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Der Konformitätsindex: Über einen fragwürdigen Trend bei Berufungen im Fach Psychologie
Von Gottfried Fischer und Christiane Eichenberg


Wie lässt sich erklären, dass heute noch Professuren für Klinische Psychologie und Psychotherapie ausgeschrieben werden, bei denen ein psychotherapeutischer Kompetenznachweis dahingestellt bleibt? Verstehen sich die psychologischen Institute als überwiegend grundlagenorientiert? Messen sie der klinischen Qualifikation und Erfahrung ihrer Hochschullehrer kein Gewicht bei? In diesem Falle sollte darauf verzichtet werden, an einer solchen Universität den Studierenden einen Schwerpunkt in Klinischer Psychologie anzubieten, worin die Mehrheit von ihnen beruflich tätig werden möchte.

Der Konformitätsindex

Fasst man die bisher diskutierten Rekrutierungskriterien zusammen, so wird schon eine erhebliche Anzahl nicht-ver-haltenstherapeutischer Bewerber durch den Text der Ausschreibung ausgeschlossen. Damit allein aber würde vielleicht eine Proportion von 53 Prozent der VT erreicht. Es müssen also noch weitere Selektionsmechanismen hinzutreten, welche die einseitige Auswahl begünstigen.

Hier war eine Reaktion der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), deren Fachgruppe Klinische Psychologie ebenfalls zu weit über 90 Prozent von Verhaltenstherapeuten besetzt ist, aufschlussreich. Auf die Kritik an ihrer Ausschreibungs- und Auswahlpraxis antworteten sie, beides geschehe "korrekt" (Nachrichten der FG Klinische Psychologie, 2006). Bei näherer Nachforschung ergab sich folgendes Verfahren:

Die Bewerbungen werden von vornherein ausschließlich nach Indizes bewertet, die vor allem aus der nordamerikanischen Praxis übernommen wurden: Impact-Faktor, Hirsch-Index und Age- Index. Diese Kriterien finden fast ausschließlich in den Naturwissenschaften Anwendung, kaum aber in den Geisteswissenschaften.

Die in den Geistes- und Sozialwissenschaften üblichen Bewertungskriterien werden ausgeschlossen. So werden etwa Monografien oder Beiträge in Sammelbänden überhaupt nicht in die Bewertung einbezogen.

Nach beiden Kriterien ist klar, dass Bewerber, die auch über geistes- oder sozialwissenschaftliche Themen gearbeitet haben, von vornherein ausgesondert werden. Zusammen mit den Ausschreibungstexten erklärt sich daher problemlos die heutige Quote von 80 Prozent Verhaltenstherapeuten auf den Lehrstühlen der Klinischen Psychologie und Psychotherapie.

Ist es aber wirklich sinnvoll, die gesamte Psychologie bundesweit nach jenen Kriterien zu selektieren, welche die DGPs empfiehlt? Bleibt eine Monografie, das eigenständige Forschungswerk eines Autors, berechtigterweise unberücksichtigt, während die Veröffentlichung in einem high-impact-journals von vornherein den Ausschlag geben soll, auch wenn der Bewerber nur einer von sechs und mehr Autoren ist, die an der Veröffentlichung beteiligt waren? Läuft die deutsche Psychologie mit solchen Auswahlkriterien nicht Gefahr, eine Art neues Analphabetentum auf ihren Lehrstühlen zu installieren? Diese Gefahr wird neuerdings auch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft erkannt, die ausdrücklich betont, dass sie für die Bewertung von wissenschaftlichen Leistungen nicht quantitative Indikatoren (z.B. Impact-Faktoren) verwendet.

Kontrollen notwendig

Eine eigene wissenschaftliche Fachgesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Psychotherapiewissenschaft www.dgptw.de» fördert Psychotherapie als eigenständiges wissenschaftliches Fach an der Universität, zu dem nicht nur Psychologen, sondern auch Pädagogen, Philosophen und Soziologen Zugang haben. Solche "Gegenbewegungen" bilden eine verständliche und notwendige Antwort auf die extrem einseitige Ausrichtung einer Fachgesellschaft. Unschwer ließen sich alternative Auswahlkriterien für Professuren anwenden, die geeignet sind, einer Monopolbildung entgegenzuwirken (s. Fischer & Möller, 2006).

Hat innerhalb eines Fachs die Monopolbildung einen bestimmten Grad überschritten, gibt es im üblichen Universitätsbetrieb keine Instanz, die in der Lage wäre, diese Tendenz umzukehren oder auch nur zu verzögern. Vielleicht sollten wir damit beginnen, über Möglichkeiten der Kontrolle von Monopolen nachzudenken, zumindest an den staatlichen Universitäten.


Die ausführliche Fassung (mit Literaturangaben) kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre angefordert werden.

Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2008