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Beiträge aus der Kategorie ‘ Wir forschen ’

Digitalisierung: die stille Revolution

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Als der britische König Georg III. im Jahre 1763 mit der Neuordnung seiner nordamerikanischen Kolonien die Wut der Siedler hinaufbeschwor, konnte er wohl kaum ahnen, was er damit in Bewegung setzte: es war nicht weniger als der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, der Vorlauf zu einer Revolution, die über die zehn Jahre später stattfindende und weltberühmt gewordene Boston Tea Party in die amerikanische Unabhängigkeit mündete. 1789 wurde George Washington als erster Präsidenten der USA vereidigt. In diesem Jahr gewann auch die Französische Revolution an Schwung und mündete nach etlichen Jahren des teilweise extrem blutigen Kampfes in der Gründung der Republik, welche sich durch ihre Wirkung auf unser Demokratieverständnis und unsere Gesellschaft auch heute noch maßgeblich bemerkbar macht. Man kann also ohne weiteres sagen, daß nicht nur die Französische Republik, sondern letztlich wohl ganz Europa sein Selbstverständnis maßgeblich aus den Ereignissen dieser Zeit zieht. Es läßt sich freilich festhalten, daß das republikanische Prinzip die in Europa nicht nur dominierende, sondern auch erfolgreiche Gesellschaftsordnung geworden ist. Es wird maßgeblich mit Freiheit, Liberalität, Rechtssicherheit und Fortschritt in Verbindung gebracht – und zwar so weitgehend, daß – wenn wir uns an den Arabischen Frühling vor einem Jahr erinnern, an Länder wie Ägypten, Libyen und heute auch Syrien – auch heute noch Menschen revolutionär denken und handeln, in dem Bestreben, Freiheit und Demokratie zu erringen. Und daran war ja auch die Digitalisierung nicht ganz unbeteiligt.

Dabei liegt die Betonung in diesem Kontext ausdrücklich auf „erringen“. Wie schon die Amerikanische, aber natürlich erst recht die Französische Revolution geht der Kampf für Unabhängigkeit, Freiheit und demokratische Grundwerte oftmals mit Blutvergießen einher. Revolutionen werden deshalb im alltäglichen Sprachgebrauch meist mit gewaltsamen Veränderungen gleichgesetzt. Zusammenfassend kann man sagen: Eine Revolution umfaßt Veränderungen, plötzlichen Wandel, Neuerung, so wird es in der deutschsprachigen Wikipedia treffend definiert, wobei Wikipedia noch etwas konkreter wird und auch eine spezifischere (soziologische) Definition bietet:

„Eine „Revolution“ bezeichnet in der Soziologie sowie umgangssprachlich einen radikalen und meist, jedoch nicht immer gewalttätigen sozialen Wandel (Umsturz) der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Gegebenenfalls kommt es dabei zu einer Umwälzung des kulturellen „Normensystems einer Gesellschaft“. Eine Revolution wird entweder von einer organisierten, möglicherweise geheimen, Gruppierung von Neuerern (vgl. Avantgarde, Elite) getragen und findet die Unterstützung größerer Bevölkerungsteile, oder sie ist von vornherein eine Massenbewegung.

Der Begriff „Revolution“ wird auch verwendet, um einen allgemeineren tiefgreifenden Wandel der Gesellschaftsstruktur zu bezeichnen, auch wenn es sich dabei nicht zwangsläufig um besonders plötzlich und rapide auftretende Veränderungen handelt. So spricht man etwa von der – global mehrere tausend Jahre dauernden – „Neolithischen Revolution“ oder von der sich zwischen 1750 und 1850 von England über den europäischen Kontinent ausbreitenden „Industriellen Revolution“, die ihrerseits wiederum Vorbedingung für verschiedene politische Revolutionen in diesem Zeitraum war.“

(Quelle: Wikipedia)

Hier haben wir nun – im der zweiten Hälfte der Definition – eine Revolutionsumschreibung, die nichts mehr mit einem gewalttätigen Umsturz zu tun hat. Es mag eine Binsenweisheit sein, daß Revolutionen nicht immer blutig sein müssen, aber man kann nach meiner Überzeugung zweifelsohne das Gefühl haben, daß diese Expertendefinition, wie sie bei der industriellen Revolution sicherlich breite Akzeptanz auch unter Laien findet, bei der Digitalen Revolution keineswegs gleichrangig bewertet wird. Experten mögen hier eine stille Revolution wahrnehmen, zahlreiche Menschen (immer noch) nicht. Denn noch immer wird Digitalisierung in der allgemeinen Öffentlichkeit vielfach als evolutionärer Schritt behandelt, quasi in eine mediale Ahnenfolge mit Radio und Fernsehen gestellt. Doch dies ist nicht nur technisch, sondern eben auch sozial nicht korrekt. Auch die sozialen Umwälzungen, welche die Digitalisierung mit sich bringt, sind revolutionär – die Betrachtung der Digitalisierung endet deshalb nicht bei der Analyse der Technik. Studierende kommen heutzutage weder ohne E-Mail (im universitären Alltag) noch ohne soziale Netzwerke wie Facebook (im privaten Umfeld) aus. Wissenschaftler könnten ebenfalls ohne digitale Vernetzung nicht mehr arbeiten, eben weil die Veränderungen technisch grundlegend und gesellschaftlich allumfassend sind und nicht nur einen Spezialbereich der Gesellschaft oder des täglichen Lebens umfassen. Digitalisierung ist kein Optionsmodell, es wird immer aufwändiger, sich ihr zu entziehen.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse wandeln sich, nur wird leider noch allzu oft eine Teilbereichsperspektive bevorzugt, beispielsweise Netzpolitik, Sicherheit und Überwachung, Telekommunikation und Computerspiele. Und wenn Teilbereiche wie Computerspiele und Netzkultur betrachtet werden, stößt man nicht selten auf einen ausgeprägten Kulturpessimismus, der leider allzu oft seinen Widerpart in unreflektierter Technikgläubigkeit findet. Auf der einen Seite reden dann zum Beispiel die einen über die Digitalisierung, die sie vorbehaltlos gut finden, weil sie zum Beispiel große Teile ihrer Jugend mit Commodore 64 oder Atari verbrachten und auf der anderen Seite äußern sich die, die mit dem Eindringen dieser komplexen Materie in alle gesellschaftlichen Bereiche vorrangig ein großes Problem sehen.

Dabei haben wir hinsichtlich dieser Dichotomie trotz aller gesellschaftlichen Umwälzungen keineswegs eine Verbesserung der Situation erfahren, sondern eher noch eine nie dagewesene Eskalation. In der Politik läßt sich seit einigen Monaten sehr gut anhand der Piratenpartei auf der einen und den sogenannten „etablierten Parteien“ auf der anderen Seite beobachten, wie sehr man einander – und hier besonders die digital konnotierten bzw. explizit nichtdigital geprägten Lebensentwürfe – nicht schätzt: auf beiden Seiten haben es die Moderaten, die Pragmatiker und Realisten besonders schwer. Dass die Piratenpartei gegenwärtig überhaupt einen solchen Erfolg bei den Wählerinnen und Wählern hat, ist nicht ihrer eigenen inhaltlichen Stärke zu verdanken, sondern der Schwäche der anderen Parteien geschuldet, da diese meist kläglich versagen, wenn es um Internetthemen geht, dafür aber in allen anderen Bereichen als bevorzugter Ansprechpartner dienen, anders als die Piraten, denen man jenseits des Internets nicht viel zutraut. Doch damit liefert keine Partei letztlich eine Basis für eine vernunftorientierte und weitsichtige Netzpolitik. Gute Ansätze sind bei einzelnen Personen und kleineren Initiativen erkennbar, sowohl in Sachen Internet bei den altbekannten Parteien als auch in Sachen Sozialkompetenz bei den Piraten – aber die berühmte Schwalbe macht leider noch keinen Sommer. Das große Ganze wird in Deutschland nur äußerst zögerlich oder mit einer stark eingeengten Perspektive betrachtet. Dies schadet letztlich wohl mehr als es helfen mag und kann einen Wissenschaftler ob der beobachtbaren Veränderungen in unserer Gesellschaft kaum friedlich stimmen.

Was ist also zu tun?

Fakt ist: der Siegeszug des Digitalen ist unaufhaltsam. Alles, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert werden. Dies betrifft nicht nur Datenbestände, sondern auch Kommunikation. Es betrifft nicht nur Tools und Services, sondern auch Geschäftsmodelle, Kommunikationsformen und Lebenswelten. Selbst unsere Identität wird durch digitale extrinsische Einflüsse geprägt und es gibt mit Sicherheit keinen größeren Fehler als sich der Herausforderung nicht zu stellen, die das Innerste eines Individuums berührt. Aber wie macht man dies ganz konkret? Eines dürfte im Laufe der Jahre klar geworden sein: Es kann nur gemeinsam funktionieren. Das Internet und die Digitalisierung sind keine rein technische, keine rein rechtliche und auch keine rein politische, sondern eine ganzheitliche Herausforderung für die ganze Gesellschaft. Wissenschaftler, Forscher und Entwickler müssen gemeinsam versuchen, die Chancen und Risiken dieser stillen Revolution zu analysieren und zu gestalten. Es gibt weder einen Grund für überbordenden Pessimismus noch für blinden Eifer. Analoge und digitale Welt sind kein Widerspruch, sondern miteinander verwoben. Doch dies bedeutet nicht, daß sich digitale Methoden so ohne weiteres aus der analogen Sphäre ableiten lassen. Dazu möchte ich Ihnen drei Beispiele zeigen, bei denen die Technik im Vordergrund steht, bei genauerem Hinsehen jedoch das Soziale den Kern darstellt – und daß nur eine gemeinsame Analyse hier zielführende Ergebnisse liefern kann.

1. Kundenkarten

Es wurde oftmals spekuliert, was Menschen dazu bringt, eigentlich völlig überflüssige Kundenkarten zu nutzen, die nur marginale Vorteile wie winzige Rabatte oder Bonuspunkte bringen. Eine Studie der Uni Hamburg hat vor einiger Zeit erstmals die These bekräftigt, daß die Kundenkarte als eine Art digitaler Tante-Emma-Ersatz dient. Selbige Dame wußte zu Zeiten des nichtdigitalen Einzelhändlers auch viel über die Einkaufsvorlieben und –abneigungen – und diese Form der Kundenbindung erreicht auch eine digitale Kundenkarte, mit persönlicher Ansprache, „individuellen“ Vorteilen und emotionaler Ausrichtung. Die hier wirkenden Mechanismen sind freilich tiefgehender als die schnelle Jagd nach dem Schnäppchen, zeigen also, daß Digitalisierung den Menschen in Bereichen, in denen man es vielleicht nicht sofort erwartet, im Innersten berühren kann – und weit über technische Vereinfachung oder simples Marketing hinausgeht.

2. Cyberbullying

Auch die Herausforderung Cyberbullying ist letztlich nicht technisch faßbar. Grundsätzlich läßt sich sagen, daß die Menschen weder böswilliger noch gewaltttätiger geworden sind – ganz im Gegenteil: wir leben in sehr friedlichen Zeiten. Woran liegt es dann also, daß uns gerade Diskussionsforen, Kommentarspalten und Usenet-Groups – im vermeintlichen Schutz der Anonymität – so düster und verbal brutal vorkommen, uns überdeutlich an die vermeintliche Verrohung der Sitten mahnen? Ich denke, es liegt vor allem an der Persistenz. Würde man jeden Fluch, den ein Autofahrer gegen einen Radfahrer ausstößt, käme man, so meine These, im Vergleich mit einem typischen Diskussionsforum sicherlich auf ein ganz ähnliches Ergebnis. Nur: im digitalen Raum wird eben klar und deutlich protokolliert und nichts verpufft im Eifer des Gefechts. Anonymität im Internet führt nicht automatisch zum vollständigen Vergessen sämtlicher zivilisatorischer Errungenschaften und der eigenen Erziehung. Wenn man nun schon die Persistenz nicht oder kaum beeinflussen kann, dann werden wir wohl eine soziale Lösung finden müssen und die heißt: Vergeben ohne Vergessen. Die Kontextualisierung wird in Zukunft eine größere Rolle spielen müssen – nicht jede digital eingebrachte Beleidigung wird gleich zu einer anwaltlichen Handlung oder einem Strafantrag bei der Polizei führen, nicht zuletzt auch wegen des – ohne Internet so kaum denkbaren – Streisand-Effekts. Auch hier geht es also um die menschlichen Beweggründe, die diese Entwicklung mit sich bringt, nicht nur um Technik.

3. Digitaler Radiergummi

Das meines Erachtens deutlichste Beispiel für einen falschen Weg ist in diesem Zusammenhang der sogenannte „Digitale Radiergummi“. Technische “Verfallsdaten” im Internet sind schlicht vergebliche Anstrengung, weil nicht umsetzbar. Grund dafür ist die abstrakte Netzstruktur des Internets: man nähert sich dem Kern des Problems der unkontrollierbaren Datenverteilung erst dann, wenn man als gegeben annimmt, daß ein Datensatz nach seiner Veröffentlichung abgerufen werden kann. Bereits die theoretische Chance des Abrufes sorgt dafür, daß wir als Urheber nicht mehr die Gewißheit haben, hier Kontrolle ausüben zu können. Ein Beispiel: Zeige ich jemanden ein Foto aus Papier in einem Fotoalbum aus Pappe, so kann ich ziemlich sicher sein, daß diese Person im Moment des Betrachtens das Bild tatsächlich nur an einem Ort speichert: im Gedächtnis. Sobald das Bild aber digital veröffentlicht wird, habe ich keine vergleichbare Sicherheit mehr. Und damit müssen wir als Gesellschaft leben und entsprechende Konsequenzen ziehen.

Das klingt freilich einfach, ist es aber nicht. Deshalb ist es auch verständlich, daß stets nach einfachen Lösungen gesucht wird. Techniken wie der „Digitale Radiergummi“ führen allerdings massiv in die Irre und sind deshalb sogar kontraproduktiv. Es wäre deshalb besser für alle Beteiligten, wenn man sich auf das Kernthema konzentrieren würde. Das heißt: umfassende Beschäftigung mit dem Thema Digitalisierung und Gesellschaft, umfassende Aufklärung und Debatte über Datenschutz und – vor allem – Datensparsamkeit, Konzentration auf interdisziplinäre Projekte und Debatten, sprich: die Verwebung von Technik, Recht und Gesellschaft statt singulärer, kontraproduktiver und ausschließlich technisch konnotierter Scheinlösungen. Daß das mühsamer ist als irgendwo einen Knopf zu drücken und sich so einer Scheinsicherheit hinzugeben, dürfte einleuchtend sein. Und selbst wenn Technik hier Lösungen schaffen könnte: bevor für jedes neue Problem eine neue technische Lösung entwickelt werden muss, dürfte es einfacher sein, sich einmal interdisziplinär und grundlegend mit der Thematik auseinandergesetzt zu haben.

Inzwischen gibt es, wie man an den Beispielen erkennen konnte, hilfreiche Ansätze, die sich disziplinübergreifend dem Phänomen widmen, indem sie die Grundlagen erforschen und Basisannahmen formulieren. Wenn es beispielsweise um Identität geht, sind hier die „Laws of Identity“ von Kim Cameron zu nennen. In diesen „Laws of Identity“ findet man so bedeutende Ansätze wie „User Control and Consent“, also die Bedeutung des einzelnen Menschen, welche vor dem digitalen Gerät steht, aber auch „Minimal Disclosure for a Constrained Use“, das heißt: die Lösung, die die wenigsten Daten preisgibt, die zu einer Identifizierung einer Person führen können, ist (auch langfristig) besser als die Lösung, in die diese Datenkontrolle nicht implementiert wurde. Wenn es um Privacy, sprich: Datenschutz, Datensicherheit, Privatheit im digitalen Raum geht, sollten spontan die (ebenfalls) sieben „Basic Principles of Privacy by Design“ der kanadischen Datenschutzbeauftragten Dr. Ann Cavoukian einfallen. Auch hier steht der Mensch nicht nur im Mittelpunkt, sondern auch ganz oben auf der Liste: ein proaktiver User ist besser als ein User, der permanent durch digitale Herausforderungen in die Defensive gedrängt wird. Und der Punkt „Positive Sum“ soll aufzeigen, daß sehr wohl eine Win-Win-Situation bei der Gestaltung digitaler Services möglich, sprich: Freiheit und Sicherheit gleichermaßen, Gewinn für Firmen wie für Benutzer realisierbar ist.

Eine solide Basis ist hilfreicher als fragmentierte Flickschusterei. Ganzheitliche Ansätze, die die Auswirkungen der Digitalisierung berücksichtigen, sind besser als partikulare Ansätze. Dabei muß man nicht auf Methodik verzichten und unscharf bleiben. Der Ansatz, der auch bei „Privacy by Design“ Verwendung findet, kann auch durchaus auf einer höheren Ebene eingesetzt werden. Deswegen wird gerade in einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Verbundprojekt unter meiner Mitwirkung ein sozialwissenschaftlicher Forschungsrahmen entwickelt, welcher Technik, Recht und Gesellschaft konzeptionell und strukturiert zusammenbringt: Sociality by Design. Damit wird – ähnlich wie bei Privacy by Design – eine gesamtgesellschaftliche Rückkopplung bereits im Entwicklungsprozeß sichergestellt, damit nicht nur die rechtliche, sondern vor allem die soziale Perspektive berücksichtigt werden kann. Selbstverständlich ist dies noch „work in progress“, doch Sie können sicher sein, daß in den kommenden Jahren verstärkt über diesen und vergleichbare „by Design“-Ansätze zu hören sein wird. Denn die Digitalisierung ist eine Revolution, unumkehrbar, allgegenwärtig, unaufhaltsam. Seien wir uns deshalb jetzt voll und ganz bewußt, daß es sich um eine Revolution handelt – eine stille zwar, aber trotzdem eine Revolution. Sie ist vielleicht in ihrer Gesamtheit nicht so offensichtlich wie der blutige Umsturz eines Unrechtsregimes, doch wir sollten nicht den Fehler machen und nur auf den Arabischen Frühling schauen und dann die Frage stellen, ob Twitter und Facebook wirklich für diese Revolution verantwortlich sind.

Denn wir können sicher sein: die Revolution ist bereits da, unabhängig von ihrem Geräuschpegel. Wir sollten sie nicht unterschätzen, sondern erfolgreich gestalten. Gemeinsam.

Dieser Text ist die gekürzte Fassung des Vortrages „Soziale Auswirkungen einer stillen Revolution“, welcher am 4. Mai 2012, Tag der Technikwissenschaften der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, in Berlin-Mitte gehalten wurde. Er soll an dieser Stelle als Starttext des neuen Blogs “Die Digitalisierung der Gesellschaft” dienen.

Der Standortfaktor

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Ab und zu werde ich gefragt, warum ich in den letzten Jahren stets in Berlin geblieben bin und keine Jobs außerhalb der Hauptstadt – von Potsdam einmal abgesehen – angenommen habe. Nun, die Antwort ist recht einfach: Das Thema “Internet und Gesellschaft” konnte (und kann) ich hier in Berlin nun mal am besten bearbeiten, so meine Einschätzung. Es ist nämlich keineswegs egal, wo man sitzt und forscht, auch wenn die Loslösung von einem bestimmten Arbeitsort stets als Merkmal der digitalen Arbeitswelt genannt wird. Das mag in Bezug auf einen bestimmten Schreibtisch und dessen Verortung ja durchaus richtig sein – keinesfalls aber in dieser Form auch in Bezug auf eine bestimmte Stadt oder Region. Deshalb kann ich Jennifer Chayes, Microsoft Distinguished Scientist und Managing Director Microsoft Research New England in der Hinsicht aus ganzem Herzen zustimmen:

With labs in seven countries worldwide, we’re always intrigued by how location plays such a critical factor in the development and success of each Microsoft lab. In a way, New York City can be considered a living laboratory, built upon an intellectual foundation of renowned research institutions, an energized collaborative culture, and a hotbed of activity in high tech, financial services, publishing, advertising, art, and design. (…) The only limits are those of our imaginations. If we can dream it, we can build it. And what better place to dream and build than NYC?

(Quelle: technet.com)

Dasselbe kann ich deshalb für Deutschland über Berlin sagen …

Der „Added Value“-Ansatz: Eine Möglichkeit zur Berücksichtigung unterschiedlicher Startbedingungen im Wettbewerb von Hochschulen

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Angesichts einer stärker werdenden Diskussion um die notwendige größere Diversität der Studierendenschaft stellt sich die Frage, welche Auswirkungen dies bei gleichzeitig verstärkt eingesetzten Leistungsanreizen an Hochschulen hat. Eine dabei aufgeworfene Frage ist (so auch zu einem vorangegangenen Blogbeitrag): „Hat dann schon verloren, wer sich aus Überzeugung (oder aufgrund der Ausgangsbedingungen) diesem Ziel verschreibt/verschreiben muss?“  Bzw. könnte man die Frage auch anders formulieren: Sind Nachteile für Hochschulen mit einer inhomogenen Studierendenpopulation im bestehenden Leistungsanreiz-System unvermeidbar? Dieser Beitrag [1] widmet sich schwerpunktmäßig der knappen Darstellung und Diskussion eines Beispiels für ein „gerecht(er)es“ System der leistungsorientierten Mittelvergabe (LOM). Hierfür wird mit dem in Deutschland bisher kaum rezipierten australischen Modell eine Möglichkeit zur Berücksichtigung von Diversität und unterschiedlichen Startbedingungen im Wettbewerb von Hochschulen vorgestellt und seine Übertragbarkeit auf den deutschen Kontext diskutiert. weiter ›

Wie „gerecht“ sind Leistungsanreize an Hochschulen?

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Wenn es um Leistungsbewertungen und Leistungsanreize geht, wird oft auch deren (Leistungs-)Gerechtigkeit[1] diskutiert. Allerdings wird dabei meist auch schnell deutlich, dass sehr unterschiedliche Vorstellungen davon existieren, was als `gerecht´ anzusehen sei, wie nachfolgende Äußerungen veranschaulichen: „Fair ist der Vergleich nur zwischen Hochschulen, die mit Blick auf die Zielsetzungen, ihr Profil und ihre Strukturen wirklich vergleichbar sind.“, so ein Mitarbeiter des CHE zu deren geplantem europäischen Hochschulranking U-Multirank (Federkeil 2009: 7, vgl. auch CHE 2011: 2). Dagegen sagte der ehemalige baden-württembergische Wissenschaftsminister Frankenberg[2]: „Es ist im Leben immer so, dass es keine gleichen Voraussetzungen gibt.“ Was als gerecht wahrgenommen wird, kann sich also selbst zwischen Personen deutlich unterscheiden, die als Protagonisten von Leistungsanreizen im Hochschulbereich gelten. In diesem Beitrag[3] möchte ich daher zur Erweiterung der Argumentationsbasis in die teilweise sehr anekdotische und emotional geführte Diskussion gerechtigkeitstheoretische Überlegungen einbringen, welche die Ursachen für sehr unterschiedliche Wahrnehmungen von Gerechtigkeit etwas erhellen dürften. weiter ›

Wes Brot ich ess: über die Käuflichkeit von Forschung und andere Sorgen

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Als Wissenschaftler, der an der Entwicklung von Services für den neuen Personalausweis (nPA) beteiligt war und dessen Forschungsgegenstand in ein paar Tagen wieder etwas mehr in den Mittelpunkt der (medialen) Öffentlichkeit rücken wird, wird man gern und schnell von einigen Kritikern in die willenlose Unterstützerecke einsortiert (“Wes Brot ich ess …”). Doch so einfach, wie sich manche die Situation (aus welchen individuellen Gründen auch immer) wünschen, ist sie nicht. Und das liegt nicht nur an der persönlichen Haltung des Wissenschaftlers (also im hiesigen Falle an meiner), sondern auch daran, daß die immer wieder zu vernehmende Idee, wahre inhaltliche Unabhängigkeit nur in Fällen der Unabhängigkeit von Drittmitteln (d.h. durch Verzicht auf „Auftragsforschung“) erreichen zu können, getrost verworfen werden kann. Man könnte eine Diskussion darüber gar ein Luxusproblem nennen, brauchbar für den Fall, daß man gerade keine größeren Probleme hat.
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Qualität in der Doktorandenbetreuung: Mehr Überwachung der Doktoranden?

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Im letzten Jahr wurde durch die Guttenberg-Affäre der Glaube an das System der Qualifizierung als Dr.-Titel-Träger in den Grundfesten erschüttert. Sind die aufgedeckten Fälle des Plagiats tatsächlich bedauerliche Einzelfälle oder liegt etwas im Promotionswesen generell im Argen in Deutschland?

In Folge der öffentlichen Diskussionen um die Qualität der Promotionen hierzulande, wurden verschiedene Modelle vorgeschlagen, die überwiegend darauf aus sind, die Doktorandinnen und Doktoranden stärker zu kontrollieren oder einfach nur mehrere Betreuer zur Verfügung zu stellen. Kontrolle statt Ursachenforschung! Kontrollmaßnahmen und geänderte Promotionsordnungen täuschen über die Tatsache hinweg, dass oftmals mit einer mangelnden Betreuung durch die Doktormütter und -väter das Übel erst anfängt und wissenschaftliches Fehlverhalten in Hochschulen – nicht so selten wie man vielleicht denkt – auch vorgelebt wird. Nicht umsonst hatte der Deutsche Hochschulverband seinen 60. DHV-Tag 2010 unter das Motto „Wissenschaft braucht Ethik“ gestellt. weiter ›

Zum Tode von Steve Jobs: Herz und Intuition! Alles andere ist zweitrangig

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Nicht umsonst hat Apple-Mitgründer Steve Jobs eine seiner wohl wichtigsten Reden in Stanford, also an einem Ort der Wissenschaft gehalten. Deshalb sollten gerade Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer mal wieder innehalten und ihr Handeln, ihre Ausrichtung und ihr Streben reflektieren. Vielleicht gerade jetzt, zum Tode dieses großen Visionärs:

“Eure Zeit ist begrenzt. Vergeudet sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben. Lasst euch nicht von Dogmen einengen – dem Resultat des Denkens anderer. Lasst den Lärm der Stimmen anderer nicht eure innere Stimme ersticken. Das Wichtigste: Folgt eurem Herzen und eurer Intuition, sie wissen bereits, was ihr wirklich werden wollt. Alles andere ist zweitrangig.”

(Quelle: SpOn)

Wissenschaft oder Wirtschaft? Arbeitsmarktchancen und Perspektiven für Promovierte in Deutschland

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Ein zentrales Ergebnis der Analyse von Promoviertenbefragungen für den Bundes­bericht zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland (BuWiN 2008) war: Promovierte sind durchschnittlich erfolgreicher als Nichtpromo­vierte, und: Sie sind im privaten Sektor erfolgreicher als im Hochschulsektor. Inwiefern sich die Promotion auszahlt, hängt also nicht nur vom Dr.-Titel ab, sondern (neben dem Fach) auch vom Beschäfti­gungssektor. Eine wesentliche Frage für die Promovierten bezüglich ihrer Arbeitsmarkt­chancen lautet daher: Wissenschaft oder Wirtschaft? (siehe ausführlicher dazu: Krempkow 2010a) weiter ›

Die Juniorprofessur ist kein PD-Trostpflaster

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Im aktuellen Newsletter des Deutschen Hochschulverbandes (DHV) entdeckte ich eine interessante Passage zum Thema Berufungsrecht. Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner will das Berufungsrecht aus verschiedenen Gründen nicht den Hochschulen übertragen. In den vergangenen drei Jahren ist er einige Male von den Berufungsvorschlägen abgewichen:

„Als Gründe nannte der Senator Gleichstellungsgesichtspunkte oder die Nichtberücksichtigung der Überqualifikation von Bewerbern auf eine Juniorprofessur seitens der Hochschulen.“

(Quelle: Newsletter DHV 06/2010)

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Ich habe abgelehnt – Gegen “Venture Labor” in der Wissenschaft

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Neulich erreichte auch mich wieder einmal eines dieser “tollen Angebote”, die sich später mit Sicherheit “richtig auszahlen” würden. Ein honoriger Professor (anerkannt, kompetent, rührig und sympathisch, wenngleich auch nicht gerade unkompliziert) fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, etwas “Zeit und Energie” in ein (sehr vages) Vorhaben zu investieren, welches sich spätestens in ca. sechs bis neun Monaten in Form von Honoraren auszahlen würde. Eine Gewähr gäbe es freilich nicht und man müsse in meiner Position ja stets etwas investieren, bevor man (vielleicht) auch etwas herausbekommt. So sei das heutzutage nun mal in der Wissenschaft. Halt so wie im Freiberuflertum. Flexibel und mit Risiko. Da müsse man durch.

Ich habe abgelehnt.

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Ein Konferenzschreck namens Doppel-Q

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Es wurde an dieser Stelle ja schon einiges über wissenschaftliche Konferenzen geschrieben, doch ich denke, daß ein wichtiges Element bisher nicht ausreichend gewürdigt wurde und deshalb erlaube ich mir heute, so kurz vor dem Wochenende, mal einen subjektiv-launigen Beitrag zu diesem Thema.

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Erfolg

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Was ist eigentlich Erfolg in der Wissenschaft? Gemeint sind jetzt nicht Erfolge auf der Metaebene – bessere Gesundheit, Umweltschutz, Mobilität und so weiter. Nein, ganz konkret, bezogen auf den Arbeitsalltag eines Forschers: Was ist (ein) Erfolg?

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Über die Freiheit von der Lehre

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Einer der größten Vorteile des Forscherlebens ist die angenehme Tatsache, dass man auf Forschungspositionen nicht lehren muss. (Selbstverständlich kann man, wenn man will: zu meiner Forschungsarbeit gehört ein freiwilliges Lehrdeputat von zwei Semesterwochenstunden, und das Seminar, welches ich leite, ist ein Forschungsseminar, also keine dröge Druckbetankung ohnehin nur aus purer Not anwesender Studis, die schlicht und ergreifend „den Schein brauchen“ und so lust- wie hirnlos meinen Ausführungen lauschen. Doch dazu später mehr.)

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Flurschäden der Exzellenzinitiative?

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Jetzt geht es wieder los: Die nächste Runde der Exzellenzinitiative steht vor der Tür. Doch sind die ersten Runden noch nicht verdaut: An den Exzellenzorten sammelt man erste Erfahrungen mit ‘dem großen Geld’  und damit, in schnellem Tempo Rechenschaft über die Ausgaben und Leistungen abzulegen. Andernorts bereiten sich Rektorate und Wissenschaftler darauf vor, bei der kommenden ExIni endlich gut abzuschneiden. Zu diesem Zweck werden Anträge geschrieben, und es wird umverteilt, um den langfristigen Erhalt der Exzellenzprojekte zu gewährleisten. Im Ergebnis ist die Unilandschaft in einer Weise dynamisiert, dass sie an die Grenzen des akademisch und sozial Verantwortbaren gerät. weiter ›

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