"Es kommen die Falschen nach oben" Interview: Judith Scholter
ZEIT: Geld kann ein starker innerer Anreiz sein.
HOSSIEP: Wir wissen zwar, dass ein niedriges Gehalt Menschen demotiviert. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass Sie besonders motiviert sind, wenn Sie hoch bezahlt sind. Motiviert sind Sie dann, wenn Ihnen Anerkennung zuteil wird, und zwar nicht primär pekuniäre. Interessante Aufgaben und ein vernünftiges Arbeitsklima, in dem Sie sich verwirklichen können. Wenn Sie Menschen vor allem mit Geld motivieren, müssen Sie ihnen immer mehr zahlen. So kommen die Riesenboni auch zustande.
ZEIT: Warum machen dann alle mit?
HOSSIEP: Die Beschäftigten sitzen einem psychologischen Irrtum auf. Rund 80 Prozent meinen, sie würden von einem leistungsorientierten Bezahlungssystem nachhaltig profitieren.
ZEIT: Also doch ein starker Antrieb.
HOSSIEP: Ja, aber einer von außen. Wenn die innere Motivation einmal kaputt gemacht wurde, lässt sich das nur sehr schwer umkehren. Sie können aus dem Aquarium eine Fischsuppe machen, aber eben nicht umgekehrt. Viele, die sich einen Vorteil erhoffen, irren gewaltig. Sowenig wie 80 Prozent der Männer weit überdurchschnittlich gute Autofahrer und Liebhaber sein können, sind 80 Prozent der Mitarbeiter besondere Leistungsträger.
ZEIT: Wie sollte man denn Mitarbeiter motivieren, wenn nicht durch Boni?
HOSSIEP: Mitarbeiter wollen zwei Dinge von ihrem Vorgesetzten wissen. Erstens: Traut er mir etwas zu? Was hält er von mir? Zweitens: Sagt er mir die Wahrheit? Kann ich ihm glauben? Wenn ein Mitarbeiter beides nicht bejahen kann, dann sind Führung und Motivation kaum möglich.
ZEIT: Weiche Werte lassen sich schwer messen.
HOSSIEP: Dinge wie Verständnis, Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind aber der Schlüssel zur Führung. Die kann ich nicht als Technik einführen und im Crashkurs lernen. Gute Führung fängt da an, wo Zählen, Wiegen und Messen aufhört.
ZEIT: Sind Sie Romantiker?
HOSSIEP: Im Gegenteil. Das ist knüppelhart gedacht. Denn die Führungskräfte müssten sich dann mit ihren Mitarbeitern auseinandersetzen.
ZEIT: Sind Sie wenigstens konservativ?
HOSSIEP: Zumindest halte ich eine differenzierte Vergütung nach Gutsherrenart, im besten Sinne, für zielführender: Wer mir ein Gehalt zumisst, der muss wissen, mit wem und worüber er redet - und so handeln. Wir dürfen die leistungsgerechte Bezahlung nicht fragwürdigen Systemen übertragen.
Der Mensch und seine Idee
Rüdiger Hossiep, 49, ist Test-Experte an der Ruhr-Universität Bochum und arbeitet seit 25 Jahren als Coach und Trainer für Führungskräfte. An seiner Forschungsstelle entwickelt der promovierte Psychologe mit einem ganzen Team systematische Messinstrumente und psychologische Testverfahren für die Personalauswahl. Besonders bekannt ist das sogenannte Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung. Mit dem Test-Fragebogen lassen sich überfachliche Eigenschaften von Fach- und Führungskräften darstellen, zum Beispiel deren Belastbarkeit, Leistungsmotivation und Durchsetzungsfähigkeit. Wer eine Aussage wie »Ich komme mit jedem klar« bejaht, ist vermutlich harmoniebedürftig - keine gute Eigenschaft für Führungskräfte. Von Assessment-Centern hält Hossiep wenig, jedenfalls wenn sie wie in vielen Unternehmen nur auf eine Testmethode zurückgreifen. Werden nicht gleichzeitig Wissen, Teamfähigkeit und Leistungsbereitschaft eines Bewerbers untersucht, »kommen nur Schaumschläger nach oben«.
Aus DIE ZEIT :: 30.04.2009
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