Vom Machtraum zum Wahrheitsraum - die Mitschuld der Wissenschaft an der Bologna-Universität Von Peter Finke
Glaubensgemeinschaften - und es ist nebensächlich, ob auf Zeit oder auf Dauer - sind immer Machtkartelle. Den meisten Wissenschaftlern ist dies durchaus bewusst. Was sie aber verdrängen, ist die hierdurch besorgte Beschädigung ihrer Wahrheitsverpflichtung. Zwar glauben sie an die vermutete Wahrheit ihrer Überzeugungen, aber de facto exekutieren sie die Süße der Bedeutung, welche mit einflussreichen Lehrstühlen, hohen Mitarbeiterzahlen, der Institutsdirektion, einem häufigen Zitiertwerden und anderen Insignien der paradigmatischen Macht verbunden sind. Studierende und Nachwuchskräfte, die durch die Knappheit von Mitteln und Zeit, durch überbordende Reglementierungen und die Versagung hinreichender geistiger Freiräume für eigenes kritisches Nachdenken kurz gehalten werden, sind dann nur die Kehrseite dieses Systems. All dies hat mit der eigentlichen Idee von Wissenschaft nichts zu tun. Es ist aber Ausdruck ihrer heutigen Organisationsform.
In Paradigmen zu denken und zu handeln ist keineswegs zwangsläufig oder notwendig. Es ist aber bequem und verhängnisvoll, weil es so gut zu den ökonomischen und bürokratischen Wertvorstellungen passt, die unser modernes Leben zunehmend global durchdringen. Es ist auf diese Weise auch das prägende Charakteristikum des bisher herrschenden Wissenschaftsverständnisses geworden, das weithin auch die Organisation der Institutionen der Wissenschaft beeinflusst hat und weiter bestimmt. Es passt aber genau zu den freiheitsbeschneidenden und zeitmangelgesteuerten Universitäten des Bologna-Typs, die Wirtschafts- und Arbeitsmarktnähe suchen müssen und Absolventen ohne Überblick abliefern, deren natürliche Kreativität nicht gefördert wurde, weil dies angeblich für die vorgesehenen drei Studienjahre nicht notwendig ist. Aber all dies war leider auch bereits ein Kennzeichen der alten Universität, und diese war auch deshalb tatsächlich ablösungsreif. Allerdings stellt sie ihre Ablösung durch die Bologna- Universität vom Regen in die Traufe.
Die Bedeutung des Wissens von Zusammenhängen
Die Verteidiger der Bologna-Universität sehen sie in erster Linie als eine Ausbildungsinstitution im Zeitalter der Massenuniversität. Sie beklagen die massiven Lehr- und Ausbildungsmängel des alten Systems und behaupten, es gebe gar keine echte Alternative zur Bologna- Reform. Sie übersehen die gesamte Dimension der Bildung, die in unserer komplexen Zeit und Gesellschaft kein Privileg weniger, vom Schicksal begünstigter Personen sein darf, sondern ein Anspruch, den alle, die hierzu fähig sind oder Lust haben, stellen dürfen. Günstigenfalls gehen Bildung und Ausbildung zusammen. Die Bologna-Reform aber ist bildungsfeindlich, ja ich behaupte: Sie soll es sein.Vermittelt das Bachelor-Studium Fähigkeiten zum Erwerb von Zusammenhangswissen? Es vermittelt das genaue Gegenteil: die Kenntnis von Ausschnitten, Lehrbuch- und Halbwissen. Zusammenhangswissen ist oft gefährlich, denn es erzeugt die Wissbegier nach dem Blick hinter die Kulissen. Ökonomisch gesehen ist es ineffizient, jedenfalls als Bildungsangebot für viele. Mit Wissenschaft hat eine solche Ausbildung dann nicht mehr viel zu tun, denn es fehlen die Merkmale der offenen Wahrheitssuche, der Allgegenwart von rationaler Kritik und der Entwicklung der kreativen Kräfte einer Persönlichkeit. Eine als Lehr-Lern-System konzipierte Hochschule schiebt bezeichnenderweise die Forschung, zumindest anspruchsvolle Forschung, ab in spezifische elitäre Universitäten und spezielle Institute, in denen zeitweise die Paradigmen auch infrage gestellt werden dürfen. Für die breite Studentenmasse bleiben die Lehrbücher, das Pauken und das Lernziel, es so zu machen wie das Musterbeispiel es vorgibt und nicht etwa anders.
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26. August 2010
Ruhr-University Bochum









