Risiken eingehen - Berufseinstieg für Ingenieure Interview: Judith Scholter

Auf dem Weg zum Traumjob sollten Ingenieure Umwege nicht scheuen, rät der Personalberater Wolfgang Eckelt.

Risiken eingehen - Berufseinstieg für Ingenieure© StadlerMedienServiceWolfgang Eckelt, 44, vermittelt als Personalberater Absolventen
DIE ZEIT: Wo gibt es heute Jobs?

WOLFGANG K. ECKELT: Besonders die Softwareindustrie, die IT- und die Telekommunikationsbranche dürften in den nächsten Jahren exzellente Jobchancen bieten, denn fast alle Produkte, sei es der MP3-Player oder das Auto, werden multimediafähiger, elektronischer. Außerdem werden in der Medizintechnik, der Energiewirtschaft und mit Einschränkungen auch in der Windenergiebrache Ingenieure gesucht. Das sind aber Bereiche, die im Vergleich etwa zum Fahrzeugbau in der Bewerberwahrnehmung immer nur in der zweiten Reihe standen. Die als nicht so sexy galten oder als politisch inkorrekt. Da ist ein Quereinstieg möglich. Und neben den Entwicklungsjobs gewinnen Jobs im Vertrieb an Bedeutung.

ZEIT: Was heißt das genau?

ECKELT: Alle Produkte und Prozesse werden komplexer, in der Medizintechnik zum Beispiel. Für den Kontakt zwischen Herstellern und Vertreibern sowie mit den Kunden braucht man Ingenieure - die Produkte kann kein Betriebswirt mehr verstehen.

ZEIT: Wo lernt man das Verkaufen?

ECKELT: Das kann man so richtig nicht lernen. Wenn jemand extrovertiert und kommunikationsstark ist, dann kann er diese Fähigkeiten im Training durchaus schulen. Aber der introvertierte Tüftler, der am liebsten Uhrmacher werden würde, wird nicht zum Topconsultant.

ZEIT: Wie sehen Sie denn die Einstellungschancen für Ingenieure in der Fahrzeugindustrie? Viele Unternehmen suchen wieder Ingenieure.

ECKELT: Die Branche bietet im Moment wesentlich schlechtere Aussichten als in der Vergangenheit. Wenn die Unternehmen heute Nachwuchs suchen, dann vor dem Hintergrund, dass anderthalb Jahre lang Dürre herrschte. Im Vergleich zum Vorjahr wird wieder verhalten rekrutiert - und wenn Sie sich mit Batterien auskennen, haben Sie sicher bessere Chancen als der klassische Maschinenbauer. Schon jetzt merkt man also, dass die Talsohle zumindest gefühlt erreicht ist. In den kommenden Jahren wird es wegen neuer Themen wie Elektromobilität und wegen des demografischen Wandels nochmals deutlich besser aussehen.

ZEIT: Jetzt setzen alle großen Hersteller auf Elektromobilität. Müssten da nicht schon heute wieder Ingenieure eingestellt werden?

ECKELT: Es gibt momentan keinen Hersteller und keinen nennenswerten Zulieferer, der das Thema nicht ganz groß propagieren würde - also ja, es werden Ingenieure für die »green technologies« gesucht, etwa Elektroingenieure, und da auch wieder Absolventen, young professionals. Oft werden aber Kräfte auch aus anderen Bereichen abgezogen und in die Zukunftsbereiche integriert.


ZEIT: Was halten Sie davon, zur Überbrückung bis zur Einstellung an der Uni zu bleiben?

ECKELT: Es ist alles besser, als nichts zu tun. Selbst ein halbes Jahr als Au-pair nach China zu gehen ist gut für den Lebenslauf. Insofern ist auch ein Verbleiben an der Uni besser. Man sollte allerdings bedenken, dass es nicht unendlich viele Promotionsstellen gibt. Es besteht die latente Gefahr, dass es in zwei oder vier Jahren eine Flut an überqua lifizierten Kandidaten auf dem Arbeitsmarkt geben wird. Das Arbeitskräfteangebot wird dann einfach ein paar Jahre nach hinten verlagert.

ZEIT: Welche Rolle spielen Veranstaltungen wie die Hannover Messe oder der Autosalon bei der Jobsuche?

ECKELT: Der persönliche Kontakt, auf Careerdays und Hochschulmessen, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Auf Messen sind die Aussichten sogar noch besser. Da gibt es die Möglichkeit, an wirklich einflussreiche Leute, an Topentscheider, zu kommen. Wenn dort ein Geschäftsführer ausnahmsweise mal fünf Minuten gelangweilt an einem Messestand herumsteht und man das Glück hat, ihn zu erwischen, und man dann noch selbstbewusst auftritt und ihm persönlich die Mappe in die Hand drückt - dann kann man nachhaltig Eindruck machen.

ZEIT: Was raten Sie Ingenieurstudenten zur Vorbereitung auf den Einstieg?

ECKELT: Praktika in unterschiedlichen Branchen zu machen, herauszufinden, ob das, was man studiert hat, wirklich das ist, womit man sein Geld verdienen will. Und wenn man seinen Traumjob nicht bekommt, sollte das nicht ins tiefe Tal der Resignation und der Arbeitslosigkeit führen, sondern den Plan B und C aktivieren. Und den findet man nur, wenn man eine 360-Grad-Perspektive einnimmt.

ZEIT: Wie könnten alternative Pläne aussehen?

ECKELT: Ingenieure können durchaus Berufsschullehrer werden oder, wenn sie die Welt entdecken wollen, auch ein Jahr Entwicklungshilfe machen. Das wird mit Sicherheit positiv bewertet. Es zeigt, dass jemand über den Tellerrand geschaut hat und dass er Risiken eingegangen ist.

Aus DIE ZEIT :: 08.04.2010

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