"Denken braucht Freiheit": Ein Gespräch mit dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft
Die Fragen stellten Andreas Sentker und Martin Spiewak

Peter Gruss sucht als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft weltweit nach den klügsten Köpfen.

"Denken braucht Freiheit": Ein Gespräch mit dem Präsidenten der Max-Planck-GesellschaftProf. Dr. Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft
DIE ZEIT: Herr Gruss, gilt Wissenschaft wieder etwas in dieser Republik?

PETER GRUSS: Eindeutig ja. Bei der gegenwärtigen Regierung haben Bildung und Forschung einen sehr hohen Stellenwert. In der öffentlichen Wahrnehmung aber haben wir noch manche ideologische Hürde zu überwinden, etwa bei der grünen Gentechnik.

ZEIT: Das scheint ausländische Forscher nicht daran zu hindern, nach Deutschland zu kommen.

GRUSS: Wir haben in der Tat eine erfreulich hohe Zahl ausländischer Wissenschaftler auf unsere Direktorenposten berufen können. Über 25 Prozent unserer Direktoren haben einen ausländischen Pass. Gerade erst haben wir zwei Wissenschaftler aus den USA nach Frankfurt geholt.

ZEIT: Es heißt doch immer, Deutschland könne auf dem globalen Markt der Spitzenforschung nicht mithalten, weil wir zu wenig zahlten.

GRUSS: Deutschland ist bei den Gehältern in der Tat nicht konkurrenzfähig, da sie hier niedriger liegen als der Durchschnitt in der Schweiz, in Großbritannien oder in den USA. Wir bei Max- Planck konkurrieren zudem nicht mit dem Durchschnitt, sondern mit den Harvards, den Cambridges und ETH Zürichs dieser Welt. Dank der Förderstiftung der Max-Planck-Gesellschaft sind wir in der Lage, es den Wunschkandidaten schmackhafter zu machen, zu uns zu kommen. Wir bieten ein enorm kreatives wissenschaftliches Umfeld und sind weltweit bekannt für die Planungssicherheit. Das heißt, anders als mitunter in den USA bieten wir den Rahmen für intellektuell riskante Forschungsvorhaben.

ZEIT: Wie lässt sich das Gehaltsproblem lösen?

GRUSS: Schwierig, denn selbst wenn wir das Geld hätten, hindert uns der sogenannte Vergaberahmen für die Professorenbesoldung, mehr zu zahlen. Wir haben gehofft, dass ein Wissenschaftsfreiheitsgesetz diesen Rahmen ganz aufhebt. Das ist nicht gelungen. Aber immerhin gibt es nun Regelungen, die das Budgetkorsett lockern.

ZEIT: Und das reicht?

GRUSS: Nein, ich fürchte nicht. In anderen Ländern gibt es auf das persönliche Gehalt noch Zuschüsse, beispielsweise für die Privatschuloder Universitätsausbildung der Kinder oder für das Haus der Familie. Solche Gehaltszulagen sind im deutschen Besoldungsrecht nicht vorgesehen. Doch warum sollte ein Amerikaner, den wir als Direktor gewinnen wollen, auf die Übernahme der Studiengebühren für seine Kinder verzichten? Darum werden wir selbst dann, wenn der Vergaberahmen fällt, auf Mäzenatentum angewiesen sein.

ZEIT: Max-Planck-Forscher haben zudem den Vorteil, dass sie keine Studenten ausbilden müssen, wie ihre Kollegen in Harvard oder Stanford.

GRUSS: Wir bilden etwa 4000 Doktoranden aus, davon mehr als 50 Prozent aus dem Ausland, und sind damit eine der größten Doktorandenschmieden in Deutschland, auch wenn wir selbst nicht das Promotionsrecht besitzen.

ZEIT: Das haben in Deutschland nur die Universitäten. Kritiker sehen in dieser Zersplitterung der Kompetenzen und Aufgaben eine Schwäche des deutschen Wissenschaftssystems, weil zu viele Forschungsorganisationen nebeneinander stehen. Versäulung nennt man das im Fachjargon.

GRUSS: Was die Max-Planck-Gesellschaft angeht, war die Versäulung immer ein Mythos. Bereits in der Vergangenheit haben wir mit Universitäten intensiv zusammengearbeitet. Die Exzellenzinitiative hat dieser Kooperation einen Schub gegeben: 70 Prozent der ausgezeichneten Exzellenzcluster haben ein Max-Planck-Institut an Bord.
ZEIT: Aber es gibt auch immer wieder Spannungen zwischen den Universitäten und den Max- Planck-Instituten, etwa im Konkurrenzkampf um die besten Nachwuchswissenschaftler.

GRUSS: Das will ich nicht verhehlen. Früher gab es durchaus die Tendenz, sich etwas voneinander abzuschotten. Einige Unis hatten Angst, wir würden ihnen ihre Doktoranden wegnehmen. Aber das sind Ausnahmen, zudem sind die Befürchtungen völlig unbegründet: Das Anwachsen von ehemals 2000 auf die schon genannten 4000 Doktoranden speist sich allein aus dem Ausland.

ZEIT: Woraus resultieren dann die Spannungen?

GRUSS: Ich kam zum Beispiel von der Universität Heidelberg ans Göttinger Max-Planck-Institut und brachte ein erfolgreich eingeführtes Studentenpraktikum mit. Als ein Göttinger Student seine Leistung dort an der Universität anerkennen lassen wollte, hat das der zuständige Professor abgelehnt: "Ein Praktikum bei Max-Planck? Da hätten Sie gleich zur Post gehen können."

ZEIT: Und diese Spannungen sind abgebaut?

GRUSS: Ja, nicht zuletzt wegen des Exzellenzwettbewerbs. Wir brauchen, um weltweit konkurrieren zu können, starke Netzwerke.

ZEIT: Wird sich Max-Planck ändern, um in diesem Wettbewerb bestehen zu können?

GRUSS: Wir sind so erfolgreich, weil wir so sind, wie wir sind. Die besten amerikanischen Privatuniversitäten funktionieren ja auch ganz ähnlich wie wir. Sie rekrutieren ihr Personal vor allem über die Qualität der Forschung. Und die zwei Stunden Lehre im Semester, die Professoren in Harvard oder Stanford leisten müssen, bringen unsere Direktoren auch.

ZEIT: Dann könnten Max-Planck-Institute ja Teil der Universitäten werden.

GRUSS: Eben nicht. Denn unser Vorteil ist, dass wir uns unabhängig von einem Curriculum und von einem festen Ausbildungsprogramm bewegen. Die Mission der Universitäten ist eine andere. Sie haben feste Lehrverpflichtungen. Wir sichern also die Flexibilität des deutschen Wissenschaftssystems und liefern gleichzeitig Anregungen für Entwicklungen an den Universitäten - wie jetzt mit der Gründung unseres Instituts für Altersforschung in Köln, wo wir eng mit der Universität zusammenarbeiten.

ZEIT: Die Max-Planck-Gesellschaft als Entwicklungshelfer der Universitäten. Wäre Hochschulen nicht mehr geholfen, wenn sie so gut ausgestattet würden wie die Max-Planck-Institute?

GRUSS: Das müssen die Länder leisten. Deutschland investiert im Durchschnitt 9000 Dollar pro Jahr und Student. Die USA wenden 25 000 Dollar auf. Wenn die Länder ihre Kulturhoheit ernst nehmen, müssen sie ihre Universitäten wesentlich besser ausstatten - zumindest die besten unter ihnen.

ZEIT: Wie viele Eliteuniversitäten kann es in Deutschland denn geben?

GRUSS: Maximal drei bis vier.
ZEIT: Aber auch die Max-Planck-Institute, die zur Hälfte vom Bund bezahlt werden, schwimmen nicht im Geld.

GRUSS: Unsere Kosten allein für Personal und Energie fressen die gegenwärtig zugesagten drei Prozent Haushaltszuwachs auf. Wir haben also zurzeit überhaupt keine Chance, neue Institute zu gründen. Wir brauchen, auf die drei Prozent aufgesattelt, mehr Geld, um uns erfolgreich weiterzuentwickeln. Konkret: Für ein neues Institut benötigen wir zwei Prozent Haushaltswachstum. Dabei ist Max-Planck gar nicht teuer. Wir sind ja immer noch 800 Millionen Euro billiger als die Universität Stanford - und haben einen mindestens ebenso hohen wissenschaftlichen Output.

ZEIT: Wenn sie langfristig eine Verschmelzung ablehnen - wohin sollte sich das deutsche Wissenschaftssystem denn weiterentwickeln?

GRUSS: Wir sehen gegenwärtig an vielen Orten den Versuch, durch lokale Kooperationen neue Strukturen zu schaffen - wie als kleines Beispiel in Mainz das Max Planck Graduate Center zeigt. Oder schauen Sie nach Karlsruhe, München, Göttingen oder - Stichwort Superuni - nach Berlin. Wir haben quer durch die Republik Versuche, die Stärken der Universitäten zu identifizieren und auszubauen. Da sind wir gern bereit, intensiv mitzuarbeiten. Unter einer Bedingung: Wir dürfen unsere Flexibilität nicht verlieren.

GRUSS: Tatsächlich gewinnen die Hochschulen an Freiräumen, diese Freiräume sind dringend nötig. Aber das spricht ja nicht für eine Fu sion. Kreative Forschung findet heute häufig in kleinen, konzentrierten und dennoch weltweit agierenden Einheiten statt - wie zum Beispiel in unseren Instituten.

ZEIT: In Florida hat Max-Planck gerade sein erstes vollständig aus dem Ausland finanziertes Institut gegründet. Ist das die Zukunft?

GRUSS: Zunächst wird damit die internationale Anerkennung deutlich, die wir weltweit genießen: Der Steuerzahler Floridas finanziert ein Max-Planck-Institut. Aber Deutschland muss keine Angst haben, dass Max-Planck schleichend auswandert. Wir sind und bleiben eine deutsche Forschungsinstitution. Durch Aktivitäten im Ausland wird die Max- Planck-Gesellschaft zusätzlich gestärkt.

ZEIT: Ist Florida also nur ein Experiment?

GRUSS: Nein, das Institut in Florida wird nicht das letzte bleiben. Wir sind in weit fortgeschrittenen Gesprächen mit Luxemburg über ein Max-Planck- Institut der Rechtswissenschaften in der Nähe des Internationalen Gerichtshofs. Wir haben eine Reihe von weiteren Angeboten, sowohl im europäischen als auch im außereuropäischen Ausland.

ZEIT: Wie viele Max-Planck-Auslandsinstitute soll es am Ende geben?

GRUSS: Ich könnte mir eine Handvoll vorstellen. Wir müssen dort sein, wo wissenschaftlich Bewegung herrscht und wo die besten Forscher sind. Nicht alle können wir nach Deutschland locken, also müssen wir zu ihnen kommen. Das nützt auch der Wissenschaft in Deutschland.

Aus DIE ZEIT :: 25.09.2008