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Zur Lage der Forschung in Deutschland Von Wilhelm Krull

Wenn eine Krisenmeldung die andere jagt, wenn immer mehr gesellschaftliche Bereiche in einen wirtschaftlichen Abwärtssog hineingezogen werden, fällt es schwer, auf Zuversicht zu setzen. Gerade Krisen- und Umbruchzeiten bieten aber auch die Chance, genau hinzuschauen. Was hat sich bewährt und trägt auch für die Zukunft? Welche Möglichkeiten bieten sich für die Forschung in Deutschland?

Zur Lage der Forschung in Deutschland© Andrei Tchernov - iStockphoto.com
In Zeiten, in denen vieles ungewiss scheint und dennoch alles berechnet und vermessen wird, ist es beinahe unvermeidlich, einen Lagebericht zur Forschung in Deutschland zumindest mit ein paar Zahlen, Daten und Fakten zu beginnen. Zahlen- und Datenmaterial in Hülle und Fülle findet sich in dem über 600 Seiten starken, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung herausgegebenen Bundesbericht Forschung und Innovation 2008.

Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland werden zu 70 Prozent von der Wirtschaft getragen. Seit den 1980er Jahren ist der Anteil der Wirtschaft an den FuE-Ausgaben stetig gestiegen (obwohl auch dort ein Wandel in der Einstellung zu FuE vom wohlgehüteten "Asset" zum "Kostenblock" stattgefunden hat). In den zwei Jahrzehnten zwischen 1981 und 2001 haben sich die FuE-Ausgaben der Wirtschaft verdreifacht, die des Staates hingegen nur knapp verdoppelt. Dieser Trend, steigende FuE-Ausgaben der Wirtschaft bei gleichzeitig stagnierenden oder bestenfalls moderat steigenden Ausgaben der öffentlichen Hand, hat sich in den letzten Jahren fortgesetzt. Zwar sind die Forschungsmittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung von 2005 bis 2008 um fast ein Viertel auf 11,2 Milliarden Euro gestiegen, doch diese Mittel kommen in erster Linie der außeruniversitären Forschung und damit wiederum den Naturund Technikwissenschaften zugute. 2007 gaben die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland 8,5 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus. Gut drei Viertel (75,6 Prozent) der Mittel flossen in die Naturwissenschaften (4,1 Milliarden Euro) und Ingenieurwissenschaften (2,4 Milliarden Euro).

Aus diesen Zahlen ergibt sich ein erstes Bild der Lage der Forschung in Deutschland: diese Forschung ist vor allem angewandte, von der Industrie finanzierte Forschung - und zum größten Teil - Entwicklung, über die ich im Folgenden nur mit Blick auf die verschiedenen Schnittstellen zwischen öffentlich und privat finanzierter Forschung etwas sagen werde. An den vom Staat im Vergleich zu den Universitäten finanziell großzügiger ausgestatteten außeruniversitären Forschungseinrichtungen wird in erster Linie natur- und ingenieurwissenschaftliche Forschung betrieben. Die Universitäten - und mit ihnen die geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Forschung - bilden das Schlusslicht dieses kleinen "Forschungsrankings".

Bei all den nationalen und internationalen Leistungsvergleichen ist nicht zu übersehen, dass eines der Kernprobleme des deutschen Hochschulwesens die Unterfinanzierung bleibt. Bedenkt man die schlechten finanziellen Rahmenbedingungen, so ist es ein erstaunliches Phänomen, was in den deutschen Hochschulen geleistet wird und welche Qualität mit ihren Absolventen ebenso wie in der Forschung erreicht wird. Vor allem die Universitäten sind finanziell eindeutig schlechter gestellt als ihre ausländischen Konkurrenten in den OECD-Staaten. Seit Mitte der 1970er Jahre wurden die neu geschaffenen Kapazitäten nicht mehr hinreichend finanziell unterstützt. So ist über die Zeitspanne von 1972 bis 2004 die Studierendenzahl um fast das Dreifache, die Professorenzahl dagegen nur um das 1,8-fache gestiegen.

So viel zu Zahlen, Daten und Fakten. Die Hochschulen in Deutschland sind unterfinanziert und stehen doch zugleich vor einer doppelten Herausforderung. Wenn man angewandte Forschung und Grundlagenforschung zusammen betrachtet, liegt zwar der Schwerpunkt der Forschung in Deutschland in der Industrie, doch die Universitäten sind und bleiben wie schon so oft beschworen die entscheidende Schaltstelle der Forschung. An ihnen wird nicht nur die für den wissenschaftlichen Fortschritt so zentrale Grundlagenforschung betrieben. Sie sind auch die bedeutendsten Ausbildungsstätten für die Forscher sowie nahezu alle Führungskräfte der kommenden Generation und damit der wichtigsten Zukunftsträger unserer Gesellschaft. In dieser, dem Gemeinwohl verpflichteten Funktion (und eben nicht in der Zahl der Publikationen, Preise und Patente etc.) liegt auch der wichtigste Grund dafür, die Universitäten mit öffentlichen Mitteln zu fördern. Die erfolgreichste Form des Wissenstransfers sind immer noch die Ausbildung und der kontinuierliche Zufluss von hervorragend qualifizierten Nachwuchskräften, die leitende Funktionen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft übernehmen können. Sie wird gerade im Übergang zur digital vernetzten Wissensgesellschaft immer wichtiger.