"Wir sind zu kleinmütig" Die Fragen stellten Manuel J. Hartung und Martin Spiewak
Der bedeutendste Umbau der Universitäten steht erst noch bevor, sagt der Germanist Wolfgang Frühwald.
Wolfgang FrühwaldWolfgang Frühwald: Universitäten sind per se konservative Einrichtungen. Sonst wären sie nicht wie einige Hochschulen über 500 Jahre alt geworden. Zudem möchten die meisten Professoren in Ruhe ihrer eigentlichen Arbeit nachgehen, der Lehre und Forschung. Viele insbesondere ältere Kollegen glauben, sie könnten die Reformen aussitzen. Wenn aber eine ganze Schicht erfahrener Professoren sich in die Schmollecke zurückzieht, statt die Reform mitzugestalten, tut das der deutschen Universität nicht gut.
ZEIT: Wie groß ist der Unwillen zum Wandel?
Frühwald: Das Ausmaß der mentalen Reformresistenz ist groß. Ich kenne kaum jemanden - ehrlich gesagt: niemanden -, den die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master begeistert. Wer die Veränderungen voranbringt, sind die Universitätsspitzen, die Wissenschaftsorganisationen und die Politik. Die Reformen kommen von oben; der Graben zwischen denjenigen, die die Reform konzipieren, und den Betroffenen ist groß.
ZEIT: Vielleicht können die unten das R-Wort einfach nicht mehr hören.
Frühwald: Da ist etwas dran. Ich war 45 Jahre im aktiven Dienst an der Universität und habe manche Reform mitgemacht. Viele Kollegen hatten das Gefühl, dass ständig reformiert wird. Anfang der siebziger Jahre wurde etwa die Ordinarien- zur Gruppenuniversität, Assistenten oder Nichtwissenschaftler durften plötzlich in den Gremien mitentscheiden. Doch mir war wie vielen Kollegen ebenso lange Zeit nicht bewusst, dass uns die Mutter aller Reformen noch bevorstand.
ZEIT: Die da wäre?
Frühwald: Dass sich die Universitäten in Forschungs- und Lehreinrichtungen differenzieren und das Studium in Bachelor und Master unterteilt wird, also in einen Graduate- und einen Undergraduate- Bereich.
ZEIT: Graduate, Undergraduate - auch Sie als Germanist benutzen diese Begriffe?
Frühwald: Es gibt dafür bislang keine adäquate Übersetzung. Schon das ist interessant. Doch egal wie man es nennt, inhaltlich sehe ich keine Alternative. Wenn 40 Prozent eines Jahrgangs eine Hochschule besuchen, muss sich die Studienstruktur ändern. Gleichzeitig kann man im globalen Wettbewerb nur mit einigen wenigen Spitzenhochschulen oder -fakultäten bestehen, nicht mit vielen gleichzeitig.
ZEIT: Viele Ihrer Kollegen klagen, sie würden ihre Universität nicht wiedererkennen.
Frühwald: Die Zeit des Durchwurstelns ist vorbei. Jetzt stehen die Reformen auf der Tagesordnung, die wir jahrelang nicht angegangen sind. Eine Schwäche der Reformkritiker ist, dass sie keine Gegenentwürfe präsentieren. Die Auseinandersetzung über die Zukunft der Universität verläuft weitgehend ideologiefrei, anders als in der Hochschuldebatte der Sechziger. Heute herrscht die Ideologie der Nichtideologie vor. Daher rührt dieser Grundton der Frustration.
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29. Juli 2010
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