Gibt es Noten für die Doktorarbeit in Großbritannien? Wozu denn? Wir haben ja Optionen A bis F. A heisst „Bestanden – herzlichen Glückwunsch. F heisst nicht bestanden und versuch gar nicht erst wieder einzureichen und Du bekommst noch nicht einmal einen MPhil zum Trost. De facto gibt es eigentlich nur drei Optionen: Pass (well-done!), pass with minor revisions (das war ja wohl erwartet), major revise and resubmit (Oh nein!). Kein summa, magna oder Hauptsache-Fertig-Note.
Das Rigorosum heisst in UK viva voce, kurz viva und läuft in etwa so ab: Der Doktorvater/die Doktormutter sucht (de-facto) die External und Internal Examiner aus, also einen aus der Uni und den Gutachter von Aussen. Die erklären sich bereit die Arbeit zu lesen, einen Vorabbericht zu verfassen und den Kandidaten etwa 90-120 Minuten zu seiner Arbeit und den weiteren Implikationen für das Fach zu befragen. Der eigentliche Supervisor sitzt manchmal mit dabei, meist aber nicht, darf sich nicht äußern und hat keine Rolle bei der Festlegung des Ergebnisses. Und so sollte es sein. Dass der Supervisor auch die Arbeit benotet wie in Deutschland ist ein klassischer Fall von Interessenskonflikt.
Als Gutachter finde ich solchte Diskussionen intellektuell intensiv, auf sehr hohem fachlichen Niveau, als ehemaliger Kandidat fand ich ich mein viva unglaublich stressig, aber vivas können auch sehr schön sein, weil man sich darüber freut, dass man endlich einmal mit jemand anderem als seinem Supervisor über die Früchte von 3 Jahren Arbeit auf hohem Niveau sprechen zu können.
Nach der Diskussion wird der Kandidat aus dem Raum geschickt und dann zur Verkündung des Ergebnisses wieder hineingerufen – worauf dann meist Gratulation, Essen und weitere Feierlichkeiten folgen. In den Niederlanden und Spanien ist dagegen eine Disputation eine höchst öffentliche Zeremonie mit Talaren, Pomp und Familien und Freunden im Saal. Scheitern ist dann sozial unmöglich und es wird de-facto vorher gesiebt.
Mein Wunsch: Das britische Viva, vielleicht mit weniger Einfluss des Doktorvaters/mutters auf die Gutachterauswahl, plus die Möglichkeit Noten zu geben. Und dann das niederländische zur Urkundenverleihung und das deutsche für den Doktorhut und das Feiern hinterher.


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Kommentare (9)
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Die britische viva entspricht einer Disputation, nicht einem Rigorosum. In Deutschland kann man je nach Promotionsordnung mit einer Disputation oder einem Rigorosum promovieren, wobei das Rigorosum immer mehr von einer Disputation verdraengt wird.
Auch in den USA werden Promotionen nicht benotet: Die Guete geht aus der Publikationsliste hervor.
Da die Notenvergabe bei Promotionen in Deutschland ohnehin nicht zwischen verschiedenen Universitäten (und sogar inneruniversitär zwischen Instituten) vergleichbar ist, kann man sie auch ganz fallen lassen und ggf. auf die Publikationslisten schauen. Von daher ist der Prozess in UK und USA sinnvoller.
Im Grunde müsste man auch die Publikationen selber lesen, um einen Eindruck zu bekommen. Aber das wird so gut wie nie gemacht.
Die Gutachen, die ich zu sehen bekomme, sind zudem häufig ein Witz. Da wird auf einer halben Seite der Inhalt der Disse referiert, um dann ein summa zu empfehlen. Ins Detail wird oft überhaupt nicht gegangen. Die Gutachten lassen häufig darauf schließen, dass die Arbeit gar nicht richtig gelesen wurde.
Ich schreibe derzeit meine Doktorarbeit in Großbritannien und habe durchaus ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Examiner. Zwar muss dieser von meinem Supervisor kontaktiert werden, da man selbst nicht mit diesen in Kontakt stehen darf. Nichtsdestotrotz kann ich eine Liste meiner Wunschkandidaten vorschlagen, die wir dann gemeinsam auswählen. Ebenso kann ich einen vom Supervisor vorgeschlagenen Kandidaten ablehnen.
Noten finde ich bei einer Doktorarbeit nicht angebracht, wir sind ja schließlich nicht mehr in der Schule.
Das mit der großen Feier im Anschluß begrüße ich natürlich sehr.
Ich schreibe zurzeit auch an meiner Doktorarbeit, die ich hauptsächlich in Italien durchgeführt habe. Ich habe drei Betreuer, darunter auch meinen deutschen Doktorvater. Schon der Vergleich der Betreuung meiner Supervisors lässt starke Zweifel aufkommen, dass meine italienischen Kollegen überhaupt in der Lage sind, meine wissenschaftliche Arbeit durch entsprechende Fachkenntnisse beurteilen zu können.
Die Bewertung durch Noten ist in Italien seit einigen Jahren unüblich. In den meisten Fällen wird auch die Prüfung/Verteidigung in zwei Termine getrennt, da die Prüflinge sich sonst einer Prozedur von mehreren Stunden unterziehen müssten. Das wurde dann wohl auch den Prüfern etwas zu langatmig. Diese kann sich der der Prüfling in Italien übrigens nicht aussuchen. Normalerweise prüft eine Prüfungskommission des eigenen Dept. in der ersten Verteidigung und legt eine Bewertung wie “gut” oder “excellent” fest. Diese Prüfungskommission wird in jedem Abschlussjahr neu zusammengesetzt. Darauf haben weder die Doktoranden, noch die Betreuer einen Einfluss. Letztere müssen jedoch ein Gutachten anfertigen. In wie fern dieses jedoch in die letztendliche Beurteilung eingeht, ist fraglich und erscheint eher obligatorischer Natur. In der zweiten Verteidigung, meistens zwei Monate nach der ersten, trägt dann der Prüfling erneut seine Forschungsergebnisse vor, diesmal vor einer externen Kommission. Die Prüfer stellen hier oftmals ein paar Fragen zur Dissertation selbst und fertig. Sie geben danach der Erstbeurteilung statt, oder widersprechen, womit das Urteil noch einmal neu festgelegt werden kann, was ich allerdings nie festgestellt habe. Wer sich also seine Lorbeeren leicht verdienen will, könnte das in Italien tun. Wer allerdings eine sehr gute Promotion in Italien abliefern will, wird vielen bürokratischen Hürden überwinden müssen. Es sei allerdings auch hier erwähnt, dass regional bedingte Unterschiede in Italien beachtet werden müssen. Eines haben die Promotionsprogramme in Italien alle gemeinsam, man muss innerhalb von drei Jahren fertig werden und abschließen. Eine Verlängerung ist nicht möglich.
General stimme ich zu, der Blick in die Publikationsliste sollte schon einen ersten Eindruck über die Qualität der Arbeit vermitteln. Letztendlich ist die Benotung unsinnig, aber diese teilweise auch von der Tagesform der Kandidaten abhängen kann. Eine verbale Beurteilung erscheint humaner, aber drückt letztendlich gleiches aus.
Dass die Diss auch in Deutschland von dem Doktorvater oft nicht gelesen, sondern mehr überflogen bzw. durchgeblättert wird ist aber auch weit verbreitet, hier handelt es sich wohl kaum um ein italienisches Problem. Ich bin auf jeden Fall froh, dass wir an der FU Berlin nicht mehr 600-700 Seiten schreiben müssen, wie ncoh vor 10 Jahren…sondern nur noch 250 Seiten…
Beste Grüße,
Arne
Ich promoviere derzeit an einer italienischen Universitaet.An unserer Uni sieht das nochmal ganz anders aus mit der Verteidigung: Der Doktorvater waehlt gemeinsam mit dem Kandidaten die Kommission aus zwei internen (also fakultaetsangehoerigen) und zwei externen Pruefern aus. Diese bekommt die Diss zirka 4 Wochen vor der Verteidigung zugeschickt und bereitet sich vor – bei den Verteidigungen die ich bis jetzt gesehen habe, waren alle aeusserst penibel. Die Note entscheidet die Kommission, der Doktorvater hat kein Mitspracherecht, er kann nur eine Empfehlung abgeben.
Von wegen leicht verdiente Lorbeeren: ich habe schon mehrere Kandidaten ohne Titel die Verteidigung beenden sehen.
Ich denke also, in Italien haengt es, wie in vielen Dingen, extrem von der Universitaet, wenn nicht gar von den einzelnen Professoren ab.
Dass die Doktorarbeiten an englischen Unis nicht bewertet werden, finde ich sinnvoll. Ich habe schon “summa cum laude”-Arbeiten von deutschen Unis gesehen, die meiner Meinung nach nicht mehr als eine sehr gut gemachte, fleissige Diplomarbeit waren. Welchen Sinn ergibt da die Notenvergabe? Sie spiegelt eine Objektivitaet vor, die definitiv empirisch nicht gegeben ist.
Die Qualitaet einer Doktorarbeit bemisst sich in England natuerlich an den Publikationen, die daraus folgen. Gute Indikatoren (und weitaus zuverlaessiger als die deutsche Praxis der Notenvergabe) dafuer sind a) die generelle Forschungsqualitaet der Uni, an der promoviert wurde (Rankings, Research Assessment Exercise) und b) die Publikationsliste und der Werdegang des Doktorvaters.
Bei der Auswahl der Gutachter hatte ich uebrigens ein Mitspracherecht. (Waer ja auch seltsam, wenn nicht, oder?)
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