"Leisetreter haben Vorrang" Von Andreas Unger

In der Wirtschaftskrise machen sich Hochqualifizierte bei der Jobsuche schlechter, als sie sind.

"Leisetreter haben Vorrang"© Matt Jeacock - iStockphoto.comBei Bewerbungen wird tiefgestapelt
Seine beruflichen Erfolge gehen niemanden etwas an, findet Jonas Trautwein. Jedenfalls niemanden, bei dem er sich um einen Job bewirbt. In seinen Bewerbungsunterlagen steht deshalb nichts von den 30 Mitarbeitern, für die er zuletzt zuständig war, sondern nur von »mehr als zehn«. Das 1,5 Millionen-Euro-Budget, das er verantwortete, verschweigt der Physiker im Vorstellungsgespräch ebenso wie die 85 000 Euro brutto, die er mit Anfang dreißig jährlich verdient hat. Er hat drei Jahre lang bei einem Chiphersteller in China Testsoftware für Halbleiterchips entwickelt. Im März 2009 ging das Unternehmen pleite und Trautwein zurück nach Deutschland, wo er sich derzeit bewirbt.

Nicht aus Bescheidenheit stellt er sein Licht unter den Scheffel, sondern weil er fürchtet, dass ihm seine Erfolge schaden könnten. Neulich zum Beispiel, wieder ein Vorstellungsgespräch, wieder so eine Frage: »Ihnen ist schon klar, dass Sie auf dieser Position nur drei Leute unter sich hätten?« Unausgesprochen klang die Frage so: »Wissen Sie wirklich, worauf Sie sich mit dieser Bewerbung einlassen? Ist das nicht unter Ihrem Niveau? Springen Sie nicht wieder ab, sobald Sie ein besseres Angebot haben?« Gerade ehrgeizige, gut ausgebildete Leute wie Trautwein, die früh aufsteigen und sich in großen Unternehmen schnell spezialisieren, laufen Gefahr, zum Opfer ihrer früheren Erfolge zu werden. Trautwein, Mitte 30, der sich seit einem Jahr bewirbt und mit Rücksicht darauf seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, will das vermeiden - und betreibt Downgrading in eigener Sache.

Je nach Jobprofil spielt er Erfahrung in der Personalführung, die ihm eigentlich Pluspunkte bringen müssten, gezielt herunter - und umgekehrt. Seine Befürchtung: »Wenn die Leute 'Teamleiter' lesen, fragen sie sich: Warum will er jetzt wieder als Ingenieur arbeiten? Konnte er sich als Teamleiter nicht halten?« Personalverantwortliche geben vor, den besten Kandidaten zu suchen. Doch häufig nehmen sie den Naheliegendsten. Personalcoach Lars Krone, der unter anderem für Transfergesellschaften arbeitet, kennt diese verquere Logik: Was er »hohes Risikobewusstsein im Personalwesen« nennt, ist ein Grundpessimismus, der dem Bewerber entgegengebracht wird. Der ist umso höher, je vielversprechender seine Unterlagen auf den ersten Blick scheinen. Warum interessiert sich so ein Hochkaräter überhaupt für uns? Welche Defizite verschweigt er im Lebenslauf? Fachlich mag er ja gut sein, aber als Teamleiter? Oder eben umgekehrt. Besonders schwierig seien deshalb Quereinstiege.


Die neue Bescheidenheit spricht sich nicht nur unter Ingenieuren herum. Auch Sozialpädagoge Reiner Baum (Name geändert) überlegt es sich zweimal, welche Berufserfahrung er in Bewerbungen erwähnt. Er hat eine Stelle gesucht, in der er Flüchtlinge betreuen kann - Arbeit an der Basis. Um nicht den Eindruck zu erwecken, in seinem vorigen Job höher in der Hierarchie gestanden zu haben, hat er sich in der Bewerbung kurzerhand vom »Projektleiter« zum »Projektmitarbeiter« degradiert. »Meine Erfahrung in der Gremienarbeit und in der Kooperation mit anderen Institutionen habe ich nicht erwähnt.« Auch die Zahl seiner bisherigen Arbeitgeber hat er nach unten korrigiert. Fünf waren es - ein paar zu viel, könnten manche Arbeitgeber finden, zumal Busch, Ende 20, sein Studium erst 2006 beendet hat. Hält er es nicht lange an einem Fleck aus? Kann er womöglich nicht gut mit Kollegen und Vorgesetzten? Zieht es ihn vielleicht ins Ausland? Immerhin hat er schon im Rahmen eines Stipendiums für das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Guinea und im Senegal gearbeitet. Eigentlich spricht all das für Flexibilität und interkulturelle Kompetenz - aber mit ein bisschen bösem Willen in der Personalabteilung eben auch dafür, dass ihm der rote Faden fehlt.

Lars Krone hält wenig von übertriebener Bescheidenheit. Die eigenen Erfolge bewusst herunterzuspielen sei die Ultima Ratio, »intelligente Bescheidenheit« dagegen klug. Will heißen: »Sagen Sie nichts Falsches, aber behalten Sie immer im Kopf: Für welche Stelle bewerbe ich mich? Manipulieren Sie die Unterlagen auf keinen Fall. Aber priorisieren Sie sie.« Die Kunst bestehe im Weglassen. Wenn im neuen Job etwa Fachkenntnisse gefragt sind, sollten in der Bewerbung wissenschaftliche Erfolge an der Uni im Vordergrund stehen, Personalverantwortung und Projektleitung in den Hintergrund treten. Und Krone rät, allzu großsprecherische Jobtitel in früheren Jobs sachte zu korrigieren - es falle negativ auf Bewerber zurück, wenn sie sich größer machen, als sie sind. So wird aus dem »Senior Staff Manager« ein »Projektmanager«.

Sozialarbeiter Busch überlegt seit einer Weile, ob er in Sozialer Arbeit promovieren soll, und fragt sich jetzt: »Wie würde eine Promotion wohl aufgefasst? Komme ich dann für normale Stellen in der Sozialarbeit überhaupt noch infrage?« Sicherheitshalber würde er nur in Teilzeit an seinem Doktortitel arbeiten - dann ließe der sich im Lebenslauf notfalls verschweigen.

Aus DIE ZEIT :: 04.03.2010

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