schön pathetisch…? Vielleicht ist es aber auch doch banaler: mit jedem Schritt zu beweisen, dass ich gehen kann.“

Chains, chains, shackles and chains…

„Kennst Du auch die erste Zeile von dem Lied?“, lachte Nermin. „Die passt nämlich zu mir leider allzu gut.“

Amanda lachte. „Bought a ticket to Seattle but I can’t get to the plane,/ every time I leave you I keep running out of chain”, sang sie. “Mein Gott, vor wem läufst du weg?!”

„Hm – interessante Frage! Vor allen, wahrscheinlich. Und am meisten vor mir.“ Er grinste breit.

„Erfolgreich?“

„Leider nein. Insbesondere, was Letzteres betrifft.“

„Ach“, seufzte Amanda, wenn es nur nicht so vieles gäbe, von dem man sich mal wirklich befreien müsste.“

„Ja, nur irgendwo muss man ja auch hin! Das ist wohl das größte Problem, dass man so leicht weiß, was man fliehen soll, nur leider seltenst, wo die Rettung naht…“ Nermin bemerkte Katie und Kevin als erster. „Ah, da seid ihr.“

„Ja! Da sind wir! Und, ihr zwei Schlaumeier? Wovon handelt unser Text, und worüber habt ihr hier schon wieder die ganze Zeit gequatscht?“, fragte Katie, als sich ablegte und sich in den Sessel fallen ließ.

„Freiheit“, bemerkte Amanda nüchtern.

„War das jetzt eine Antwort auf die erste oder zweite Frage?“, fragte Katie Kevin, wie um sich zu versichern, dass ihr nichts Fundamentales entgangen war, das Amandas rätselhafte Antwort aufgelöst hätte.

„Du hast blöd gefragt“, erklärte Kevin erbarmungslos.

„Beides“, beantwortete Nermin Katies Frage.

 

Der weitere Weg (pdf-Version)

| | Keine Kommentare

…und Folge 11 als pdf-Dokument: Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 11

“Nachdem Frühstück mussten sich die Freunde trennen: Katie ging zur Arbeit, Kevin wollte zu seinem „Bekannten“, über den man Näheres allerdings nicht erfuhr, außer, dass es wichtig sein musste, wenn ; Amanda war sich noch etwas unschlüssig, ob sie nach Hause gehen sollte, und beschloss schließlich, Nermin ein Stück zu begleiten, der den längsten Weg von allen hatte.

„Was ich mich immer noch frage“, sagte Amanda, als die Vier unten auf der Straße standen und sich auf den Weg machten, „ist, was uns das jetzt so sagen soll, mit der Liebe. Dass das so ist? Dass das so sein soll?“…”

Die zwei Hälften der Kugel (pdf-Version)

| | Keine Kommentare

Liebe LeserInnen,

hier das pdf-Dokument zu Folge 10: Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 10

Beste Grüße

Ann-Kristin Iwersen

“„Gibt’s eigentlich Familienfotos.“ Amandas Worte waren eher eine beiläufige Bemerkung als eine echte Frage. Sie sog mit Kraft geräuschvoll den letzten Schluck Kaffee zwischen den Eiswürfeln ihres Iced Caffè Latte heraus. „Familienfotos?“, fragte Nermin entgeistert…”

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge XII,1: Fräulein F., von und zu)

| | Keine Kommentare

Es hupte dreimal kurz, hell und zart, und Nermin, Katie und Amanda liefen zum Fenster, um zu schauen, ob es endlich Kevin war, der da eintraf. Als sie den auffälligen, grünen Passat vor der Tür sahen, gingen sie nach draußen, um das Gefährt aus der Nähe zu begutachten.

 

Kevin hatte in den vergangenen Tagen fast ununterbrochen an dem Auto gearbeitet, ja, zum Teil musste er zugeben: Er hatte darüber sogar das Nachdenken über die Texte und die Stelle bei Ludwig etwas vernachlässigt. Aber irgendwie auch nicht: denn obwohl er es versäumt hatte, sich – jenseits von einem Alibiblick – intensiv mit dem aktuellen Text auseinanderzusetzen, waren ihm beim Arbeiten immer wieder Fragmente der vielen Gespräche im Café Cupola durch den Kopf gegangen. Insbesondere die gelben Raupen hatten ihn beeindruckt… wie blödsinnig es doch war, wie man sich manchmal an Dinge klammerte!

Eigentlich nicht bloß an materielle Dinge, dachte Kevin. Wie idiotisch hatte er sich an dieses Versprechen, das er seinem Vater gegeben hatte, geklammert, als könnte der ihm aus dem Jenseits quasi noch übelnehmen, dass er nicht Wort gehalten hatte. Nein, das hatte mit Übelnehmen nichts zu tun; es hatte mit dem Gewicht eines gegebenen Versprechens zu tun, eines Versprechens, dass er halbherzig dem Dahinsiechenden gegeben hatte, der selbst natürlich keinen Gedanken daran verschwendet hatte, ob es richtig und verantwortbar ist, seinem Sohn so ein Wort abzunötigen! So ein Unfug, dachte Kevin. Hätte ich mir mal die ganzen Jahre gespart.

Und dann dachte er an die mysteriösen Texte und Herrn Ludwigs irgendwie doch ziemlich irrsinnige Prüfung, und er fragte sich, warum um Himmels Willen er sich eigentlich für diesen Job so dermaßen anstrengte, wo ihn eigentlich noch nicht mal die Aufgabe lockte, die er da zu erfüllen hatte. Warum hatte er sich eigentlich überhaupt beworben? Ach ja, weil sein Studium vorbei war, und er folglich nun irgendwie würde arbeiten müssen… und irgendwie war ihm das alles so wichtig und richtig erschienen, Geld, Status. Tja, wäre aber Herr Ludwig nicht gekommen, dann hätte er auch nie gewusst, dass er eines Tages enden würde, wie ein Eingeborener namens Adi, wenn er so weitermachte wie bisher! Nur was sollte jetzt mit der Stelle werden? Er musste doch hin, jetzt, wo alle sich so für ihn angestrengt hatten – mindestens hingehen musste er und schauen, was Ludwig zu ihren Lösungen sagte, das war er ihnen doch schuldig. Oder nicht? War das nur eine weitere Fessel, die er sich da umband?

Er setzte sich auf den Kantstein, zündete sich eine Zigarette an und schaute gedankenverloren in die Ferne. Auf der anderen Straßenseite begannen die ausgedehnten Felder des einzig verbliebenen Großbauern in diesem Ort, dem Nachbardorf seines Heimatorts, wo er die Autowerkstatt nutzte. Ganz in der Ferne entdeckte er einige weißliche Punkte. Er lächelte, als ihm klarwurde, dass es die Schafherde war, die der Bauer am Tag zuvor auf die Koppel gebrachte hatte. Man musste ja auch nicht alle Entscheidungen auf einmal treffen, beschloss er schließlich.

 

„Sieht super aus“, sagte Amanda anerkennend, als Kevin strahlend aus seinem Auto sprang und auf das Dach des Fahrzeugs klopfte. Bei Licht besehen musste sie zugeben, dass der Passat eigentlich wirklich ganz niedlich aussah. So aus der zeitlichen Distanz betrachtet verlor er irgendwie seine Spießigkeit.

„War auch eine Heidenarbeit“, sagte Kevin und begann die einzelnen Arbeitsschritte zu erläutern. Nermin und Amanda lauschten andächtig. Katie versuchte es, hielt es aber keine fünf Minuten durch, bevor sie unruhig mit den Zotteln an ihrer Handtasche herumzuspielen begann. Nach weiteren fünf Minuten pustete sie laut, was Kevin nicht im Mindesten irritierte. Schließlich ertrug sie es nicht mehr: „Also, entschuldige, aber ich finde wirklich, du verlierst dich etwas zu sehr in den Details…? Sollten wir dann nicht mal reingehen und weitermachen, mit dem letzten Text?“

Kevin starrte sie mit offenem Mund an, als wisse er nicht, was tun, wo sein Redefluss so unvermittelt unterbrochen worden war. „Oh…“, meinte er schließlich. „Ja, ich wollte nur noch kurz den Kofferraum…“

„Gut“, unterbrach Katie, „ich geh‘ schon mal rein und order‘ den Kaffee!“ Und sie verschwand nach drinnen, wo sie in ihrem Optimismus bei Nermins Kollegen die Bestellung von vier Cappuccini und vier Madeleines aufgab. Als die anderen drei schließlich unter die Kuppel an ihren Stammplatz kamen, fanden sie eine gelangweilte, Tetris auf dem Smartphone spielende Katie und kalten Cappuccino vor.

„Wieso spielst du Tetris?“, fragte Kevin entsetzt.

Katie zuckte die Achseln. „Ich hab‘ mich gelangweilt, und auf meinem Handy ist sonst nix?“

„Das kann nicht sein.“

„Doch! Außer so Kartenspiele, und die kapier‘ ich nicht.“

„Warum lädst du dir nicht mal was Cooles runter?“

„Weil ich nie spiele, wenn nicht gerade aus Verzweiflung, weil irgendein Kumpel zehn Jahre lang die Details seiner Autorenovierung erklärt…?!“

„Restauration“, warf Amanda ein. „Es heißt Restauration, nicht Renovierung. Beim Auto, mein‘ ich.“

„Ja, mir gleich…!“, sagte Katie ungehalten. „Machen wir jetzt weiter? Ich lese sonst einfach mal den nächsten Text vor.“

„Nee“, meinte Kevin, „ich mach‘ das schon. Tut mir leid, du hast ja recht, ich hab‘ mich da ein bisschen hinreißen lassen und bin ins Schwafeln gekommen.“ Er griff nach dem Blatt mit der zwöften Geschichte, dem letzten Blatt. „‘Fräulein F., von und zu‘ heißt die Geschichte. „Man sagt, Gnädigste“, sprach ein Herr in makellosem Anzug, „Sie seien von feinstem Adel?“ „Man sagt es zu recht“, entgegnete das Fräulein F. „Darf ich also fragen: Sind eine von oder eine zu?“, fragte der Herr weiter. „Ich bin“, sprach das Fräulein F., „beides. Von der einen Seite eine von, nach der andern eine zu.“ „Und welches“, fragte der Mann, „ist das edlere der beiden Geschlechter?“ „Ach“, seufzte das Fräulein, „da fragen Sie aber was! Den meisten freilich erscheint das ‚von‘ erstrebenswerter als das ‚zu‘, doch wenn Sie mich fragen: Die Seite des ‚zu‘ ist von edlerem Geschlecht; doch erst das ‚von und zu‘ gemeinsam machen die Vortrefflichkeit meines Adels aus!“

 

„Es ist der letzte Text!“, rief Katie und klatschte freudig in die Hände, obgleich sich in ihr eine gewisse Wehmut breitzumachen begann, die sie nicht recht einsortieren konnte.

„Ja“, sagte Amanda langsam und ruhig, „der letzte und der schönste…“

Nermin nickte, lächelnd.

„Ich nehme an“, sagte Kevin, „dass ihr wie üblich Katie und mir einen riesen Schritt voraus seid und längst wisst, worum es hier geht.“

Das“, sagte Amanda mit der ihr eigenen Mischung aus Verblüffung und Abfälligkeit im Ton, die sie so, wie sie bei den anderen ankam, eigentlich nie meinte, „ist doch nun wirklich klar wie Kloßbrühe.“

„Ach ja“, seufzte Katie, „wie schön, dass sich manche Dinge eben doch nie ändern…!“ Und im Nachsatz fügte sie hinzu: „Wenigstens das eine hab‘ ich in diesen letzten zwölf Wochen gelernt: dass einem manche Dinge unerträglich erscheinen – und das einzige, was noch unerträglicher wäre, wäre wenn sie plötzlich fehlen würden.“

„Es ist also doch alles zum Besten in der besten aller möglichen Welten?“, fragte Nermin augenzwinkernd.

„Naja… sagen wir mal, es ist immer noch Raum für Verbesserung und Optimierung, so alles in allem“, lachte Katie und zwinkerte zurück.

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge XI,3: Der weitere Weg)

| | Keine Kommentare

Amandas Wiedereintreffen war nicht zu überhören – mit fliegenden Fahnen kam sie die Treppe hinauf gestürmt. „Hört Euch das an!“, rief sie, noch ein wenig außer Atem. Sie warf geräuschvoll ein Buch auf den Tisch, das sich als Dünndruckausgabe der gesammelten Romane und Erzählungen Voltaires entpuppte. „Hier“ – sie schlug das Buch auf – „Seite 106: ‚Er ließ von dem besten Gießer der Stadt aus sämtlichen Metallen, allen Erden und den kostbarsten und wertlosesten Steinen eine kleine Statue anfertigen und brachte diese zu Ituriel. »Würdet Ihr diese hübsche Statue zerschlagen, nur weil sie nicht aus lauter Gold und Diamanten besteht?« fragte er. Ituriel verstand sogleich den Sinn seiner Worte und beschloß, wohl an eine Besserung von Persepolis zu denken, ansonsten aber der Welt ihren Lauf zu lassen. »Denn«, so sprach er, »ist auch nicht alles gut, so ist doch alles erträglich.«‘ Das ist aus ‚Der Lauf der Welt‘ von Voltaire.“ Strahlend schaute sie in die Runde, die überwiegend fragend zurückschaute. Amandas Strahlen wich einem Ausdruck der Irritation. „Ihr seht doch, dass das hier die Quelle gewesen sein muss“, sagte sie nachdrücklich. „Die Ähnlichkeit ist doch verblüffend.“

„Ja“, sagte Nermin, „Den Zusammenhang sehe ich auch ganz klar. Aber – mir ist leider der Zusammenhang zwischen den Geschichten ganz und gar nicht klar…“

„Ich denke“, sagte Amanda mit einiger Anstrengung, „der Zusammenhang ist ungefähr der: Man muss alles gehen lassen, sich dem Lauf der Welt übereignen, weil darin nichts gut oder schlecht ist, sondern alles, so wie es eben ist, schon sehr schön. Oder so ähnlich.“

„Das ist aber schon eine eigenartige Philosophie“, meinte Nermin. „Sie passt nicht zu Voltaire, weil Voltaire nicht meinte, dass sich das Gute und das Böse im Endergebnis zum Schönsten vereinen, wie unser Text das will – für ihn war es eben erträglich, und am Ende lautet die Quintessenz aus dem Candide: Wir müssen unseren Garten bestellen, was ja eine der berühmtesten Antworten auf das Theodizee-Problem ist –“ Nermin unterbrach sich, als er die fragenden Gesichter von Kevin und Katie sah. „Die Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen in der Welt. Theodizee. Wie kann es einen allmächtigen, gütigen Gott geben, wo doch so viel Leid ist in der Welt.“ Er nahm seinen Faden wieder auf. „Wir müssen unseren Garten bestellen, also: Nicht über Gott spekulieren, den wir eh nicht ergründen können, sondern uns an unsere eigene Welt halten und darin tätig wirken. Das aber sagt unser Text ja gerade nicht! Wenn es da heißt, das Gute und Böse vereine sich in ihr zum Schönsten, dann ist das eigentlich eher eine Leibnizische Position!“

„Das war kein Keksfabrikant, sondern Voltaires ‚Counterpart‘, sozusagen. Er meinte, es sei alles zum Besten und wir leben in der besten aller möglichen Welten“, erklärte Amanda für Katie und Kevin. „Du hast völlig recht, Nermin.“

„Und“, fuhr Nermin fort, der gerade zu Höchstform aufzulaufen schien, „Das mit dem Nicht-Klammern, dem Loslassen. Das klingt doch hier irgendwie schon ein bisschen buddhistisch. Wir können wohl auch davon ausgehen, dass ein Verfasser, der die Hindu-Mythologie so gut kennt, auch so viel vom Buddhismus versteht, dass er die Ideen da her hat. Eigentlich ist das doch irgendwie alles ein langer Pfad zur Erleuchtung, der uns hier ausgelegt wird. Aber: Der Mann hier, der da immer weiterläuft, der verhält sich ja völlig entgegen diesem Grundgedanken – er klammert sich ja so an sein Leid, dass er immer weiterrennt.“

„Hm-m… das müssen wir noch alles genauer diskutieren, würde ich sagen“, meinte Amanda. „In Grundsatz stimme ich dir in vielem zu, aber muss da auch einiges zu bedenken geben: Erstens – wir wissen noch gar nicht, dass alles vom selben Verfasser ist; zweitens – vielleicht hat das was von Erleuchtung, dieser Weg, aber vielleicht ist die Lehre gerade: Suche dir einen undogmatischen Weg? Weshalb sich der oder die Verfasser da auch einfach überall ein wenig bedienen. Das könnte eine Konkretisierung dessen sein, was ich immer meinte mit: Vielleicht soll das Ganze nur zum Diskutieren anregen…“

Katie stöhnte. „Also, es freut mich, dass ihr euch des Pudels Kern annähert, aber mir ging das alles viel zu schnell.“

„Mir auch“, pflichtete ihr Kevin bei, „obwohl mir da einiges mit dem Weg und diesem Ding mit der ‚Erleuchtung‘ oder was auch immer doch recht plausibel erscheint. Ich habe es nur nicht so ganz erfasst.“

„Tröste Dich“, sagte Amanda trocken. „An ‚dem Ding mit der Erleuchtung‘ meditieren andere jahrzehntelang und kommen doch nie hin.“

„Na gut“, seufzte Katie, „aber mal angenommen, wir werden jetzt alle ganz reichlich erleuchtet durch die ganzen Texte und meinetwegen auch unkonventionell erleuchtet – was haben wir dann davon?“

„Freiheit“, antworteten Amanda und Nermin wie aus einem Munde.

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge XI,2: Der weitere Weg)

| | Keine Kommentare

Amanda seufzte. „Also, im Prinzip scheint es irgendwie ein verbindendes Element zu vielem Vorhergehenden zu sein, oder? Das Ganze mit dem Klammern am Zurückgelassenen, dem überflüssigen Gepäck, das erinnert doch an die Adi-Geschichten und das mit den gelben Raupen.“ Amanda hielt kurz inne und legte nachdenklich den Zeigefinger auf die Lippen. „Irgendwas an dieser Geschichte mit der Skulptur kommt mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht erinnern, woher…“

„Und was soll das mit dem Mädchen mit den geflochtenen Schnecken? Warum spielt der Typ Gitarre? Warum muss er weiter? Fragen über Fragen…“, warf Katie ein, ziemlich ratlos in ihrem Kaffee herumrührend.

„Die Rahmengeschichte kenne ich – oder sagen wir: Ich denke, ich kenne die Quelle“, sagte Nermin. „Hört ihr Chanson? Wahrscheinlich nicht, das war ja auch vor eurer Zeit…“

Amanda zog die Augenbrauen zusammen. „Chanson gibt es ja wohl immer noch!“

Nermin nickte und winkte mit der Hand ab. „Ja, ja, natürlich. Aber das ist ein Chanson von Edith Piaf, das war nun wirklich vor eurer Zeit.“

Amandas Augen weiteten sich. „Edith Piaf starb 1963. Da hast Du vielleicht gerade mal das Licht der Welt erblickt, aber bestimmt kann nicht davon die Rede sein, dass es Deine Zeit sei! Also verschone uns mit diesen Vorurteilen. Welches Chanson? Ich komme nicht drauf.“

„Ein unbekannteres, Un étranger aus dem Jahre 1958. Was mich darauf bringt, ist dieser Satz des Mädchens, ‚Weil Du Dich dafür rächen willst, überall bloß ein Fremder zu sein‘. Am Ende des Liedes heißt es nämlich:

‚On t’aime, on te méprise

Quoi que l’on dise

Tu n’entends pas

Pourquoi veux-tu poursuivre

Ton droit de vivre

Si loin de moi

Peut-être pour te venger

De n’être qu’un étranger…’”

 

„Faszinierend“, bemerkte Kevin. „Leider kann ich kein Französisch. Ich nehme an, Katie auch nicht…?“ Katie schüttelte bedauernd den Kopf. „Nö. Müsstest Du schon mal übersetzen.“

„Das ist doch eigentlich ganz einfach“, fiel Amanda dazwischen: „Man liebt dich, man hasst dich/Was auch immer man sagt,/du hörst nicht/Warum willst du dein… naja, dein Recht zu Leben, oder so/ so weit von mir entfernt ausüben?/Vielleicht, um dich dafür zu rächen, nur ein Fremder zu sein?“

„Ach so, okay…“ Katie dachte nach. „Und das mit dem Mädchen mit den Schnecken und dem Mann mit der Gitarre, kommt das da auch drin vor?“

„So direkt nicht“, erwiderte Nermin. „es geht um einen Mann, der – salopp gesagt – so durch die Lande zieht, den irgendwas quält, dem die Herzen aller Frauen zufliegen, die er aber immer zurücklässt, weil er immer weiterzieht – und der, eben fälschlicherweise, den Anschein erweckt, ein wildromantisches Leben wie im Buch oder im Chanson zu führen. Und übrigens heißt es darin auch ‚il a pris le chemin qui va toujours plus loin‘, was zu unserem Titel passt.“

„Okay…“ Kevin schaute wenig überzeugt. „Und was sagt mir das alles jetzt?“

„Ich verstehe auch nicht, was das jetzt mit dem Sich-Rächen-Wollen auf sich hat – und überhaupt, ich verstehe nur Bahnhof.“

„Das mit der Rache finde ich sehr plausibel – und übrigens wunderschön, in dem Chanson“, meint Amanda. „Gemeint ist, denke ich, dass derjenige, der anders ist als alle anderen, den, wie etwa in diesem Fall – im Lied meine ich, nicht in unserem Text –, ein besonderes Leid kennzeichnet, nirgends zuhause ist, und darum beständig in Bewegung bleiben muss, weil er so überall ein Fremder bleibt. Und damit ist er ganz normal: Sein Anderssein fällt weniger auf, weil er prinzipiell schon ein Fremder ist und eben kein Mitglied der Gemeinschaft. Das Mädchen in unserem Text beziehungsweise das lyrische Ich im Chanson meint nun, er wolle sich dafür rächen, dass er nirgends daheim ist, in dem er von denen fortzieht, die ihn dennoch lieben.“

„Das ist absurd“, sagte Kevin.

„Findest Du?“, fragte Amanda. „Ich kann mich da total einfühlen. Wenn man in weit entfernten Ländern unterwegs ist, dann gehört man halt nicht dazu, man ist Fremder. Das ist eben normal. Dann fühlt man sich nicht so unwohl, wie wenn man zuhause ist, und alle den Anspruch haben, das man sein sollte wie alle. Ob man sich dann rächen will, indem man fortgeht… na, ich habe das noch  nicht getan und könnte es vielleicht nicht, aber den Wunsch könnte ich tatsächlich nachvollziehen.“

„Aha“, sagte Katie und machte damit deutlich, dass sie dieser Gedankenkette so gar nichts abgewinnen konnte.

„Was mir aber auch gerade auffällt“, fuhr Amanda fort, „ist, dass da auch dieser ganze Normalitäts- und Differenzkomplex drinsteckt, den wir bei unseren mittleren Texten behandelt haben.“

„Und mittelbar“, fügte Kevin hinzu, „vielleicht auch dieser ganze Sündenkram. Irgendwie geht’s hier zumindest mal um Hass – und so am Ende wird’s ja auch noch mal allgemeiner, da geht’s dann ja um Gut und Böse und so.“

„Ja…“, überlegte Amanda. „Das hat was. Mir scheint, hier läuft jetzt endlich mal so alles Mögliche zusammen.“

„Wobei mir immer noch nicht klar ist, was den ersten Teil mit dem zweiten verbindet. Also: Wie kommen wir von immer weiteren Weg und dem Ballast jetzt zu Gut und Böse?“, fragte Nermin.

Amanda schüttelte den Kopf. „Ist mir auch noch nicht klar. Aber ich hab‘ da so ‘ne Idee… lasst mich mal nachgucken. Ich komme nachher wieder“, sagte sie, sprang auf, rannte los und ließ ihre verdutzten Freunde unter der Kuppel sitzen.

„Versteht das jetzt jemand?“, fragte Katie.

„Ich denke, ihr ist wahrscheinlich eingefallen, woher ihr die Geschichte mit der Skulptur bekannt vorkommt, aber das ist jetzt auch mehr eine Mutmaßung“, lachte Nermin. „Sie ist halt manchmal von einer bemerkenswerten Spontanität.“

„Ja, wahrscheinlich, weil sie sich nicht vorstellen kann, dass sich die Gedanken in ihrem Kopf nicht automatisch nach außen projizieren und dass andere von selbst nicht auf dieselben Ideen kommen“, meinte Kevin. Ihn beschäftigte aber noch etwas anderes. „Was mir aufgefallen ist“, sagte er, „ist dass man ‚der weitere Weg‘ auf mindestens zwei verschiedene Weisen lesen kann: als den Weg, der weiter ist – als ein anderer – oder als den Weg, wie er weitergeht, als der ‚Weg ab jetzt‘, sozusagen.“

„Stiiiiimmt“, sagte Katie, als fiele es ihr wie Schuppen vor den Augen. „Das kann tatsächlich beides heißen… passt auch beides zum Text: Einmal, weil der Weg ja immer weitergeht, so dass man sich fragen kann, wie der dann aussieht, und auch, weil der Weg ja auch Umwege macht, weshalb man ganz viel Ballast ablegen soll.“

„Das ist auch das sinnvollste Prinzip, quasi die Verinnerlichung der Lehren, die wir aus den vorhergehenden Texten schließen konnten. Hänge dein Herz nicht an materielle Güter und Status, hänge es auch nicht an Symbole für Immaterielles; sei du selbst und frage nicht, ob das die Normalität ist – weil auch Außenseitertum kultiviert wieder nur eine neue Konformität erzeugt. Lass‘, sozusagen, alles einfach seinen Gang gehen“, resümierte Nermin.

„Hat ja auch irgendwie was“, meinte Kevin.

„Wenn man es denn umsetzen könnte…!“, fügte Katie skeptisch hinzu.

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge XI,1: Der weitere Weg)

| | Keine Kommentare

Nachdem Frühstück mussten sich die Freunde trennen: Katie ging zur Arbeit, Kevin wollte zu seinem „Bekannten“, über den man Näheres allerdings nicht erfuhr, außer, dass es wichtig sein musste, wenn ; Amanda war sich noch etwas unschlüssig, ob sie nach Hause gehen sollte, und beschloss schließlich, Nermin ein Stück zu begleiten, der den längsten Weg von allen hatte.

„Was ich mich immer noch frage“, sagte Amanda, als die Vier unten auf der Straße standen und sich auf den Weg machten, „ist, was uns das jetzt so sagen soll, mit der Liebe. Dass das so ist? Dass das so sein soll?“

„Dass das so ist wird es wohl nicht heißen, es sei denn der Verfasser ist grenzdebil. Alle Erfahrung spricht dagegen“, bemerkte Katie trocken.

„Spricht da die ewige Brautjungfer?“, fragte Kevin spitz, was Katie mit einem vernichtenden Blick quittierte.

„Katie hat recht“, seufzte Nermin.

„Spricht da jetzt der Buddha?“, fragte Amanda mit einem spöttischen Lächeln. Nermin lächelte vor sich hin, die Hände in den Taschen die Straße hinunterschlendernd.

„Ich denke, es sollte uns einen Denkanstoß geben“, sagte Kevin, „So wie du es ja auch schon mal meintest. Und was als nächstes kommt, ist, denke ich auch ganz zentral. Wenn wir alle Geschichten haben, sehen wir dann vielleicht klarer.“

„Hm-m“, machte Amanda, in Gedanken versunken. An der nächsten Kreuzung trennten sich Katie und Kevin von Amanda und Nermin.

„Wirst Du mir je verraten, was an der Buddha-Geschichte wahrhaftig war und was ihre lebensweltlichen Entsprechung war oder ist?“, fragte Amanda nach einer Weile, beim Gehen die Bewegung ihrer Schuhspitzen beobachtend.

Nermin zuckte die Achseln. „Vielleicht“, meinte er schließlich. Schweigend gingen den Rest des Weges bis zum Café Cupola.

„Und? Wo willst Du nun hin?“, fragte Nermin Amanda, die unschlüssig von einem Fuß auf den anderen trat und die Straße bald in diese, bald in jene Richtung hinunterblickte.

„Ich denke, ich bleibe einfach hier“, meinte sie schließlich und war im Begriff, die Tür aufzustoßen. „Auch hier kann man nicht bleiben, weißt Du“, sagte Nermin unvermittelt.

Irritiert ließ Amanda den Türgriff los. „Wie meinst Du das?“

Nermins Blick glitt die Straße hinab. „Ach, nichts weiter. Aber der schöne Schein trügt, das meine ich. Auch der beste aller Orte ist nur ein weiterer Ort, an den man sich ganz unmerklich festkettet; gerade noch wähnt man sich frei und glücklich, doch schon liegt man überall in Ketten.“

„Das klingt ein bisschen nach Rousseau.“

„Ja, ist aber anders gemeint. Ich meine einfach die geistigen Fesseln. So wie bei den ‚Gelben Raupen‘.“

„Hm-m. Also, wohin soll ich deiner Meinung nach nun gehen, wenn ich hier nicht bleiben darf?“, fragte Amanda herausfordernd.

Nermin lachte laut. „Na, meinetwegen darfst Du schon bleiben! Ich warne dich nur vor den Konsequenzen!“

Amanda lachte mit, folgte Nermin dann aber nicht ins Café, sondern beschloss, ein wenig durch die Stadt zu laufen, ohne Plan, ohne Richtung und ohne Armbanduhr, deren Batterie kürzlich den Geist aufgegeben hatte. Erstaunlicherweise schaffte sie es, mit Intuition und Kirchtürmen, dennoch pünktlich zur Nachmittagssitzung wieder im Café unter der Kuppel zu sitzen.

Der weitere Weg.“ Kevin, der die Sitzungsleitung übernommen hatte und nun den Text der Woche verlas, räusperte sich. „Er spielte den letzten Akkord und senkte die Gitarre. „Ich muss weiter“, sagte er. „Wohin?“, fragte das Mädchen mit den geflochtenen Schnecken. „Weiter“, erklärte er, „fort und immer weiter.“ „Warum?“, fragte das Mädchen. „Weil der Weg immer weiter führt“, erklärte er. ‚Weil Du Dich dafür rächen willst, überall bloß ein Fremder zu sein‘, dacht das Mädchen, sagte aber nichts und ließ ihn gehen, und er ließ sie zurück. Denn weil der Weg immer weiter führt und unerwartete Umwege macht, darf man zu keiner Zeit überflüssiges Gepäck, materiell oder bloß im Geiste, bei sich führen. Doch wie! Ist das Leben also gefangen zwischen der Not loszulassen und dem Klammern am Zurückgelassenen? Ist die Welt gut oder schlecht? Wie eine Skulptur aus den kostbarsten und wertlosesten Kristallen und allen Erden dieser Welt an Schönheit jedes Kunstwerk aus reinstem Gold übertreffen kann, ist nicht so auch diese Welt derart eingerichtet, dass sich in ihr Gutes und Schlechtes gerade zu dem Schönsten vereinen?“

„Gott sei Dank“, sagte Katie, „dass es jetzt die vorletzte Geschichte ist, wenn das noch komplexer wird, steige ich ganz aus.“

Kevin schaute sie mit einem skeptischen Blick von der Seite an.

„Gut“, gab Katie zu, „zusammen haben wir’s ja immer noch hingekriegt.“

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge X,3: Die zwei Hälften der Kugel)

| | Keine Kommentare

„Shiva und Parvati, Teil zwei“, verkündete Nermin, geradezu wie ein professioneller Geschichtenerzähler. Amanda musste die ganze Zeit schon ein bisschen an Salman Rushdies „Luka and the Fire of Life“ denken – der Vater in dem Roman war doch auch so eine Art Geschichtenerzähler. Bei einer Verfilmung würde sie ihn mit Nermin besetzen.

„Ich versuche es kurz zu machen. Shiva meditierte und meditierte und meditierte nach dem Verlust seiner Frau Sati. Parvati natürlich war die Reinkarnation von Sati, doch weder sie noch Shiva wussten es. Parvati hatte, zum Amusement vieler, von Kindheit auf an nur den einen Wunsch: eines Tages Gott Shiva zu heiraten. Ihr Vater führte sie schließlich zu dem meditierenden Shiva und bat darum, dass seine Tochter ihn unterstützen und ihm zur Hand gehen dürfe – Shiva stimmte zu. Doch so sehr sie sich bemühte, die schöne und kluge Parvati konnte Shivas Aufmerksamkeit nicht erregen. Da die Götter – an anderen Gründen, die ich gestern schon erzählte, die aber nicht so wichtig sind – unbedingt ein Interesse daran hatten, dass Shivas Meditation endlich ein Ende findet, überredeten sie Kamadeva, den Gott der Liebe, einen Pfeil auf Shiva zu schießen, damit dieser endlich die Schönheit Parvatis erkenne. Tatsächlich – so kam es auch; doch Shiva wurde wütend, da er sich auf keinen Fall durch Kamadevas List von seiner Meditation abbringen lassen wollte. So öffnete er sein drittes Auge und verbrannte Kamadeva, dessen Frau nun wiederum untröstlich war. Parvati, wie man sich vorstellen kann, war ebenfalls todunglücklich. Unwahrscheinlicher denn je war es nun, dass sie Shivas Aufmerksamkeit erregen konnte, wenn schon Kamadeva nichts auszurichten vermochte…! Schließlich berichtete ihr ein Weiser, wie sie Shiva für sich einnehmen würde können – allein durch Ergebenheit, durch vollständige Hingabe würde dies geschehen können. Und Parvati begann als ebenfalls zu meditieren – sie meditierte und meditierte und meditierte, und erkannte schließlich auch, dass sie die Reinkarnation Satis war. Bei der Meditation der armen Parvati aber schließlich entstand so viel Hitze – die immer bei Meditation entsteht – dass den Göttern im Himmel unerträglich heiß wurde; so heiß, dass schließlich Brahma und Vishnu losgingen, um Shiva zu sagen, dass er dafür sorgen müsse, dass Parvatis Meditation ein Ende findet, wenn nicht der ganze Götterhimmel abbrennen soll. Shiva ließ sich schließlich erweichen: Er sah nun, dass Parvati etwas ganz Besonderes war – aber war sie auch seine Sati? Er beschloss, sie zu testen, und erschien ihr als junger Asket, der lästerliche Reden über Shiva führte. Parvati war so empört und sprach von Shiva mit so viel Stolz und Liebe, dass auch Shiva endlich begriff, dass Parvati eigentlich seine Sati war; und sie sahen einander an und erkannten einander – und dann heiraten sie, Kamadeva wird wieder zum Leben erweckt und so weiter…“

„Hattest Du nicht neulich gesagt, Nermin sei ein toller Geschichtenerzähler, Mandy“, fragte Katie verträumt, das Kinn in die Hände gestützt. „Du hast recht… Nermin, Du musst das professionell machen!“

Nermin lachte. „Mein ganzes Leben besteht aus Geschichten, was heißt da noch die Rede von professionell…! Aber jedenfalls: Das ist, so grosso modo, der Mythos.“

„Schön“, sagte Amanda. „So schön. Es geht nicht um die äußere Schönheit, sondern darum, dass sich beide Teile zueinanderfügen… und wie sie durch die Meditation sich selbst erkennt – und damit vielleicht sogar ja auch erst eigentlich würdig wird. Keine Ahnung, ob das so gemeint ist, so könnte man es aber zumindest lesen.“

„Also“, warf Katie ein, „ich will ja nicht der Spielverderber sein, aber ich finde das ziemlich sexistisch. Sie muss sich da erstmal wer weiß wie erniedrigen und dienen, damit er dann mal richtig hinguckt.“

„Du redest von Sexismus? Du deren größte Sorge ist, dass sie als Brautjungfer und nicht als Braut auf einer Hochzeit steht? Du unterwirft Dich doch ständig irgendwas! Und viel niedrigeren Dingen als Deiner großen Liebe, nämlich eigentlich bloß dem Diktat der Normen der Gesellschaft und ziemlich altbackenen Rollenmodellen… ich gebe zu, dass das alles ein bißchen kitschig und idealistisch gedacht ist. Aber schlussendlich: wenn wir uns das nicht mal mehr für die Liebe aufheben dürfen, wofür denn dann!“

Katie dachte einen Moment nach. „Ja“, sagte sie schließlich. „Eigentlich hast Du recht. Und vor allem, wie bescheuert ich war, mit dieser Hochzeit. Ist doch eigentlich scheißegal. Weißt Du bei Licht besehen weiß ich manchmal nicht, ob ich das denke, weil ich das denke, oder ob ich das denke, weil ich denke, dass andere denken, dass ich das denken sollte. – Verstehst Du irgendwie, was ich meine…?“

Nun war es an Amanda nachzudenken. „Ja… ja, doch, ich denke, ich weiß, was Du meinst. Man nimmt manchmal Gedanken an, von denen man glaubt, dass sie von einem erwartet würden. Und am Ende kann man diese vielfach gebrochenen Besitzzustände an den Gedanken so wenig nachvollziehen, dass man nicht mehr weiß: Denk‘ das jetzt ich? Bin das jetzt ich?“

„Das kenne ich auch“, sagte Kevin. „Aus einem ganz anderen Zusammenhang, aber trotzdem: Mein Vater wollte ja partout, dass ich studiere – und ich hatte da nie Lust zu. Ich wollte immer so gerne was Technisches, Praktisches machen, aber er fand BWL war eine tolle Idee. Ich hätte mich darauf vielleicht nicht eingelassen, aber als er dann starb und mir da quasi auf dem Totenbett das Versprechen abgenommen hat, das zu studieren –“

Katie schüttelte angewidert den Kopf. „Oh Gott, wie grausam. Wie kann man das bloß seinem Kind antun… Das hast Du ja noch nie erzählt.“

„Nein“, erwiderte Kevin. „Weil ich das selbst irgendwann gar nicht mehr geschnallt habe. Ich habe irgendwann angefangen, selbst daran zu glauben, dass das alles richtig so ist – und eigentlich weiß ich momentan gar nicht mehr, ob ich das will oder nicht oder was ich will. Aber dass da so eine Verwechslung von eigenen und fremden Gedanken stattfindet, das kann ich da irgendwie total nachvollziehen…“

„Jaaa…“, seufzte Nermin. „Das kenne ich auch.“

„Aus der Zeit, als Du mit 29 das Leiden der Welt erblicktest“, fragte Amanda spöttisch. Und zu Katie und Kevin gewandt: „Er hat mir nämlich neulich die Legende von Buddhas Leben als seine eigene Lebensgeschichte verkauft. Man wundert sich nur, dass Du noch nicht unterm Bodhi-Baum sitzt…“

Aber“, widersprach Nermin lachend, „das mit dem Geschichtenerzählen ist auch wie mit den eigenen und den fremden Gedanken, ja, eigentlich ist es manchmal sogar dasselbe: Man kann am Ende meist Geschichte und Realität gar nicht mehr trennen. Aber was tut das auch zur Sache…! Amanda, wenn Du mir jetzt erzählst, was wir gestern abend getan haben, kommt doch eine ganz andere Geschichte heraus, als wenn ich es erzähle, auch wenn wir beide einfach bei den so genannten Fakten bleiben…!“

„Ja“, gab Amanda zu, „Objektiv ist da freilich nichts.“

Eben!“, fuhr Nermin emphatisch fort. „Und also kann es in allem, was man sagt und tut, nie um die bloßen Fakten gehen, nicht um so genannte Wahrheit, sondern eher um… Wahrhaftigkeit!“

„Du meinst also“, versuchte Kevin zusammenzufassen, „Wenn Du Amanda die Buddhalegende erzählst, als sei sie dein eigenes Leben, ist das nicht geschwindelt, es ist ‚wahrhaftig‘?! Was ist dann bei dir gelogen oder nicht wahrhaftig…?“

„Wenn ich versuche, mein Leben als das von Napoleon zu erzählen, zum Beispiel. Da gibt es keine maßgeblichen Überschneidungen zu meiner Erlebnis- und Empfindungswelt.“

Katie seufzte tief. „Also, irgendwie ist das ja schon alles ganz spannend, aber mir wird das jetzt auch schon mal wieder ein bisschen zu philosophisch… können wir vielleicht doch mal zum Text zurückkommen?“

„Tja….also, eigentlich haben wir es ja schon gelöst“, meinte Kevin abschließend. „Es geht hier um Liebe, und wir haben diese beiden Mythen, die zusammengeführt werden… und einander ja auch eigentlich ganz gut ergänzen. Es geht da um Liebe, die auf Erkenntnis einer urpsrünglichen Einheit beruht.“ Kevin blickte unruhig auf die Uhr. Er hatte eine Verabredung, die er keinesfalls versäumen durfte. So entging ihm Amandas erstaunter Blick, die sich über die für Kevin ungewöhnlich treffsichere Formulierung zur „ursprünglichen Einheit“ wunderte. „Schade, dass wir hier aufhören müssen! Leider muss ich um 11 Uhr bei einem bekannten sein, und das ist ‘ne Ecke von hier… Aber wir können doch einfach gleich morgen weitermachen, oder? Dann wieder am vortrefflichsten aller Orte, dem Ausgangspunkt aller großen Abenteuer?“ Und so wurde es also beschlossen.

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge X,2: Die zwei Hälften der Kugel)

| | Keine Kommentare

Von unten hörte man undeutliche Stimmen, die aus dem hellerleuchteten Fenster drangen, das auf Kipp stand. Dann, ganz klar in die Nacht hinaus, Katies glockenhelles Lachen.

„Das mit dem Kugelwesenmythos“, sagte Amanda, „ist eigentlich ganz lustig: Allen denken immer, Platon hätte da so hübsch über die Liebe gedacht, dabei war das gar nicht seine Meinung. Zuallererst mal ist das eben ein Mythos, und der wird hier Aristophanes, dem Komödiendichter in den Mund gelegt, über den sich der Dialog eigentlich eher lustig macht.“

„Also, dass das Platons Meinung war, ist eher zu bezweifeln?“, fragte Nermin.

„Jupp.“ Amanda nahm einen Schluck Cola und biss von einem Börek ab.

„Schade“, meinte Katie. „Ich find‘ die Geschichte schön. Platon hatte eben keine Ahnung.“

Amanda und Nermin lachten. „Genau, so muss es sein!“, rief Amanda. „Aber was ist denn das andere alles, das mit dem dritten Auge? Da steht bei mir jemand auf der Leitung, glaube ich – ich habe überhaupt keine Idee.“

„Na, frag‘ mich mal“, meine Katie. „Aber bei mir ist das normal. Jetzt hast Du eine Idee, wie ich mich fühle. Addiere, dass jemand daneben sitzt, der Amanda heißt und grundsätzlich so gut wie fast alles weiß. Wie fühlt sich das an?“

„Beschissen, zugegebenermaßen“, grinste Amanda.

„Danke. Darauf sollten wir anstoßen.“ Sie erhob ihr Glas und stieß mit Amandas Cola an.

„Also ich kenne die Geschichte“, sagte Nermin, „Zugegebenermaßen kommt man aber nicht drauf, wenn man die Symbole nicht kennt.“

Katie setzte ihr Glas ab, blickte Nermin an und seufzte. „Na, das ist jetzt aber auch nichts Neues, das ist ja bei jedem Text so.“

„Das allerdings“, pflichtete ihr Amanda bei, „stimmt. Ich glaube aber, Nermin wollte nur die großer Überleitung zur Narration seines Wissens finden, und uns nicht die Struktur symbolischer Kommunikation eröffnen.“ Nermin lachte.

„Hä?“, machte Katie.

„Ich meine: Das waren nur so Füllwörter, mit denen Nermin einleiten wollte, was ihm so Tolles eingefallen ist“, wiederholte Amanda mit anderen Worten.

„Ach so.“

„Dann also, Nermin: medias in res!“

„Die schönste Liebesgeschichte der Welt“, sagte Nermin entschieden, „ist ohne Zweifel die Geschichte, wie Shiva Parvati heiratet.“

Amanda zog die Augenbrauen hoch und grinste in sich hinein. „Das, in der Tat, war nun medias in res. Vielleicht machst Du doch eine kurze, sachbezogene Einleitung, Nermin?“

„Danke, Mandy. Sonst hängt ihr mich nämlich schon beim ersten Satz ab. Weißt Du wovon er redet?“, fragte Katie

„Also, Shiva, das sagt mir natürlich was“, meinte Amanda, „aber die Geschichte kenne ich nicht. Ich nehme an, das ein drittes Auge und eine, die von den Bergen kommt, darin eine Rolle spielen?“

„Das hast du jetzt aber messerscharf geschlossen…!“ Nermin klopfte ihr im Spaß auf die Schulter.

„Danke. Ich weiß das Lob zu schätzen.“

„Aus der Hindu-Mythologie stammt die Geschichte, kennt ihr die tatsächlich nicht?“, fragte Nermin. Als die beiden den Kopf schüttelten, schenkte Nermin ihnen allen Cola nach und begann zu erzählen.

„Also. Shiva hatte eine Ehefrau, Sati“, begann Nermin zu erzählen, während sie sich vom Esstisch erhoben und zur Sitzgruppe hinübergingen, wo sich Katie und Amanda auf das Sofa setzten, und Nermin es sich auf dem Sessel bequem machte. Er war gerade an der Stelle von Parvatis Geburt, als es an der Tür klingelte. „Nanu“, fragte sich Katie laut. „Viertel vor eins, wer kommt den so spät?!“ Sie stand auf und ging zur Tür. Nach einigen Minuten kam sie zurück, einen durchgefrorenen Kevin im Schlepptau.

Kevin war zwei Stunden ziellos durch die Stadt gelaufen, zunächst darüber, dass seine Freunde, ihn so gemein behandelt hatten, dann darüber, dass niemand seinen Plan befolgt hatte, dann darüber, dass er sich überhaupt je auf diese blöden Texte eingelassen hatte, dann darüber, dass er so einen dämlichen Plan ausgearbeitet hatte, und schließlich darüber, dass er seine Freunde so gemein behandelt hatte. Und so stand er schließlich vor Katies Tür, weil Katie immer noch diejenige der drei war, mit der er am besten reden konnte, aber Katie war offensichtlich nicht alleine. Und so hatte er eine weitere Stunde im Dunkeln dem Stimmengewirr in Katies hell erleuchtetem Fenster gelauscht, bis er sich schließlich ein Herz gefasst und geklingelt hatte. Nun sah er also den Quell der Heiterkeit: keine Unbekannten, sondern Nermin und Amanda saßen dort – mit ihnen also hatte sich Katie so prächtig amüsiert. Kevin schnüffelte. Alles roch noch nach türkischen Essen. „Ist noch was zu essen da?“, fragte er ein wenig kleinlaut. Das war vielleicht nicht die beste Frage, um das Gespräch zu eröffnen, aber etwas Besseres fiel ihm nicht ein.

„Klar! Leg‘ doch erstmal ab, ich mach‘ Dir was warm“, sagte Katie. Kevin nickte. Es war nach zwei Stunden in der irgendwie dunklen Stadt so angenehm hell – und vor allem warm. „Wir waren gerade bei dem dritten Auge“, rief Katie aus der Küche. „Nermin erzählt gerade, woher die Geschichte kommt.“

„Ihr habt weitergemacht?“, fragte Kevin, der noch immer unschlüssig im Raum herumstand. „Warum? Ihr hattet doch keinen Grund.“

Katie kam mit etwas zu essen auf einem Teller wieder, den sie auf den Couchtisch stellte. Sie zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung, wir hatten grad ‘n Flow“, lachte sie. „Setz‘ Dich doch.

Kevin nahm endlich auf dem zweiten Sessel Platz. „Hallo“, sagte er, überflüssigerweise, zu Nermin und Amanda. „Warum habt ihr weitergemacht?“, wiederholte er. „Ich verstehe das nicht. Ihr habt doch nichts davon.“

„Naja“, meinte Amanda, „es soll ja doch fertig werden. Du willst es doch noch abgeben, oder?“

Sie haben tatsächlich trotzdem weitergemacht, nur für mich, dachte Kevin. Und ich Idiot… „Es tut mir leid“, sagte er.

„Macht nichts“, sagte Amanda. „Wir haben uns nur gefragt, was in Dich gefahren ist.“

Kevin antwortete nicht, sondern fragte stattdessen: „Wieso seid ihr mit dem Ganzen weitergekommen? Wieso ging gestern und vorhin nichts so richtig?“

„Weil“, sagte Nermin, „Dinge zu uns kommen, wenn sie zu uns kommen sollen. Wenn wir sie erzwingen wollen, passiert das Gegenteil.“

„Das klingt esoterisch“, erwiderte Kevin skeptisch.

Nermin lächelte und hob die Arme, wie um anzuzeigen, dass es Kevin überlassen sei, es zu glauben oder nicht. „Es ist so. Das gilt in der Freundschaft, das gilt in der Liebe – wo wir gerade bei dem Thema sind –, das gilt aber auch von Erkenntnissen: Wenn wir es forcieren, wird es uns verweigert. Und manchmal kommt es schließlich doch zu uns, wenn wir es schon aufgegeben hatten. Und so sollten wir auch Deine Texte lesen. Und war herauskommt, kommt heraus, was nicht, das nicht.“

„Hm-mmm“, machte Kevin. „Vielleicht. Was habt Ihr denn bis jetzt?“

Katie rekapitulierte noch einmal, was sie bislang zum Kugelmythos herausgefunden hatten und wo Nermin bei Shiva und Parvati stehengeblieben war. „Also, ich finde, wir machen Schluss für den Moment. Morgen machen wir weiter – vielleicht können wir einfach hier übernachten und den Rest beim Frühstück bereden? Sieh‘ mal, Kevin! Du hast unsere Langsamkeit beklagt, aber wenn wir so weitermachen, haben wir am Mittwoch schon alles wieder aufgeholt!“

„Du hast recht“, seufzte Kevin, „Und es war schon ziemlich scheiße von mir, mich darüber zu beklagen, dass Du krank warst, wo Du so viel für mich getan hast. Und es ja abgesehen von allem auch total viel Spaß macht.“

„Ach was“, sagte Amanda mit energischen Handbewegung und stand schnell auf, um ins Badezimmer zu verschwinden.

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge X,1: Die zwei Hälften der Kugel)

| | Keine Kommentare

„Gibt’s eigentlich Familienfotos.“ Amandas Worte waren eher eine beiläufige Bemerkung als eine echte Frage. Sie sog mit Kraft geräuschvoll den letzten Schluck Kaffee zwischen den Eiswürfeln ihres Iced Caffè Latte heraus.

„Familienfotos?“, fragte Nermin entgeistert.

„Ja, von Deiner Frau und Deinen Töchtern.“

„Ach so! Ja, aber ich musste alles zurücklassen.“

„Als Du mit 29 Deine Familie zurückließest?“

„Genau.“

„Hm-m…“ Amanda kaute auf ihrem Strohhalm herum und blickte, über ihr nur noch Eiswürfel enthaltendes Glas gebeugt zu Nermin hoch, ihn verschmitzt anblinzelnd. „Weil ein Buddha das eben so macht, Siddharta?“, fragte sie.

Nermin grinste. „Du hast es erkannt!“

„Im doppelten Sinne des Wortes?“, fragte Amanda herausfordernd zurück.

„Ein bisschen vielleicht tatsächlich auch im doppelten Sinne des Wortes, ja…“ Nermin zwinkerte ihr fröhlich zu. „Aber vor allem: Du hast die Geschichte erkannt – das meinte ich. Ich dachte, die Geschichte könnte Dir gefallen.“

Amanda lachte. Sie mochte gute Geschichtenerzähler.

 

„Was wird denn hier so fröhlich gelacht?“, fragte Katie und setzte ihre Tasche auf dem Tisch ab, um sich die Jacke auszuziehen.

„Ach, nichts“, erwiderte Amanda, immer noch lachend, „ich habe nur gerade Nermins hohe Kunst des Geschichtenerzählens entdecken dürfen.“

Katie deutete vielsagend mit dem Finger auf Nermin. „Neulich hat er schon gezeigt, wie begabt er im Vortragen von Gedichten ist“, sagte sie, nur halb scherzhaft, „Du gehörst auf die Bühne, da gibt’s nichts. – Kevin noch nicht da?“

Amanda seufzte. „Nein, aber ich kann auch drauf verzichten. Eigentlich wollte ich gar nicht kommen. Wenn der sich heute nochmal sowas leistet, gehe ich!“

Katie schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich weiß auch nicht, was den geritten hat… hm. Hoffentlich kein Dauerzustand.“ Sie zog, wie als abschließenden Kommentar, die Augenbrauen hoch.

„Ich weiß es auch nicht“, sagte Nermin. „Vielleicht ist es der Stress, weil er doch schon bald mit den Ergebnissen zu Herrn Ludwig muss. Auf der anderen Seite: Er bewegt sich auch ganz anders, ist auf einmal so dynamisch – als wäre da mehr Veränderung vor sich gegangen… da kommt er übrigens.“

Kevin hatte sein i-Pad und einen Stapel Notizen schon in der Hand, als er die Treppe hinaufkam. Katie nahm endlich ihre Tasche vom Tisch, auf den Kevin nun seine Unterlagen legte. Er stellte die Tasche ab, zog die Jacke aus, und setzte sich schließlich hin, ohne die Freunde auch nur eines Blickes gewürdigt zu haben; stattdessen began er augenblicklich, auf seinem iPad herumzutippen. Nach etwa zwei Minuten der Stille am Tisch, während der die Runde mit Faszination den offenbar vollständig transformierten Kevin beobachtete. Dieser erhob schließlich lasch eine Hand, um anzuzeigen, dass es noch dauern würde. „Ich bin gleich bei euch.“

Amanda verdrehte die Augen. Katie biss sich auf die Lippen und unterdrückte ein Grinsen. Nermin schaute ihn mit weitgeöffneten kugelrunden Augen an, wie man eine besonders seltsame Spezies bestaunt.

 

„So!“ Kevin war offenbar fertig mit was auch immer er getan hatte, und blickte nun mit geschäftsmäßigem Blick in die Runde. „Wir können beginnen. Wie ich das letzte Mal ankündigte, würde ich gerne heute weiterkommen und eine Doppelsitzung einlegen. Ich habe mir gedacht, wir kürzen das Gerede mal ab und verlesen einfach den nächsten Text. Wir hatten ja letztes Mal schon festgehalten, dass es da um Freundschaft ging, das sollte ja also genügen. Amanda, Du hattest schon längst angekündigt, dass Du uns eine Übersicht machst, ist die fertig?“

Amanda klappte vor Empörung die Kinnlade runter, und sie brauchte einige Bruchteile von Sekunden, um sich zu sammeln. „Sie ist in Arbeit“, sagte sie scharf. „Und übrigens hielte ich eine Diskussion insbesondere um die niederste Form der Freundschaft und ob sie als eine solche überhaupt zu bezeichnen ist für Dich doch nach wie vor für sehr lehrreich.“

Kevin ignorierte Amandas Worte und fuhr fort: „Ich denke, es geht hier um meine Sache, also sollte ich auch bestimmen, worüber zu reden ist.“

Nermin riss die Augen auf und kniff den Mund skeptisch zusammen. „Es sind hier aber durchaus noch andere Menschen mit am Tisch“, sagte er schließlich. „Menschen, die das alles übrigens freiwillig tun, aus Sympathie, aus Geselligkeit, aus Freundschaft eben. Und ich glaube nicht, dass alles, was wir über die Texte und um die behandelten Themen herum reden so wertlos ist…“

„Ja, ja“, sagte Kevin ungeduldig. „Aber vom Labern werden wir eben auch nicht fertig. Also, wer liest vor?“ Als sich keiner zu Wort meldete, fuhr er fort: „Gut, dann mache ich es eben selber. ‚Die zwei Hälften der Kugel. - Überschrift, jetzt Text: Die aus den Bergen Kommende war an Schönheit und Gelehrtheit vollkommen – doch alle Vollkommenheit reichte nicht, um den mit dem dritten Auge für sich zu gewinnen. Sie war doch für ihn bestimmt, für ihn allein! Nicht den Grund kennend, wusste sie doch zumindest so viel. Ein Weiser schließlich wies ihr den Weg: nur die Hitze konnte ihr den mit dem dritten Auge gewinnen. Die edle Hitze, nicht die der Schönheit und der Leidenschaft, brachte ihr Erkenntnis. Doch nur dank der unter der Hitze Leidenden konnte auch der mit dem dritten Auge zur Erkenntnis geführt werden: die aus den Bergen Kommende und er selbst, sie zusammen waren wie die Hälften einer Kugel mit vier Armen und vier Beinen.‘ Anmerkungen und Ideen dazu jemand?“

Amanda schüttelte stumm den Kopf, nicht weil ihr zu dem Text nichts einfiel, sondern weil sie weder fassen konnte, wie man einen solchen Text mit so wenig Emotion herunterleiern konnte, noch was hier überhaupt gerade mit Kevin vor sich ging. Sie kannte Kevin schon seit fast fünf Jahren, und so war er noch nie gewesen.

„Da geht es um Platon – den Mythos mit den Kugelwesen, aus dem ‚Gastmahl‘“, erklärte Katie strahlend. Wenigstens ihr Wissen wollte sie anbringen, wo sie schon mal gerade welches hatte – das passte irgendwie auch dazu, dass heute eh alles so verquer lief, dachte sie.

Amanda starrte sie mit offenem Mund an. „Woher kennst Du das?“, fragte sie schließlich verblüfft. Sollte Katie doch verborgene intellektuelle Neigungen haben? Manchmal wusste sie ja tatsächlich mehr, als sie zugeben wollte…

„Tja, da biste platt, was?“ Katie lachte. „Das war jetzt kein Kunststück. Als meine Freundin Samantha letztes Jahr geheiratet hat, wurde das verlesen. Das ist wohl so’n ganz beliebtes Ding bei Hochzeiten, bei Freien Trauungen jedenfalls.“

„Ach so“, sagte Amanda und schluckte. Warum war sie eigentlich enttäuscht, fragte sie sich selbst – musste Katie unbedingt etwas Intellektuelles an sich haben, damit sie einen Wert für sie hatte? Amanda schimpfte sich im Stillen für ihre Arroganz. Aber auch das hatte irgendwie etwas mit Arten der Freundschaft zu tun…

 

„So!“, verkündete Kevin unvermittelt, „Das Café schließt zwar erst in einer Stunde, aber ich habe mir überlegt, dass man doch hier nicht so konzentriert arbeiten kann – wir sollten jetzt also aufbrechen.“

„Zu mir jetzt etwa tatsächlich…?“, fragte Katie Amanda leise.

Amanda zuckte mit den Achseln. „Also, ich muss jetzt auch dringend ins Bett, insofern kommt es mir sehr zupass, wenn wir heute schon früher aufbrechen“, sagte sie und erhob sich. Kevin starrte sie mit offenem Mund an. „Du willst sicher auch nach Hause, oder, Katie?“, fragte Amanda und sammelte schnell ihre Sache zusammen.

Katie verstand den Wink und erwiderte: „Ja, ich möchte heute abend auf jeden Fall noch meine Bewerbung fertigmachen, mir ist das auch mehr als recht, wenn wir schon Schluss machen.“ Sie griff ihre Handtasche und warf sich die Jacke über den Unterarm. „Sollen wir?“

Kevin schluckte und sagte gar nichts. Nermin erhob sich als letzter der drei, streckte demonstrativ die Arme in den Höhe und gähnte. „Ich bin auch ziemlich müde. Wir sehen uns also morgen?“

„Klar“, erwiderten die beiden Frauen demonstrativ freundlich und winkten, als sie die Treppe hinunter verschwanden. „Also, die Lektion musste er jetzt mal bekommen“, sagte Amanda, als sie außer Sichtweite waren. Katie nickte lachend.

„Schreibst Du übrigens wirklich eine Bewerbung?“, fragte Amanda.

„Hm. Ja, nicht so richtig. Ich überlege noch…“, sagte Katie zögerlich. Amanda überlegte kurz, beschloss dann aber, dass es besser sei, jetzt nicht nachzufragen.

 

Das achte Buch (pdf-Version)

| | Keine Kommentare

Liebe LeserInnen,

hier die pdf-Version der 9. Folge: Iwersen, Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn, Folge 9

Beste Grüße

Ann-Kristin Iwersen

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge IX,3: Das achte Buch)

| | Keine Kommentare

Amanda zog eine Augenbraue hoch und lächelte, klappte dann ihr Notebook zu. Dieser Schlingel, dachte sie. Bei etwas an Nermins Geschichte hatte es bei ihr geklingelt – nun wusste sie auch, wieso. Sie grinste immer noch still vor sich hin, als sie auf dem Flur vorm Spiegel noch einmal durch ihre Haare fuhr, die Handtasche griff und sich auf den Weg ins Café Cupola machte.

 

„Also“, sagte Kevin streng, „gestern haben wir so gut wie nichts geschafft, nachdem Katie und ich den Schlüssel zum Text geliefert haben. Das geht auf keinen Fall so weiter – wir haben schließlich etwas aufzuholen. Ich erwarte, dass wir heute mindestens diese Geschichte effizient zu Ende bearbeiten, um uns dann morgen schon dem nächsten zu widmen.“

„Hm…! Er entwickelt langsam doch Managementkompetenzen – unglaublich. Vielleicht war das der Zweck dieser komischen Texte“, murmelte Katie, zu Amanda herübergebeugt.

Amanda nickte, die Augenbrauen zusammengezogen. „Mh-m. Und ist dir auch schon aufgefallen, dass er sich jetzt bestimmt dreimal so schnell bewegt wie früher…?“

Am besten in einer Doppelsitzung“, fuhr Kevin fort, der so sehr mit seinem Generalplan beschäftigt war, dass er das Nebengespräch der beiden Freundinnen gar nicht wahrnahm. „Da Katie mal großmütig ihr Heim zur Verfügung gestellt hat, würde ich vorschlagen, dass wir uns hier treffen, und falls wir bis Ladenschluss nicht weit genug kommen sollten, gehen wir dann zu Katie und machen da weiter. Geht das?“

„Zu Befehl, Sir!“, sagte Katie und lachte. Als sie merkte, dass Kevin nicht wusste, was er von ihrem Lachen zu halten hatte, fügte sie hinzu: „Nee, nee, ist schon in Ordnung. Man kennt bloß den Ton nicht so von Dir, das ist es.“

„Ach so“, entgegnete Kevin steif. Es war seine erste Übung im Sich-Autorität verschaffen – mit den Ergebnissen wusste er noch nicht recht etwas anzufangen.

„Dann“, ergriff Nermin, der bisher mit einem gleichmütig wohlmeinenden Lächeln auf den Lippen geschwiegen hatte, das Wort, „sollten wir doch gleich medias in res gehen, wie du vorgeschlagen hast, Kevin. Aristoteles und die Freundschaft. Ihr hattet ja den Schlüssel geliefert, wir müssen also nur noch ausbuchstabieren und dann weiter überlegen, was man damit anfangen kann.“

„Genau“, fuhr Amanda fort und griff nach ihren Notizen. „Aristoteles‘ Nikomachische Ethik. Es ist so, dass Aristoteles…“ Amanda berichtete einiges zu Aristoteles, seinen ethischen Schriften und speziell zur Nikomachischen Ethik, doch Kevin war zu sehr damit beschäftigt, wie er binnen Bruchteilen von Sekunden vom Aspiranten auf den Generalsposten zum Gefreiten degradiert worden war. Oder hatte sein Plan einfach nur wunderbar funktioniert und wurde gerade eins zu eins umgesetzt? Ganz sicher war er sich da nicht. Führung war doch irgendwie eine unangenehm anstrengende und komplizierte Sache.

„…unterscheidet er drei Arten von Freundschaften, und genau die werden uns hier vorgeführt – Kevin? Hörst Du noch zu?“

„Wie? Was? Ja, klar.“

Amanda bedachte ihn mit einem abschätzigen Blick. „Du hast nicht zugehört.“

„Unterscheidet drei Arten von Freundschaften, und genau die werden uns hier vorgeführt, doch, doch, hab‘ schon zugehört.“

Amanda verzog skeptisch das Gesicht. „Hm. Gut, ich mach‘ einfach da weiter. Eigentlich gehen die Betrachtungen über die Freundschaft noch in Buch neun weiter, es gibt also zwei Bücher über die Freundschaft in der NE, acht und neun. Warum der Text nur nach dem achten Buch benannt ist, keine Ahnung. Vielleicht hätte es nicht so gut geklungen: ‚Das achte und neunte Buch‘. Andererseits ist es auch so, dass die wesentliche Unterscheidung, die hier verwendet wird, schon im achten Buch getroffen wird, insofern… hat es auch wieder seine Berechtigung. Wie schon in einigen der anderen Texte, habe ich auch hier das Gefühl, dass da nur ein eher oberflächlicher Gedanke von einem Autoren, also hier Aristoteles entliehen wird – da wird jetzt nicht in der Tiefe auf Freundschaft als Teil der Ethik eingegangen und so weiter. Nur die drei Freundschaftstypen in ihrer Hierarchisierung in ein irgendwie literatisches Textchen übertragen, sozusagen.“

„Kommst Du dann bitte zum Punkt?“, sagte Kevin nachdrücklich.

Amanda schaute ihn völlig perplex an; vor lauter Irritation verlor sie sogar ihre sonst so zuverlässige Schlagfertigkeit. Der neue Kevin wirkte auf sie wie grünes Kryptonit auf Superman. „Äh, ja…“, fuhr sie irritiert fort. „Drei Arten der Freundschaft: basierend auf Nutzen, Lust und Tugend. Vollkommen ist nur die Freundschaft, die zwischen guten und sich an Tugend ähnlichen Menschen besteht – die ist beständig, weil sie nicht bloß Mittel zum Zweck ist. So in a nutshell. Was ist bloß los mit Dir, Kevin?!“ Sie ließ ihre Zettel in den Schoß sinken.

„Was soll schon mit mir los sein? Ich denke, wir müssen zügig vorankommen.“

„Er übt“, erklärte Katie wohlwollend. „Für Ludwig.“

„Ich übe nicht, das geht hier um meine Sache, und da wir jetzt dank Dir so viel Zeit verloren haben, Mandy, sorge ich dafür, dass das aufgeholt wird.“

Amanda klappte die Kinnlade herunter, Katie verbarg ihre Augen mit der rechten Hand. „Ich korrigiere: Er müsste üben“, konstatierte sie resigniert. „Für Ludwig. Eine Menge.“

„Ich weiß wirklich nicht, was ihr habt“, setzte Kevin an, „Ich –“

„…denke, wir sollten ganz in deinem Sinne zur Sache zurückkommen“, sagte Nermin in dem ihm eigenen, sachlich-warmen Ton, „Es sind also die drei Typen von Freundschaft, die hier in diesem Text vorgestellt werden: Der erste Teil – Wirt und Schneider – ist die Freundschaft, die auf Nutzen beruht und mit dem Vorhandensein des Nutzens endet. Der zweite Teil – mit der Frau – ist die Freundschaft, die auf Lust beruht: in dem Moment, wo die Freundin nicht mehr unterhaltsam ist, ist auch die Freundschaft zu Ende. Der dritte Teil dann, ganz klar, ist die Freundschaft, die auf Tugend beruht. Sie wollen einander nur das Beste – eindeutig ein moralisch konnotierter Begriff – und darum besteht die Freundschaft dann auch ewig.“

„Das macht irgendwie total Sinn“, meinte Katie.

„Ja“, sagte Nermin, „das wäre jetzt halt für uns die Frage: Was fangen wir damit an?“

Das“, erwiderte Amanda, die gerade im Geiste den Einflussbereich des Kryptonits verließ, scharf, dabei Kevin fixierend „das ist allerdings nicht so schwer. Ich kann Katie da im ersten Zugriff nur zustimmen: Es macht Sinn. Ein sehr gutes Beispiel für den Typus der Freundschaft auf Basis des wechselseitigen Nutzens ist die zwischen Kevin und mir: Sobald sein Nutzen endet, bin ich auch nicht mehr viel wert. Mir stellt sich dann bei genauerem Nachdenken allerdings auch die Frage, ob das dann den Namen Freundschaft eigentlich verdient – da also müssten wir noch einmal genauer in die Begriffsklärung einsteigen…!“

„Und leider muss ich ergänzen“, fügte Katie mit einem leichten, spöttischen Lachen hinzu, „in diesem speziellen Fall frag‘ ich mich dann auch, ob da eigentlich von wechselseitigem Nutzen die Rede sein kann…“

 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn (Folge IX,2: Das achte Buch)

| | Keine Kommentare

„Und…?“, fragte Amanda schließlich vorsichtig, als Nermin nicht aufhören wollte, unablässig die schon blanke Glasplatte des Tresens zu putzen.

„Und was?“, fragte Nermin zurück, ohne von seinem Tresen abzulassen.

„Und was treibt Dich um, dass Du – jetzt lass‘ doch endlich den blöden Tresen, das Glas ist gleich weggeputzt!“ Nermin unterbrach sein Wischen und blickte endlich zu Amanda auf, dann wieder auf den Tresen, zurück zu Amanda und wieder auf den Tresen. „Oh.“ Er warf das Tusch in ein Waschbecken hinter der Theke.

„Nun…?“

„Was denn? Alles wie immer.“

„Nichts wie immer. Nicht nur, dass du wie ein Idiot an deinem Tresen herumputzt, Du warst gestern so…“ Amanda suchte nach einem Wort, das irgendwie den Kern traf, aber nicht unangemessen ins Private eindrang. ‚Traurig‘, ‚düster‘ – das hätte es vielleicht am ehesten umschrieben, aber sie fand, dass das die Grenze dessen überschritt, was sie zu Nermin sagen konnte. „…so schlecht gelaunt“, schloss sie schließlich. Das war neutral.

„Hm, ja“, machte Nermin und rieb mit dem Daumen auf einem Wasserhahn herum. „Das ist alles gerade so unerquicklich.“

„Soll ich fragen, was unerquicklich ist?“, fragte Amanda.

„Nein“, sagte Nermin und grinste Amanda schräg an. „Ach! Wie soll ich das erklären: Kellnern hier ist nun auf Dauer wirklich kein Traum.“

„Das glaube ich gerne. Du hast ja auch mal gesagt, Du hast mal was anderes gemacht.“

„Ja, ich war Architekt.“

„In Bosnien?“

„Nein, ich habe einen bosnischen Namen, aber, ob Du es glaubst oder nicht: Ich bin eigentlich in Singapur geboren und aufgewachsen. Frag‘ jetzt nicht, wie meine Familie dahin kam. Mein Vater jedenfalls hatte ein großes Architekturbüro dort, mein Onkel war Bauingenieur. Ich bin dann auch Architekt geworden. Nicht, dass ich das nicht auch wollte – ich fand das einen sehr schönen Beruf.“

„Aber?“

„Wir waren enorm erfolgreich und auch enorm reich.“

„Für die meisten Menschen wäre das jetzt nicht unbedingt Grund zur Klage.“

Nermin lachte auf. „Ja! So ist das. Ich denke, es ist egal, ob man mit Glück oder Pech gesegnet ist, der Mensch beschwert sich immer.“

„Wohl wahr“, erwiderte Amanda, und lächelte still in sich hinein. „Wenn man eine schlechte Kindheit hat, beneidet man alle um ihre gute; hatte man die schönste Kindheit, die man sich vorstellen konnte, kann man darüber nur lachen: Denn während für die anderen alles nur bergauf gehen kann, geht es für einen selbst immer nur bergab – wie man es dreht und wendet, alles ist Verfall und Verlust.“

„Ja, alle Existenz ist an sich leidvoll“, nickte Nermin. Sie schwiegen eine Weile.

„Nun, aber – ihr wart reich und unglücklich – und dann?“, fragte Amanda schließlich weiter.

„Alles war wunderbar – als Kind meine ich. Ich habe in diesem Palast von einem Haus gelebt, hatte Privatlehrer, nur die beste Ausbildung… man hatte mir schon eine große Karriere prophezeit, entweder als Politiker oder als großer Gelehrter, stell‘ dir vor. Naja, ich habe dann einfach irgendwann eine Frau geheiratet und wir hatten sogar Kinder, zwei Mädchen, übrigens. Ich weiß auch nicht – ich habe ja auch studiert, aber… immer völlig abseits der wirklichen Welt. Ich war irgendwie „da draußen“, aber mitbekommen habe ich gar nichts. Man ist ja immer so in seiner Glocke… aber dann irgendwann, mit 29, da dachte ich: Du musst doch mal sehen, was da draußen eigentlich vor sich geht! Du kannst doch nicht dein Leben damit verbringen, auf einem Planeten zu leben, von dem du nichts, aber auch gar nichts weißt! Du musst doch wissen, worüber all diese Bücher, die du geschrieben hast, sprechen! Naja, und dann bin ich einfach gegangen, um mich umzuschauen, sozusagen. Überall Leid: Alter, Krankheit und Siechtum, Tod. Das war ein Schock, sage ich Dir.“

„Hm-m. Für mich klingt das zwar irgendwie ziemlich normal – aber ich verstehe es irgendwie schon. Die plötzliche Erkenntnis der Vergänglichkeit, des Todes, das ist… grausam.“ Sie dachte daran, wie sie als Kind den toten Johann gefunden hatte. 29 fand sie zwar ein spätes Alter für eine solche Erkenntnis, aber nun gut. Sie kannte ja die genaueren Umstände von Nermins Leben auch nicht. „Und dann?“

„Dachte ich, ich müsste mehr erfahren. Und eigentlich endet da die Geschichte, denn seitdem habe ich immer mehr erfahren, und gerade denke ich, ich habe genug erfahren.“

„Verstehe. Und nun ist die Frage: Was nun.“

„Genau. – Ach, da kommen unsere Beiden!“ Katie und Kevin kamen gerade durch die Glastür, beide freudestrahlend.

„Nanu – ihr strahlt ja so…!“, sagte Amanda, die beiden neugierig musternd.

„Ja!“, sagte Katie zufrieden. „Kevin und ich haben herausgefunden, worum’s in der Geschichte geht!“

„So ist es“, ergänzte Kevin. „Wir dachten, da muss es irgendwie um Freundschaft gehen, weil die da alle von Freunden reden. Zuerst habe ich dann ‚Buch 8 Freunde‘ gegoogelt, da kam nur Müll. Dann habe ich ‚Buch 8 Freundschaft‘ probiert, und –“

„– da kam primär erstmal: ‚Connie & Co. Band 8: Conni, Paul und die Sache mit der Freundschaft‘.“

„Da dachten wir: Das kann’s nicht sein.“

„Genau.“

„Aber dann war da auch so ein unattraktives graues Buch als Thumbnail abgebildet –“

„Da hab‘ ich gleich zu Kevin gesagt: Das ist ein Fachbuch, das könnte was sein.“

„Also hab‘ ich’s angeklickt, und das war dann so’n Buch aus dem GRIN-Verlag mit dem Titel: ‚Der Begriff der Freundschaft im VIII. und IX. Buch der Nikomachischen Ethik unter dem Aspekt der “Gemeinschaft” als Grundwert der Aristotelischen Ethik‘…“

„…und da waren wir uns schon fast sicher: Das ist so abgefahren, darum muss es gehen –“

„…und haben dann also mal nach der Niko- …Niko-maaa-mach-machischen Ethik gesucht, und siehe da: Buch 8 behandelt die Freundschaft, und offenbar gibt’s da auch verschiedene Arten von Freundschaft.“

„Drei Stück nämlich“, fügte Katie hinzu.

„Genau“, schloss Kevin, und die beiden schauten einander zufrieden an, um dann, wie auf Bestätigung wartend, Amanda und Nermin erwartungsvoll zu fixieren, die angesichts des Tempos und des eigenwilligen Erzählduktus‘ noch wie im Bann still zurückstarrten, als warteten sie ab, ob nicht doch noch weitere Kanonenschüsse fielen.

„Also, da war dann auch Ende der Fahnenstange der Erkenntnis“, setzte Katie hinzu. „Aber wir waren ganz zufrieden, ne, Kevin?!“ Kevin nickte und grinste breit.

„Ja“, sagte Nermin ruhig und lächelte ein bißchen in sich hinein, den Wasserhahn mit den Fingern malträtierend. „Dann müssen wir uns jetzt wohl um die Freundschaft kümmern“, sagte er, mit einem plötzlich ganz offenen Grinsen aufblickend. „Gehen wir nach oben?“

 

Seite 1 von 41234
Über die Autorin

Dr. Ann-Kristin Iwersen studierte Philosophie und Ethnologie an der Universität Hamburg und promovierte dort 2011 im Fach Ethnologie zur Aushandlung kultureller Identitäten und ihrem situativen Switching in der neueren amerikanischen Countrymusik und ihrer Fankultur. Ihre Forschungsinteressen liegen vor allem in den Bereichen Identitätsforschung, Inter- und Transkulturalität sowie vergleichende Ethik.