PRO Forschungsrating in der Geschichtswissenschaft Von Winfried Schulze

Ja! Weil der Blick von außen dem Fach gut täte, sagt Winfried Schulze.

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Dem Verband der Historiker ist Respekt zu zollen für seine Weigerung, sich auf die Mitarbeit beim Forschungsrating des Wissenschaftsrats einzulassen. Eine solche Entscheidung ist unüblich in der heutigen evaluationsgläubigen Wissenschaftswelt. Gleichwohl ist nicht alles, was auf den ersten Blick mutig erscheint, bei näherem Hinsehen wohlbedacht.

Der Wissenschaftsrat folgt bei seinem Forschungsrating der vernünftigen Überlegung, dass Regierung und Parlamente in Bund und Ländern wissen wollen, und zwar sehr viel genauer als früher, wie effizient die nicht unerheblichen Mittel für die wissenschaftliche Forschung ausgegeben werden. Gerade war ja zu beobachten, wie schwierig sich die Verabschiedung des 18 Milliarden Euro teuren Hochschulpakts 2020 gestaltete. Die politisch breit gewollte Evaluierung hat sich in Deutschland vor allem in den Jahren nach der Wiedervereinigung durchgesetzt, als die wissenschaftlichen Einrichtungen der DDR auf ihre Überlebensfähigkeit hin überprüft werden mussten. Erwähnt seien seitdem die langwierigen Begutachtungen der Institute der Leibniz-Gemeinschaft, denen sehr bald die Systemevaluation der Helmholtz-Gemeinschaft folgte, während Fraunhofer-Gesellschaft und Max-Planck-Gesellschaft ausgefeilte Programme der internen Evaluation unter internationaler Beteiligung etablierten und erfolgreich anwenden. Seit einigen Jahren unternimmt auch das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) den sicher nicht »unseriös« zu nennenden Versuch, die Leistungsfähigkeit einzelner Fakultäten in Forschung und Lehre zu bewerten, um Studierenden bei der Auswahl ihres Studienortes behilflich zu sein. Das Forschungsrating des Wissenschaftsrats schließlich wurde bereits in Zusammenarbeit mit den beiden angesehenen Fächern Chemie und Soziologie erfolgreich erprobt.

Von dieser Perspektive aus scheint die Aussage des Historikerverbandes, man wisse im Fach genau, wie gut man sei, nicht frei von Überheblichkeit, denn mit dem gleichen Recht könnten sich die renommierten Institutsdirektoren der Max-Planck-Gesellschaft gegen die interne Evaluation ihrer Gesellschaft wehren. Im Übrigen wird man wohl bezweifeln müssen, dass etwa die Zeithistoriker wirklich über die Qualität der althistorischen oder me diä vis tischen Forschung informiert sind. Freilich ist es nicht allein die dem Historikerverband noch fehlende Einsicht in das legitime Interesse der Parlamente, die ihn zur Kooperation mit dem Wissenschaftsrat bewegen sollte. Vielmehr sollte man bedenken, dass sich die Rahmenbedingungen für die Forschungsarbeit der Hochschullehrer deutlich verändert haben. Seit der Einführung der Leistungsbesoldung und der Verlagerung des Berufungsrechts an die Universitäten ist es üblich, dass Präsidenten und Rektoren mit ihren neu berufenen Professoren Zielvereinbarungen treffen, in denen Abmachungen über erwartete wissenschaftliche Leistungen fixiert werden. Auf die Dauer ist es nicht wirklich möglich, hier realistische Zielvorgaben zu setzen, wenn die Hochschulleitungen nicht über das Leistungsniveau des betreffenden Fachs informiert sind, und zwar sehr viel genauer, als dies bislang der Fall ist. Das Gleiche gilt, wenn zunehmend autonom agierende Univer sitäten im Wettbewerb mit einander strategische Entscheidungen über den Ausbau oder eventuell sogar die Schließung von Fächern treffen müssen.

Alle übrigen Argumente gegen ein Forschungsrating ließen sich durch eine konstruktive Diskussion zwischen Historikern und Wissenschaftsrat leicht beseitigen:
Schon beim Rating der Soziologie wurde deutlich vom Verfahren in der Chemie abgewichen. Warum sollte es nicht gelingen, in diesem Verfahren den spezifischen Publikationsformen und -zyklen der Historiker angemessen Rechnung zu tragen? Warum sollte nicht die Zahl der Doktoranden in die Prüfung einbezogen werden? Denn jeder weiß doch, dass sich kluge Doktoranden da einfinden, wo sie interessante Themen und kompetente Betreuer finden, und sicher nicht da, wo billig gute Noten vergeben werden. Schließlich greift das Argument, das Fach könnte sich erfolgreich selbst evaluieren, auch deshalb nicht, weil schon heute die Bewertungs- und Entscheidungsverfahren der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ohne die auch von den Historikern bislang nie angezweifelten DFG-Fachgutachter unmöglich wären. Kurzum: Ein realistischer Blick ins eigene Fach würde dem Historikerverband den Weg zum Forschungsrating erleichtern!

Über den Autor
Winfried Schulze hatte bis 2008 den Lehrstuhl für die Geschichte der frühen Neuzeit an der Münchner LMU inne und war bis 2001 Vorsitzender des Wissenschaftsrats.

Aus DIE ZEIT :: 06.08.2009

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