Industrie-Promotion: Chancenboom für Nachwuchswissenschaftler in den Unternehmen
VON DR. ULRIKE SCHUPP

Innovative Produkte machen Unternehmen stark für den Wettbewerb. Konzerne wie Siemens und Audi, aber auch Mittelständler bieten Nachwuchswissenschaftlern mit einer Industrie-Promotion zukunftsweisende Forschungsaufgaben, attraktive Karrierechancen und gutes Geld.

Forschen für die Wirtschaft: Chancenboom für Nachwuchswissenschaftler in den Unternehmen©kryczka - iStockphoto.comUnternehmen bieten mit einer Industrie-Promotion eine attraktive Alternative für Nachwuchsforscher
Einbrüche drohen der Wirtschaft aktuell vor allem durch fehlende "Innovationsimpulse aus Export und Automobilindustrie", sagt das Niedersächsische Institut für Wirtschaftsforschung. Ohnehin stagniert der Anteil von Forschung und Entwicklung (FuE) am deutschen Inlandsprodukt bei gerade mal 2,5 Prozent. Das ist wenig im internationalen Vergleich. Großunternehmen suchen deshalb ebenso wie Mittelständler verstärkt Spezialisten, zum Beispiel für eine Industrie-Promotion. Gefragt sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Kompetenzen in Bio-, Nano- oder Informationstechnologie sowie sämtlichen Technologien rund um Ressourcen- und Energieeffizienz. "Audi ist trotz Finanzkrise aktiv am Arbeitsmarkt und bietet damit auch Perspektiven für Ingenieure", sagt Michael Groß, Leiter Personalmarketing bei der Audi AG. In der FuE Abteilung des Automobilherstellers sollen sie unter anderem neue Antriebskonzepte entwickeln oder sparsamere Antriebsaggregate. Absolventen zahlt Audi ein Einstiegsgehalt von knapp 50.000 Euro im Jahr. Wer schon promoviert hat, kann mehr verlangen.

Industrie-Promotion als Einstieg

"Bei Audi gibt es zwei Möglichkeiten der Promotion", sagt Michael Groß. "Entweder als Mitarbeiter der Audi AG oder durch die Bearbeitung von Projekten im Rahmen einer Wissenschaftskooperation". Die Industrie-Promotion gilt bei fast allen Unternehmen als guter Einstieg in Forschung und Entwicklung, als Nachweis von Selbstdisziplin und Führungskompetenz. Nicht immer ist damit zugleich das höhere Gehalt gesichert. "In der Industrie stehen Doktortitel in Chemie, Biotechnik und Physik hoch im Kurs", sagt Jürgen Bühler, Geschäftsführer der auf Akademiker spezialisierten Personalberatung alma mater. "Promovierte Ingenieure sind in hoch spezialisierten Ingenieurbüros oder in den Forschungsabteilungen großer Unternehmen gefragt". Bühler zufolge wird eine anwendungsorientierte Industrie-Promotion "finanziell höher gestellt als eine rein wissenschaftliche Arbeit an der Hochschule". Passt die Doktorarbeit zu den aktuellen Vakanzen in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines Unternehmens, ermöglicht sie hier einen Direkteinstieg durch eine Industrie-Promotion.

Fraunhofer: Mittler zwischen Forschung und Wirtschaft

Eine Mittlerfunktion zwischen Forschung und Wirtschaft übernehmen die Fraunhofer-Institute. "Wir fördern exzellente Nachwuchswissenschaftler, die bei uns oft eine 'Zwischenkarriere' durchlaufen, bevor sie in die Industrie gehen", sagt Ralf Neuhaus, Pressereferent beim Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund. "Meist arbeiten sie zunächst an Institutsprojekten mit. Die Promotionsstelle finanziert dann der jeweilige Lehrstuhl." Als beispielhafte Kooperation von Universität, Fraunhofer-Institut und Unternehmen gilt das "Audi Logistik Labor", gegründet 2007 an der Graduate School of Production Engineering and Logistics der Uni Dortmund. "In der Logistik besteht großer Forschungsbedarf", sagt Dr. Ernst-Hermann Krog, Leiter Markenlogistik bei Audi. Die Logistik verändert sich ständig: "Praxisnahe Wissenschaft gibt hierbei wichtigen Input. Zum Beispiel auch bei Planungen der immer komplexeren Materialströmen". Durch das Logistik Labor wird eine exklusive Stipendiatenklasse aufgebaut, die an internationaler Spitzenforschung teilhat. "Es braucht keine Zuschüsse. Die Kosten für die Stipendien sind wirtschaftlich, sie werden durch die betreuenden Fachabteilungen getragen".

Wachstumsfelder in Umwelt- und Klimatechnologie

Zu den wichtigen Wachstumsfeldern zählen aktuell die Umwelt- und Klimatechnologie. Die Siemens AG baut hier "auch in Krisenzeiten" Stellen auf. "Zwischen Oktober 2008 und März 2009 haben wir weltweit 1600 neue Stellen im Bereich erneuerbare Energien und Energieeffizienz geschaffen", sagt Dr. Ulrich Eberl, zuständig für die Technologie Kommunikation des Konzerns. Gefragt sind Spezialisten und interdisziplinär arbeitende Experten, die sich mit Werkstoffen, Softwareentwicklung oder Sensorik auskennen. Zu ihren Aufgaben in FuE gehört beispielsweise die Entwicklung von Mobilitätskonzepten für die Einbindung von Elektroautos in Stromnetze. "Die zentrale Siemens Forschung ist das Eingangstor für gute Absolventen, die nach einigen Jahren auch in die geschäftsführenden Einheiten wechseln können und sollen". Ganze 3,8 Milliarden Euro flossen 2008 in FuE, rund eine Milliarde davon in Umwelttechnologien. "Siemens startet rund 500 Forschungskooperationen im Jahr, mit Instituten, Universitäten und Industriepartnern. Dabei geht es natürlich auch um Kontakte zu Spitzenforschern, die in die Industrie wollen". Doch nicht nur in Großunternehmen boomen die Chancen für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in Form einer Industrie-Promotion. Wichtige Impulse für FuE kommen aus den etwa 35000 kleinen und mittelständischen Firmen, die kontinuierlich Forschung betreiben. Tendenz steigend.

Enge Bindung ans Unternehmen

Die Vor- und Nachteile der Doktoranden für die eigene Karriereplanung liegen in der engen Verknüpfung mit dem Unternehmen. Das Thema der Doktorarbeit wird in der Regel von den Unternehmen vorgegeben, den Doktorvater müssen die Doktoranden meist selber suchen. Für alle, die nicht in der Forschung arbeiten möchten, ist das intensive Kennenlernen des Betriebs sehr nützlich, vor allem im Hinblick auf eine spätere Übernahme. Auf der anderen Seite wird das Unternehmen den Doktoranden neben seiner Industrie-Promotion für Aufgaben in den Fachabteilungen heranziehen. Damit diese "fremden" Interessen nicht mit der Forschungsarbeit kollidieren, sollten hier von Anfang an klare Absprachen getroffen werden.

Quelle: academics