Brauchen wir mehr Studenten?
Nein, sagt Felix Rauner, weil bei einem Studium für alle die Qualität der Berufsbildung verloren geht.
© Universität BremenFelix Rauner, 68,
leitet die
Forschungsgruppe
Berufliche Bildung an
der Uni BremenDass sie danach für den Arbeitsmarkt schlechter qualifiziert sind als Lehrlinge nach der Berufsausbildung, wurde vielfach nachgewiesen. Das dreijährige Bachelorstudium »berufsqualifizierend« zu nennen ist grotesk. Es stammt aus Ländern wie den USA und Großbritannien, die über kein entwickeltes Berufsbildungssystem verfügen. Die Nachteile, die sich für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen ergeben, sind unter Wissenschaftlern unumstritten. Dass Deutschland diese Bildungstradition kopiert hat, war einer der größten bildungspolitischen Fehler der vergangenen Jahrzehnte. Unter Bachelorabsolventen aus dem angelsächsischen Raum ist der Spruch verbreitet: »Now I have a bachelor degree, but I don't have any skills« - (»Jetzt habe ich einen Bachelorabschluss, aber keine beruflichen Fertigkeiten«).
Academic drift heißt der weltweite Trend zur Akademisierung der Bildung. Er wird angetrieben durch das Interesse ehrgeiziger Eltern, ihren Kindern - zunehmend ihrem einzigen Kind - eine akademische Bildung zu ermöglichen. In vielen Ländern reagieren Politiker darauf mit einer College for all-Politik - Uni für alle. Mit bizarren Folgen: In den USA und den Ballungszentren Chinas führt die Akademisierung der Bildung, verstärkt durch die Stigmatisierung beruflicher Bildung, zur Einrichtung von ein- und zweijährigen Alibi-Studiengängen auf dem Niveau von Berufsfach- und Fachschulen. In den USA kann man sogar im Studienmodell Some College Zertifikate wie Wedding Planning oder Home and Gardening erwerben, damit man als College-Absolvent und nicht als Versager gilt.
Steigen dadurch die Bildungschancen der Jugendlichen? Steigt die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen im Land? Antwort: Nein. Wie viele Studienanfänger also braucht das Land? Die Beschäftigungssysteme hoch entwickelter Länder haben derzeit etwa einen Bedarf an 20 Prozent Hochqualifizierten. Diese Quote wird in Zukunft kaum steigen, weil Betriebe zunehmend Hierarchien abbauen und Kompetenzen und Verantwortung »nach unten« in die direkt wertschöpfenden Prozesse verlagern. Zugleich ist mit steigendem Bedarf an Hochqualifizierten in der Forschung und Entwicklung zu rechnen. Die aktuelle Studentenanfängerquote in Deutschland reicht aus, diesen Bedarf zu decken, vor allem dann, wenn die sehr hohe Abbrecherquote gesenkt wird.
Mit einer Erhöhung der Studentenquote handeln wir uns dagegen allerlei Probleme ein: Die Studenten sind frustriert, wenn sie nach einem überlangen Bildungs(um)weg schließlich eine Beschäftigung aufnehmen, die aus ihrer Sicht unter ihrem Niveau liegt. Die Hochschulen betreuen eine unverhältnismäßig große Zahl von Studenten, die schon bald ihr Interesse an einer wissenschaftlichen Ausbildung verlieren und nur noch eins wollen: die Universität schnell verlassen. Und die Gesellschaft kommt dieses Umwegsystem teuer zu stehen. College for all, das zeigen die internationalen Erfahrungen, funktioniert nicht. Deutschland kann daraus lernen. Es spricht alles dafür, zwei Zugänge zur höheren Bildung, den akademischen und den beruflichen, beizubehalten und die Durchlässigkeit zwischen akademischen und beruflichen Bildungsgängen nach dem Vorbild der Schweiz auszubauen.
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Aus DIE ZEIT :: 11.03.2010
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