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Faustregel 7: Mutiere zum “Postdoctoral Fellow” und ziehe aus in die weite Welt!

von Andreas Wimmel | Kommentare: 21

Ein unbekanntes Wesen namens „Postdoctoral Fellow“ hat Einzug gehalten ins deutsche Wissenschaftssystem und verdankt seine Existenz in erster Linie dem plötzlichen Aussterben der alten C1-Assistentenstellen. Der Juniorprofessor, so die ursprüngliche Idee, sollte in diese Lücke stoßen und ohne Habilitation losforschen und losdozieren dürfen, zumindest bis sein in der Regel befristeter Vertrag ausläuft. Nun ja, wie wir alle wissen ist diese Rechnung dummerweise bislang nicht aufgegangen, da Juniorprofs auch sieben Jahre nach Einführung immer noch eine äußerst seltene und gefährdete Spezies darstellen. All diejenigen, die keinen Zuschlag auf eine dieser wenigen Karriereleitern ergattern konnten oder sich nicht in Drittmittelprojekten über Wasser halten, müssen als Postdoc ums Überleben kämpfen und wie postmoderne Nomaden in unbekannte Gefilde ausziehen, immer auf der Suche nach einem Schreibtisch unter dem Notebook und einem warmen Lunch mit ständig wechselnden Kollegen. Gestern London, heute New York, morgen Rom – man fühlt sich wie ein VIP und ist doch nur ein Getriebener.

Faustregel 7: Mutiere zum "Postdoctoral Fellow" und ziehe aus in die weite Welt!Allerdings schwebt das Damoklesschwert der grenzenlosen Mobilität nicht nur über den Köpfen der Postdocs, die ihre Odyssee durch die Institute und Universitäten diesseits und jenseits des Atlantiks nicht selten aus purer Existenznot antreten, sondern über allen Nachwuchswissenschaftlern. Das Gütesiegel „been to America“ (btA) wird heutzutage nicht mehr nur von Naturwissenschaftlern erwartet, sondern stellt schon fast eine notwendige Mindestvoraussetzung für jeden ausgewiesenen Wissenschaftler-CV dar, wobei Harvard und die übrige Ivy League nach wie vor als ultimativer Ritterschlag angesehen werden, mit dem man vor jeder Berufungskommission gehörig Eindruck schinden kann. Einerseits können die Erfahrungswerte und Eindrücke, die man aus Aufenthalten an fernen Forschungseinrichtungen gewinnen kann, für junge Akademiker tatsächlich kaum hoch genug eingeschätzt werden, insbesondere um andere Forschungsansätze und Wissenschaftskulturen kennenzulernen, neue Netzwerke aufzubauen und die eigene Fremdsprachenkompetenz zu verbessern. Andererseits stehen die Transaktionskosten dieser Wanderjahre oftmals in keinem gesunden Verhältnis zu substantiellen Forschungsoutputs, die sich in diesen Zeiten der Unsicherheit produzieren lassen. Bis endlich alle Reise- und Verwaltungsmodalitäten geklärt, eine bezahlbare Unterkunft gefunden und alle notwendigen Programme und Daten auf dem völlig veralteten Rechner installiert sind, ist meist das halbe Stipendium um und der Bewerbungsmarathon auf das nächstbeste Fellowship muss beginnen, um nicht in sechs Monaten auf der Straße zu stehen. Nachhaltige und konzentrierte Forschung ist unter diesen Bedingungen kaum möglich, stattdessen dominiert das research paper ohne lange Halbwertzeit den Wissenschaftsbetrieb. Feste soziale Bindungen gehören der Vergangenheit an und Freundschaften reduzieren sich auf Facebook-Kontakte, ganz zu schweigen von der fixen Idee, vor der Sesshaftigkeit (= Professur) eine Familie gründen zu wollen, wenn man nicht Kind und Kegel ebenfalls ein Vagabundendasein zumuten will.

Trotz all dieser Widrigkeiten hat das Prädikat der Internationalität heute einen Stellenwert erreicht, den kein Nachwuchswissenschaftler mehr ignorieren kann, selbst wenn er einen Lehrstuhl an der Fachhochschule Bottrop oder Dessau anstrebt. Insofern gilt als Faustregel: Mutiere selbst dann zum „Postdoctoral Fellow“ und ziehe aus in die weite Welt, wenn Deine Forschungsagenda prall gefüllt ist und Du am liebsten zu Hause am warmen Schreibtisch weiterarbeiten würdest. Sogar für diejenigen, die nicht unbedingt gezwungen sind, sich auf Expeditionen abseits der vertrauten Heimuniversität zu begeben, läuft ohne zusätzliche Auslandserfahrung in der Postdoc-Phase die Sanduhr früher oder später meist gnadenlos ab. Fazit: Obwohl der tiefere Sinn oder Zweck, also warum diese Aufenthalte für die eigene Forschung wichtig oder notwendig sind, mehr und mehr aus dem Fokus gerät, lässt sich mit einem akademischen Jahr an einer US-Eliteuniversität oder diversen Fellowships an exzellenten europäischen Einrichtungen so manches Wissenschaftlerprofil entscheidend aufhübschen und relativiert mitunter mangelhafte oder fehlende Forschungsleistungen, die paradoxerweise nicht selten auf diesen Reisezirkus zurückzuführen sind…


Über die Kolumne:
Die regelmäßig erscheinende Kolumne „Überleben in der Wissenschaft“ stellt zehn Faustregeln zur Diskussion, die ambitionierte Nachwuchsgelehrte tunlichst beachten sollten, wenn sie die verschlungene Wendeltreppe auf den akademischen Elfenbeinturm emporsteigen wollen, ohne auf halber Strecke kläglich zu scheitern und notgedrungen in die rauen Widrigkeiten des echten Lebens zurückkehren zu müssen. Die Faustregeln können als ernstgemeinte Karriereratgeber gelesen werden, sollen aber in erster Linie auf amüsante und pointierte Weise die vielen Paradoxien und Irrationalitäten des Wissenschaftssystems karikieren.

Kommentare (21)

  • [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Hochschulspiegel, Stellen Wissenschaft erwähnt. Stellen Wissenschaft sagte: Faustregel 7: Mutiere zum “Postdoctoral Fellow” und ziehe aus in die weite Welt!: Ein unbekanntes Wesen namens … http://bit.ly/6UInbS [...]

  • 22.12.2009 um 13:49 Uhr von nonconformist

    … sieht fast so aus als ob man bestraft wird, wenn man in die Wissenschaft geht (von den wenigen Nobelpreisträgern einmal abgesehen) – schöne Weihnachten und einen guten Rutsch an alle Postdoctoral Fellows!

  • 22.12.2009 um 14:20 Uhr von Jack

    Elite hin, Ivy her, wenn der btA degree einem keine guten Beziehungen zu einem mächtigen einheimischen C4/W3-Patron beschert, vertieft oder wie auch immer, nützt er relativ wenig. Genauso wie eine lange Publikationsliste oder 7-stellige Drittmittelsumme. Das ist alles “nice to have” aber keine Erfolgsgarantie in Deutschen Berufungsverfahren.

    Ansonsten hast Du natürlich recht, für die Entwicklung der eigenen wiss. Persönlichkeit ist der Postdoc im Ausland ungemein nützlich. Und eigentlich sollte das im Mittelpunkt stehen…

  • 22.12.2009 um 18:26 Uhr von Andreas Wimmel

    Zu Jack: Klar, Auslandserfahrung ist nur ein Überlebensfaktor unter vielen, deswegen ja zehn Faustregeln. Ich wurde schon öfter nach den Rangordnung der Faustregeln gefragt, also ob einige der Regeln wichtiger sind oder zuerst beachtet werden sollten, während andere für das Überleben in der Wissenschaft eher zweitrangige Bedeutung haben.

    Meine Position hierzu: Die erste Regel bildet die normative Grundlage für alle weiteren, insofern kommt ihr eine übergeordnete Relevanz zu. Für die folgenden neun Regeln lässt sich meiner Meinung nach keine allgemeingültige Gewichtung vornehmen, weil deren Einfluss auf Karriereperspektiven sehr situations- und fallabhängig ist.

    So können selbst die längste Publikationsliste (Faustregel 3) und die üppigste Drittmittelquote (Faustregel 6) den Tod bedeuten, wenn man nie vom heimischen Schreibtisch weggekommen ist (Faustregel 7) oder politische Positionen vertritt, die im jeweiligen Kollegium nicht mehrheitfähig sind (Faustregel 9).

  • 23.12.2009 um 19:56 Uhr von Arthur Leonhard

    Was andres – pro-Ausland:
    Auslandszeiten zählen (wohl) nicht bei der 6-/12- Jahresregelung des Hochschulrahmengesetzes (= Anstellung max. 6 Jahre nach abgeschlossener Doktorarbeit, inkl. Doktorarbeit etc. max. 12 Jahre, mit Glück + 1-2 Jahre für Kinderbetreuung).
    Danach: Arbeitslosigkeit, wenn nicht Professur (oder wieder auf Drittmitteln angestellt)

    Es gibt im Deutschen System einen klar definierten, möglichst kinderlosen, möglichst männlichen Typ Wissenschaftler, der – auch nach gesetzlichen Vorgaben, inklusive “Berufsverbot” (!) – “durchkommt”. Wenn man nicht in diese Schublade passt, dann …

    Ist die unsäglich 6-/12-Jahresregelung eigentlich kein Thema mehr?

  • 27.12.2009 um 10:50 Uhr von Werner

    Mich wuerde auch mal interessieren, was der neueste Stand bei der 6/12-Jahres Regel generell ist und wie Auslandsjahre und -promotion da gewertet werden. Wenn jemand dazu einen guten Link posten koennte, das waere sehr hilfreich.

  • 04.01.2010 um 14:40 Uhr von Jan

    Schoen, dass zur Abwechslung mal jemand den Wahnsinn des allgemein hochgehaltenen akademischen Karriereideals des jahrelangen “Vagabundenlebens” anspricht. Ich teile mit vielen Kollegen die Erfahrung, dass ein oder auch mehrere Postdocphasen im Ausland eher schaedlich als nuetzlich sind. Auf jeden, der nach ein paar Monaten Stanford oder Berkeley im Sinne einer Turbokarriere in Deutschland die volle Professur antreten kann, kommende offenbar Dutzende, die nach einer Weile Postdoc im Ausland frustriert die akademische Karriere ganz an den Nagel haengen. Ich kenne kaum jemanden, der im Ausland zu sinnvoller Forschung gekommen waere. Meist ist das Gegenteil der Fall: Unangenehmes Verhaeltnis zum “Betreuer”, der einen als kostenlosen Assistenten auf Diplomanden-/Doktorandenniveau ansieht, mangelnde Integration in die Universitaetsstruktur und Meinungsverschiedenheiten bei der Themendefinition sorgen sehr oft dafuer, dass die weitergehende Zusammenarbeit mit den alten deutschen Kollegen ueberhaupt die einzige Moeglichkeit ist, irgendeinen Output zu generieren. Dies scheint mir weniger die Ausnahme als die Regel zu sein!

    Dass das Organisatorische oft ohnehin einen grossen Teil der Zeit auffrisst, wurde im Beitrag ja schon erwaehnt. Breite und Tiefe der buerokratischen Huerden unterschaetzt man dabei leicht: Von Visums- und Steuerfragen ueber Krankenversicherung bis hin zu Detailfragen wie Fuehrerschein, Bankkonto und Versand persoenlicher Gegenstaende ist man oft komplett auf sich allein gestellt, und Recherchen und Erledigung der Aufgaben ziehen sich ueber Wochen und Monate hin und laehmen auch die akademische Arbeit. Glueck hat man schon, wenn man sich in der einen oder anderen Hinsicht (etwa bei Steuern oder Visumsverlaengerungen) nicht ohnehin zeitweise am Rande der Legalitaet bewegen muss. Dass man “Annehmlichkeiten” wie Sozial- und Arbeitslosenversicherung oder zumindest rudimentaere Rentenbeitraege als Auslands-Postdoc komplett abschrieben kann, versteht sich von selbst. Wehe dem, der nach der Rueckkehr nach Deutschland nicht nahtlos eine Stelle findet. Dann kann man oft nur noch auf das Ersparte oder die familiaere Umgebung zurueckgreifen!

    Ueberhaupt sind die Kosten, auch bei einem auf den ersten Blick anstaendigen Stipendiumsbetrag, nicht zu unterschaetzen. Alleine die Tatsache, dass man i.d.R. innerhalb weniger Jahre mehrmals seinen kompletten Hausstand – im Zweifel von Auto und Moebeln bis hin zur letzten Kaffeetasse – losschlagen und sich neu einrichten muss, fuehrt locker zu Ausgaben in fuenfstelliger Eurohoehe, auch bei eigentlich bescheidenem Lebensstil. Die Alternativen – Einlagerung oder Verschiffung einer kompletten Einrichtung – sind meist nicht billiger und bringen zusaetzliche Risiken mit sich. Da muessen wir ueber die oft laecherlich ueberhoehten Mieten selbst fuer winzige Kellerwohnungen in den beliebten akademischen Regionen wie Kalifornien oder Neuengland noch gar nicht reden.

  • 04.01.2010 um 15:10 Uhr von Synapse

    “Feste soziale Bindungen gehören der Vergangenheit an und Freundschaften reduzieren sich auf Facebook-Kontakte, ganz zu schweigen von der fixen Idee, vor der Sesshaftigkeit (= Professur) eine Familie gründen zu wollen, wenn man nicht Kind und Kegel ebenfalls ein Vagabundendasein zumuten will.”

    Für eine Frau bedeutet das dann wahrscheinlich, von der fixen Idee der Familiengründung Abstand nehmen zu müssen.
    Sebst schuld, was wollte sie auch Wissenschaftlerin werden. Richtig, daß solche Hybris bestraft wird !

  • 04.01.2010 um 15:42 Uhr von Jan

    @Synapse:
    Fuer Maenner ist das Problem allerdings genau dasselbe. Das Ganze also als speziell frauenfeindlich darzustellen, macht nur dann Sinn, wenn man Maennern jeden Familiensinn und -wunsch von vorne herein abspricht oder davon ausgeht, dass auch (maennliche) Wissenschaftler sich mit Familie ab 40-45 Jahren abfinden – auch fuer Maenner i.d.R. keine ideale Vorstellung. Nein, das Problem ist hier grundlegender: In Wahrheit sieht es fuer die Meisten so aus, dass der jahrelange Auslandspostdoc-Zirkus nicht nur mit dem Verlust fast saemtlicher echter Freundschaften einhergeht (von oberflaechlichem Biergetrinke mal abgesehen), sondern dass auch feste langfristige Beziehungen oft schwierig bis unmoeglich sind. Und so ganz fuer sich alleine hat auch noch kein Mann Kinder bekommen :-)

  • 06.01.2010 um 13:17 Uhr von Propellor

    Guter Artikel, Herr Wimmer!

  • 07.01.2010 um 17:52 Uhr von expostdoc

    Ich finde Jack’s Kommentar sehr wichtig: “Elite hin, Ivy her, wenn der btA degree einem keine guten Beziehungen zu einem mächtigen einheimischen C4/W3-Patron beschert, vertieft oder wie auch immer, nützt er relativ wenig. … Das ist alles “nice to have” aber keine Erfolgsgarantie in Deutschen Berufungsverfahren.”

    Zeigt mal wieder dass die Hochschul- und Forschungswelt in Deutschland (und anderswo) weit weg ist von einer Meritokratie: Es ist nicht so wichtig was Du kannst, es ist wichtig welche ‘big names’ Dich foerdern wollen.

  • 08.01.2010 um 17:15 Uhr von Andreas Wimmel

    An expostdoc: Der mächtige C4-Schutzpatron in der Heimat ist natürlich Gold wert, gerade um nach den Wanderjahren wieder Eingang in das starre deutsche System zu finden.

    Vielleicht wäre es sogar angemessen gewesen, dem universitären Patronatswesen eine eigene Faustregel zu widmen, denn ohne Fürsprecher geht fast nichts mehr hierzulande. Ich habe diesen Punkt jedoch bereits in Faustregel 5: Begrenze und definiere Dein Forschungsfeld eindeutig! eingebaut. Ausserdem wird er in der noch erscheinenden Faustregel 10: Zögere nicht lange, sondern nimm den erstbesten Ruf sofort an! berücksichtigt werden.

  • 09.01.2010 um 00:30 Uhr von einer, ders wohl nicht schafft

    Also wenn man die Kommentare verfolgt, läuft auch dieser Punkt wieder auf die “Kontakte” hinaus, die letztlich den Schlüssel darstellen…

    Das Problem sind wohl die positiven Rückkopplungen im System, ähnlich wie in anderen sozialen Netzwerken, z.B. einer Party:
    Taucht man alleine auf, sind die Chancen, nach einigen smalltalk-versuchen dann doch einsam mit nem Getränk in der Hand das Treiben aus der Ferne beobachten zu müssen recht hoch.
    Hat man jedoch nur einen dooropener, der einen reihum als “alten Kumpel” einführt, kennt man danach die ganze Truppe und wird vom Schwarm akzeptiert und den restlichen Abend einfach mittreiben.
    Insofern läuft das wie bei der Mafia: Bürgt kein Prof für dich, kommst du nicht rein …

    Das ist jetzt plakativ, aber so funktioniert das nunmal in allen gesellschaftlichen Verhälntissen und Austauschbeziehungen, in denen man die beteiligten Werte (egal ob Personen oder Güter) nicht gut objektiv und automatisch einschätzen kann. Dann geht das eben über “peer review”, also unter Gleichen, wobei aber (bewahre!) nicht alle gleich sind, sondern nur die Club-Mitglieder …

  • 20.01.2010 um 19:46 Uhr von Alles Käse!

    Wie wahr!

    Sitze gerade in den USA auf einem unausgegoren Projekt mit einem mir neuen Thema und habe mehr und mehr die Schnauze voll. Man wird irgendwo in ein Loch, pardon Labor gesetzt, und dann ist man erst Mal PhD Student zweiter Klasse. Bis man raus hat, wie alles so läuft, sich eingericht hat und “sesshaft” geworden ist, ist ein halbes Jahr fast vorbei, und man ist gedanklich fast schon wieder am Ende des teils ja nur einjährigen Aufenthalts angekommen.

    Und wozu ich mich ins Labor stellen soll wie zu Diplomarbeits-Zeiten, ist mir nicht ganz klar – ich verschwende meine Zeit und mein Boss sein Geld. Aber für nen Undergrad oder nen Masters Student, den ich betreuen könnte, hats dann halt nicht mehr gereicht.

    Ein Paper werde ich wohl hier nicht zusammenbekommen – vielleicht liegt es auch daran, dass ich es nicht einsehe, mir für ein Micker-Gehalt 12 h-Tage aufzuhalsen, bloß damit nach einem Jahr mein CV um einen Eintrag auf der Paper-Liste erweitern kann?!

    Bleibt die Erfahrung an sich, mal ein Jahr hier gelebt zu haben, und die möchte ich auch nicht missen! Wichtig ist, den Kontakt zu alten Freunden via Facebook und Skype möglichst gut aufrecht zu halten.

    Aber Uni-Karriere ist für mich wohl gestorben, in den ersten 10 Jahren eh nur was für Masochisten, und ob es danach besser wird, steht in den Sternen. Ich gönne es allen Überfliegern, die in Ihrer Forschung voll aufgehen und den (kleinen) Rest ihres Lebens dem unterordnen wollen bzw. können. Der Übergang zum Sklaventum ist fließend…

    Schade, dass es den akademischen Mittelbau mit Lehre und etwas Forschung ohne publish or perish kaum noch gibt, vor lauter Paper-Geilheit und Sparwahn. Die Bachelorisierung des Studiums greift auch auf die Profs über, statt Creditpoints werden Paper und Proposals gesammelt, Hauptsache die Liste ist lang, zweiseitige Pipifax-Communications sind dafür das Beste!

    Just my 2 cents, take care!

  • 28.01.2010 um 13:01 Uhr von Jack

    Hallo,

    wenn ich manche Berichte zu Auslandsaufenthalten so lese, komme ich ganz schön ins grübeln. Ein halbes Jahr zum Einarbeiten?? Als ich meinen ersten 4-monatigen USA-Aufenthalt als Doktorand hatte, kehrte ich mit 3 Publikationen zurück. Einarbeitung war minimal, da die Arbeitsmethoden im Grunde die Gleichen waren wie daheim. Neues wurde nebenher durch learning by doing erworben. Es kommt sicherlich auch sehr darauf an, wie der Gastgeber drauf ist und wie sein Labor funktioniert. Wird man allein gelassen oder in ein Team integriert? Das sollte man vorher abklären, kann ich heute aus Erfahrung sagen. Damals wusste ich das auch nicht und hatte einfach Glück.
    Weiterhin ist es sehr vorteilhaft, mit seinem eigenen Geld zu kommen (DFG-Mittel o.ä.). Dann ist der eigene Status bedeutend höher, als wenn man sein Gehalt vom US-Gastgeber bezieht. Das habe ich auch von anderer Seite erfahren.

    Jack

  • 28.01.2010 um 23:10 Uhr von Bello

    Wie wahr, wie wahr: “Schade, dass es den akademischen Mittelbau mit Lehre und etwas Forschung ohne publish or perish kaum noch gibt, vor lauter Paper-Geilheit und Sparwahn. Die Bachelorisierung des Studiums greift auch auf die Profs über, statt Creditpoints werden Paper und Proposals gesammelt, Hauptsache die Liste ist lang, zweiseitige Pipifax-Communications sind dafür das Beste!”

    Glückwunsch zu diesem Kommentar :-)

  • 02.02.2010 um 14:51 Uhr von Sani

    Ich habe sehr aehnliche Erfahrungen wie ‘Alles Kaese’ gemacht. Der Prof. foerdert nur seine eigenen Schuetzlinge, sprich Doktoranden und der Postdoc ist nur ein seelenloser Datengenerator. Man fuehlt sich nicht integriert an der Uni und die anderen Postdocs sind selbst so frustriert und mit ihrem eigenen Ueberleben beschaeftigt, dass sie auch kaum an einem Netzwerk interessiert sind, um sich gegenseitig zu helfen und zu motivieren. Eines Tages wacht man dann auf und stellt fest, dass alle Begeisterung fuer die Forschung verpufft ist.

  • 04.02.2010 um 14:16 Uhr von Sylvie

    Als Habilitierende mit 2 Kindern kann ich die Problematik solche Anforderungen mit Kindern zu verbinden nur bestätigen. Von meiner Abenteuerlust her würde ich gerne in´s Ausland gehen und habe das im Studium auch 2x gmeacht. Aber Kinder mitnehmen und den – im Gegensatz zu meinem – unbefristeten Job des Partners aufgeben, sind schon hohe Kosten für eine Erfahrung, die ich zwar persönlich bereichernd finde, für die echte Forschungsleistung aber doch oft sekundär. Ich bin mal gespannt, wie sich diese Einstellung auf meine Berufungschancen auswirkt…

  • 07.02.2010 um 00:31 Uhr von expostdocucb

    Bevor angesichts all der negativen (und zum Teil auch etwas wehleidigen) Geschichten junge Leute abgeschreckt werden, als post-doc ins Ausland zu gehen, hier meine etwas anderen Erfahrungen:

    Nach der Promotion war ich 2 Jahre post-doc an der UC Berkeley und das war auch alles so wie hier beschrieben: Das Stipendium war finanziell eher bescheiden, die Lebenshaltungskosten sehr hoch und um Visum, Umzug, Führerschein und all die anderen tausend nervigen Dinge des Alltags musste ich mich selbst kümmern. Und dennoch war es eine klasse Zeit, die ich nicht missen möchte, ich habe viel gelernt, es war toll eine ganz andere Forschungslandschaft kennen zu lernen, das Ganze war geistig immens anregend, ich habe grossartige Leute kennen gelernt, wahre Freundschaften geschlossen und darüber hinaus auch noch das Privileg gehabt, in einer der schönsten Gegenden der Welt zu leben. Für meinen weiteren Karriereweg war die postdoc Zeit immens förderlich, nicht nur weil Berkeley nun im CV steht (das hilft natürlich auch), sondern vor allem, weil ich tatsächlich eine Menge Neues da gelernt habe und, auch wenn es abgegriffen klingt, meinen Horizont erweitert habe.

    Andreas hat schon Recht, man sollte die Transaktionskosten nicht unterschätzen. Aber er hat auch Recht, dass die Erfahrungswerte und Eindrücke einer post-doc Zeit auch kaum hoch genug eingeschätzt werden können. Und da man als post-doc ja meistens Ende 20/Anfang 30 ist, bleibt danach eigentlich immer noch genug Zeit, um sesshaft zu werden, das Häuschen im Grünen zu kaufen und Kinder in die Welt zu setzen. Und für die Studierenden und die kommenden Doktoranden ist es möglicherweise auch besser, es mit einem Professor zu tun zu haben, der auch andere als die heimischen Forschungslandschaften kennen gelernt hat.

  • 11.02.2010 um 11:02 Uhr von Joe

    Ich tippe mal, dass die Erfahrungen der schweigenden Mehrheit (wie so oft) irgendwo zwischen “Alles Käse!” und “Juhu, Berkeley!” liegen. Meine Erfahrungen sehen so aus: Wissenschaft bewegt sich wieder mehr in Richtung Distinktion. Man kennt den richtigen Prof? (Und er mag einen?) Man bekommt eine mickrige, aber ausreichende Finanzierung für ein Ivy-League-Postdoc-Projekt? (Und hat noch ein eigenes, kleines Polster?) Man erwartet ein nettes Erbe der Eltern, welches einem viele Sorgen in der Zukunft abnehmen wird? (Und in der Gegenwart entspannter leben, weil weniger sparen läßt?) Super! Dann kann man freilich vieles locker sehen. Aber trotz der richtigen, wichtigen und extrem horizonterweiternden Postdoc-Maßnahme im Ausland bewegt sich die Wissenschaft meines Erachtens wieder mehr in Richtung einer geschlossenen Gesellschaft. Das ist schade – da waren wir vor vielen Jahrzehnten schon einmal. Wenn man sich Wissenschaft immer mehr leisten können muss, geht zuviel Potential verloren. Das ist schade – und schlimm. Grenzwertige Postdoc-Angebote tragen ihren Teil dazu bei.

  • 25.02.2010 um 14:26 Uhr von Kraweel

    @expostdocucb
    Ich weiss ja nicht, ob Sie schon unser aller Ziel einer Voll-Professur schon erreicht haben, aber aus der Erfahrung von überdurchschnittlich (nach DHV Maßstab) vielen Berufungsvorträgen kann ich mitteilen, dass die Auszeichnung “btA”, auch wenn ich an einer Ivy League Uni war, bisher noch kein einziges Mal Eindruck bei den Kommissionen geschunden hat. Ganz im Gegenteil, man hat mich immer gefragt, warum ich in diesen Jahren nicht besser publiziert hätte (Ihre “Transaktionskosten”). Und die Rufe sind dann an Kollegen gegangen, die das einzig Richtige gemacht haben: Bleibe im Lande und ernähre Dich redlich! Oder anders ausgedrückt: Die Zugehörigkeit zu einer “Schule/Seilschaft/Stallgeruch” hat meine Auslandserfahrung immer ausgestochen, ein Bruch im Forschungsgebiet (bei Post-Docs nicht ungewöhnlich) ist der publikationsmäßige Selbstmord….
    Wie soll man ausserdem ordentlich forschen, wenn ein nicht unwesentlicher Teil der wachen Zeit für die Suche nach einer Anschlußstelle geopfert wird? Ganz zu Schweigen von den privaten und finanziellen Kosten eines transkontinentalen Umzugs auf den jungen Akademikerhaushalt….

    Insgesamt war meine “btA”- (und noch andere Länder) Zeit zwar erfahrungsreich, hat sich aber zumindest karrieremäßig schlicht nicht ausgezahlt.

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