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Risiko und Sicherheit Von Helmut Schwarz

Wer sich auf eine Wissenschaftlerkarriere einlässt, braucht eine ordentliche Portion Risikobereitschaft. Doch diese kann nur dann produktiv eingesetzt werden, wenn die Voraussetzungen stimmen - ob es um eine faire Bezahlung, eine ausreichende Zahl unbefristeter Stellen oder um die Transparenz von Berufungsverfahren geht. Welchen Anspruch haben also die Universitäten und ihre Wissenschaftler an sich selbst? Was betrachten sie als ihren Auftrag?

Risiko und Sicherheit: Karrierechancen Wissenschaft© simeon - stock.xchng
Heinrich Heines von Schwermut und Ironie geprägte Beziehung zu seinem Vaterland erkennt man schon an dem Zweizeiler "Denk' ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht", und unter diesem berühmt gewordenen Seufzer lassen sich auch diverse Äußerungen jüngeren Datums von deutschen Nachwuchswissenschaftlern leitmotivisch subsumieren, wenn sich diese über ihre Zukunftsaussichten in Deutschland äußern. Sicherlich fragt man zu Recht, ob es sich bei diesen Bemerkungen um spontane, subjektiv gefärbte Meinungen von Außenseitern handelt, Reden, denen nicht zuviel Gewicht beigemessen werden sollte, wenn es denn nicht doch so wäre, dass wir aus eigener Erfahrung nur allzu gut wüssten, dass tatsächlich Anlass zur Sorge existierte, vor allem dann, wenn diese Gedanken einmal in den breiteren Kontext der deutschen Universitätslandschaft gestellt werden. Man hört oder liest Bemerkungen wie:

"An deutschen Hochschulen gibt es für uns immer noch keine verlässliche Perspektive" oder "Viele Leiter von Nachwuchsgruppen oder Bewerber auf Professorenstellen fühlen sich an den Universitäten wie Bittsteller, auf Anfragen erhält man oft keine Reaktionen; in einer deutschen Universität scheint der Mensch erst mit dem Professor zu beginnen", und schließlich der möglicherweise gut oder gar ehrlich gemeinte Rat eines Ordinarius an einen ehemaligen 35-jährigen Emmy-Noether-Stipendiaten im Fach Geschichte: "Sie wollen einen Lehrstuhl, junger Mann? Dafür sind Sie doch um Jahre zu jung!". Sicherlich etwas zugespitzt, aber deshalb die Stimmung, wie junge Menschen ihre Situation wahrnehmen, nicht weniger genau kennzeichnend war auch die Bemerkung eines Nachwuchsphysikers, der nach vielen vergeblichen Versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen, entnervt-resigniert dem Werben eines renommierten USA-Laboratoriums nicht länger widerstehen wollte und konnte und vor seinem Weggang verbittert konstatierte: "Eine wissenschaftliche Laufbahn hat in Deutschland zwei Endstationen: Professor oder - Hartz IV-Empfänger".

Die beruhigenden Hinweise und Feststellungen aus der Politik oder von Vertretern der Wissenschaftsorganisationen wie auch der von Hochschulrepräsentanten, dass in den nächsten Jahren allein in Deutschland mindestens 10 000 neue Stellen für Wissenschaftler eingerichtet werden, der Hochschulpakt 2020 für rosige Aussichten auf dem akademischen Arbeitsmarkt sorge, im europäischen Raum schon jetzt ein enormer Mangel an Forschernachwuchs herrsche, der durch den Generationenwechsel und die demoskopische Entwicklung in naher Zukunft nur noch dramatischer werden dürfte - diese und andere Zahlen und Beteuerungen scheinen ins Leere zu laufen.

Wenn wir eine halbwegs verlässliche Antwort auf die Frage zu den Karrierechancen des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland erhalten wollen, dann dürfte der klassische Satz von Yeats zur Situation der Lyriker, nämlich "Was unsere Aussichten betrifft, (da) steht nur eines fest: dass wir zu viele sind", für eine Analyse nicht ausreichend sein. Stattdessen sollten wir uns zunächst Rechenschaft über die relevanten Fakten geben, müssen uns aber auch fragen, ob die Äußerungen der Betroffenen zu den Perspektiven junger Wissenschaftler eher eine bloß "gefühlte Unsicherheit" ausdrücken, die genährt sein mag von unserer generellen Einstellung, dass das Gras der Nachbarn per se grüner ist als das im eigenen Garten, während die Haltung junger angelsächsischer Wissenschaftler, selbst dann, wenn ihre Karrierechancen objektiv gar nicht besser sind als hierzulande, mehr von einer "gefühlten Hoffnung" getragen und beflügelt wird, die ihrerseits jene ansteckende, euphorische Stimmung erzeugt, die dann wiederum manchen ausländischen Wissenschaftspolitik- Touristen allzu schnell dazu verleitet, Kopien eines USA-bewährten Karriere-Instrumentariums fürs eigene Land anzufertigen, anschließend die Blaupausen zu Hause in leicht modifizierter Form zu implementieren und damit zwangsläufig Schiffbruch zu erleiden. Man denke nur einmal an die in den USA über Jahrzehnte hinweg mit großem Erfolg praktizierte Karriereschiene assistant - associate - full professor und den kläglich-ängstlich-halbherzigen Versuch, hiervon bei uns gerade einmal die unterste Stufe in Form der Juniorprofessur einzurichten.

Einen gravierenden Mangel an herausragenden, teilweise beispiellosen, außeruniversitären Fördermöglichkeiten für den Hochschullehrernachwuchs in Deutschland sehe ich genauso wenig wie einen Mangel an talentierten Bewerbern - zumindest trifft diese Einschätzung für die Spitzengruppe uneingeschränkt zu: Ob Helmholtz-Gemeinschaft, Max Planck-Gesellschaft oder die Wissenschaftsgemeinschaft Leibniz, diese und andere Einrichtungen haben längst erkannt - und entsprechend schnell gehandelt -, dass der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses höchste, wenn nicht gar erste Priorität zukommt.