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Wissenschaft mal anders

Von Bollerwagen und Problembären – interkulturelle Kompetenz am 9. Mai

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Geben Sie es zu, Sie haben gedacht: Jetzt schreibt sie uns was über die kulturellen Gründe für die Jagd auf Bruno, den Problembären. Ich gebe zu, dass das ein sehr wichtiges Thema ist, dem ich mich gerne ein anderes Mal widme. Heute geht es mir aber um einen anderen Lieblingsproblembären der Deutschen: den russischen.

Heute, am 9. Mai, ist nämlich nicht nur Christi Himmelfahrt und der Tag an dem besoffene Väter und Nicht-Väter mit Bollerwagen durch die Straßen der Republik ziehen. In Russland wird heute der Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg gefeiert, wie jedes Jahr auch mit großen Militärparaden – Bollerwagen etwas gewichtigerer Art, sozusagen. weiter ›

„Ich kann jetzt nicht denken, ich hab‘ mein Skript verlegt…“

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…– neue Anstöße zur skript theory in den Kulturwissenschaften? Von mir? Ungewöhnlich.

Um ehrlich zu sein: Ich habe ja nie so ganz daran geglaubt, an die Skript-Theorie. Haben wir wirklich in unserem Kopf nicht mehr und nicht weniger als Programme ablaufen, die uns sagen, was als nächster Schritt ansteht? Nun kommen mir aber doch langsam Zweifel an meinen Zweifeln.

Doch dazu muß ich weiter ausholen. Die Script Theory entstand in der kognitiven Psychologie in den 1970er und 1980er Jahren. Maßgebliche Arbeiten stammen von Roger Schank, der unter anderem das vielzitierte Restaurant-Skript bekannt machte. Aber wir gehen schon wieder einen Schritt zu weit, denn erst einmal müssen wir ja noch klären, was das eigentlich ist: ein Skript.

Skripts wurden zuerst beschrieben von Roger Schank, einem Pionier dieser Forschung in der kognitiven Psychologie. Ein Skript ist im Prinzip ein Ereignis-Schema, das heißt, es beschreibt stereotype Abfolgen in häufig wiederkehrenden sozialen Situationen. Diese Grundidee wurde aber bald darauf auch in die kognitiven Ethnologie übernommen. Das wohl bekannste und meistzitierte Skript ist das Restaurant-Skript, das ungefähr so aussieht:

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Versuch einer Ethnographie der Anything-Goes-Sümpfler: Postmoderne Ethnologie unter der Lupe.

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Nachdem ich mich das letzte Mal bei den Ethnologen des einen Lagers unbeliebt gemacht habe, muss ich nun folgerichtig auch das andere Lager noch hinreichend besudeln. Gerecht muss es schließlich zugehen in der Welt. Leider habe ich vermutlich nicht annähernd so viel Böses über interpretative oder sogar auch postmoderne Ethnologie, das vielleicht ganz radikale Andere, zu sagen; aber ich gebe mir Mühe. Ehrlich.

Das Problem ist ja schon psychologischer Natur. Wenn man so will, zeichnet sich gerade die Postmoderne durch ihre Bescheidenheit aus, die so weit reicht, dass sie meint, eigentlich gar nicht sagen zu können. Das mag wenig sinnvoll erscheinen und irgendwie falsch, ist aber auf alle Fälle ist es sympathischer als die, die da mit der vermeintlichen Objektivität (und auch bei den bescheidensten unter ihnen immer noch: Quasi-Objektivität) der eigenen Erkenntnisse protzen. Der Charakter des Schülers fließt eben doch immer mit in die Note ein.

Aber fangen wir klein an. Bevor alles unaussprechlich wurde, begann es erstmal ganz harmlos an mit der interpretativen Ethnologie. Wir lassen sie hier mal mit der „interpretativen Wende“ (interpretive turn) beginnen – auch wenn es da durchaus schon vorher etwas gab. weiter ›

Was heißt hier eigentlich „analytisch“?

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Ich will es gleich ehrlich sagen: Heute schreibe ich von etwas, von dem ich nicht weiß, was es ist. Beruhigen tut mich einzig, dass ich häufig den Eindruck habe, dass auch die, die es praktizieren, oftmals nicht so ganz genau wissen, was sie da eigentlich tun. Ich denke, sie wissen eher, was sie nicht tun wollen. Mir liegt auf der Zunge zu fragen: Womöglich différance? Aber nein, nichts läge ferner. Die Rede ist von dem, was man landläufig als „analytische Ethnologie“ bezeichnet. Aber auch von dem einen und anderen sonst.

“Analytisch”, das klingt ja erstmal toll, so klug, so rational, da hat man ja was in der Hand! Leider ist es auch (fast) so gemeint. Und irgendwas hat man dann auch in der Hand, aber die Frage ist, ob es vielleicht bloß ein Jodeldiplom ist.

Dabei klingt alles, was die analytische Ethnologie will, zunächst mal ganz vernünftig. Ich will versuchen, das Ganze mal anhand eines einführenden Beitrags aufzurollen, dem Aufsatz „Analytische Ethnologie“ von Thomas Schweizer aus dem Handbuch der Ethnologie von 1993. Auch wenn der Aufsatz schon ein bisschen älter ist und auf die Gefahr hin, dass mir jetzt alle an die Gurgel wollen: Vom Prinzip her hat sich seitdem nicht viel getan in Sachen analytischer Ethnologie. Damit meine ich nicht, dass sie sich nicht allerlei neue Raffinessen hat einfallen lassen, ich meine: Der Ansatz ist, was er ist. Und darum soll’s ja gehen.

Bei Schweizer heißt es da, die analytischen Ethnologen „betonen […] die Erfordernis intersubjektiv nachprüfbare Ethnographien […], sie wollen durch präzisere Erhebungsverfahren die Qualität ethnographischer Daten verbessern […]; gegenüber dem Verstehen einzelner Kulturen verweisen sie […] auf die Notwendigkeit des Kulturvergleichs und allgemeiner Kulturtheorien […].“ (Schweizer 1993: 82)

Prima. Wer wollte dem denn nicht zustimmen? Zwar ist es nicht so, als würde dieses Programm dem interpretativen Ansatz unversöhnlich gegenübergestellt – zumindest Schweizer schreibt, dass beides einander ergänzend eingesetzt werden könne –, in der Praxis erweist sich das aber nicht selten als Lippenbekenntnis. Nicht, weil die entsprechenden Personen lügen, sondern weil sie so vernarrt sind in ihren eigenen Weg, dass Kreuzungen im Höllentempo überfahren werden, ohne auf Querverkehr zu achten, geschweige denn auf Fußgänger am Wegesrand, die ihren Daumen zaghaft in die Höhe halten. weiter ›

Warum wir Eulen nach Athen, aber nicht nach Angola tragen dürfen: Ethnozentrismus, Postkolonialismus und das Ding mit dem Denken

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Wer von diesem Beitrag nun erwartet, dass er einer Auseinandersetzung mit dem aktuellen politisch-ökonomischen Krisenherd Griechenland (fast eigentlich schon wieder démodé, nun sprechen wir über Spanien) gewidmet ist – der irrt. Das ist zwar spannend und wichtig, doch wollen wir hier lieber nicht davon handeln, zu komplex und zu schwierig ist die Thematik.

Dabei hat das eine mit dem anderen doch eine Menge zu tun: Denn wenn der Rest Europas Griechenland erklären kann, was es tun muss, damit sich alles doch zum Besten wendet, dann ist das doch eine Form des Ethnozentrismus – oder nicht?

Ethnozentrismus: auch so ein ethnologisch-kulturwissenschaftliches Modewort, das mittlerweile etwa démodé ist. Die Frage ist, was das eigentlich bedeutet, zu sagen: Es war in Mode. Nun, ungefähr soviel, denke ich – jahrelang haben sich Ethnologen in Seminaren und suddeligen Cafés getummelt, alles wurde beschallt mit weitschweifigen Analysen zum Ethnozentrismus und dem der (post-)kolonialen Ausbeutung verfallenen Zustand der Welt. So lang die Beiträge oft waren, so wenig blieb vom Inhalt über. Haften blieb eigentlich meist nur die Empörung. Schade eigentlich, denn leider gab und gibt es da ja auch nennenswerte Inhalte, die besser nicht in vorgeblicher Intellektualität ertränkt worden wären. Wie dem auch sei: Das gehörte irgendwie wohl so dazu zum Habitus des weltgewandten Ethnologen, der fünf Halstücher, ein lilafarbenes Kurzarmshirt über einem orangenen Langarmshirt zu löchriger Khakihose und Ringelstrümpfen trug. Nein, ein Vorurteil ist das nicht: Das ist knallharte ethnographische Beschreibung einer vom Aussterben bedrohten Subkultur. (Ich gebe allerdings freimütig zu, dass ich mich bei diesen rekapitulierenden Zeilen um so dringlicher frage, ob jede kulturelle Praxis prinzipiell erhaltenswert ist. Aber das ist nur meine Meinung.) Und irgendwann war das dann vorbei – nur vereinzelt finden wir noch Reminiszenzen jenes goldenen Zeitalters, als Ethnozentrismus in aller Ethnologen Munde war, und auch in anderen Disziplinen ebben die letzten Wellen postkolonialer Kritik langsam ab. Ohne freilich, dass dies nachhaltige Spuren in der Gesellschaft hinterlassen hätte. Zwar sind die Worte nunmehr in den allgemeinen Sprachgebrauch von Otto Bildungsverbraucher eingegangen – das allerdings bedeutet nicht, dass sich das irgendwie in seinem Denken und Handeln niederschlüge. Das ist wie mit Skorpionen, die unter Steinen lauern: Jeder weiß, dass es sie gibt und dass man da doch besser achtgibt, wo man sich zum Picknick niederlässt – und dann setzt sich doch jeder ratzbatz auf den Stein und behauptet: „Wieso? Hier ist doch nix!“ Und wenn’s denn doch mal zwackt, ist bestimmt wer anders schuld. weiter ›

Warum Doktoranden immer klagen, die Gesellschaft immer feindlich gestimmt und Doktorväter und -mütter immer übelgesonnen sein müssen…

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Der Klagen über den Betreuer oder die Betreuerin hört man unter Doktoranden wahrlich genug: Während bei dem einen trotz überschaubarer Zahl von Doktoranden der Doktorvater nach zwei Jahren Arbeit am opus magnum den Namen seines Doktoranden immer noch nicht kennt (geschweige denn das Thema von dessen Arbeit), kann der andere den akademischen Zögling gar nicht oft genug einbestellen, um ihm beispielsweise zu sagen, dass alles bisher Verfasste noch einmal grundlegend überarbeitet werden muss, oder aber, um ihm Aufgaben zu übertragen, die mit der Dissertation eigentlich nichts zu tun haben, die zu erledigen aber selbstredend im aufgeklärten Eigeninteresse des so Beauftragten liegen. Seien wir ehrlich: Manchmal berechtigt, manchmal auch weniger berechtigt – das Dauerklagen scheint zum Habitus des Doktoranden zu gehören. Und selbst den Leidensgenossen wird das Leid der anderen bisweilen ein leidiges Leid: So schön es ist, sich im geteilten Schicksal zu suhlen, auf die Dauer nervt’s. Warum aber klagen Doktoranden dauernd, und warum macht es offenbar kein Doktorvater/-mutter je richtig? Zufall oder kulturelle Notwendigkeit?

Spätestens seit Arnold van Gennep, dank seiner Opposition gegen die Durkheim-Schule ein intellektueller Outlaw seiner Zeit, wissen wir um die Existenz sogenannter Übergangsriten. Dabei geht van Gennep von einer allgemeinen Beobachtung aus, nämlich der, dass sich doch bestimmte Rituale in gänzlich verschiedenen Kulturen strukturell ziemlich ähnlich sind – und zwar solche, die, grob gesagt,  Menschen innerhalb einer bestimmten Gruppe von einer Teilgruppe in eine andere befördern; und dabei – sagt uns van Gennep – gibt es dann drei Phasen: Trennungs-, Schwellen- und Wiederangliederungsphase, zu denen entsprechende Rituale gehören, die dann eben in der entsprechenden Reihenfolge durchgeführt werden (van Gennep 1999: 13f, 21). Victor Turner war es, der van Genneps Theorie aufgriff und nachhaltig erweiterte, indem er ein Schwergewicht auf die Phase der Liminalität, den Schwellenzustand also, legte.

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Über die Autorin

Dr. Ann-Kristin Iwersen studierte Philosophie und Ethnologie an der Universität Hamburg und promovierte dort 2011 im Fach Ethnologie zur Aushandlung kultureller Identitäten und ihrem situativen Switching in der neueren amerikanischen Countrymusik und ihrer Fankultur. Ihre Forschungsinteressen liegen vor allem in den Bereichen Identitätsforschung, Inter- und Transkulturalität sowie vergleichende Ethik.