© IGS BrackeDas Ende der Kältewelle löst in Franz
Rollinger gemischte Gefühle aus. Einerseits
weiß der Schulleiter, dass er
nun wieder im ganzen Haus Eimer
aufstellen lassen muss, wenn der Schnee auf dem
Flachdach taut. Andererseits, und das ist die gute
Nachricht, müssen die Schüler der Braunschweiger
Wilhelm-Bracke-Gesamtschule jetzt nicht mehr
durch Treppenhäuser laufen, in denen das Schwitzwasser
von den nur fingerdicken Außenwänden
und den Einfachfenstern tropft. Und dank der
Plusgrade brauchen einige von ihnen auch nicht
mehr zu zittern, nur weil ihr Klassenraum zu weit
von der altersschwachen Pumpe im Heizraum
entfernt liegt. "Ich bin seit dreieinhalb Jahren an
dieser Schule", sagt Rollinger, 52, weiße Haare,
Hornbrille. "Seitdem hat sich hier außer ein paar
Notreparaturen wenig getan. An Grundsanierungen
gar nichts."
Während Rollinger durch seine heruntergekommene
Schule führt, wird 211 Kilometer
entfernt, in den stets geheizten und trockenen
Konferenzsälen des Berliner Kanzleramts, zur selben
Stunde mit gewaltigen Summen jongliert. Beim alles entscheidenden Treffen der Koalitionspartner am vergangenen Montagabend bestand
zumindest über einen Punkt von Anfang an Einigkeit:
die Schulen, Kindergärten und Hochschulen
im Land sollten ein ordentliches Stück
vom 50 Milliarden Euro schweren Konjunkturpaket
abbekommen. Wenn schon zusätzliche
Schulden gemacht werden sollten, dann wenigstens
für eine gute Sache. Etwa 8,7 Milliarden
Euro sollen direkt in die Bildung fließen, und
zwar schnell und möglichst unbürokratisch. Bundesbildungsministerin
Annette Schavan, CDU,
feiert den Koalitionsbeschluss als "das größte Investitionsprogramm
für Bildung, das es in
Deutschland je gab". Bedarf, wiederholt die Ministerin
schon seit Wochen, gebe es schließlich
genug (siehe Ende des Artikels). Das ist, gelinde gesagt,
noch untertrieben: Den Sanierungsstau,
den Deutschlands Bildungslandschaft im Laufe
der Jahrzehnte angesammelt hat, schätzen Experten
allein für die Hochschulen auf mindestens
25 Milliarden Euro. Bei den Schulen ist die Not
noch größer, allein bis zum Jahr 2020 gelten 78
Milliarden als realistisch.
Was derlei niederschmetternde Bestandsaufnahmen
in der Praxis bedeuten, lässt sich am
Beispiel Braunschweig gut beschreiben. Inmitten
der Wohnburgen der Weststadt steht die
Wilhelm-Bracke-Schule, ein gewaltiger Bau aus
den frühen siebziger Jahren mit orangefarbenen
Fassadenteilen und schmutzigem Sichtbeton.
Die Schule hat 150 Räume und 1300 Schüler,
die sich in den weiten Fluchten fast verlieren. In
den Fluren wellt sich der genoppte Gummifußboden,
an der Decke fehlen die Kunststoffplatten,
aus dem Hohlraum darüber lugen Rohre
und Kabelstränge hervor. Das Regenwasser hat
die Platten durchgeweicht, bis sie runtergebrochen
sind.
Eigentlich, erzählt der Hausmeister, sollte da
oben noch eine Schicht mit Dämmwolle liegen,
"aber davon ist schon seit vielen Jahren nichts mehr
übrig". Während er die Tür zu den Werkräumen
aufschließt,
träumt Schulleiter Rollinger
von dem Geld aus dem
Konjunkturpaket. Vielleicht, sagt er, ließe
sich damit ja die Dachsanierung bezahlen -
und muss über seinen eigenen, hemmungslosen
Optimismus grinsen. Rechnerisch stehen seiner
Schule aus dem milliardenschweren Programm gerade
mal einige Hunderttausend Euro zu. Allein ein
neues Dach kostet aber drei Millionen. Nein, Rollinger
hat längst über eine realistischere Prioritätenliste
nachgedacht, die er mit dem Konjunkturgeld
abarbeiten würde. Ganz oben: Werkbänke und Hocker.
"Schauen Sie sich die traurigen Teile doch mal
an", sagt er und steckt seine Hand in das Loch, das
fast 40 Jahre in einen der groben Holztische gefressen
haben. Dann legt er seine Finger vorsichtig auf
die Kanten, die früher einmal der Stahlfuß eines
Hockers waren. Der Fuß ist längst abgebrochen,
geblieben ist ein messerscharfer Schaft. "Das ist gefährlich", sagt Rollinger.
Wer an die Wilhelm-Bracke-Schule kommt,
denkt bestürzt: So schlimm kann es also an deutschen
Schulen des Jahres 2009 aussehen. Doch
plötzlich sagt der Schulleiter Sätze wie diese: "Damit
kein falscher Eindruck entsteht, uns geht es vergleichsweise
gut, wir haben genug Platz, und die
Architektur ist durchdacht. Selbst der Sanierungsbedarf
ist anderswo größer."
Braunschweig hat vor
einer Weile ein eigenes Investitionsprogramm gestartet,
jedes Jahr fließen ein paar Millionen in die
Schulen der Stadt. 2011, so hat der Bürgermeister
versprochen, sei das Dach der Wilhelm-Bracke-
Schule dran - "wenn nichts dazwischenkommt",
fügt Franz Rollinger hinzu. Diesen Satz wird er in
der nächsten Stunde noch häufiger sagen, wenn er
über die von der Stadt versprochenen Sanierungsarbeiten
redet. Er war früher selbst mal Kommunalpolitiker,
erklärt er. "Ich kenne die Zwänge."