Warum Doktoranden immer klagen, die Gesellschaft immer feindlich gestimmt und Doktorväter und -mütter immer übelgesonnen sein müssen…
10.05.2012 | Keine KommentareDer Klagen über den Betreuer oder die Betreuerin hört man unter Doktoranden wahrlich genug: Während bei dem einen trotz überschaubarer Zahl von Doktoranden der Doktorvater nach zwei Jahren Arbeit am opus magnum den Namen seines Doktoranden immer noch nicht kennt (geschweige denn das Thema von dessen Arbeit), kann der andere den akademischen Zögling gar nicht oft genug einbestellen, um ihm beispielsweise zu sagen, dass alles bisher Verfasste noch einmal grundlegend überarbeitet werden muss, oder aber, um ihm Aufgaben zu übertragen, die mit der Dissertation eigentlich nichts zu tun haben, die zu erledigen aber selbstredend im aufgeklärten Eigeninteresse des so Beauftragten liegen. Seien wir ehrlich: Manchmal berechtigt, manchmal auch weniger berechtigt – das Dauerklagen scheint zum Habitus des Doktoranden zu gehören. Und selbst den Leidensgenossen wird das Leid der anderen bisweilen ein leidiges Leid: So schön es ist, sich im geteilten Schicksal zu suhlen, auf die Dauer nervt’s. Warum aber klagen Doktoranden dauernd, und warum macht es offenbar kein Doktorvater/-mutter je richtig? Zufall oder kulturelle Notwendigkeit?
Spätestens seit Arnold van Gennep, dank seiner Opposition gegen die Durkheim-Schule ein intellektueller Outlaw seiner Zeit, wissen wir um die Existenz sogenannter Übergangsriten. Dabei geht van Gennep von einer allgemeinen Beobachtung aus, nämlich der, dass sich doch bestimmte Rituale in gänzlich verschiedenen Kulturen strukturell ziemlich ähnlich sind – und zwar solche, die, grob gesagt, Menschen innerhalb einer bestimmten Gruppe von einer Teilgruppe in eine andere befördern; und dabei – sagt uns van Gennep – gibt es dann drei Phasen: Trennungs-, Schwellen- und Wiederangliederungsphase, zu denen entsprechende Rituale gehören, die dann eben in der entsprechenden Reihenfolge durchgeführt werden (van Gennep 1999: 13f, 21). Victor Turner war es, der van Genneps Theorie aufgriff und nachhaltig erweiterte, indem er ein Schwergewicht auf die Phase der Liminalität, den Schwellenzustand also, legte.
Hilft uns das in unserer Frage weiter? Klar, denn wer wollte schon bestreiten, dass der Erwerb des Doktortitels ein Übergangsritus ist? Bleibt uns nur noch, das, was intuitiv einleuchtet, am Datenmaterial zu überprüfen.
Da heißt es bei Turner: „Schwellenwesen sind weder hier noch da; sie sind weder das eine noch das andere, sondern befinden sich zwischen den vom Gesetz, der Tradition, der Konvention und dem Zeremonial fixierten Positionen.“ (Turner 1969: 95) In der Schwellenphase ist der „Passierende“ in einer Art kulturellem Niemandsland: Hier hat er keine oder kaum mehr Merkmale des vorangegangenen und noch keine des zukünftigen Zustands. Dass das auf unseren Doktoranden zutrifft, da dürfte kein Zweifel bestehen: War er vorher noch ordentlicher Studierender mit allen dazugehörigen Vorzügen, in der gesellschaftlichen Position des angehenden Akademikers, fällt er nach dem Studienabschluß in ein kulturelles Loch: Während die Nicht-Initianten in akademische Würden und Weihen nun nämlich „ordentlich“ arbeiten gehen, verliert der Doktorand mit dem Abschluß jeden Status: Er ist kein Student mehr, der ewig pleite sein und spät aufstehen darf, er geht aber auch nicht über in den Status des Berufstätigen (Übergang, der wiederum mit seinen eigenen Initiationsriten gesegnet ist), geschweige denn in den des Mitglieds der akademischen Community: Davor steht die Promotionsphase – der Doktorand ist ein „Passierender“. Passieren tut da aber oft jahrelang nicht viel.
„In komplexen Gesellschaften“, schreibt Victor Turner, „ist Liminalität infolge der fortschreitenden Arbeitsteilung oft zu einer religiösen oder quasi-religiösen Daseinsform geworden.“ (Turner 1969: 160) Vor allem dem Ausdruck „Daseinsform“ können wir wohl beipflichten, wo sich diese „Schwelle“ doch bei so manch einem über ein Dezennium ausdehnt. Da fällt dann auch sogleich ein weiteren gutes Stichwort – auch wenn Turner da etwas anderes im Sinn hatte – nämlich: Arbeitsteilung.
Die Arbeitsteilung verstreut sich in unserem Falle fröhlich auf die gesamte Gesellschaft, denn nicht etwa nur die Doktorelternteile spielen ihre Rolle im Ritual, sondern auch alle weiteren Institutionen und Personen. Bevor wir dazu aber mehr sagen können, müssen wir noch rasch einen weiteren Punkt anführen, den Turner sehr schön ausgearbeitet hat, nämlich die Frage nach dem Sinn und Zweck der rituellen Übung. Ein solcher findet sich nämlich – in einer bestimmten Form des Übergangsritus, dem der Statuserhöhung (ohne Zweifel geht’s hier genau darum) – darin, dass das zu initiierende Subjekt auf die zukünftige gesellschaftliche Rolle vorbereitet wird, in dem er möglichst nachhaltig gedemütigt und herabgesetzt wird. Da haben wir es also.
Hier spielen nun alle in unserer Kultur ihre wertvolle und unverzichtbare Rolle, wobei je nach Einzelfall die Rolle unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Hier nur einmal synoptisch: Forschungs- und Förderinstitutionen (Herabsetzung durch Ablehnung der Mittel oder mindestens Erschwerung des Mittelzugangs durch ritualisierte im hohen Maße enigmatische Antragsverfahren), Familie (Demonstration von größtmöglichem Desinteresse oder aber von hartnäckigen Erkundigungen nach dem Arbeitsfortschritt), die anderen Mitglieder der Communitas (Turners Wortwahl) der Initianten, die durch gegenseitiges Wehklagen eine allgemein schlechte Stimmung erzeugen, die auch den Fortschritt der Communitas selbst lähmen soll (dies ist vielleicht ein sonst in der Tradition der Übergangsriten nicht ganz so verbreitetes Mittel).
Die Schlüsselrolle kommt freilich dem Betreuer oder der Betreuerin zu. Er oder sie verfügt hier über einen oral tradierten Katalog an wertvollen und effizienten Mitteln, hier in der Reihenfolge von der höchsten Wirksamkeit zur niedrigsten: Leugnung der Kenntnis des Namens des Doktoranden; Erteilung von nur vorgeblichen Verbesserungsvorschlägen, die beim nächsten Treffen als völlig falscher Pfad enttarnt werden; Erteilung von Arbeitsaufträgen, die mit der Dissertation möglichst nicht in Zusammenhang stehen, um die Fertigstellung möglichst mühselig zu gestalten; Vortäuschen cholerischer Anfälle, heimtückischem Verhalten und sonstigen sozialen Inkompetenzen. Individuell und subkulturell bedingt können Nebenformen auftreten. Manche dieser Mittel haben durchaus magischen Charakter. Es ist bekannt, dass dem Eigennamen traditionell eine Schlüsselrolle für die Existenz zukommt (wer hier Zweifel hat, informiere sich in den Schriften Ernst Cassirers zum mythischen Denken): Die rituelle Verleugnung des Namens hat also eine magische Wirkung. Durch den Verlust des Namens verliert der Doktorand seine Existenz, er wird zu nichts. Eben deshalb steht dieses Mittel an höchster Stelle, was seine Wirksamkeit im Gesamtritus angeht; da es aber ein sehr gefährliches Mittel ist, darf es nur von hochkompetenten Spezialisten zum Einsatz gebracht werden.
Beruhigt können wir also nach knapper Analyse nun das Ergebnis vorlegen: Alles ist in bester kultureller Ordnung. Würde sich der Doktorand also wohlfühlen, wäre das ganze kulturelle Gefüge mit einem Schlage dahin! Was wie besonders schädliches Verhalten seitens der Betreuer und der Mitglieder der Communitas wirkt, sind in Wirklichkeit die am höchsten zu schätzenden Mittel, um aus den Doktoranden am Ende hochkompetente Wissenschaftler zu machen.
Wer da etwa glaubt, sich glücklich schätzen zu dürfen, weil er mit der Betreuung rundum zufrieden ist, hat eigentlich die Pointe verpasst. Sein Fall stellt ein für Theoretiker eigentlich höchst unliebsamen Fall dar, da er mit der Theorie nicht sinnvoll zu erfassen ist. Wir machen also einfach ein neues Fässchen auf, das wir mit „Devianzen“ beschriften, tun einen Deckel obendrauf, stellen es ganz oben und hinten in unser wohlsortiertes theoretisches Regal und vergessen es möglichst zügig. Denn: Eigentlich ist es dem kulturellen Sinn und Zweck so sehr zuwider, dass es gar nicht sein kann, gar nicht sein darf!
Beruhigt? Nein? Meinen Sie, geneigter Leser, gar, Sie müssten doch mal etwas zur Verbesserung der Verhältnisse tun? Dann darf ich ihnen noch kurz erläutern: Dem kulturrelativistischen Paradigma gemäß sollten Sie doch anerkennen, dass es sich um eine Lebensform handelt – mag sie Ihnen als Außenstehendem auch wenig wünschenswert erscheinen – die sie dennoch achten müssen, kann doch ein Wandel nur von innen heraus stattfinden, und müssen wir doch prinzipiell die dahinterstehende kulturelle Logik als ein unserer Lebenswelt (so wir ihr nicht zugehören) ebenbürtiges Muster anerkennen. Ja – müssen wir?
Mir scheint: Das führt uns sogleich auf weitere Fragen…
Lesen Sie in zwei Wochen:
Warum wir Eulen nach Athen, aber nicht nach Angola tragen dürfen: Ethnozentrismus, Postkolonialismus und das Ding mit dem Denken
Postskriptum:
Einige Antworten auf Fragen, die nicht gestellt wurden.
— Nein, ich habe diesen Text nicht verfasst, weil ich selbst allzu viel gequält wurde – eher bin ich ein Produkt der Devianz.
— Nein, ich habe keine Ahnung, warum ich gerade über dieses Thema geschrieben habe. Ist das wichtig?
— Nein, die Beispiele sind nicht ausgedacht, sondern mir genau so zu Ohren gekommen.
— Ja, ich wurde durch andere Doktoranden genervt.
— Ja, ich habe andere Doktoranden genervt.
— Nein, die Gruppe derjenigen, die von mir genervt wurden, beschränkte sich nicht auf Doktoranden.
Und wen’s genauer interessiert:
Ernst Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter Teil: Das mythische Denken, hrsg. v. Birgit Recki, Text u. Anm. bearb. v. Claus Rosenkranz, Hamburg 2002.
Arnold van Gennep, Übergangsriten (Les rites de passage). Campus Verlag, Frankfurt, New York; Édition de la Maison des Sciences de l’Homme, Paris, 1999.
Victor Turner, Das Ritual. Struktur und Anti-Struktur. Campus Verlag, Frankfurt, New York, 1969.


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