Wissenschaftler im Ausland: Bleiben oder gehen?
Von Elisabeth von Thadden
Wie ist der Zug deutscher Wissenschaftler ins Ausland zu stoppen? Wer mit Abwanderern und Rückkehrern spricht, trifft auf überraschende Motive.
© enimal - stock.xchngDie Germanistin von der New York University, die den in ihrem Fach fast legendären Bonner C 4-Lehrstuhl Benno von Wieses für Neuere Deutsche Literatur einnehmen sollte, hatte seit dem Studium ihr akademisches Leben an angesehenen Universitäten der Vereinigen Staaten verbracht. Ihre Berufung nach Bonn im Jahr 2003 hat Eva Geulen deshalb maßlos überrascht. Aber dann zog sie, samt amerikanischem Mann und einem in New York geborenen Stadtkind, ins Rheinland.
Dort ist die heute 45-Jährige bisher geblieben: obwohl die amerikanische Yale-Universität sie zur Rückkehr in die Vereinigten Staaten bewegen wollte; obwohl Geulen das deutsche Sparen an Stellen und Gehältern des Lehrpersonals für ebenso fatal hält wie die Umsetzung der neuen Studiengänge ("So wird die Uni", sagt sie, "bestimmt nicht amerikanischer "); und obwohl sie als Professorin mit Kind hier sozial eine Ausnahme ist. Auch das Gehalt war es nicht, was Geulen letztlich bewegt hätte.
Ihre Gründe waren anderer Natur, hatten mit Wissenschaftskultur viel zu tun: Sie ist nach Deutschland gekommen, weil ihr Fach in Amerika nur ein kleines Fach ist, mit wenig öffentlichem Resonanzraum. Auch die Muttersprache hat ihr, die auf Englisch publiziert, gefehlt. Der Intimität des amerikanischen Instituts zog sie den distanzierteren Umgang unter deutschen Kollegen vor, und es lag ihr näher, in der konservativen deutschen Universität für Neuerungen zu sorgen, als im neuerungsbegeisterten Amerika die Rolle der Beharrenden zu spielen, die an den literarischen Kanon erinnert. So ist sie hier, und zwar gern - bis auf Weiteres.
Warum verlassen die einen Wissenschaftler das Land, während andere freiwillig an deutschen Universitäten bleiben oder zurückkehren? Ist die verbreitete Warnung berechtigt, die Besten gingen, die Fußlahmen blieben und zu wenige kämen zurück? Die Statistik weiß wenig. Die Gründe, aus denen die einen gehen und andere bleiben, sind kaum erforscht. Ein Grund zu gehen ist trivial: Wissenschaft kennt keine Staatsgrenzen, deshalb sind Forscher unterwegs wie ihr Wissen. Ein anderer ist politisch erzeugt: Viele sehen angesichts der Knappheit an unbefristeten Stellen keine andere Möglichkeit, als ins Ausland zu gehen. Umgekehrt hat Deutschland zu wenig getan, um seine Unis international zu besetzen, wie es in der Schweiz, in Kanada oder Großbritannien üblich ist.
Aber einige deutsche Wissenschaftler haben die Wahl. Sie sind Experten der Abwägung. Wer Universitätsprofessoren, die zwischen hier und dort wählen konnten, nach ihren Gründen fragt, erfährt: Manche der Besten kommen, manche der Besten gehen, und interessant sind die feinen Unterschiede. Jeder gute Wissenschaftler ist ein Einzelfall. Auch von Fach zu Fach, von Stadt zu Stadt stellt sich die Situation jeweils anders dar. Die Universität löst sich in Splittereinheiten auf. Zum hergebrachten wissenschaftlichen Wettbewerb treten neue Formen hinzu: Die Weltwissensgesellschaft entgrenzt die Kriterien und Anerkennungsweisen von Qualität. Der Weltmarkt bestimmt in mehr und mehr Wissenschaften die Gehälter und Ausstattungen. Der Starkult zieht hier und da ein. Und die Individualisierung sorgt für persönliche Entscheidungen, deren Halbwertszeit kurz sein kann.
Fast jeder der Gefragten findet Zeit zum Gespräch. Einige wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, zu groß sei heute in Deutschland die Entfremdung zwischen Öffentlichkeit, politisch Verantwortlichen und guter Wissenschaft. Wer sich äußere, schade sich selbst und nütze keinem. Wer fortziehe, sei doch kein Landesverräter, wer zurückkehre, komme doch nicht als Deutschlandverstärker zurück. Es gebe hierzulande zu wenig Wissenschaftler in Politik und Verwaltung, die verstünden, worum es gehe. Man werde wie ein Eindringling, wie ein Bittsteller behandelt und sei andernorts hochwillkommen, wer würde da lange zögern?
Kaum einer will veröffentlicht sehen, was es in den Berufungsverhandlungen abzuwägen galt, das erzeuge bloß Neid und Schmerzen unter Kollegen. Manchen werden Stellen angeboten, die neben dem Gehalt auch einen Job für die Frau, eine großzügige Wohnung oder den besten Ganztagskindergartenplatz für die Kinder gleich mitenthalten. Auch in Europa. Andere ahnen bei der Nennung ihres Gehalts offenbar kaum, dass sie nach ihrer Rückkehr aus Amerika ein Vielfaches von dem verdienen, was der Kollege mit der W 2-Professur für seine Arbeit bekommt. Diese neue W 2-Besoldung und Grundausstattung von Wissenschaftlern in Deutschland, sagt fast jeder, bezeuge eine Geringschätzung, die zermürbend sei. Die Ungleichheit von forschenden und lehrenden Professoren, die zudem mit der Einführung der neuen Studiengänge einhergehen werde, könne eine Universität vollends in Spieler verschiedener Klassen und Privilegien trennen.
Ob Medizinerin, Philosoph oder Physiker: Es geht um die angemessene Anerkennung einer Arbeit, von der jeder Politiker im Schlafe aufsagt, wie lebenswichtig sie für das Land sei. Als käuflicher Ehrgeizling will keiner gelten. Und so will fast jeder erzählen, natürlich würde man lieber in einer europäischen Stadt als in den Vereinigten Staaten leben - die Nähe zu alten Eltern, die Schönheit des Ilmparks, das Cilento, das Bildungssystem, die Theater, die Tageszeitungen! Die Bundesliga! Fast alle Gespräche mit diesen Leuten, deren Zeit so knapp ist, dehnen sich in die Länge, noch nachts werden Mails verfasst, die Äußerungen zurechtrücken, ergänzen. Die letzte um 3.18 Uhr nachts, die erste um 5.12 Uhr morgens verfasst, eine an Weihnachten, manch eine seitenlang. Es gibt Verständigungsbedarf da rüber, was Wissenschaft und Lehre einem Land wert sind. Auch Bedarf an Rechtfertigung.
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15. Juli 2010
Johann Heinrich von Thünen-Institut









