Das Denken ist frei Von Christoph Drösser

In dem Streit um Urheberrechte und Publikationsfreiheit gerät einiges durcheinander. In der Wissenschaft ist der freie Zugang zu Ergebnissen und Daten im Internet kein Schaden, sondern höchst wünschenswert.

Das Denken ist frei: Urheberrecht© Falko Matte - Fotolia.com
Wenn jemand die Nazi- und die Kommunistenkeule zugleich hervorholt, dann muss es schon schlimm stehen. Von »Machtergreifung « und »Enteignung« schrieb der Literaturwissenschaftler Roland Reuß im Februar in der FAZ und erregte sich derart über die von ihm gegeißelten Missstände, dass er sogleich eine Unterschriftenliste ins Netz stellte. Seinen »Heidelberger Appell« haben inzwischen eine Menge mehr oder weniger prominenter Autoren unterzeichnet, darunter der Schriftsteller Daniel Kehlmann und auch Redakteure der ZEIT. Man darf allerdings bezweifeln, dass alle Unterstützer wissen, was sie da tatsächlich unterschrieben haben. Hauptsächlich geht es in dem Appell - unter der Losung »Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte« - um den Streit zwischen dem Internetkonzern Google auf der einen und Autoren und Verlagen auf der anderen Seite. Denn Google scannt massenhaft Bücher ein, ohne das Nutzungsrecht dazu zu besitzen, und darüber kann man sich in der Tat aufregen (wie Susanne Gaschke in der ZEIT Nr. 15/09). Reuß hat aber noch eine Art trojanisches Steckenpferd mit in die Erklärung geschummelt und greift nicht nur Google an, sondern auch die deutschen Wissenschaftsorganisationen. Diese nämlich, so heißt es in dem Appell, propagierten »weitreichende Eingriffe in die Presse- und Publikationsfreiheit, deren Folgen grundgesetzwidrig wären«.

Mit dieser zweifelhaften juristischen Expertise eröffnet Reuß einen ganz privaten Feldzug. Und dieser hat nichts mit Googles Sammelwut zu tun, sondern richtet sich gegen »Open Access« (zu Deutsch: Offener Zugang) - eine relativ junge Form des wissenschaftlichen Publizierens, bei der, grob gesagt, wissenschaftliche Artikel und Bücher für jedermann kostenlos im Internet abrufbar sind und die Kosten nicht vom Leser, sondern vom Autor getragen werden. Nun sind diese zwei Gegenstände aber höchst verschieden. Sie verbindet nicht mehr miteinander als die Tatsache, dass sie beide irgendetwas mit Internet zu tun haben. Open Access heißt jedenfalls nicht, dass Daniel Kehlmann nun befürchten müsste, sein nächster Roman stünde kostenlos zum Download im Internet. Worum geht es dann? Mit der Open-Access- Bewegung reagieren Forscher auf die dramatische Verteuerung wissenschaftlicher Journale. Open Access bedeutet dabei zunächst einmal nur, dass Wissen öffentlich zugänglich ist. Damit kann die private PDF-Kopie auf der Homepage des Forschers gemeint sein, in der Regel bezieht sich die Bewegung aber auf professionelle wissenschaftliche Zeitschriften und Bücher.

Denn im Wissenschaftsbetrieb beruht das Publikationsgeschäft bisher auf einer höchst asymmetrischen Arbeitsverteilung: Die Autoren liefern ihre Manuskripte kostenlos; die Begutachtung, peer review genannt, wird ebenfalls von Wissenschaftlern geleistet; der Verlag arbeitet das Dokument lediglich für den Druck beziehungsweise für die Onlinebereitstellung auf und bietet es zum Verkauf an; und dieselbe wissenschaftliche Community, die für die Inhalte gesorgt hat, zahlt am Ende hohe Preise, um die Texte lesen zu können.

"Aus wissenschaftlichen Manufakturen sind Fabriken geworden"

Gegen den Würgegriff verschiedener Großverlage, die ihre Preise fast beliebig diktieren können, richtet sich die Open-Access-Politik der Wissenschaftsorganisationen - von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) bis zur Fraunhofer-Gesellschaft (FhG). Denn sie geben öffentliche Mittel für die Forschung aus und erwarten mit gewisser Berechtigung, dass die Geldgeber, also die Steuerzahler, die Ergebnisse dieser Forschung später kostenlos nachlesen können. Den Forschern wird lediglich abverlangt, dass es eine öffentlich einsehbare Version ihrer Arbeiten gibt - wo sie diese publizieren, ist genauso ihre Sache wie die Entscheidung, ob sie ihre Arbeit zum Beispiel noch in Buchform veröffentlichen wollen. Sind da »schamlose Enteigner « am Werk, wie Reuß behauptet, die es wieder zu enteignen gilt? Wenn man den Kampfbegriff der Enteignung schon in den Mund nimmt, dann sollte man ihn eher auf die bisherige Form des wissenschaftlichen Publizierens anwenden. Die lässt den Autoren zwar ihr Urheberrecht - das kann ihnen in unserem Rechtssystem ohnehin niemand nehmen -, aber alle Rechte der Verwertung seines geistigen Eigentums tritt der Autor an einen Verlag ab - und das meistens, ohne dass er am Erlös aus dem Verkauf seiner Texte beteiligt wird. Und just diese Knebelung soll dank Open Access gelockert werden.
Warum dann die Erregung? Vielleicht kommt in dem Heidelberger Appell auch der - offenbar immer noch große - Graben der beiden wissenschaftlichen Kulturen zum Ausdruck. Wenn der Literaturwissenschaftler Reuß von »Verlagen« spricht, meint er kleine, mittelständische Betriebe, die zum Beispiel seine textkritischen Kleist-Ausgaben in Miniauflagen drucken und damit nicht unbedingt reich werden. Denkt dagegen ein Molekularbiologe an wissenschaftliche Verlage, dann meint er ein paar große internationale Konzerne, die mit der Publikation der schnelllebigen Ergebnisse der Naturwissenschaft und Medizin in den vergangenen Jahrzehnten ein Bombengeschäft gemacht haben. Diese Großverlage haben auch keine Angst vor dem Internet - im Gegenteil, sie haben den Übergang von der gedruckten in die digitale Welt längst vollzogen und das Netz dazu genutzt, ihre Gewinne zu sichern.

Inzwischen findet man die meisten Artikel wissenschaftlicher Zeitschriften in digitaler Form. Will man sie aufrufen, kommt oft die lapidare Mitteilung: »Sie haben keine Berechtigung, diesen Artikel zu lesen, können ihn aber zum Preis von 50 Euro herunterladen.« Diese Einzelverkäufe machen nur einen kleinen Teil der Verlagsumsätze aus, weil Verlage den Bibliotheken von Hochschulen und Forschungsinstitutionen ganze Pakete digitaler Zeitschriften im Abonnement verkaufen. Wie sehr sich das Geschäft mit wissenschaftlichen Texten lohnt, zeigt ein Blick auf den Branchenführer Elsevier. Er machte 2007 einen Umsatz von 6,1 Milliarden Euro (zum Vergleich: Der gesamte deutsche Buchmarkt setzte im selben Jahr 9,6 Milliarden Euro um) und erzielte einen Gewinn von 1,6 Milliarden Euro. »Verlage wie Elsevier haben das Verlagswesen industrialisiert«, sagt Sven Fund, Geschäftsführer des Wissenschaftsverlags de Gruyter in Berlin. »Aus Manufakturen sind Fabriken geworden, die unglaubliche Margen eingefahren haben.« Sie haben ein Geschäftsmodell perfektioniert, das wie eine Gelddruckmaschine anmutet - und genau dagegen richtet sich die Open-Access-Politik, nicht gegen den kleinen literaturwissenschaftlichen Liebhaber-Verleger.

Weshalb aber funktioniert das Geschäft der wissenschaftlichen Großverlage bisher so reibungslos? Im Papierzeitalter war es noch aufwendig, Texte zu setzen, Zeitschriften zu drucken und sie in alle Welt zu verschicken. Aber diese Kosten sind fast alle weggefallen, trotzdem ist die elektronische Version einer Zeitschrift meist genauso teuer wie die gedruckte. Bittet man Experten um eine Erklärung, greifen sie gern zu Vergleichen aus der Welt der Kunst oder der Luxusartikel. »Das ist wie bei einem Bild von Klee, da fragt sich mancher auch: Wieso soll das zehn Millionen Euro wert sein, da bröckelt doch schon die Farbe ab!«, sagt etwa Gabriele Beger, Direktorin der Hamburger Staatsund Universitätsbibliothek. »Bei Bugatti-Autos oder Bulgari-Ringen zahlen Sie ja auch mehr als den reinen Rohstoffpreis«, sagt Sven Fund von de Gruyter. Die Preisbildung ist also irrational, und sie funktioniert nur, weil diejenigen, die den Inhalt produzieren, sich irrational verhalten. Wissenschaftler streben danach, dass ihre Forschungsresultate in einer der Bugatti-Zeitschriften erscheinen, für deren Jahresabo ihre eigene Bibliothek manchmal einen fünfstelligen Eurobetrag zahlt. Diese Rechnung aber sieht der Forscher nie, seine Währung ist nicht der Euro, sondern der »Impact Factor« der Zeitschrift, in der er veröffentlicht - ein Wert, in den etwa eingeht, wie oft Artikel aus dieser Zeitschrift woanders zitiert werden. Die Zahl der Publikationen in solchen wissenschaftlichen Flaggschiffen entscheidet über die Karriere der Forscher, und dafür geben sie gern alle Rechte an ihren Texten ab. Grantig werden sie nur, wenn sie einmal auf einen Artikel nicht von ihrem Institutscomputer zugreifen können, weil ihre Bibliothek sich das Abo nicht mehr leisten kann.

»Wir versuchen dem Wissenschaftler zu sagen: Du bist derjenige, der den Kreislauf in Gang setzt«, sagt Gabriele Beger. »Und du bist schuld daran, dass Wissen nachher nicht mehr zugänglich ist, weil wir es nicht mehr beschaffen können.«

Im Gegensatz dazu kursieren in der Debatte um Open Access, die Roland Reuß angestoßen hat, immer wieder unhaltbare Vorurteile. So wird etwa Open Access gern mit reinen Onlineveröffentlichungen gleichgesetzt. Dabei gibt es auch von den traditionellen Verlagen längst rein digitale Zeitschriften. Und manche Open-Access-Verlage bringen ihre Zeitschriften auch als (dann kostenpflichtige) Print-Veröffentlichungen heraus. Zum Beispiel stellt das Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (Giga) in Hamburg seine renommierten Zeitschriften zu Afrika-, Asien- und Lateinamerikastudien in diesem Jahr auf Open Access um, und zwar als sogenannte Hybridzeitschriften - es gibt weiterhin die kostenpflichtige gedruckte Ausgabe, aber gleichzeitig werden die Inhalte frei ins Netz gestellt. Gerade im Bereich der Dritte-Welt-Studien sei »dies eine einzigartige Möglichkeit, Zeitschriften eine globale Reichweite zu verschaffen«, sagt Bert Hoffmann, der beim Giga die Publikationen koordiniert. Bislang konnten sich ausgerechnet die Forscher in den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, um die es in den Zeitschriften ging, oft die Abonnements nicht leisten.

Ähnliche Modelle gibt es auch für Bücher. So kooperiert ein Verlag der Hamburger Universität mit de Gruyter bei der Herausgabe eines historischen Lexikons: Das Werk erscheint gedruckt bei de Gruyter, wird aber nach sechs Monaten als Open-Access-Publikation online veröffentlicht. »Was sich im ersten halben Jahr nicht verkaufen lässt, läuft sowieso nur noch schleppend«, begründet Gabriele Beger diese Entscheidung. Die beteiligten Wissenschaftler arbeiten dann in Wiki-Manier weiter an dem Werk, aktualisieren es ständig, und nach ein paar Jahren erscheint wieder eine neue Druckauflage, die sich die Wissenschaftler ins Regal stellen können. Mit solchen Modellen kann Open Access sogar den Verkauf der gedruckten Produkte ankurbeln. Das zweite Argument gegen Open Access ist, dass damit zwangsläufig die akademische Qualität der Publikationen sinke. Das ist aber schon deshalb Unsinn, weil sich praktisch sämtliche Open- Access-Zeitschriften derselben peer review unterwerfen wie die traditionellen Journale - wenn dort überhaupt die Qualitätskontrolle funktioniert. Denn die großen Wissenschaftsverlage tragen zwar das Qualitätsargument wie ein Mantra vor sich her; das schützt sie aber nicht vor peinlichen Enthüllungen, wie im Fall der Zeitschrift Chaos, Solitons and Fractals, die im November zum Gespött der Szene wurde, weil dort ein selbstherrlicher Herausgeber fleißig seine eigenen Aufsätze veröffentlichte, zu einem Jahresabo-Preis von über 4000 Euro. Die Verlage zwingen die Bibliotheken mit ihren Paket-Deals zum Kauf der mediokren Masse, auch wenn die eigentlich nur an den wenigen Perlen interessiert sind.

Auch mit Open Access können die Verleger gute Geschäfte machen

Das größte Missverständnis ist aber, dass es sich bei Open Access um eine weitere Form der internetüblichen Umsonstkultur handle. Die gern kultivierte Feindschaft mit den Großverlagen mag ein Auslöser für die Bewegung gewesen sein - letztlich aber kostet auch Open Access Geld, zum Beispiel die sichere Lagerung der Daten auf sogenannten Repositorien. Und nichts spricht dagegen, dass Verlage die ensprechenden Dienstleistungen gewinnbringend anbieten. Einige haben das erkannt: Der wissenschaftliche Springer-Verlag hat nicht nur den Open-Access-Verleger BioMed Central gekauft, auch in den herkömmlichen Springer- Journalen hat jeder Autor die Option, seinen Artikel frei zugänglich anzubieten - er beziehungsweise sein Auftraggeber muss halt 3000 Euro dafür zahlen, ein willkommenes Zubrot für Springer. Das erste ehrliche Übergangs-Modell bietet nun de Gruyter an: Der Verlag verspricht, dass mit jedem offen veröffentlichten (und bezahlten) Artikel die Subskription der Zeitschrift oder des Buches billiger wird - theoretisch kann das bis zur völligen Umstellung auf den kostenlosen Zugang gehen.

In der Debatte um Open Access ist der antimonopolistische Impetus längst der Frage gewichen, welche Publikationsform für die moderne Wissenschaft denn wirklich die beste ist. Und da gelten für die Naturwissenschaften andere Prioritäten als für die Geisteswissenschaften, und das nicht nur, weil ihre Ergebnisse schneller veralten. Physiker und Biowissenschaftler ziehen ihre Erkenntnisse zunehmend aus der Verarbeitung großer Datenmengen. Da ist die lapidare Vorstellung der Ergebnisse auf wenigen Seiten längst nicht mehr angemessen. Erst der freie Zugang zu den Daten, auf die sich die Publikation stützt, macht die Forschung überprüfbar. Außerdem können Kollegen aus den Daten vielleicht noch ganz andere Erkenntnisse ziehen. Das geht jedoch nur, wenn die frei verfügbar sind und kein Verleger glaubt, sein Nutzungsrecht auch noch auf dieses wissenschaftliche Rohmaterial ausdehnen zu können.

Noch machen Open-Access-Zeitschriften nur einen Bruchteil des wissenschaftlichen Marktes aus. In der Teilchenphysik zum Beispiel konzentriert sich die Forschung auf wenige internationale Institutionen, und die große Mehrheit der Veröffentlichungen erscheint in sechs Journalen. Die werden bislang von den Wissenschaftlern brav abonniert und gleich ins Regal gestellt - gelesen haben die Forscher Vorabversionen der Texte längst auf dem freien Arxiv-Server, der Informationsdrehscheibe für Physik und Mathematik. Eine internationale Initiative mit dem Kürzel Scoap³ will nun die Verleger dieser Titel mit sanftem Druck zum friedlichen Wandel drängen: Sie bekommen keine Konkurrenz durch neue Open-Access-Journale, statt Abogebühren zahlen die großen Forschungsverbünde die Publikationskosten, unterm Strich profitieren alle Beteiligten, und die Forschungsergebnisse sind frei zugänglich. 20 Länder haben sich dieser Initiative schon angeschlossen - es könnte ein Signal für einen Wandel durch Annäherung in einer Forschungslandschaft sein, in der Dokumente wie der Heidelberger Appell nur noch Relikte eines Kalten Krieges sind.

Aus DIE ZEIT :: 08.04.2009