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Forschungsrating: Es geht um die Qualität
Von Jürgen Gerhards und Gert G. Wagner

Rankings in jeder Form sind in Mode. Während die Gutplazierten sich gerne feiern lassen, halten die Verlierer sie meist für unwissenschaftlich und unseriös. Grund genug für einen alternativen Versuch - ein Forschungsrating, wie es der Wissenschaftsrat an einzelnen Fächern erprobt. Worum geht es dabei?

Forschungsrating: Es geht um die Qualität© ilco - stock.xchng
Die Beurteilung wissenschaftlicher Leistungen von Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen, die dann in Rankings und Ratings der breiten Öffentlichkeit offeriert werden, hat in den letzten 15 Jahren geradezu dramatisch zugenommen. Die Kriterien, nach denen die häufig kommerziell organisierten Evaluationen durchgeführt wurden und werden, sind sehr unterschiedlich und zum Teil recht fragwürdig. Der Wissenschaftsrat hat deswegen 2004 beschlossen, sich selbst der systematischen Bewertung wissenschaftlicher Fächer anzunehmen, um damit dem Wildwuchs der "Evaluitis" Einhalt zu gebieten und möglichst ein seriöses und transparentes Verfahren zur Beurteilung und dann Standardisierung wissenschaftlicher Leistungen zu entwickeln. Dazu wurden in einer Pilotstudie die beiden Fächer Chemie und Soziologie genauer unter die Lupe genommen.

Der Wissenschaftsrat hat nun beschlossen, zwei weitere Fächer einem Leistungsvergleich im Bereich der Forschung zu unterziehen: Geschichtswissenschaft und eine Ingenieurswissenschaft (vgl. Forschung Lehre 6/2008: 364). Wir möchten im Folgenden auf wichtige Erfahrungen der ersten Pilotstudie hinweisen. Zuvor gilt es aber unsere Befangenheit offen zu legen: Unsere eigenen Forschungseinheiten waren auch Gegenstand des Ratings der Soziologie, und wir haben bei der Beurteilung der Forschungsqualität nicht schlecht abgeschnitten. Obwohl man uns also unterstellen könnte, wir möchten das Rating aus Eigeninteresse loben, sind wir davon überzeugt, dass unabhängig von einer möglichen eigenen Befangenheit viele Argumente für das Ratingverfahren des Wissenschaftsrates sprechen.

Das Rating des Faches Soziologie könnte Maßstäbe für die zukünftige Bewertung der geisteswissenschaftlichen Fächer setzen, deren Forschungsqualität in der Tat schwerer messbar ist als die von naturwissenschaftlichen Fächern. Was ist das Besondere des sehr aufwendigen Bewertungsverfahrens des Wissenschaftsrats?

1. In der Evaluation der Bewertungsgruppe des Wissenschaftsrates unter dem Vorsitz von Friedhelm Neidhardt wurden insgesamt 57 Standorte der Soziologie in Deutschland (54 Universitäten und drei außeruniversitäre Einrichtungen) begutachtet. Da die Qualitätsunterschiede innerhalb der Standorte enorm sind (und dies vorab auch vermutet wurde), wurden nicht nur die einzelnen Standorte bewertet, sondern auch die verschiedenen Abteilungen und Forschungseinheiten - meist aus einem Lehrstuhl bestehend - innerhalb einer Universität. An 57 Standorten wurden so 254 Soziologie-Forschungseinheiten einer Begutachtung unterzogen.

Die Berücksichtigung von Forschungseinheiten und nicht nur von ganzen Standorten ist bereits eine der Neuerungen der Evaluation des Wissenschaftsrats, was das Rating von anderen Verfahren der Gütebeurteilung von Forschungseinrichtungen unterscheidet. Im Unterschied zu vielen Großforschungseinrichtungen der Naturwissenschaften ist die Soziologie - und dies teilt sie sicherlich mit anderen Sozialwissenschaften und erst recht mit den Geisteswissenschaften - in aller Regel kleinteilig organisiert. In einer wissenschaftspolitischen Landschaft, die immer mehr auf Zusammenschluss, Clusterbildung und Vernetzung drängt und dies mit dem Zauberwort "Synergie" zu begründen sucht, ist die Würdigung der dezentralen Einheiten etwas Besonderes und dem Gegenstandsbereich der Geistes- und Sozialwissenschaften wohl angemessen.

Das Rating des Wissenschaftsrats zeigt, dass die aggregierte Ebene von ganzen Universitätsstandorten in der Regel keine sinnvolle Erhebungseinheit darstellt. Häufig sind es einzelne Lehrstühle, die die Motoren von Ideen und Innovationen und die produktiven Einheiten sind. Evaluationen müssen sich, wollen sie für das Feld der Geistes- und Sozialwissenschaft angemessen sein, schon die - kostspielige - Mühe machen, die fein differenzierte Binnenstruktur der einzelnen Standorte genauer unter die Lupe zu nehmen.