Flucht in die Karriere Von Martin Spiewak
Sanja Jagesic kam als Flüchtling nach Deutschland und durfte hier nicht bleiben. In den USA wird die Bosnierin als Ausnahmetalent gefeiert.
Sanja Jagesic, Soros Fellowship-Stipendiatin am Wellesley College, Massachusetts, USABücher hat Sanja Jagesic schon immer geliebt. Früher waren ihre Helden Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und diese beiden Zwillingsmädchen. Wie hieß der Autor noch? "Richtig, Erich Kästner, Das doppelte Lottchen. Wie habe ich das Buch geliebt", sagt Sanja auf Deutsch. Knapp eine Viertelstunde dauerte der Weg den Elbhang hinauf, zur Stadtteilbibliothek von Hamburg-Altona. Es war damals ihr Platz zum Wegträumen.
Sanja Jagesic lebte mit ihrer Familie auf einem Containerdampfer im Hamburger Hafen. Hier hatten die Behörden die Flüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien untergebracht. Die Jagesics kamen aus dem bosnischen Zenica, wo sie als katholische Kroaten nicht bleiben konnten. Bis heute erinnert sich Sanja an die Bomben. Vom Asylbewerberschiff auf eine Elitehochschule, "from child refugee to research wunderkind", wie Wellesleys Campuszeitung jubelt - das ist eine sehr amerikanische Geschichte. Sie erzählt vom eisernen Willen eines Einwanderermädchens, es ganz nach oben zu schaffen - und erklärt, warum kluge Köpfe nirgendwo besser gefördert werden als in den USA. Zugleich ist es auch eine sehr deutsche Geschichte. Denn allzu gern hätte Sanja ihre Schule in Deutschland beendet und hier studiert. "Wir wollten unbedingt in Hamburg bleiben", sagt sie. Doch Deutschland schien an dem Ausnahmetalent nicht sonderlich interessiert.
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Sanjas Zimmer in Wellesley war nicht viel kleiner als der Raum, den sie sich alle zusammen auf dem Flüchtlingsschiff in Hamburg geteilt hatten. Doch wenn man Sanja von beiden Welten erzählen hört, fragt man sich mitunter, welche wohl die schönere für sie war. Die Erwachsenen mochten die Enge auf den Schiffen als bedrückend empfunden haben, für die Kinder war es oft ein Abenteuer. Sie rannten die Gänge entlang und spielten in den Ecken Verstecken.
Wenn am Hafengeburtstag die Segelschiffe zur Parade einliefen, hatten die Gestrandeten am Elbufer den besten Platz. Und noch heute denkt sie mit Wehmut daran, wie sie mit Vater und Schwester durch Planten un Blomen, den großen Park in Hamburgs Innenstadt, streifte. Nur in der Schule erzählte sie nichts von ihrem Zuhause. "Vor den Deutschen schämte ich mich."
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15. Juli 2010
Universität Salzburg









