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100.000 Lehrbeauftragte - 50.000 Professoren

VON ANNA-LENA SCHOLZ

Die Lehrbeauftragten an deutschen Hochschulen sind miserabel bezahlt und noch nicht einmal sozialversichert. Wann ändert sich das endlich?

100.000 Lehrbeauftragte - 50.000 Professoren vorausgesetzt?© Patty1971 - photocase.deNur die wenigsten Lehrbeauftragten verdienen den Mindestlohn
Sie halten Vorlesungen und unterrichten Seminare, sie korrigieren Klausuren, benoten Hausarbeiten und halten Sprechstunden ab: die Lehrbeauftragten. Seit 2005 hat sich ihre Zahl laut Statistischem Bundesamt auf beinahe 100.000 verdoppelt. Zum Vergleich: Professoren gibt es hierzulande etwa 50.000. Wie fleißige Bienchen schwirren die Lehrbeauftragten über die Flure der Hochschulen, an denen sie keinen Arbeitsplatz haben. Formal gelten sie als selbstständig und werden deshalb mit Honorarverträgen entlohnt. 20 bis 55 Euro gibt es pro Unterrichtsstunde; die Bezahlung und Vergabepraxis variiert von Bundesland zu Universität zu Institut.

Wie das Netzwerk »Prekäres Wissen« kürzlich in einer Studie vorgerechnet hat, liegt der effektive Stundenlohn allerdings deutlich darunter, weil Vor- und Nachbereitungszeit sowie Prüfungen und Klausurkorrekturen dazukommen. Nur die wenigsten verdienen überhaupt den Mindestlohn, und je nach akademischem Status lehren einige sogar ganz ohne Bezahlung. Die Kosten für Kranken- und Rentenversicherung tragen sie selbst; Steuern zahlt nur, wer über den Freibetrag kommt.

Wem das Geld nicht zum Leben reicht, der behilft sich mit Sozialleistungen. »Arbeitgeber-Eldorado« nennt Linda Guzzetti das. Seit 20 Jahren arbeitet sie als Lehrbeauftragte, pendelt jedes Semester zwischen drei Universitäten. Nebenbei bloggt und vernetzt sie sich mit ihren Kollegen, um gemeinsam bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen. Für die Hochschulen, deren Grundfinanzierung sinkt, während ihre Studentenzahlen seit Jahren steigen, sind die akademischen Ich-AGs tatsächlich ein guter Deal: maximale Arbeitskraft zum minimalen Preis. Einverleibung intellektueller Kompetenz, Auslagerung der Risiken an die Betroffenen und der Sozialkosten an den Staat. Das Problem ist bekannt.

Seit einigen Jahren wehren sich die Lehrbeauftragten gegen diese Situation, indem sie flammende Zeitungsartikel wider den Missstand schreiben oder sich zu lokalen Protesten zusammenschließen. Doch die institutionellen Beharrungskräfte sind stärker als das Aufbegehren. Eine Petition an der Universität Göttingen, die einen besseren Status für Lehrbeauftragte fordert, dümpelt bei knapp 400 Unterzeichnern. Man hofft, berichtet ein Initiator, das Thema demnächst im Akademischen Senat zu besprechen. Ein ähnliches Schicksal scheint ein Schreiben der Sprachlehrbeauftragten der Universität Konstanz zu ereilen. Adressiert wurde der Brief an das Baden-Württembergische Wissenschaftsministerium im November 2015. Gefordert werden mehr Geld und Festanstellungen. Man bitte um Geduld, verlautete ein Ministerialrat im Februar. Eine Anfrage ZEIT dazu konnte nicht beantwortet werden, weil ebendieser Ministerialrat im Urlaub sei und nur er die Expertise habe; später hieß es, er sei nicht mehr zuständig.

In Gesprächen mit Lehrbeauftragten ist häufig von Scham und Selbstabwertung die Rede. »Man wird zynisch«, sagt eine Ethnologin aus Berlin. Sie bekommt Hartz IV und unterrichtet derzeit zwei Seminare, außerdem schreibt sie ihre Dissertation. Ein rechtlicher Graubereich, deswegen möchte sie - wie viele weitere - anonym bleiben. »Die Lehre macht mir Spaß, das ist eine große Motivation. Ich kümmere mich gern um die Studierenden, erarbeite didaktische Konzepte.« Wenn ihr Seminar vorbei ist, bespricht sie auf dem Flur Referate und Hausarbeiten. Sie weiß, dass eine wissenschaftliche Karriere ohne diese Lehrerfahrung undenkbar ist. Sie weiß aber auch, dass sie dafür am Ende des Sommersemesters von der Universität genau 790 Euro bekommt. Für 14 Seminarsitzungen à 90 Minuten.

Peter Grottian, emeritierter Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin, hat sich zu dem Thema schon mehrfach geäußert. Er findet solche Zustände unhaltbar: »Das ist ein innovationsfeindliches Verbrechen. Nichts ist so schlimm, wie junge, aufbruchsbereite Wissenschaftler zu enttäuschen. Die Verantwortlichen gucken systematisch weg.« Horst Hippler, als Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) der Vertreter der deutschen Universitäten, hält diesen Vorwurf für ungerechtfertigt. »Lehrbeauftragte sind keine Beschäftigten der Universität.« Wenn die meist jungen Leute gerne lehren wollten, diene das ihnen und den Studierenden. Lehraufträge dürften aber immer nur eine Ergänzung des Curriculums sein. »Daueraufgaben müssen anders abgedeckt werden.« Auch zu einer besseren Unterstützung der Lehrenden mag Hippler die Universitäten nicht auffordern. »Die Universität kann für diese Leute und deren persönliche Entscheidung letztlich keine Verantwortung übernehmen. Sie muss aber auf angemessene Vergütung und einen ihrem Profil gemäßen Anteil von Lehraufträgen achten.«

Das ist formal korrekt, hat aber mit der Realität nicht viel zu tun. Ursprünglich war die Sache mit den Lehraufträgen mal eine gute Idee. Neben der regulären Lehre von Professoren und Wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen wollte man sich zusätzlich hauptberufliche Architekten, Anwältinnen, Ingenieure und Orchestermusikerinnen für gelegentliche Lehrveranstaltungen an die Hochschule holen. Sie sollten den Studierenden einen Einblick in ihr Berufsfeld und dem Curriculum frische Impulse geben. Zum Dank gab es eine Aufwandsentschädigung und eine Portion symbolisches Kapital, das man sich auf die Visitenkarte drucken konnte. Deswegen ist in den Landeshochschulgesetzen festgehalten, dass Lehraufträge die grundständige Lehre nur ergänzen sollen.

In Wahrheit arbeiten insbesondere an den Kunst- und Musikhochschulen, in den Geisteswissenschaften und der Fremdsprachenlehre viele Lehrbeauftragte hauptberuflich. Eine Anfrage der ZEIT bei mehreren Hochschulen ergab, dass die vermeintlich Selbstständigen im Schnitt etwa 10 Prozent der gesamten Lehrlast schultern - und das dauerhaft. Dass die Lehrbeauftragten nicht zur Hochschule gehören, behauptet daher nicht einmal die Politik. »Verwaschen« habe sich die ursprüngliche Idee des Lehrauftrags, sagt Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange. »Viele sichern mit Lehraufträgen existenziell ihr Einkommen.«

Wie viele genau prekär arbeiten, weiß man nicht. Es gibt keine differenzierten Daten zu den Lehrbeauftragten. Wie Chamäleons passen sie sich semesterweise an die Hochschullandschaft an, stopfen Lehrplanlöcher, wenn diese auftauchen, oder verschwinden im Jobcenter, wenn ein Lehrauftrag platzt. Manche können sich das leisten, weil sie über ihren Ehepartner krankenversichert sind. Andere hoffen über den Lehrauftrag zu einer festen Stelle zu gelangen. Wieder andere sehen darin die beglückende Zusatztätigkeit neben dem drögen Hauptjob. Die 100.000 Lehrbeauftragten sind keineswegs eine homogene Gruppe prekärer Existenzen. Für den Kampf gegen die schlechten Arbeitsbedingungen ist genau das ein Problem. Die Kritik am Ist-Zustand muss mit gefühlten Wahrheiten argumentieren.

»Die Gruppe der Lehrbeauftragten ist extrem heterogen«, sagt auch Svenja Schulze, Wissenschaftsministerin in Nordrhein-Westfalen. »Es gibt leider nicht die eine politische Maßnahme, die allen hilft.« In den letzten Monaten hat sie sich mit dem Thema befasst, weil sie mit den Hochschulen des Landes NRW einen »Vertrag über gute Beschäftigungsbedingungen für das Hochschulpersonal« ausgehandelt hat. Bei der Bezahlung, heißt es nun im Artikel 5, solle auch die »Prüfungstätigkeit entsprechend berücksichtigt « werden; die Hochschule solle »darauf hinwirken«, dass die Sprachenbildung »in der Regel durch hauptamtliche Lehrpersonen und nicht überwiegend durch Lehrbeauftragte getragen wird«, und zwar »soweit die finanziellen Rahmenbedingungen es ermöglichen«. Die Ministerin selbst klingt erheblich fordernder als das Papier. »Die Universitäten müssen sich trauen, Daueraufgaben im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit echten Stellen abzudecken und die Lehraufträge auf ihre ursprüngliche Praxis-Idee zurückzuführen«, sagt Svenja Schulze. Auch Sachsen hat vor Kurzem einen Rahmenkodex vorgelegt. »Wir wollen, dass die Festanstellung wieder mehr Priorität hat«, sagt Ministerin Stange: »Aber die Hochschulen sind Dienstherr und müssen sich entscheiden, unsere staatlichen Gelder auch stärker für Stellen zu verwenden.«

Zwingen die Länder die Hochschulen also endlich zum Handeln? Zwei große NRW-Unis wollten sich jedenfalls auf Anfrage nicht äußern, weil man sich in der Sache »in einer größeren Umstellungsphase « befinde. Ein Pressesprecher sagt: »Das Thema ist seit Langem ein wunder Punkt, das müssen wir selbstkritisch zugeben. Aber wir sind jetzt dran.« Allzu hohe Erwartungen sollte man dabei nicht haben. HRK-Chef Hippler hält höhere Honorare oder mehr Stellen für nicht machbar. »Wie soll das gehen? Die Unis haben dafür meist einfach nicht genug Geld.« Und er erinnert an eine weitere Krux im System: die Kapazitätsverordnung. Sie reguliert das Verhältnis von Studierenden und Lehrenden im Studiengang. Schaffen die Hochschulen neue Stellen, müssen sie auch mehr Studienplätze einrichten. Durch die Regelung wird der Umbau des Systems verhindert.

Eine »Fessel« sei diese Regulierungsvorgabe, sagt Stange. Sie vergrößert das System, statt es umzubauen. Die Lehrbeauftragten-Veteranin Linda Guzzetti glaubt deshalb, dass nur eines helfe: »Eine Unterrichtsstunde müsste immer gleich viel kosten, egal ob sie von einem Angestellten oder Lehrbeauftragten absolviert wird, und zwar inklusive aller Sozialabgaben.« Eine pragmatische Lösung. Aber ist sie auch realistisch? Kommt darauf an. Den Weg weist ausgerechnet der HRK-Vorsitzende Hippler mit einem ziemlich radikalen Vorschlag: »Wenn die Lehrbeauftragten mal alle gleichzeitig ihren Stift fallen ließen, dann würde man ganz schnell merken, wie schief das System hängt.«

Aus DIE ZEIT :: 04.08.2016

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