So wie ein durch fleisz vollendeter student,
nach einem glucklichen examen,
sich selbst vor trunkner lust nicht kennt,
wenn ihn die magd in seiner schöne namen,
nach einem tiefen compliment,
das erste mal ‘herr doctor’ nennt.
Was dereinst die Gebrüder Grimm mit obigem Gellert-Zitat in ihrem Deutschen Wörterbuch andeuteten, hat die Jahrhunderte überdauert: Die Überfrachtung des Doktortitels mit Erwartungen, die nicht dem entsprechen, was er eigentlich aussagen soll. Denn wenn man den Promotionsordnungen deutscher Universitäten glaubt, so ist der Doktortitel „nur“ Nachweis einer eigenständigen wissenschaftlichen Leistung. Im allgemeinen Sprachgebrauch schwingt aber weit mehr in ihm mit. Darf man den „Dr.“ vor seinen Namen schreiben, so wird man allgemein als Person von hoher Wichtigkeit und höchster Intelligenz angesehen, allerdings wohl auch als etwas „abgehoben“ und der „normalen“ Gesellschaft entrückt. Ist man noch nicht promoviert, also noch Doktorand/in, sind die Reaktionen (z.B. der Verwandtschaft) meist eher negativ bis uninteressiert: Ach, der studiert ja immer noch und macht nichts Produktives.
Innerhalb der Wissenschaft weiß man den Doktortitel natürlich realistischer einzuordnen, da ist ein Doktor einfach jemand, der Zugang zu bestimmten Jobs bekommt, meist mit letztem Ziel Professur. Ganz ohne Überfrachtungen geht es aber auch hier nicht, wobei diese weniger den Titelträger als den Aspiranten betreffen: Redet man mit gestandenen Wissenschaftlern über Doktoranden, so haben diese oft ein fast schon romantisches Bild einer Zeit voller Entbehrungen vor Augen. Die Selbstaufopferung bis zur Erlangung des Doktortitels gehört quasi zum guten Ton, man hat diesem Ziel alles andere unterzuordnen um am Ende mit dem angestrebten Titel gekrönt zu werden.
Letztere Überfrachtung macht den Nachwuchswissenschaftlern selber natürlich am meisten zu schaffen. Vielleicht kamen auch so die Fehler in die Doktorarbeit der inzwischen Ex-Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Die erstgenannte Überfrachtung, die umgangssprachliche Ehrfurcht vor den allwissenden Doktoren, schadet dahingegen der gesamten Wissenschaft. Nicht zuletzt, weil deswegen immer wieder mit allen Mitteln und ohne sichtliches wissenschaftliches Interesse versucht wird, an einen Doktortitel zu kommen – hierfür wäre wohl die Plagiatsaffäre um den Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg exemplarisch.
Warum soll man sich eigentlich als jemand, der „eine eigenständige wissenschaftliche Leistung“ erbracht hat, mit einem Namenszusatz schmücken dürfen? Was ist daran so besonders? Warum wird in keiner anderen Branche (und seien wir mal ehrlich, Wissenschaft ist auch nur eine Branche unter vielen) so viel Wirbel um die Ausbildung der Nachwuchskräfte gemacht? Vielleicht weil man sich dort eher auf die Qualität der Ausbildung anstatt auf wohlklingende Titel konzentriert?
Deswegen meine Forderung: Schafft den Doktortitel ab! Er ist ein Relikt vergangener Perioden, in denen Titel, wie z.B. der eines Adeligen, noch Ruhm und Macht verhießen. Ein heutiger Nachwuchswissenschaftler könnte sich doch einfach durch seine Publikationen beweisen. Der Trend geht sowieso dahin, siehe z.B. die wachsende Beliebtheit der kumulativen Dissertation. Damit würde wahrscheinlich sogar mehr Transparenz geschaffen, als es manche Promotionskommissionen heute bieten können.
Lasst von mir aus den Medizinern ihren Doktortitel, damit die Kinder weiterhin zum „Onkel Doktor“ gehen können. Das ist übrigens ein schönes Beispiel dafür, was aus einem Titel werden kann, wenn die Erwartungen sehr hoch und sehr verschieden von den ursprünglichen Inhalten sind: Eine teilweise nur dreimonatige wissenschaftliche Arbeit, am besten noch während des Studiums, deren Sinn kein Medizinstudent erkennt. Und das nur, weil man als Arzt eben „Dr.“ sein muss.
Darüber hinaus würde eine Abschaffung des Doktortitels sicher nicht alle Probleme der Wissenschaft im Besonderen und der Promovierenden im Speziellen lösen. Aber sie wäre ein starkes Zeichen, dass es wirklich um Inhalte geht. Und sie könnte entscheidend dazu beitragen, das Abhängigkeitsverhältnis der Promovierenden zu ihren Mentoren/innen zu lockern, die ja heutzutage oft Doktorvater/mutter und Chef/in in einer Person sind. Ohne Doktortitel bräuchte man nämlich auch keine Doktoreltern mehr. Betreut werden sollten Nachwuchswissenschaftler natürlich weiterhin, aber ohne das Promotionskorsett könnte man sich noch viel stärker mit neuen Betreuungsformen auseinandersetzen, als es schon getan wird. Dem Seelenleben vieler Promovierender wäre damit wahrscheinlich sehr geholfen.
PS: Dieser Blog-Beitrag wurde nur von Alexander Egeling verfasst und gehört nur entfernt zu der sonst gemeinsam mit Wenke Wilhelms verfassten Reihe „Promovieren mit Kind“.