Prof. Dr. Heinz Gess
Nichts fürchtet die Wissenschaft mehr als den Liebesentzug
durch die Wirtschaft. Um attraktiver zu
bleiben als die Konkurrenz, arbeitet die Hochschule
der Zukunft schon heute hart an ihrem Image.
Kritiker sind ihr verhasst, vor allem solche aus dem
eigenen Haus. Manchmal werden Akademiker mit
abweichender Meinung sogar eingeschüchtert. Wer
das nicht glaubt, blicke staunend nach Bielefeld,
denn die dortige Fachhochschule hat ein Disziplinarverfahren
gegen einen ihrer Professoren eingeleitet,
weil er die FH öffentlich kritisierte.
Alles begann damit, dass der Soziologe Heinz
Gess - der eine Internetzeitschrift für Kritische Theorie
der Gesellschaft herausgibt (www.kritiknetz.de)
und als engagierter Gegner der Neuen Rechten bekannt
ist - von Dritten wegen eines Antisemitismusvorwurfs
verklagt wurde, woraufhin die FH auf
ihrer Homepage sämtliche Links zu Kritiknetz löschte.
Zwar war der Klage noch nicht stattgegeben
worden. Doch das Misstrauensvotum der FH stand,
und man muss sich nicht wundern, wenn Gess es
als Signal nahm: gegen die Freiheit der wissenschaftlichen
Kritik. Als Gess es Monate später wagte, den
Vorgang kurz zu tadeln, nämlich in einer Anmerkung
zu Peter Bierls und Clemens Henis Aufsatz
Grün-braune Liebe zur Natur: Die NSDAP als »grüne
Partei«, da warf die FH ihm vor, seine Dienstpflicht
verletzt zu haben. Die Rektorin Beate Rennen-
Allhoff erklärte, ein Beamter handle pflichtwidrig,
»wenn er Verhaltensweisen seiner Vorgesetzten
in der Öffentlichkeit kritisiert«.
Nun ist ein Wissenschaftler aber nicht nur Beamter,
sondern auch der Wahrheit verpflichtet. Die
unliebsame Wahrheit, die Gess verkündet hatte,
betraf ja weniger ihn selbst. Er monierte vor allem,
dass die FH jahrelang den rechten Sozialwissenschaftler
Werner Haverbeck (1909 bis 1999) beschäftigte,
der Mitglied der NSDAP-Reichsleitung
und Leiter des NS-Reichsbundes für Volkstum und
Heimat gewesen war. Haverbeck blieb nach 1945
völkischer Ideologe, war während seiner Lehrtätigkeit
in den Siebzigern Präsident eines rechtsextremen
Umweltverbandes und 1963 Mitbegründer des
rechtsextremen Tagungszentrums Collegium Humanum,
das jüngst verboten wurde. - Für die FH
kein Anlass, sich endlich von Haverbeck zu distanzieren.
Sie distanzierte sich lieber von Gess.
Die Furcht der FH vor einer offenen Debatte
über sich selbst zeigt das Problem dieser Hochschulen
neuen Typs, die als Unternehmen geführt werden
und ihr eigenes Marketing betreiben: Am Ende
agieren sie als Zensurbehörden. Sie verraten ihren
gesellschaftlichen Auftrag und verdonnern Professoren
zum Kadavergehorsam.
Aus DIE ZEIT :: 14.08.2008