Zur notwendigen Verbesserung und Aufwertung der Lehre Von Martin Spiewak
An deutschen Universitäten braucht es endlich einen Mentalitätswandel.
© WissenschaftsratBundeskanzlerin Merkel empfängt den Wissenschaftsrat in BerlinGeradezu dramatisch ist die Massenabfertigung in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Ein Professor der Betriebswirtschaft ist im Schnitt für 93, ein Germanist für 119 Studenten zuständig. Politiker, die behaupten, Bildung sei das wichtigste Thema, sollten angesichts solcher Zahlen schweigen.
Ende der Woche wird der Wissenschaftsrat diese Vernachlässigung der Lehre monieren. Kaum eine andere Empfehlung hat das wichtigste Beratungsgremium in Sachen Wissenschaft so intensiv vorbereitet, zweimal wurde die Verabschiedung des Gutachtens verschoben.
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Bislang nämlich betrachten die Hochschulen die Lehre als ein Stiefkind, das zwar viel Arbeit, aber wenig Freude macht. Ein Professor, der Bücher und Fachaufsätze veröffentlicht, erhält als Belohnung zusätzliches Geld. Sein Kollege, der viel Energie in die Lehre steckt, wird durch Mehrarbeit indirekt bestraft - indem sich noch mehr Studenten in seine Seminare drängen.
Forschen lernt der akademische Nachwuchs unter permanenter Anleitung vom ersten Semester an. Wenn es ums Unterrichten geht, betätigen sich Hochschullehrer als Autodidakten. Kein Wunder, dass sie über ihre "Lehrbelastung" stöhnen und von der "Forschungsfreiheit" schwärmen.
Ideen für eine Aufwertung der Lehre gibt es viele. Warum sollten sich Professoren nicht gegenseitig in Vorlesungen und Seminaren besuchen, um vom Kollegen Anregung für den Unterricht zu bekommen? In Großbritannien erhalten Universitäten, die sich der Lehrinnovation verschrieben haben, zusätzliche Mittel. Deutschland sollte solche Kompetenzzentren für die Lehre ebenso errichten. Auch die Anstellung von Lehrprofessoren (Lecturer) ist sinnvoll - vorausgesetzt, sie werden nicht von der Forschung abgeschnitten.
Mehr Professoren, ein Mentorensystem, bei dem höhere Semester Studienanfänger beraten, Lehrevaluationen, die Folgen haben - all dies kostet Geld. Jährlich eine Milliarde Euro brauchen die Hochschulen für eine Betreuung, die diesen Namen verdient. Die Länder allein werden diese Summe nicht aufbringen können. Auch der Bund muss helfen. Studenten und Professoren werden es ihm danken.
Aus DIE ZEIT :: 02.07.2008
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